Moritat

Komm, mein Liebes, lass dich küssen,

schauen wir uns zärtlich an,

bevor wir in die Büsche müssen,

wo uns keiner stören kann

Nasses Gras soll uns nicht kümmern,

liegen wir hier nicht bequem?

Siehst du auch den Vollmond schimmern?

Ist meine Hand hier angenehm?

Ja, du scheinst es zu genießen,

langsam steigert sich dein Stöhnen…

erlaub´ mir, deinen Hals zu küssen,

deinen glatten, bleichen, schönen –

selbst schuld, jetzt gibt es kein Halten,

ratsch! da geht der Rock entzwei-

von der Bluse mit den Falten

springen Knöpfe, eins, zwei, drei…

doch das scheint dir zu gefallen,

gern und eifrig hilfst du mit.

Sowie die letzten Hüllen fallen,

kriegst du erst richtig Appetit!

Nichts da! Erst lass ich dich schmoren

Bis du fast vergehst vor Lust,

um dann den Ast in dich zu bohren,

dass du vor Schmerzen speien mußt.

Panisch schreiend, halb erstickend –

interessiert seh ich dir zu –

bäumst du dich auf, ins Leere blickend,

ein letztes Zucken, dann ist Ruh´.

Langsam fange ich mich wieder,

bett´ dich sacht ins weiche Moos,

streichle deine blutigen Glieder,

schmück dein Haar mit Buschwindros´,

mit Efeu deine Stirn, die bleiche.

Brüste starren farnbekränzt,

deine seltsam schöne Leiche

schimmert wächsern mondbeglänzt…

Voll Zärtlichkeit seh´ ich dich liegen,

bräutlich schön zurechtgemacht…

ich reiss´ mich los, das muß genügen

bis zur nächsten Vollmondnacht.

© Maria Edelsbrunner

Die kurze Zeit auf der Welt

Das Fest ist vorbei. Schlaftrunken steht sie in der Küche, versucht mit festem, massierendem Griff den wehen Rücken zu beschwichtigen und nicht auf das heftige Pochen in den harten Brüsten zu achten.

Aber nicht einmal die Gläser mit den vor sich hintrocknenden Likörresten kann sie zu Ende abwaschen, da geht es wieder los, sie zuckt wie unter einem Hieb zusammen und ihr Herz tut einen nervösen Sprung. Dabei hat sie den Kleinen erst vor einer Stunde gestillt.

Das Wasser im Becken steigt, aber sie sieht nur die nassen, rasch größer werdenden Flecken auf ihrem Hemd, an denen das durchdringende Geschrei des kleinen Scheusals schuld ist, ihre Brüste fangen hemmungslos zu tropfen an, sobald es plärrt.

Es bilden sich zwei kleine Pfützen zu ihren Füßen, sie sieht es mit ohnmächtiger Wut, riecht den widerlichen Milchdunst, der sie stets umgibt, denkt an die Flut säuerlich stinkender Wäsche, an die rücksichtslos die heißen Brüste knetenden Fäustchen, die unerbittlich mahlenden Säuglingskiefer, die betriebsam saugenden Zunge, die Nachwehen, die über den Unterleib herfallen wie ein reißendes Tier.

Während das Wasser den Beckenrand erreicht, darüber hinwegfließt und sich am Boden mit der wässrigweißen Flüssigkeit vermischt, überkommt sie ein kleinmachendes, den Brustkorb einschnürendes Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber dem eigenen Körper, der sich, wie ihr zum Hohn, jeglicher Kontrolle entzieht und seinen ältesten, niedrigsten Instinkten folgt.

Mittlerweile schwillt die kleine ärgerliche Stimme zum Gebrüll an. Der Ring um ihre Brust schließt sich enger, ihr Atem wird flach, sie watet durch die sich ausbreitende Lache auf den Fliesen, knöpft das nasse, klebrige, süßlich riechende Hemd auf – hilflos sollen sie sein? – zieht es aus, geht pitschend durch den Flur, wobei sie es sorgfältig zu einem handlichen Paket faltet, stößt die freundlich gelbe Tür am Ende auf – nein, sie haben die, an denen das nötige Gesäuge hängt, absolut in ihrer Gewalt – geht zum Korb und schaut kurz das zornrote, mit bebenden Lippen und zugekniffenen Augen schreiende, unkoordiniert mit Armen und Beinen rudernde Geschöpf an, bevor sie ihm das milchgetränkte Stoffpaket mit Bestimmtheit aufs Gesicht presst.

Maria Edelsbrunner 2001

Ameishaufen, 1980, Nebel

Am längsten sah man von ihr den roten Windjackenfleck. Schließlich war auch der verschwunden. Der alte Repolusk nahm den Blick vom Fenster und wandte sich wieder seinem Glühwein zu. Sein junger Nachbar sprang nun schon zum ich weiß nicht wievielten Mal auf und rannte zum Telefon.

„Gib dir keine Mühe. Die von der Post rühren nichts an. Die kommen nicht einmal nachschauen, bis das hier nicht vorbei ist… Darinka, noch einen Glühwein. Und eine Bratwurst.“

„Bratwurst ist aus. Aber du kannst eine harte Semmel haben und sie in deinen Glühwein tunken, Repolusk.“ Er nickte und seufzte ergeben.

Enttäuscht hängte Ludwig den Hörer wieder ein und setzte sich zum Alten.

„Dich scheint das ganz kalt zu lassen, was? Ich dreh noch durch..!“

„Ich hab Stalingrad ausgehalten. Das eicht einen. Kannst du dir das vorstellen? Geschrieen hab ich: Lieber Gott, wenn’s dich gibt, lass mich sterben, das ich den Andi nicht fressen muss. Zwanzig war der grad. Es war so kalt, das Fleisch verdarb nicht. Ich hab den Andi angefressen. Es gibt keinen Gott.“

Der Repolusk drehte das Glühweinglas bedächtig zwischen seinen Rheumafingern. Unvermittelt schrie er den Jungen an:

„Menschenfleisch hab ich gefressen, und du flippst aus wegen ein bisschen Nebel!!!“

Betreten starrte Ludwig in den Dampf, der aus seinem Glas stieg.

„Schneid dir ein Stück ab bei der Frau, die gerade da war. Die geht jetzt durch den Nebel hin zu dieser Familie, die sie gar nichts anginge. Bekocht ihn und hutscht seine Kinder ein…“

„…lässt sich von ihm vögeln…“, warf Ludwig kopfschüttelnd ein.

„…na und? Der Klaus hat kein Problem damit, aber du anscheinend, dabei…warum sollte so eine schlechter vögeln?“

Sabine rannte mit ihren beiden Gulaschdosen so schnell sie konnte, mittlerweile kannte sie den Weg recht gut und stolperte nur noch selten. Bis sie ihn jedoch ganz beherrschte, würde sie ihn nicht mehr brauchen, Darinka war eine feine Seele, aber auch die Vorräte in ihrer Grillhütte würden zu Ende gehen, und dann würde sie an sich denken und ihre eiserne Ration verteidigen – wenn es sein musste, wieder mit Waffengewalt. Dass die streitbare Kroatin geschossen hatte, als ein paar eingeschlossene Touristen versucht hatten, die Grillhütte zu plündern, nach dem sie im Sparmarkt nur mehr leergeräumte Regale vorfanden, das hatte ihr Klaus erzählt. An die sich anbahnende Katastrophe und an Klaus zugleich zu denken machte sie zusätzlich von innen heraus frösteln.

Die Kinder weichten harte Brotschnitten in Dosengulasch und aßen schweigend. Keines der beiden fragte mehr nach der Mama. Klaus schien wieder keinen Bissen zu essen, Sabine sagte nichts, dachte nur schaudernd daran, diesen täglich schmälerwerdenden Körper zu berühren, mit dieser fast nicht auszuhaltenden Mischung aus Verlangen und Widerwillen.

Klaus rührte das Gulasch nicht an, sondern schaute lange in das Gesicht der Frau mit den flackernden Augen. Das erste Mal seit einer Woche wich wenigstens von seinen Verstand der Nebel, und was hinter den Schwaden auftauchte, zog ihm die Schultern herunter, und sein Gehirn floss Richtung Rückenmark davon. „Wiedersehn, du nutzloses Organ,“ hätte ihm Klaus gern nachgerufen. Aber das wäre Sabine sicher sehr seltsam vorgekommen, nach allem, was sie für ihn und mit ihm getan hatte. Sogar seine Frau heimzuschaffen hatte sie ihm geholfen, so gut sie gekonnt hatte.

Mindestens hundert Kilo wuchtete Klaus mit hoch, als er sich vom Tisch erhob, um nach draußen zu gehen.

Die Zigarette dämpfte ein wenig seinen Hunger, während er rauchte, hörte er, wie Sabine die Kinder ins Bett scheuchte. Wäre eigentlich auch meine Aufgabe, dachte er, aber nicht einmal das kann man schließlich von einem Hirnlosen verlangen. Er lachte ein grausames Lachen.

Sabine kam nach draußen, berührte kurz seinen Nacken und stellte sich mit verschränkten Armen neben ihn, das Gesicht in dieselbe Richtung gewandt wie er.

„Hätte mich unser Polier nicht so gejagt und wäre der nicht vom Bauleiter so getrieben worden wo doch alle gesehen haben dass rein gar nichts mehr zu sehen war bei der Nebelsuppe hätte ich nicht so geschusselt und hätte das Telefonkabel nicht abgerissen und der Bagger würde nicht quer auf der Zufahrtsstraße stehen ohne Sprudel hätten Verena und ich deswegen nicht so streiten müssen dann hätte sich die Kleine nicht so darüber aufgeregt dass sie in der Nacht Fieber bekommen hat und Verena hätte nicht noch um Mitternacht zur Nachtapotheke fahren zu brauchen ich hab noch gesagt es ist sinnlos der Bagger steht auf der Straße aber sie rast einfach los… und pfeilgerade in das Ding hinein…“ Ein Schluchzen, dass Sabine peinlich war, schüttelte den Mann. Immer noch blicklos in dieselbe Richtung starrend, sagte sie:

„Hätte… wäre… hätte dieser Mensch, bei dessen Tochter ich vor zwanzig Jahren zum Kindergeburtstag eingeladen war, keine Agaven auf der Terrasse stehen gehabt, wäre ich beim Spielen nicht draufgestürzt, dann würde ich heute sehen und nicht Glasaugen tragen.“ Sie drehte sich dorthin, wo noch immer er stehen musste, ihre Mundwinkel zuckten: „Ich hab schöne Augen gehabt. Ich weiß noch immer, wie sie ausgesehen haben.“

Sabine nahm den Geruch zuerst wahr. „Verflucht, wir müssen etwas tun.“

Er starrte sie an.

„Dass das so schnell geht, obwohl es so kalt ist…“, sagte er heiser.

„Willst du, dass die Kinder sie finden?“

„Um Gottes Willen!“

„Dann gehe ich jetzt und hole den Ludwig und den alten Repolusk. Sie werden uns helfen.“

Ihrer Windjacke konnte er mit den Augen am längsten folgen. Sie dreht sich noch einmal um und sagte: „Braun sind sie gewesen.“

Dann war auch der rote Fleck verschwunden.

Er ging eine Weile ziellos durchs Haus, um das Ehebett, aus dem noch nicht einmal Verenas Schweiß verdunstet gewesen war, als er sich schon mit Sabines vermischt hatte, deckte seine sorgsam zugedeckten Kinder nochmals sorgsam zu, rauchte vor dem Haus eine Zigarette, ging wieder hinein, setzte sich an den Tisch und ließ den Kopf ein paar Mal auf der Platte aufknallen. Als er ihn wieder hob, fühlte er es warm über seine Stirn und an seiner Nase entlang laufen. Er lief ins Badezimmer und schaute prüfend in den Spiegel.

Der Anblick stimmte ihn fast heiter. Bis sie zurückkamen, würde er mit Wundversorgung beschäftigt sein.

© Maria Edelsbrunner 2001

Erklärungen, die uns grade noch gefehlt haben:

Ananas — Mädchen, das in den Bach fiel

Anlaufstelle — Glastür

Blockflöte — Callboy für Parteienhaus

Brillenfassung — Contenance am Klo

Brotaufstrich — Prostituiertenjause

Busserl — sehr kleiner Ford-Transit

Büstenhalter — Säule für berühmte Köpfe

Choral — musikalischer Fisch

Computer — Truthahn-Lockruf

Deskjet — Modellflugzeug

Duden — harsche Zuteilung

Duschkabine — Proberaum für Blasmusikkapelle

Einbrecher — unvorsichtiger Schlittschuhläufer

elastische Spitze — österr. Bundesregierung

erbrechen — Hinterlassenschaften zusammenraffen

Feldstecher — Liebe auf der Wiese

Frankreich — Lottogewinner

Fußball — Orthopädenbesäufnis

Geleise — Aufforderung zum Schleichen

Geschichte — schön angeordneter Haufen

Helsinki — Sonnenuntergang auf finnisch

Kompost — Briefträger-Lockruf

Kredithai — gutmütiger Fisch

Magnet — Verweigerung

Maisanbau — Popcornjause in der Künetten

Matrose — welke Blume

Meisenknödel — Gehirn

Meisenknödel — Katzenfutter aus faschierten Singvögeln

Morgenmantel — Kleidungsstück, das erst modern wird

Notlösung — schlecht eingeschenkter, aber durststillender Spritzer

Parkinson — einzige Alternative zum schattigen Autoabstellplatz

Pulsmesser — Sterbehilfe

Pupille — Medikament gegen Blähungen

Rexgummi — Schäferhundkondom

Rückständiger — Mensch ohne Sitzfleisch

Sattelschlepper — Mann, dem sein Pferd gestorben ist

Scheinwerfer — großzügiger Mensch

scheitern — Holz schlichten

Schiffsirene — akustisches Signal zu gemeinsamen Wasserlassen

Schiffsirene — leichtes Mädchen an Bord

Schlüsselbart — Detail eines traumatischen Erlebnisses

Schnürlsamthose — Kordel mit dranhängendem Kleidungsstück

Seifenspender — extrem hinterhältiger Mensch

Sturmwarnung — Ankündigung einer Buschenschankeröffnung

Suppenschöpfer — Haubenkoch mit Tendenz

Teenager — gefürchteter Schädling in der Earl Grey Kultur

Thunfisch — fleißiger Meeresbewohner

Untertasse — rangniedriges Kaffeehäferl

Vatikan — potenter Papa

Veilchenstrauß — Werkzeugsortiment

Verleger — unordentlicher Mensch

Vorschlaghammer — endlich eine Idee!

Weihnachten — vergorenen Traubensaft schätzen

Weinkeller — strenge Kammer des Psychotherapeuten

Zahnpasta — Gebiss auch in Ordnung

Zapfhahn — geldgieriger Mensch

Zierpolster — Ende einer Fußballerkarriere

…noch zu ergänzen…

© Maria Edelsbrunner 2001

Ein wahrer Freund

Nimm dir noch Erdnüsse und Orangensaft, das wird eine längere Geschichte.

Passiert ist das letzten Winter. Du kannst dich sicher noch an unser Klassentreffen erinnern. Der Franz und ich, wir sind ja schon ewig befreundet, wie du weißt. Ein bißchen eigenartig war er schon , wie wir noch zusammen zur Schule gegangen sind. Er hat sich immer so grausame Spiele ausgedacht. „Haben Sie zu Ihrer Verteidigung noch etwas zu sagen?“ Es war immer zuwenig, was ich dem armen Frosch ins Maul gelegt habe, am Ende hat er immer dran glauben müssen. „Lebenslänglich“, hat es geheißen und ab mit ihm ins Fünfliterglas, das wir meiner Mutter geklaut haben, und in die pralle Sonne. Der Frosch ist am Ende wie besoffen hin und her getorkelt, bis er endlich eingegangen ist. Das Todesurteil war richtig human dagegen, das hat Annageln am Holzschuppen bedeutet.

Ja, richtig, die Hühner vom Nachbarn, du weißt es also auch noch. Ja, das sind auch wir gewesen, das heißt, ich bin eigentlich nur Schmiere gestanden, ich bin immer Schmiere gestanden, die Augen ausgestochen hat er ihnen selber. Der Franz. Er hat eine Katze gehabt, eine Räderkatze. Die hat er richtig gern gehabt, was haben wir mit dem Tier gespielt, und vom Franz hat sie sich alles gefallen lassen, sie hat ja gewußt, das alles ist nur Spiel.

Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist. Klemmt das Vieh einfach in den Schraubstock und dreht auf null.

Was, ich? Ich hab keine Chance gehabt, ihr zu helfen. Er ist mit der Rohrzange auf mich losgegangen.

Seine Augen, weißt du, das war das brutalste, ich hab genau gespürt, wenn ich jetzt was Falsches sage oder tue, geht’s mir wie der Katze, der war ja damals schon zwei Köpfe größer als ich, ein Bär von einem Menschen, kennst ihn ja, nie vorher und nie danach hab ich solche Augen gesehen. Und er hat mich nicht einmal gehen lassen, als ich schon gespien habe, ich hab geheult wie ein Hund, und da war so ein Schmerz, ein Ziehen in meinen Därmen, als ob ich selber schon im Schraubstock hänge.

Wir haben nie mehr geredet über die Katze. Muss so etwas wie ein Spiel für ihn gewesen sein.

Quälen hat ihn aufgegeilt.

Was meinst du, wieso der Franz geheiratet und sechs Jahre und drei Kinder lang den Treusorgenden gespielt hat?

Ich hab ihn ein paarmal getroffen in der Zeit, ich habe damals schon für diese Jachtbaufirma gearbeitet, er hat ruhig gewirkt, besonnen, und alle haben ihm das abgekauft, aber ich habe diese Augen seit dem Sandkasten gekannt und gewußt, es geht wieder durch mit ihm.

Sechs Jahre hat er sich das Vertrauen dieser Frau und der Kinder erarbeitet, mühsam muss das für ihn gewesen sein, weißt du, die haben ihm dann nicht mehr auskönnen. Hat ihnen eine Katze geschenkt, eine Weile zugeschaut, wie sie damit spielen und sie dann vor ihren Augen weggeschossen.

Hast du seine Frau noch gekannt? Ja? Nein, sie lebt nicht mehr hier…schon lang nicht mehr, hat angeblich um ihr Leben gefürchtet.

Sie hat nie verstanden, wie er sich auf einmal so verändern konnte, der Franz, na ja, sie ja nicht wissen können, dass er da erst wieder richtig geworden ist was er war.

Aus heiterem Himmel hat er sie verdroschen, ein Papierschnipsel auf dem Küchenfußboden war Anlass genug, da musste erst Blut fließen, dann ist er noch über sie drübergestiegen. Danach hat er den Boden geküßt, auf dem sie lief. Jedes Mal die Hoffnung, es wäre das letzte Mal. Jedes Mal, natürlich, gab´s ein weiteres Mal.

Wohin er ist mit seiner Gewalt in den ersten sechs Jahren? Was glaubst du, wo wir waren, wenn wir geschäftlich wegmussten? Er hat einen Ruf gehabt bei den tschechischen Huren. Kann sein, es gibt ein paar, die stehen auf sowas, aber befriedigt hat ihn das nicht.

Es musste jemand sein, den er gern hat. Denn gernhaben konnte er. Ich hab nur einmal versucht, da nachzubohren, aber da war dann wieder dieser Blick, der mich zurückgepfiffen hat. Wie als Bub.

Aber er ist ein Freund, ein richtiger, nur ein richtiger Freund tut, was er getan hat. Ich wollte der Alice einen Denkzettel verpassen, für die Jahre, die sie mich verarscht hat – ich bin ja nie dahinter gekommen, wer er war, er wollte es herauskriegen – für mich, aber ich wollt’s gar nicht mehr wissen, wozu auch, aber eine kleine Erinnerung müßte sein, fand ich. Damit sie immer ein bißchen denken muß an mich.

Kann schon sein, dass er’s übertrieben hat, wie ein Rausch sei’s gewesen, hat er gesagt, er hat auch nur aufgehört, weil er gewußt hat, bald kommt der Zeitungsausträger und könnte ihn womöglich erwischen.

Doch, doch, sie ist wieder hergestellt, so weit jedenfalls, dass sie ohne fremde Hilfe zurecht kommt. Kinder wird sie halt nie haben können. Na ja, bei dem Gesicht wird auch keiner Lust bekommen, ihr welche zu machen, schätze ich.

Oh ja, er besucht mich schon öfter hier, und dann nimmt er sich auch Zeit, wirklich. Bringt mir einen Haufen Knabberzeug und Lesestoff, aber wenn er fort ist, wer blättert um, wer füttert mich? Haben ja alle keine Zeit.

Personalabbau allerorts, hast du eigentlich noch eine eigene Köchin, oder mußt du schon selber kochen? Dann müsstest du verhungern, was, an deine Eierspeisen kann ich mich nur zu deutlich erinnern, ha ha ha. Dabei kann man bei einer Eierspeise wirklich nichts verhauen. Außer sie verkohlen lassen, richtig.

Ob mir nicht ein Verdacht gekommen sei, wie der Franz die Alice so zugerichtet hat, wie meinst du das? Ob ich mich vor ihm gefürchtet habe, jemals? Du kannst fragen. Dir ist das bestimmt aufgefallen beim Klassen –treffen, der Franz und ich haben uns mit den anderen nicht viel abgegeben, wir haben uns soviel zu erzählen gehabt, er war ruhig und gefasst, die Sache mit der Alice dürfte ihm auch noch in den Knochen gesteckt sein, und er hat ein Mädchen kennengelernt, das ihm ziemlich viel bedeutet, seine Augen haben richtig geleuchtet, wenn er von der erzählt hat.

Beim Jacky – ja, den gibt’s noch – sind wir nachher ziemlich abgestürzt, er wurde richtig zudringlich, das hat er nie gehabt, auf einmal hat er mir den Arm um die Schultern gelegt und mir ganz leise was ins Ohr geflüstert, was ich in dem Rausch gar nicht richtig verstanden habe.

Indianer spielen und mich an den Marterpfahl binden lassen mochte ich schon als Kind nicht, schon im Sommer nicht, und schon angezogen nicht.

Ja, ja, alles was mir fehlt, ist mir in jener Nacht abgefroren, in der ich soviel Zeit gehabt habe, nachzudenken, was Menschen alles einfällt, und schließlich, als ich wieder einigermaßen nüchtern war, bin ich auch draufgekommen, was mir der Franz beim Jacky ins Ohr geflüstert hat: „Dich hab ich mir bis heute aufgehoben.“

© Maria Edelsbrunner 2001

Nachts, im August

Er würde sie schon öfters chauffiert haben, aber erstmals träfen sich ihre Augen in seinem Rückspiegel länger als nur eine prüfende, sich vergewissernde Sekunde.

Ihr müder Körper schmiegte sich an die schattenhafte Gestalt eines Mannes, der zu ihr gehören müsse, und ihr Gesicht würde verschwinden und wieder auftauchen aus dem Dunkel im Rhythmus der auf dem Weg sich nähernden und entfernenden Straßenlampen.

Nur flüchtig auf den Verkehr achtend, würde sich sein Blick immer wieder im Rückspiegel verfangen, und auch sie sähe ihn sehr direkt, beinahe unverschämt an.

Ihr Kleid wäre blau, so tiefblau, dass es fast schwarz wirken würde, und wenn sie ausstiege und bezahlte, stumm lächelnd, streifte ihn ein leises Rascheln und ein Duft nach heißem Asphalt und Lavendel.

Erst ungeduldig hupende nachfolgende Autofahrer rissen ihn von dem seltsamen Schauspiel los, den das sich entfernende Paar gäbe.

Sie wären jung, gingen aber sehr gemäßigt, fielen bald in Gleichschritt, und sie hätte ihre Hand in einer federleichten Bewegung unter seinen Arm geschoben, so unglaublich graziös, dass es auffiele – dass ihm auffiele, wie plump Menschen sich bewegten.

An seinem Stammplatz am Bahnhof würde er sich eine Zigarette anzünden, um, wie er sich einreden würde, seine Gedanken besser sortieren zu können. Der Rauch wehte, blaue Falten werfend wie ihr tiefdunkles Kleid, zur halboffenen Seitenscheibe hinaus und formte ein durchscheinendes Gesicht, das er zu kennen glauben würde und sich – kaum erkannt – wieder auflöste.

Unlustig und wie in Watte gepackt würde er weitere Fahrten erledigen, und sein Wagen wäre gerade leer, wenn er sie stehen sähe, am selben Platz, an dem sie und ihr Begleiter ausgestiegen waren, er würde das Tempo verlangsamen, über ihr Gesicht huschte Wiedererkennen, er würde anhalten, sie einsteigen lassen, und sie würde sich wieder so hinsetzen, dass sie seine Augen im Rückspiegel sehen konnte. Und wenn er den Mund schon fast offen haben würde zum unvermeidlichen Wohin, legte sie ihm ihren Zeigefinger darauf und reichte ihm ein Stück Papier.

Er würde lesen, sie ansehen, wie sie gerade den Zeigefinger über ihre Lippen wandern und ihn nicht aus den Augen ließe, und losfahren.

Endlich wäre die Stadt so fern, die Fahrbahn so schmal und unwichtig, dass keine Straßenlampen mehr den Weg säumten und das Wageninnere vollends im Dunkel versänke. Nicht einmal ihr Kleid würde rascheln, sodass er sich zweimal vergewissern müsste, ob sie überhaupt noch da sei. Sie wäre – der Duft, den er schon kennen würde, wäre mit ihr gekommen.

Er hielte mitten auf einem Feldweg, zwischen hohen Maisfeldern, stiege aus und öffnete den Fond. Ein fast voller Mond beleuchtete spärlich zwei Gesichter voller Einverständnis – sie würden sich lange betrachten, bevor sie scheue, dann immer frechere Küsse tauschten, ließen ihre Haut unter fremden Händen erschauern, ihre Hände fremde Haut entdecken, glatte wie raue, trockene wie feuchte, Birne wie Kiwi, Steppe wie See. Jacke wie Hose, Kleid wie Strumpf wären im Weg und bald am Weg, und er würde in gleich zwei Meeren zu versinken glauben, eintauchen in dunkle Augen und andere Gewässer, mit Fingern über die samtigen Ränder von Lippen streichen, ein sehr nahes Atmen an seinem Ohr hören wie einen sehr fernen Wasserfall, und weil alles stumm geschähe und der Mais im Wind raschelte wie ein tiefdunkles Kleid und sie schweigend immer noch und nur sich im Rückspiegel betrachtend, ob etwas anders sei jetzt, zurückführen in die Stadt, wo sie in einer Wolke aus heißem Asphalt und Lavendel auf einmal neben seiner offenen Seitenscheibe stände und den Fahrpreis bezahlte, stumm lächelnd wie immer und sich raschelnd entfernte mit ihrem Gefährten, der schattenhaft aus einer dunklen Toreinfahrt gekommen wäre, mit federleicht verschlungenen Händen, würden sie in einiger Zeit nicht mehr so genau sagen können, was gewesen sei in dieser Nacht, und spätestens im Winter, bestimmt aber in einem Jahr würden sie sicher sein: unser Bewusstsein hat uns einen Streich gespielt, und ein Staubsauger hätte längst alles Papier aus dem Taxi entfernt.

© Maria Edelsbrunner 2001

vorwärtsgang

von innen schlagen hohe flammen an
ein grausam unermüdliches kraftwerk
das die neue wahrheit
selbst in die kleinsten kanäle leitet
unter den zehennägeln kommt sie noch hervor
aus den augen quillt sie noch in klebrigen
flüssigkeiten
über den fngerspitzen leuchtet sie noch
weithin
sodass
der sand unter den füßen
in den augen
sich färbt
sie eine schneckenspur auf den vielgeküssten
vielgeschlagenen hinterlässt
eine signalfahne rauches hinter einer
durch die tage lärmenden maschine weht

so hell schlagen die flammen
dass der weg unkenntlich wird
im flutenden licht
der weg den nachtkerzen und glühkäfer
beleuchtet haben
der blind zu finden war
aber sehend nichts weiter ist
als eine weitere müllgesäumte igelgepflasterte strasse
auf der es nur mehr
vorwärts geht

© 2002 Maria Edelsbrunner

erschienen in autorenmorgen 01, edition LUFTSCHACHT

Heilung

von

Maria Edelsbrunner

Wenn sie den Staub auf den Küchenschränken und den Dreck an den Festern deutlicher wahrnimmt, weiß sie, es ist Frühling. Die Bäume, die sie letzten Herbst gepflanzt hat, scheinen den Winter gut überstanden zu haben.
Zeit, wieder einen Teil der alten Kleider zu entsorgen. Das letzte Stück wegzugeben schafft sie noch nicht, nicht dieses Jahr.
Die Fotos sortieren.
Die Fotos, auf denen beide abgebildet sind, lachend, jeweils eine Bierflasche in der Hand, ein Abend war das gewesen, der sich ins Endlose gedehnt hatte.
Alle Abgebildeten bleiben stehen in ihrem Jahr. Die Bäume im Garten wachsen nicht weiter.
Nur sie selber wird älter, sie achtet darauf nicht fotografiert zu werden, damit sie auch stehen bleiben kann.
Zeit, das Reisig auf dem Grab zu entfernen und die eingegangenen Stiefmütterchen durch frisch gekaufte zu ersetzen.
Es liegt sehr weit entfernt, dennoch besucht sie es regelmäßig.

Sie geht an seiner Seite durch eine belebte Einkaufstraße, es muss wohl in Wien gewesen sein, und sie waren vorher bei einem ehemaligen Arbeitskollegen von ihm zu Besuch gewesen. Der erste Tag im Jahr ohne Strümpfe, der Wind streicht warm um ihre Beine und spielt mit ihrem Kleid und ihren Haaren, eine Eisbude lockt sie, sie essen das erste Eis im Jahr.
Automatisch steuern sie beide auf die gleiche Bank zu, sitzen dort, blinzeln in die Sonne und reden nichts.
Später wird sie diesen Tag als einen der schönsten ihrer gemeinsamen Zeit in Erinnerung haben, so wie alle Erinnerung trügerisch ist.
Die Tage, die sie so für sich haben, sind selten, und wenn sie ihnen zufallen, wissen sie zuerst gar nicht, was sie damit anfangen sollen.
Erst als das letzte Kind auszieht, sind sie wieder ein Paar und können plötzlich das Paarsein nicht mehr.
Sie versehen das Haus mit neuen Fenstern.
Er geht zu den Eisschützen und langweilt sich.
Sie hilft ehrenamtlich in einer Obdachlosenküche mit, arbeitet mit Frauen im ähnlichen Alter, mit ähnlichen Vorzeichen, trinkt Kaffee und lacht mit ihnen und bleibt doch die ganze Zeit für sich und verspürt den Impuls, sich einfach ins Auto zu setzen und nicht nach Hause zu fahren.
Sie versuchen Geschäftigkeit, Hobbys, Reisen, Freundschaftsbesuche und laden ihre Kinder ein, nicht zu oft, damit sie immer noch gern kommen können.
An manchen Tagen stellt sich unvermutet etwas wie Gemeinschaftlichkeit, Zufriedenheit, vielleicht eine Art dumpfes Wohlbefinden ein, dann, wenn sie still nebeneinander sitzen und Kaffee trinken oder wenn sie im Garten den Wein aufbinden und die arbeitenden Hände in geübtem Einverständnis ineinander greifen.
Man könnte glücklich sein, wenn man entschlossen genug dazu wäre.

Der Tag, an dem ihr Schutzmechanismus versagt, ist ihr deutlich in Erinnerung. Sie ist zur Blutabnahme zum Arzt bestellt, trifft dort auf den Ex-Freund ihrer ältesten Tochter und fängt ein Gespräch an. Sie bleibt unverbindlich, es geht sie nichts an, was damals vor sich gegangen ist.
Er erzählt von sich aus.
So hat sie ihn in der Zeit, wo er zur Familie gehört hat, nicht erlebt.
Sie treffen sich nach dem Arztbesuch in einem Kaffeehaus. Er erzählt weiter.
Sie redet immer weniger und schaut ihn nur an.
Sie schaut demonstrativ auf die Uhr, bezahlt die beiden Kaffee und entschuldigt sich.
Die Flucht kommt viel zu spät.
Sie kann gar nicht glauben, dass er sie wieder sehen will.
Sie gehen zusammen auf einen Jahrmarkt und fahren Autodrom und es ist ihr egal, was sie zusammen für ein Bild abgeben.
Sie stehen an einem Weinstand und trinken ekelhaft warmen Welschriesling. Sie umarmen sich, bevor sie ins jeweilige Auto steigen.
Am nächsten Morgen hat sie Kopfschmerzen und macht sich Tee statt Kaffee zum Frühstück.
Ihr Mann schaut sie an und fragt, ob es ihr nicht gut gehe.
Sie denkt an die vergangene Nacht, an das Wachliegen, an das Versprechen.
Sie sagt wahrheitsgemäß, dass sie nicht gut geschlafen habe. Dass sie sich wieder hinlegen wolle. Er hebt andeutungsweise die Schultern und lässt sie wieder sinken und vertieft sich in die Zeitung.
Er drückt ihr einen flüchtigen Kuss auf und fährt in die Arbeit.
Sie zwingt sich zu Routinearbeiten, ruft ihre Freundin an, erledigt Behördengänge, schaut sich eine Ausstellung an, ohne nachher sagen zu können, was sie gesehen hat, besucht ihren Sohn, putzt ihr Auto außen und innen, rupft abgeblühte Sommerblumen aus und wirft Laub auf die abgeschnittenen Rittersporne, versieht die Rosenbüsche mit Mist, gräbt Dahlienknollen aus und Tulpenzwiebeln ein und kommt nicht zur Ruhe.

Erschöpft und aufgedreht sitzt sie ein paar Tage später auf der Terrasse, eine Decke um die Schultern, die flachen Strahlen der Oktobersonne auf dem Gesicht und versucht, sich in ein Buch fallen zu lassen.
Als das Handy läutet, wird es endlich still in ihr.
Sie schreibt einen Zettel und sperrt das Haus ab.
Sie holen sich Kaffee in Plastikbechern, finden einen Platz am Flussufer, wenig frequentiert, setzen sich nah nebeneinander und reden und reden, und ihre Hände finden sich ganz selbstverständlich.
Eine große Ruhe breitet sich in ihr aus, als sie sich folgerichtig küssen.
Das Handy vibriert schon zum wiederholten Mal in ihrer Hosentasche.
Sie vereinbaren nichts und verabschieden sich.

Im Auto sieht sie endlich nach, wer angerufen hat und erkennt die Nummer nicht.
Ihr ist schlagartig klar, dass sich alles ändern wird, wenn sie zurückruft.
Der Arbeitskollege ihres Mannes scheint selber unter Schock zu stehen, so sachlich und unbeteiligt klingt seine Stimme.
Erst am Ende des Gespräches versagt sie ihm. Er bietet ihr an, sie ins Krankenhaus zu fahren.
Sie lehnt ab und fährt los. Ein Mädchen in einem hellgelben Mantel überquert einen Zebrastreifen, es trägt schwarze Schnürstiefel, die eingezogenen Bänder sehen schmutzig aus. Die Haare leuchten in einem verwaschenen Orange
Noch Jahre später kann sie jedes Detail an diesem Mädchen beschreiben.

Was sie von ihrem Mann zu sehen bekommt, sind Kabel, Schläuche, bleiche Hände auf weißem Bettzeug und die groteske Silhouette darunter, die von einem vollständig und einem halb abgetrennten Bein herrührt. Sie darf anstandslos zu ihm.
Sie berührt seine Hände, küsst sein Gesicht auf eine unverletzte Stelle. Eine Krankenschwester bringt ihr einen Sessel und ein Glas Wasser. Sie setzt sich nah zu ihm und erstarrt.
Es scheinen Stunden zu vergehen, bis ein Arzt kommt und sie zum Gespräch bittet.

Die Versteinerung löst sich erst Wochen nach dem Begräbnis.
Nach einem Gespräch mit ihren Kindern überträgt sie den Verkauf des Hauses einem Maklerbüro und findet weit entfernt ein kleines Häuschen mit großem Garten.
Sie gräbt ihre Rittersporne und Rosenbüsche aus, packt die Papiersäcke mit den etikettierten Dahlienknollen ein und siedelt weitere Pflanzen um. Die Tulpen, der Lavendel, die Obstbäume, die Weinstöcke bleiben zurück.
Sie setzt sich mitten in ihrem neuen Garten auf die Erde und beginnt auf einem Bogen Packpapier einen Plan zu zeichnen.
Anfang Dezember entzündet sie in einer großen Schale auf der Terrasse ein Feuer.
Sie wartet, bis die kleinen Buchenscheite eine schöne wärmende Glut ergeben.
Dann legt sie ihr Handy darauf und sieht zu, wie es sich verwirft, Blasen bildet und dabei ein hässliches Ächzen von sich gibt.

Buying New Soul

(inspired by Steve Wilson)

von Maria Edelsbrunner

Als ich erwache, sitze ich in einem ungepolsterten Sessel.
Der Raum ist kahl, bis auf ein paar gerahmte Zeichnungen, die wohl von Kindern stammen und den Schreibtisch zwischen dem Menschen und mir und den Erste Hilfe Schrank.
Gegenüber von mir sitzt ein grauhaariger, schlanker Mann mit einem weißen Arbeitsmantel.
Er trägt eine Brille mit silberfarbenem Rahmen.
Er sieht mich an, als sei ich eben erst erwacht. Im Übrigen ist sein Blick verständnisvoll.
Ich frage ihn, was es zum Essen gibt.
Er lacht und sagt: „Das ist ja einmal eine wirklich relevante Frage! Ich fürchte nur, Sie haben das Mittagessen verpasst. Aber zu Abend gibt es Spinatstrudel mit Schafskäse!“
„Ist vollkommen in meinem Sinne.“, sage ich, und er lacht wieder.
„Wie fühlen Sie sich?“
Sein Blick ist nun gänzlich bei mir.
Ich überlege.
Außer dass ich hungrig bin und ein wenig müde, fühle ich nichts.
Ich frage mich nicht, wie ich hier her gekommen bin, denn ich weiß es.
Ich überlege, ob ich weg will.
Ich will nicht weg. Nicht jetzt.
„Ich bin ein bisschen müde. Und hungrig“, sage ich. Mein Atem geht ruhig, mein Herz schlägt mühelos, ich blicke auf die Zeichnungen und suche das kompositorische Drittel.
Ich finde es bei allen und denke, dass Kinder wohl von Anfang an ein untrügliches Gespür für Proportionen und Richtigkeiten haben, bevor es ihnen aberzogen wird.
Das sage ich auch dem Menschen mir gegenüber, von dem ich annehme, dass er der Stationsvorstand ist.
Er sieht mich lange an und lächelt dann ein kleines vorsichtiges Lächeln.
„Ich will mit Ihnen ein paar Tests machen, bevor Sie sich aufs Abendessen stürzen.“, sagt er und schiebt mir ein paar Blätter Papier über den Tisch, „und ich begleite Sie auf Ihr Zimmer.“

Das ist mir sehr recht, ich hätte nicht einmal gewusst, dass ich eines habe.
Als ich wegdämmerte, war ich in der Notaufnahme, über mir zwei oder drei Gesichter, die dreinsahen, als wüssten die dazu gehörenden Menschen genau, was zu tun sei. Das war der erste beruhigende Eindruck gewesen seit….

Ich habe tatsächlich ein Zimmer für mich alleine.
Nicht einmal zu Hause, wo immer das ist, habe ich eines.
Das Zimmer ist noch kahler als das Zimmer des Arztes. Kein einziges Bild.
Nur ein Tisch, zwei Sessel, zwei Betten, von denen eines nicht einmal bezogen ist. Kein Fernseher, keine Zeitungen, keine Blumen. Der Griff am Fenster ist abmontiert, das sehe ich als erstes.
Ich blicke hinaus auf ein paar alte Ahornbäume im Anstaltspark und sehe, es regnet noch immer. Es kann nicht viel Zeit vergangen sein.
Oder regnet es schon wieder?
Ich frage den Arzt.
„Sie sind seit gestern hier.“, sagt er und sieht mich lange an, länger als gewöhnlich, ich weiß, wie lange Arztblicke normalerweise verweilen.
„Scheißwetter.“, sage ich und schaue fest zurück.
Wir setzen uns mit dem Papierhaufen an den Tisch, er gibt mir einen Kugelschreiber, und ich beginne, Fragen zu beantworten.

Ich sehe ein System in den Fragen.
Ich erkenne einen Code.
Ich begreife:
ich müsste nur nach dem Code leben, um glücklich zu sein.
Ich müsste nur nach dem Code denken, um glücklich zu sein.
Ich müsste, das vor allem, nach dem Code fühlen, um glücklich zu sein, zumindest oft genug, um das Unglück meines Glücks zu ertragen.
Der Code geht ganz einfach:

Abbezahltes Haus + verständnisvoller Mann + aufgearbeitete Familiengeschichte + hübsche gesunde wissbegierige Kinder + herausfordernder Job + liebe großzügige durchgeknallte Freunde + Zeit für Neigungen + keine körperlichen Wehwehchen + lieben und geliebt werden = erfülltes, wunschloses Leben.

Nach Beantwortung der Fragen ist mein leichtes, unbeschwertes Gefühl weg.
Ich habe plötzlich ein schlechtes Gewissen, weil mir das alles viel zu viel ist.
Und viel zu wenig.
Ich sage das so dem Arzt. Ich hoffe auf Verständnis.
Er schaut mich wieder lange an.
„Ihre Familie hat Sie bald wieder.“, sagt er leise, „da bin ich ganz sicher.“
Als er das sagt, zieht es mir den Boden unter den Füßen weg.
Ich ziehe die Hauspatschen aus, die mir bestimmt meine fürsorgliche Tochter eingepackt hat, und gehe barfuß durchs Zimmer.
Ich spüre kaltes, glattes Linoleum, verschweißte Fugen, kein Körnchen Mist auf dem Boden. Meine Füße, obwohl sauber, erscheinen mir schmutzig ob soviel Sterilität. Meine Zehennägel sind lackiert, wann habe ich das gemacht?
Meine Unterschenkel sind rasiert, wann war dafür Zeit?
Und weil ich gerade beim Vergewissern bin, fasse ich meinen Haarschopf und schnuppere daran, die Haare sind frisch gewaschen und duften nach einem Shampoo, von dem ich glaube, dass ich es erst vorgestern gekauft habe.
Wohin ist das alles?

„Was mache ich mit einem Leben, in dem alles stimmt?“ frage ich den Arzt.
Er lacht. Es ist ein Lachen, das mich nicht beruhigen soll, es ist hart und zynisch und ich beginne Hoffnung zu schöpfen.
„Gefällt Ihnen das Zimmer?“ fragt er.
„Ja.“, sage ich, „Es gefällt mir sehr.“