Grauko als Ideengeber für das Theater im Stockwerk!

Am 25. November werden wieder vier AutorInnen von Grauko als Ideengeber für das Improtheater des TiS fungieren.
Wie aus der letzten Saison werden die Graukos Anfänge eigener Texte lesen, die dann von den Schauspielern nach deren Gedünken fertig gespielt werden.
Ort: Cafe Stockwerk, Graz, Jakominiplatz.
Beginn: 25.11. 20 Uhr.

Maria Edelsbrunner auf der „Wortschatz“ CD!

Von den Siegertexten des Literaturwettbewerbs „Wortschatz“ von Peter Schimonischek wurde eine Hör-CD produziert, die am Sonntag, dem 21.11. um 19 Uhr in Pöllau bei Markt Hartmannsdorf beim „Feistritzer“ präsentiert wird.
Mit dabei ist auch ein Text unserer Maria Edelsbrunner.
Gäste bei der Präsentation sind herzlich willkommen.

Graukos Lesewanderung 2010 ist Geschichte!

.. und war eine feuchtfröhliche Geschichte. Diesmal führte die Wanderung durch Andritz / Unterweizbach entlang des Pfeiferhofwegs bis in die Hans-Auer-Gasse. Das schöne Frühherbstwetter hatte sich passend zum Wochenende in eine graukalte Regenfront verwandelt, aber wir hatten Vorkehrungen getroffen.

Und da bekanntlich Grauko und seine Fans nichts aufhalten kann, nützten wir ein Regenfenster für unsere Wanderung.


Um schließlich vom wieder einsetzenden Niederschlag geschützt und in einem so gut es ging geheizten Zuschauerbereich, die erste Freiluftabschlusslesung über die Bühne zu bringen.

Für alle, die den Text von Peter Heissenberger noch nicht kennen, den Kunos Kosmos bei seiner Lesung desöfteren referenziert hat. Hier geht es zum Klausenbär!

Lewa 2010 – Graukos alljährliche Lesewanderung diesmal am 26.9.

Wie jedes Jahr veranstaltet Grauko auch heuer zu Herbstbeginn seine Lesewanderung.
Wir treffen uns am Sonntag, dem 26.9. um 14 Uhr beim Parkplatz des „Happy Home“ Marktes in Andritz, Radegunderstraße 24a.

Abschlusslesung im Haus Heissenberger, Hans-Auer-Gasse 16 um ca. 16 Uhr. Dort wird auch das literarische Kochbuch Gaumenkitzel präsentiert.

Alle teilnehmenden Autoren werden sowohl auf der Wanderung im Bereich Unterweizbach als auch bei der Abschlusslesung einen eigenen Text lesen.
Sowohl während der Wanderung als auch nach der Lesung bietet sich ausreichend Gelegenheit, mit den Autoren über ihre Texte zu diskutieren. Für eine kleine Stärkung nach der Wanderung gegen freiwillige Spende wird gesorgt.

Es lesen: Isolde Bermann, Maria Edelsbrunner, Rentsnik, Veronika Unger, Thomas Wollinger, Kuno Kosmos und Peter Heissenberger.

Bei Schlechtwetter oder für weitere Informationen: 0664 5842363

Anreise zum Treffpunkt mit den Öffis: Nach Andritz, von der Endstation mit dem 41er 2 Stationen Richtung Dürrgraben und bei der Nordberggasse aussteigen, dann noch etwa 100 Meter die Radegunderstraße stadtauswärts, auf der rechten Seite.

Peter Heissenbergers „Tomatensalat“ wird ein Gang von „Gaumenkitzel“.

Für „Gaumenkitzel“, eine Antholgie in Form eines fünfgängigen Menüs hat der Stories&Friends Verlag Kurzgeschichten zu einer literarisch/kulinarischen Abfolge zusammengestellt. Als eine der kalten Vorspeisen wird dabei der von Peter Heissenberger abgemachte „Tomatensalat“ offeriert.
Erscheinung der Anthologie: Oktober 2010.

Übrigens, auch Peter Heissenberger wird am 9. Juli in Gnas dabei sein.

Maria Edelsbrunner im Finale von „Wortschatz“

Am Freitag dem 4. Juni fand im Genusshotel Riegersburg der von Peter Schimonischek initiierte Literaturwettbewerb „Wortschatz“ mit einer Lesung der FinalistInnen seinen Abschluss. Unter ihnen befand sich auch Maria Edelsbrunner, die mit ihrem Text wie gewohnt gegen den thematisch vorgegebenen Strom anschwamm und wenn sie am Ende auch nicht unter die drei PreisträgerInnen gewählt wurde, doch auf sich aufmerksam machen konnte.

Die nächste Gelegenheit Maria Edelsbrunner im Kreise von Grauko zu hören bietet sich übrigens am 9. Juli in Gnas.

Die Texte vom 27.5.

Vor vollem Haus ist am 27. Mai die Frühjahrsaison der Donnerstagsimproshow im Cafe Stockwerk erneut mit einer gemeinsamen Show des TiS, BlankTon und Textanfängen von Grauko zu Ende gegangen.
Die vollständigen Texte finden Sie wie versprochen hier:

Text von Peter

Text von Isolde
Text von Maria
Text von Helmut

P.S. nächster Grauko Termin: 9.7. 19.30 beim Gnaser Sommerfest.

Texte der Improshow vom 20.5.

Unter großem Applaus ging gestern Abend der erste Improabend mit TiS und BlankTon über die Bühne. Hier nun, wie versprochen, für alle zum Nachlesen die vollständigen Texte so, wie sie sich die Autoren vorgestellt haben.

Und nicht vergessen, nächste Woche, am 27.5. steigt der zweite Improabend mit neuen Texte von Grauko. 20.00, Stockwerk. Be there!

Text von Isolde
Text von Helmut
Text von Maria
Text von Peter

Grauko on air!

Für alle, die unsere letzten beiden Veranstaltungen versäumt haben, bietet Radio Helsinki (FM 92.6)die Gelegenheit, Mitschnitte davon zu hören.
Heute am 25.3. ab 11 Uhr geht die Sonntägliche Frühlingsstimmenlesung über den Äther.
Am 15.4. folgt dann, ebenfalls ab 11 Uhr der Mitschnitt der „Liebe, Tod und Teufel“ Show aus dem Stockwerk.
Alle, die nicht in Graz wohnen, können Radio Helsinki übrigens auch über das Internet hören.

P.S. Nicht vergessen. Heute abend im Stockwerk, Improtheater nach Texten von Grauko.

Über das Verschellen

Über das Verschellen:

von Peter Heissenberger

Spuren waren für den Menschen seit jeher von extremer Bedeutung. So konnte es über Leben und Tod unserer Vorfahren entscheiden, zu wissen, ob Abdrücke im Sand von einem Säbelzahntiger oder einen Streifenhörnchen stammten. Unbekannte Fährten bedeuteten zuallererst Gefahr und mussten so schnell wie möglich abgeklärt werden. Es sind also verkümmerte prähistorische Instinkte, die sich dem modernen Menschen erhalten haben, wenn er sich in der sicheren Umgebung seines Wohnzimmers beim entspannten Lesen plötzlich fragt: „Wie mag wohl das Wort ausgesehen haben, das hier seine Spuren hinterlassen hat?“ Über das Verschellen weiterlesen

Liebe, Tod und Teufel. Szenische Lesung am 28. Februar!

Bei der Probe
Das Ensemble bei der Probe von GRAUKO-Texten

Für unsere jährliche Lesung, haben wir von GRAUKO uns etwas besonderes ausgedacht:
Wir lassen unsere Texte von einer Theatergruppe aufführen.

Es geht um
Liebe, Tod und Teufel.

Gemeinsam mit den Schauspielern greifen wir, das Grazer Autorinnen– und Autorenkollektiv GRAUKO, tief hinein in das, was das Leben ausmacht. Auf den Theaterbrettern wird geliebt und gemordet, es wird bekriegt und belacht.

Die Theatergruppe Theater im Stockwerk hat sich als kongeniale Ergänzung von uns Literatinnen und Literaten entpuppt – so ist ein ganzes Theaterstück in Planung.

Zeit: Sonntag, 28.2.2010 um 17:00
Ort: Theater im Stockwerk www.tis-graz.at
Cafe Stockwerk, Jakominiplatz 18/1 Graz
Eintrittspreis: 6 Euro

Das Theaterensemble bei der Probe
Das Theaterensemble bei der Probe

Porto Bello Girls: Kurzinhalt

Kurzinhalt:

Paul Richter verbringt seine Tage zunehmend in einer Traumwelt. Seit ihn seine Freundin verlassen und er auch seinen Job verloren hat, ist die Fernsehserie „Die Porto Bello Girls“ das einzige, das seinen Tagen noch etwas Struktur verleiht. Zu ihren Protagonisten hat er intensivere Beziehungen aufgebaut, als zu den meisten realen Menschen. Zu seiner Familie, bestehend aus seinem Vater und der 18 jährigen Schwester Eva, lebt er sehr distanziert.
Porto Bello Girls: Kurzinhalt weiterlesen

Klingels Reisen!

Vorwort

Mein erstes literarisches Großprojekt! Wurde von mir im Alter von 9 Jahren in einen Kalender geschrieben. Ist deswegen allerdings noch lange keine Kalendergeschichte.

Das erste Kapitel ist vollständig. Irgendwann mitten im zweiten habe ich dann zu schreiben aufgehört und das Buch soeben, nach 22 Jahren zum ersten mal wieder in die Hand genommen. Wenn ich mich jetzt also an’s abtippen mache, dann bin ich genau so gespannt wie Du, lieber Leser, wenn ich auch noch gewisse Erinnerungen an die Handlung habe. Ich werde alles so übernehmen, wie ich es damals geschrieben habe, also auch alle Fehler. Einzig die beiden Illustrationen kann ich wohl erst zu einem späteren Zeitpunkt einfügen.

Vielleicht noch so viel zur Erklärung: Klingel war mein absoluter Lieblings Teddy, ein Hund mit einem weissen Strich. Sein Freund Skwirel war, wie man vermuten kann, ein Eichhörnchen, das diesen Namen von meiner Schwester erhalten hatte. Ich habe ihn in Unkenntnis des Englischen immer „Skwörli“ genannt.

So viel dazu. Jetzt aber auf zu Klingels Reisen!

1. Kapitel

In der Schweiz

Klingel und Skwirel packen Koffer. Sie wollen in die Schweiz fahren. Als erste Etappe wollen sie zum Bodensee fahren. Als sie wegfahren scheint die Sonne.

>>Zeichnung 1: Zwei Personen, eine davon mit einem Eichhörnchenschwanz in einem Auto<<

Sie fahren über Bruck / Mur denn Skwirrel verträgt das Tunnelfahren nicht. Die Verkehrsampeln in Leoben gehen Klingel auf die Nerven. Er sagt: „Steht man hinten muß man ein Ewigkeit warten bis es grün wird und man kommt höchstens bis zur Mitte des Sraus. Steht man endlich bei der Ampel, ist sie schon wieder rot. So ein Mist!“

>> Zeichnung 2: Das Auto, diesmal ohne Insaßen vor einer roten Ampel<<

Aber dann hinauf die Lising freute er sich wieder über die Leere und raste. Skwirel als ein Beigeisterterer Bergsteiger strahlte: „Diese Berge ich möchte wirklich gerne klettern.“ In Selztahl sagte Klingel: „Endlich wieder Autos.“ Dann aber in Liezen: „Diese Ampeln gehen mir auf die Nerven!“ Der arme Klingel. Nach einiger Zeit ist für Skwirel die Stimmung auf dem Nullpunkt. Wie gesagt verträgt er keine Tunnels und da geht es von einem ins andere. Schließlich an Salzburg vorbei, stehen sie ein halbe Stunde an der Grenze. Gleich nachdem sie in Deutschland waren mußte Klingel tanken. Am Chiemsee an dem sie kurz darauf halt machten gab es gute belegte Brote. Zum Baden war es jetzt schon zu kalt den es ging gegen fünf Uhr. Kurz darauf ratterten die zwei in richtung München. Im Stadtverkehr mußte Skwirel fahren. Klingel war immerhin schon 300 Kilometer gefahren und in dem Getümmel konnte er nicht fahren. Zu viel für seine Nerven, sagte er. Alsbald lag die Millionenstadt hinter ihnen. Sie fuhren in richtung Bodensee. Bei dem Wegweiser München 20 km mußte Klingel wieder auf den Fahrersitz klettern. Über die Landstraße fegten unsere Freunde in Richtung Bodensee. Als sie nach 250 km endlich Lindau ereichten legten sie sich gleich im Hotel in ihre Betten.

Am nächsten Morgen fuhren die zwei erst mit dem Schiff über den Bodensee nach Romanshorn. Von dort ging es per Auto auf der zweiten Etappe nach Genf. – also durch die ganze Schweiz. Sie wollten ein paar Tage am Genfersee Urlaup machen ehe sie weiter fuhren. Sie fuhren gemütlich Romanshorn fuhren sie gemütlich erstermal nach Wintour. Sie mußten in Wintour tanken. Werend sich der Tank füllte gingen sie frühstücken, besser gesagt zum Frühstück was zum Futtern holen, denn sie kamen werend des Essens auf den Gedanken ein Piknick zu machen. Sie fuhren also in Richtung Zürich weiter. Aber schon fünfund zwanzig Kilometer vor Zürich machten sie halt und fertrükten ihr Frühstück. Endlich fuhren sie weiter. In Zürich war es zu langweilig um zu halten. Auf der Straße nach Bern fuhren sie an vielen Seen vorüber, aber sonst war nicht viel schönes zu sehen. Denn es regnete bis nach Bern. In Bern assen sie ihr Mittagessen. Aber auch bis nach Lausane regnete es. Und in Lausane angekommen regnete es immer noch und es war überhaupt kein Ende abzusehen. Sie fuhren von Lausane um den halben See herum nach Genf. Es war vier Uhr als sie in Genf einfuhren. Da es im See viel zu kalt war zu kalt obwohl der Regen jetzt aufgehört hatte gingen sie in das Hallenbad baden. Um fünf Uhr gingen sie ins Bett.

Am nächsten Morgen schrieb Klingel den Fünftageplan. Er war als erster aufgestanden. Er brachte keinen brauchbaren Plan zusammen. Als Skwirel aufwachte dachte er sich: Es wird mir nach dem Frühstück sicher mehr einfallen. Klingel aß beim Frühstück Emmentaler und Skwirel Marmeladebrote. Plötzlich hatte Skwirel eine Idee: Gehen wir doch heute wandern. Diese Idee gefiel Klingel und so gingen sie zum Hafen und fuhren mit dem ersten Schiff nach Lausane. – Schon nach einer dreiviertel Stunde kamen sie in Lausane an. Sie gingen schnell und schon nach fünf Stunden saßen sie auf einem Berg und schauten auf Lausane. Doch da schaute Klingel auf die Uhr: „He, Skwirel, du mußt dich beeilen in fünf ein halb Stunden müßen wir wieder in Lausane sein damit wir das Sieben – Uhr Schiff noch erreichen.“ „Ach was“, sagte Skwirel (das sich nicht satsehen konnte) „bleiben wir noch ein bißchen. Fahren wir ersr Morgen nach Genf und übernachten in Lausane.“ „Wunderbar die Idee könnte von mir sein“, sagte darauf Klingel was so viel heißt wie „Ja“. Sie blieben noch ein bißchen ehe sie den Rückweg antraten. Um 20 Uhr ließen sie dich in ein Hotelbett in Lausane fallen, und schliefen sofort ein. Skwirel aß am nächsten Morgen Nußkuchen und Klingel schien der Emmentaler noch besser zu schmecken als am Tag zuvor. Erst nach einer halben Stunde hörten sie auf zu essen. Klingel bezahlte auch gleich das Zimmer. Kurz darauf gingen die zwei durch Lausane zum Hafen. Das Schiff nach Genf wollte gerade auslaufen. Sie waren fast die einzigen die jetzt nach Genf wollten sieht man von einer großen Ladung Käse ab. Den Klingel als Emmentaler identifizierte. Die Leute beim herfahren waren nicht so schwer wie der Käse und das Schiff hatte auch weniger PS. So daß die Reise fast eine Stune dauerte. Sie gingen dann gleich zu einem Strandbad, wo sie bis 17 Uhr blieben. Es gab auch Leihangeln dort Klingel fing drei Fische und Skwirel fünf. Bei einem Restaurant wo man das was man Grillen wollte mitbringen mußte grillten unsere Freunde ihre Fische. Es wurde noch ein sehr lustiger abend. Sie kamen erst um ein Uhr ins Hotel. Zum Frühstück kamen sie nicht mehr. Erst zum Mittagessen erschienen sie wieder in Eßsaal des Hotel’s. Heute könnten wir in Kino gehen. Es spielt ein Western. Die Wilden am R- See, sagte Klingel. Gesagt – getan sie gingen zum Kino. Als der Film aus war es war 14 Uhr. Sagten beide, wir fahren lieber weiter nach Frankreich, hier langweilen wir uns nur. So bezahlte Klingel schnell die Hotelrechnung dann fuhren sie los.

Ende des 1. Kapitels

2. Kapitel

In Frankreich

Schon nach zehn Minuten standen die zwei an der Grenze. So im Stau dachten sie über die weiter Reise nach. Sie einigten sich über die Rute: Genf – Chamonix – an der Italienischen Grenze nach Niza. In Chamonix schoß Skwirel viele Fotos vom Mont Plance. Sie fuhren kurz nach Italien. In Turin kauften sie ein ehe sie nach Frankreich zurückfuhren. Sie fuhren dann auf einer Hochbergstraße. Es war langweilig allein in 2000 Metern Höhe zu fahren. Aber wenn sie an den Verkehr in den Großstädten dachten waren sie gleich wieder fröhlich. In Monaco fühlte sich Klingel auf der Formel 1 Strecke wie Niki Lauda und raste herum. In Nizza aber etwas später kam er kaum in dem Verkehr vorwärts. Am Abend lagen sie in einer kleinen Pension am Stadtrand von Nizza. Am nächsten morgen nach dem Frühstück fuhren sie per Schiff nach Marseille, wo sie zwei Tage bleiben wollten. Aber es dauerte etwas länger als vorgesehen. Am ersten Tag fuhren sie mit einem kleinen Segelboot auf das Meer hinaus um einige kleinen Inseln zu erforschen. Als sie auf die erste kamen war für sie nichts besonderes an der Insel sonnst hätten sie sie nie betreten aber in diesem Augenblick war nichts davon zu sehen was in der Mitte der Insel war. Sie gingen also in einen großennWald hinein und fanden nach etwa einer Stunde einen eingang zu einer Höle die sehr groß war aber auf keiner Karte zu sehen war. Als sie etwa 20 Meter gegangen waren kamen sie zu einem Schild mit der Aufschrift Heilquelle Sant John…

Nachwort

An dieser Stelle habe ich anscheinend nicht mehr weiter gewußt. Bis nach Romanshorn konnte ich noch auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, die restlichen Infromationen sind dem Autoatlas entnommen. Nach der etwas eintönigen Reiseschilderung wollte ich offensichtlich auf eine spannende Abenteuerhandlung umschwenken. Nun werden wir wohl nie erfahren, was mit den beiden auf dieser geheimnisvollen Insel passiert ist. Erinnert mich irgendwie an das „Blair Witch Project“ – ich war meiner Zeit eben immer schon voraus.

© Peter Heissenberger

Der Hamletburger

Zehn Minuten -Schauspiel nach
klassischem Vorbild

Vorgeschichte:

Dieses Stück wurde von mir für den „10 – Minuten Hamlet“ Wettbewerb des Grazer „Theater im Bahnhof“ im März 2000 geschrieben. Vorgabe war, den klassischen Hamletstoff in einer beliebigen Form in zehn Minuten zu präsentieren. Aufgeführt habe ich das Stück dann selbst und zwar allein: Nachdem ich den Text auf Kassette gesprochen hatte habe ich alle sechs Rollen gespielt und dabei versucht mich in der Interpretation meiner Darstellung an den übertriebenen Gesten der frühen Stummfilmschauspieler zu orientieren. Vor allem bei der Fechtszene mußte ich sämtliche Schubladen meines beschränkten schauspielerischen Talents ziehen, hatte aber zumindest die Lacher auf meiner Seite und wurde am Ende Zweiter der Jurywertung.

Personen:

Josef Prinz (von allen seit seiner Kindheit nur „Hamlet“ genannt)
Klaus, sein Onkel
Pole, der Geschäftsführer
Lars, Sohn des Polen
Ophelia, seine Schwester
Trude, Josefs Mutter

Ort:

Die Küche einer Raststation an der Autobahn Helsingör / Kopenhagen. Josef Prinz, der Sohn des unlängst verstorbenen Besitzers bei der Arbeit. Er arbeitet als Koch in der Raststation, die inzwischen von seinem Onkel Klaus geführt wird. Zusätzliche Pikanterie erhält die Situation durch die Tatsache, daß dieser Onkel Josefs Mutter, also die Witwe seines eigenen Bruders, nur wenige Monate nach dem Tod ihres Mannes geheiratet hat.

Einziger Aufzug:

Josef zerkleinert mit einem Metzgerbeil einen Berg Hammelfleisch um daraus Hammelfleischlaibchen zu machen. Das im Hintergrund laufende Radio bringt eine Verkehrsmeldung:

Radio: „Achtung, Achtung! Auf der Autobahn Helsingör / Kopenhagen kommt ihnen ein Geisterfahrer entgegen. Bitte bleiben sie rechts und überholen sie nicht.“
Josef: „Immer diese verdammten Geisterfahrer! Noch nicht einmal ein halbes Jahr ist es her, daß mein eigener Vater von so einem Wahnsinnigen von der Straße gedrängt worden ist. Zwei Stunden haben sie gebraucht, um seine Leiche aus dem Wrack zu schneiden. Das war kein schöner Anblick: Die Antenne hatte sich mitten durch sein Ohr gebohrt. Aber den Geisterfahrer haben sie nicht erwischt.“
Er schlägt mit dem Beil energisch auf das Stück Fleisch ein.
Josef: „Aber das Leben geht ja weiter. Nicht war Mama? Aber warum ausgerechnet meinen Onkel? Die schnellsten Entscheidungen müssen eben nicht immer die besten sein. Diesen versoffen Kerl mußte sie heiraten. – Der fährt schon seit Jahren ohne Führerschein durch die Gegend, den hätte es ruhig erwischen können, nicht meinen Vater. Der hätte er verdient. – Ach, was soll’s.“
Er hackt weiter.
Josef: „Ich versteh ja, daß sie nicht ewig allein bleiben konnte. Wer will das schon? Aber Onkel Klaus? Wenn er wenigstens ein bißchen mehr Ähnlichkeit mit meinem Vater hätte, dann verstünde man vielleicht warum. Aber so? – Wie hat er vor der Hochzeit so schön gemeint?“ (verächtlich) „Ich hoffe, daß sich dadurch nichts ändert zwischen uns Hamlet.“ (gespielt zuckersüß) „Aber natürlich nicht ‘Onkter’, oder sollte ich besser sagen ‘Vankel’?“ (wie vorher) „Pah! Auf einmal spielt er sich hier auf wie der große Macher. Veranstaltet einen Riesen Empfang für die Rosenstern & Güldenkranz Versicherung und ich kann hier unten Hammelburger machen, bis ich schwarz bin. Weil er nämlich keine Ahnung davon hat. Dabei sind die Hammelburger unsere Spezialität. Aber die hat natürlich mein Vater erfunden – darum war er auch der Burger-King. Nur der Name, der ist von mir. Da war ich drei oder vier damals und soll gebrabbelt haben: ‘Mmmhm! Hamletbörger!’ Und was soll ich sagen, der Name ist bis heute geblieben: ‘Hamletburger’ , steht sogar auf der Speisekarte – und zu mir sagt jeder Hamlet. Na ja. Das werd’ ich wohl nie mehr los.“
(Auftritt Onkel Klaus)
Klaus: „Alles klar Hamlet?“
Josef: (mürrisch) „Danke der Nachfrage.“
Klaus: „Gut, mein Junge. Du weißt: Der heutige Abend ist sehr wichtig für uns, vielleicht können wir dann öfter solche Empfänge veranstalten.“
Radio: „Achtung! Wir wiederholen die Geisterfahrermeldung: Zwischen Helsingör und Kopenhagen kommt ihnen auf der D1 noch immer ein Auto entgegen. Bitte fahren sie weiterhin vorsichtig.“
Klaus schließt die Augen, wird ganz blaß, kommt leicht ins Schwanken und muß sich mit der Hand an Josefs Arbeitsplatte abstützen.
Josef: „Was ist denn los?“
Klaus: „Ni – nichts. Ich mußte nur gerade an deinen armen Vater denken.“
Josef: „Dann ist es allerdings nicht erstaunlich, daß dir schlecht wird.“
Klaus: (Gewinnt seine Fassung wieder) „Wie meinst du das?“
Josef: „Das weißt du doch genau.“
Klaus: „Aber Hamlet. Das haben wir dir doch schon tausendmal erklärt, deine Mutter und ich. Schau, wir … ach, ich bin heute nicht in der Verfassung, mit dir zu streiten.“ (geht schnell ab)
Josef: „Da geht er dahin. Ist es nicht unglaublich, wie er auf jetzt auf Mitleid macht?“
(hackt gedankenverloren auf den Hammel ein)
Josef: (nachdenklich) „War aber schon komisch, wie er eben reagiert hat. .. Sehr komisch sogar. Fast ein bißchen schuldig. …Hm!“
Er hört zu arbeiten auf und tritt mit dem Beil in der Hand vor den Tisch.
Josef: „Kann es sein, oder kann es nicht sein? Ist er nicht an jenem Abend gerade aus seinem Auto gewankt, als ich das Haus verließ? Und war das nicht kurz nach dem Unfall meines Vaters. Nur wenige Minuten später sogar? So viele Minuten etwa, wie man von der Unfallstelle zu unserem Haus braucht? Und hat er da nicht genau so blaß ausgesehen?“ (schreit auf) „Es ist doch so klar! Natürlich! Oh, dieser verdammte Saufkopf! Dieser Verbrecher dieser .. Mörder!“
(Auftritt des Polen)
Pole: „Hallo Hamlet!“
Josef: (fährt herum und hebt sein Beil, während er brüllt) „Wer?“ (läßt das Beil sinken als er den Polen erkennt) „Ach.“
Pole: „Uh! Du hast aber miese Laune. Hast dich wohl wieder mit meiner Tochter gestritten, was?“
Josef: „Wie? Äh, … Ja, wahrscheinlich.“
Pole: „Jaja, das hat sie von ihrer Mutter. Mach dir nichts d’raus. Wollte sowieso nur schnell schauen, wie weit du schon bist. – Na ja. Ein bißchen Beeilung könnte nicht schaden, die Gäste kommen schon bald. Paß auf, daß das Fett nicht zu heiß wird.“
Josef: (mit den Gedanken ganz woanders) „Wie? – Ja, gut.“
(Pole geht ab, Josef wieder alleine.)
Josef: „Es ist unglaublich. Mein Onkel, der eigene Bruder. Und steht dann daneben, mit Tränen in den Augen – und meine Mutter! Oh diese verdammte Brut, wenn ich die zwischen die Finger kriege, dann mache ich was anderes aus denen als Hammelburger.“
(Starrt gebannt auf das Beil in seiner Hand, würde es gerne irgendwo hinwerfen, weiß aber nicht wohin.)
männliche Stimme: „Hamlet?“
(Josef fährt herum, und schleudert sein Beil in Richtung der Stimme)
Josef: „Du Brudermörder!“
(Das Beil trifft den gerade durch die Tür tretenden Polen am Kopf und spaltet ihm die Stirn. Der Pole sinkt leblos zu Boden. Josef erkennt seinen Fehler und stürzt auf den Sterbenden zu.)
Josef: „Pole! Oh, nein!“
(Auftritt Lars)
Lars: „Vater! – Was hast du getan Hamlet?“
Josef: „Es war ein schrecklicher Unfall.“
Lars: (Indem er nach dem Beil im Kopf seines Vaters greift) „Du Mörder!“
(Lars nimmt das Beil an sich und will sich damit auf Josef stürzen)
Josef: „Lars! Bitte beruhige dich!“
(Josef weicht zurück und nimmt dabei ein langes Messer vom Tisch.)
Josef: „Lars, laß mich doch erklären!“
(Lars stürmt auf Josef zu, ein Kampf entbrennt. Josef versucht sich zunächst nur zu verteidigen, doch nach den ersten Verletzungen stößt auch er auf Lars ein.)
(Auftritt Ophelia)
Ophelia: „Lars! – Hamlet! – Was ist los mit euch? – Vater? Vater!“ (hysterisch schreiend) „Vater!!!“ (Sie wirft sich über die Leiche, während sich die zwei Streitenden bereits blutüberströmt am Boden wälzen)
(Auftritt Trude, Klaus.)

Klaus: „Was wird hier gespielt?“
Trude: „Hamlet!“
(Josef und Lars stehen einander gegenüber. Lars bricht, mit Josefs Messer in der Brust, sterbend zusammen.)
Lars: „Aaaah!“
(Josef betrachtet die Tiefe Wunde, die Lars Beil hinterlassen hat und stirbt dann ebenfalls)
Josef: „Verdammte Scheiße! Und der Rest ist Schweigen.“
Trude: „Hamlet! Mein Sohn!“

(Das von Hamlet zu lange unbeaufsichtigt gelassene Fett in der auf Höchststufe laufenden Friteuse entzündet sich mit einem lauten Knall. Eine Feuerkugel erfüllt den Raum und tötet alle noch lebenden Anwesenden.)

Das Restaurant wird – mangels lebender Erben – von einer norwegischen Kette aufgekauft.

Ende

Man beachte die ungewollte Doppeldeutigkeit des Dialogs: „Was wird hier gespielt?“ – „Hamlet!“

© Peter Heissenberger

Hinterland

Ein Adler stürzt vom Himmel, packt seine Beute und fliegt mit schweren Flügelschlägen wieder davon.

Auf der anderen Seite des Hügels spiegelt ein grauer Bus die tiefstehende Sonne, die noch eine halbe Stunde von dem entfernt ist, was eine mittelmäßig eingefärbte Abendstimmung zu werden verspricht. Aber für so etwas hat der alte Mann am Felsen sowieso kein Auge. Er war nie ein Mann der Augen gewesen, weder damals noch heute.

Er ist zu diesem Aussichtspunkt hinaufgeklettert, weil es von ihm erwartet wurde. Langsam, den anderen seine Verachtung leise hinterher fluchend, weil unten zu bleiben auch keinen rechten Sinn gemacht hätte. Außerdem sollte bloß keiner denken, dass er es nicht mehr schaffen würde, er mochte jetzt alt sein, aber woher glaubten die, hatte sein Enkel die sportliche Statur?

Als junger Mann hat er die Filme der Leni Riefenstahl im Kino gesehen und sein Leben lang davon geträumt.

Jener Enkel bereut schon lange, die Reise gebucht zu haben. Sie war den Athleten für die Woche nach olympischen Spiele angeboten worden, griechisches Hinterland / Peloponnes. Damals hatte er sich schnell entscheiden müssen, dabei hätte ihm eigentlich klar sein müssen, dass man den Großvater keine Woche lang in einen Bus voll Ausländer pferchen darf. Da kommt dann immer nur die alte Schule zu Tage.

Ohne den Grund zu erkennen denkt der Alte plötzlich an Schildkrötensuppe. Hält das Gesicht in den Wind und denkt an den Geschmack von Schildkrötensuppe, die er nie in seinem Leben gegessen hat.

Auf einmal sieht er sein altes Wohnzimmer, die alte Couch, die immer schon alt und den alten Teppich, der sehr wohl einmal neu und wertvoll gewesen war. Über diesen Teppich war der Graubler gelatscht, hatte sich in jene Couch gelümmelt und seine Frau hatte kein Wort gesagt. Kein Wort über die schmutzigen Schuhe, den Dreck, den er bei jedem Schritt verloren hatte. Stumm hatte sie im Eck gestanden – für ein einziges Mal in ihrem Leben ohne Worte.

Der Enkel betrachtet den Großvater von der Seite. Leichtathlet, StuKa Flieger, dann Oberstudienrat, Mathematik und Physik – lange schon im Ruhestand. Jeden Zentimeter alte Schule – immer wieder peinlich.

Unbemerkt von den beiden trägt der Adler seine schwere Last nach oben. Die Beute tut, was ihr der Instinkt von abertausend Generationen gelehrt hat, sie wartet ab, zieht sich tief in ihre uneinnehmbare Festung zurück, nicht ahnend, dass Darwins Selektion ihrem Gegner längst die besseren Karten in diesem Duell zugeteilt hat.

Geredet hatte damals allein der Graubler. Der alte Mann hatte sich nur gefragt, wer dieser Kerl eigentlich war, der das Wohnzimmerbodenheiligtum seiner Frau so ungestraft entweihen durfte und jetzt über Schildkrötensuppe sprach, als sei es das Wichtigste der Welt.

Wie gut sie ihm doch einmal geschmeckt habe und dass der Sepp, wenn er dann in Argentinien angekommen war, natürlich nicht als erstes, aber doch irgendwann, ihm bitte ein paar Dosen besorgen solle. Als ob es nichts anderes zu besprechen gegeben hätte, im Wohnzimmer einer Familie, die gerade dabei war, ihren einzigen Sohn zu verlieren.

Wenn Freddy Quinn im Radio vom Heimweh singt, muss der Alte heute noch weinen.

Der Enkel sieht den aufgebrochenen Schildkrötenpanzer sehr wohl, der da vier Meter vor ihnen zwischen den Felsen liegt. Zuerst denkt er an die resche Wurstsemmel aus einem alten Volkschulwitz. Dann aber gleich an einen Bären, von dem er allerdings nicht annimmt, dass er am Peloponnes heimisch ist. Eine Karate gelehrte Springmaus kann das aber auch nicht geschafft haben. Vielleicht ein Hund mit Dosenöffner. Er sieht sich vorsichtig um und hofft, das dieser Jäger streng nachtaktiv ist.

Der Großvater hat den Graubler nur einmal wieder gesehen. Für ein paar Augenblicke auf einem überfüllten Marktplatz, damals war der Sepp schon zwei Jahre tot gewesen. Er war stehen geblieben, der Graubler weiter gegangen, hatte ihn wahrscheinlich gar nicht erkannt, vielleicht war aber auch die nie erhaltene Schildkrötensuppe der Grund für das Übersehen gewesen.

Inzwischen hat der Adler hat sein Ziel fast erreicht.

Wenn er auch kaum noch sehen kann, dieses Bild wird der Alte nie vergessen. Er, seine Frau, sein Sohn, alle drei wortlos vor Schmerz, dazwischen dieser kaum-Bekannte, den er nie vorher und nur einmal danach bewusst wahrgenommen hatte. Der aber redete ohne Unterlass, und als er dann endlich gegangen war, hätte man ihn sofort wieder zurück gewünscht. Sollte er doch ruhig stundenlang über Leberknödel- und Lungenstrudelsuppe philosophieren, wenn er nur diese schreckliche Stille vertreiben konnte.

Und dann ist das Taxi gekommen.

Einmal hat er Freddy Quinn im städtischen Freibad gesehen, bei der Wende sogar kurz mit ihm gesprochen, hatte von dem Konzert gar nichts gewusst, versprochen, sich sofort eine Karte zu kaufen. Lange schon ausverkauft hieß es und dann war der Freddy weiter geschwommen. Wer hatte auch schon in der Badehose etwas zum Schreiben dabei.

Seinen Enkel hat der alte Mann zum ersten Mal im Alter von sechs Jahren gesehen. War mit seiner Mutter aus Argentinien gekommen um auf eine Österreichische Schule zu gehen. Wer denn der Junge sei, der auf all den Fotos im Haus der Großeltern zu sehen sei, hat er unschuldig gefragt. Da haben sie dann alle verschämt zu Boden gestarrt.

Irgendwann, es mag 15 Jahre her sein, hat der Enkel im Readers Digest einen Artikel über die schlauen Jagdgewohnheiten mancher Tiere zu lesen begonnen, war dann aber von einem Telefonanruf unterbrochen worden und so nie zu den Adlern des Peloponnes gekommen und wie sie ihre Hartschalenbeute aus großer Höhe auf Felsen knallen lassen, sonst wäre er wohl nicht so ruhig vor jenem Schildkrötenpanzer sitzen geblieben.

Dass allerdings weltweit mehr Menschen von zu Boden fallenden Cocosnüssen als von Haien getötet werden, das hat ihm erst unlängst ein Freund erzählt.

Nach einem Jahr war sie dann wieder weg, die Mutter und Schwiegertochter, die sowieso nichts wert gewesen war. Sie haben den Buben aufgezogen wie seinen Vater vor ihm und da soll ihnen nur ja keiner einen Vorwurf draus machen. Oder kommt heute etwa schon jeder zu den olympischen Spielen?

Der alte Mann dreht sich zur Silhouette des Enkels und lächelt stolz.

Als er die Riefenstahl eines Tages aus einem deutschen Autobahnrestaurant kommen gesehen hatte, war sein Kugelschreiber im Auto und eh er damit zurück, sie längst weitergefahren.

Hundert Meter über den beiden geht die Reise für den Passagier derweil zu Ende. Der Adler öffnet seine Krallen.

Fast hätte der Enkel das Papier in seiner Hand vergessen. Hat auf dem Anstieg das Autogramm des Italieners besorgt. Der war nämlich Olympiasieger. Trotzdem hätte der Großvater den sicher nie gefragt. Schon allein wegen Südtirol und so.

Niemand schaut nach oben, dabei würde der alte Mann das Schauspiel über seinem Kopf sicher bewundern. Vor allem wie der Vogel  seiner Beute jetzt hinterher stürzt. Die Ju 87 im Sturzflug, das ist in der siebten Klasse immer sein Lieblingsparabelbeispiel gewesen, wenn sich einige dieser modernen Eltern auch beim Direktor über seine Geschichten beschwert haben.

Natürlich konnten da auch Flüchtlingskolonnen dabei gewesen sein. Der Feind musste erst recht im Hinterland geschwächt werden.

Der Enkel reicht dem Großvater den unterschriebenen Zettel. Der greift danach und zieht die Brille mit den dicken Gläsern aus der Jackentasche.

Die Erdbeschleunigung hat den Panzer längst zum tödlichen Geschoss gemacht.

Für einen Augenblick war man nach dem Hochreißen immer bewusstlos. Damals hat er das weggesteckt und keine Fragen gestellt. Heute wird ihm schon schwindlig, wenn er schnell aufstehen muss, so wie jetzt, reflexartig, weil mit der Brille sein Kugelschreiber aus der Jacke gefallen ist.

Aus manchen seiner Fehlern hat er schon gelernt. Nie mehr unbewaffnet. Was, wenn jetzt plötzlich Nana Mouskouri ums Eck gekommen wäre!

Er macht einen unsicheren Schritt und bückt sich nach seinem Jagdgerät, als hinter ihm eine zweiundachtzig Jahre alte Schildkröte laut krachend und spektakulär ihr Leben beendet.

Die Köpfe der ganzen Gruppe fahren erschrocken herum. Ein Panzersplitter streift den Enkel am Unterarm. Verwirrung aller Orten. Ungläubig dazwischen nur ein Mann mit einem Kugelschreiber.

Quadratur des Lebenskreises für Mathematiker nicht möglich.

© Peter Heissenberger

Beim Hofer war’s

Diese Kurzgeschichte habe ich Anfang Jänner 2001 geschrieben und bei der Lesung
„Who the fuck is GrAuKo“ am 19.1.2001
nur auszugsweise gelesen, da wir unsere Lesezeit auf 10 Minuten beschränkt hatten.
Hier nun der vollständige Text:

Es ist sein letzter Arbeitstag im alten Jahr – der letzte Tag in seinem ersten Arbeitsjahr. Der 23. Dezember – ein Samstag. Heiliger Abend, Sylvester somit ein Sonntag, Dreikönig wieder ein Samstag, drei verlorene Feiertage also. Tatsachen die zum ersten mal seit seiner Schulzeit wieder richtig Bedeutung für ihn haben. Während des Studiums gab es das nicht. Manchmal lernte er auch am Wochenende, dann tat er wieder ganze Wochen lang nichts – es gab keinen Druck, außer dem, den er sich selbst machte.
Aber jetzt kennt er es wieder, das Gefühl des freien Wochenendes in seinem scharfen Kontrast zur monotonen Pflicht der Arbeitstage. Aber andererseits auch die Möglichkeit, ganz abzuschalten, die Arbeit wie einen Mantel an der Garderobe bei der Bürotür abzugeben. Das Unerledigte soll über die Feiertage ganz allein das Problem der Firma sein. Schließlich haben sie einen fein säuberlichen Vertrag geschlossen: Er gibt ihnen 38 Stunden seiner Zeit, das jede Woche und sie zahlen dafür seine Wohnung, sein Essen, sein Auto, seine Pensionsversicherung und seine fünf Wochen Urlaub im Jahr. So ist der Deal, eine engere emotionale Verbindung wird es nicht geben. Nie soll ihn seine Arbeit bis nach Hause verfolgen, hinein in seinen Feierabend, in sein Bett. Nie will er eine Verantwortung spüren, die es für ihn nicht gibt.
Viel zu viel hat er gesehen, viel zu vielen ist es schon so ergangen. Haben nicht energisch genug auf ihren Deal gepocht, haben die Arbeit aus ihrem Käfig gelassen, Stück für Stück von ihrer Seele verkauft. Nur um dann zu spät erkennen zu müssen, daß es einem nie gedankt wird: „Was? Sie haben uns ihre Seele gegeben? Wie dumm von Ihnen! Haben Sie einen Vertrag?“
„Driving home for christmas!“, er haßt dieses Lied und wechselt rasch den Sender. Wie gerne würde er jetzt auch die Fahrspur wechseln, doch er steht fest gezwängt im Rush-hour Stau der Im-letzten-Moment-noch-unbedingt-einkaufen-Müsser. Vorne kann er schon die etwas altmodische Reklametafel des Supermarktes sehen, wie soll er da je einen Parkplatz finden?
Sein Vater ist in seinem Job aufgegangen, wie man so schön sagt. Zuerst aufgegangen und dann darin vergangen, hat alles für die Firma geopfert. Für seine Firma, dieses übergeordnete Monster, das immer mehr zu sein vorgab als die Summe seiner Mitarbeiter, das zur Unterordnung, zum Verzicht auf das eigene Glück aufrief. Irgendwie kann diese Rechnung gar nicht aufgehen: Jeder verzichtet auf sein persönliches Glück, und dadurch sollen dann am Ende alle glücklich werden? Erfolgreich vielleicht, aber auch das nur als Teil der Firma, die allerdings am Ende auf einen .. – Nein, er will jetzt nicht „scheißt“ sagen, nicht im Spätadvent. – …die also diese Opfer nur zu gerne akzeptiert und einem am Ende einfach schluckt.
Der Physiker in ihm sträubt sich: Wo ist es dann hin, das ganze persönliche Glück? Verpufft etwa, durch den Schornstein der Fabrik?
Nein, ihm würde es nie so gehen und damit auch genug nachgedacht über die Arbeit! Schließlich war morgen Weihnachten und nicht der 1.Mai.

Fünf Minuten später hat er nach heroischem Kampf Parkplatz und Einkaufswagen ergattert. Hat einem Typen vorschnell Zehn Schilling fürs Pfand gegeben und zu spät erkannt, daß nur ein Fünfer im Schloß steckt. – Über den Tisch gezogen beim Einkaufswagenpfand? Warum macht jemand so etwas? Und wie oft gelang ihm das wohl ohne verprügelt zu werden? War so ein Verdienst eigentlich einkommenssteuerpflichtig? – Fünf Schilling – mein Gott! Bei seinem Stundenlohn muß er dafür – wie lange? – Ja, zwei Minuten vielleicht, arbeiten. Trotzdem wurmt es ihn. Wer ist schon gerne der naive Durchschnittsbürger, der in seiner trägen Unaufmerksamkeit von einem coolen Ganoven so einfach ausgetrickst wird?
Andererseits konnte es auch ein Versehen gewesen sein. In dem Trubel merkt sich doch keiner, in welchen Schlitz er vor einer halben Stunde seine Münze geschoben hat.
Er lächelt wieder. Sicher: Es war ein Versehen, und außerdem kann er es ja nachher genau so machen. Auge um Auge, Zehner um Zehner.

Einmal noch tief durchgeatmet und dann hinein getaucht in den Strom der Konsumwilligen! Konsum und Hofer? Späte Fusion mit einem Verstorbenen? Ein kurzer Gedanke nur, der ihn schon wieder verläßt, als er erkennen muß, daß seit seinem letzten Einkauf hier alles umgestellt worden ist. Leichte Panik macht sich breit. Die routinierten Wege müssen neu ausgekundschaftet werden. Wie soll er in diesem Gewühl je den norwegischen Lachs geräuchert, den Sahnekren und die 20%ige Diät – Mayonnaise finden? Jawohl NNAISE, so geschrieben wie es sich gehört, nicht NÄSE. 100%ige Nässe gibt es draußen genug.
Erst diese linke Rechtschreibreform mit ihren Mayonasen, den 20%igen und den 80%igen Mayorüsseln, die dann von über – ambitionierten Supermarktleitern, die ausgerechnet im Advent ihre Autorität beweisen müssen, auch noch in den zweiten Quergang links, neben das Ketchup verbannt werden. Ketchup – ob das wohl noch dort stehen wird, wenn man es längst schon anders schreibt?
Ein Mensch wie er ist einfach nicht für diese hektische Zeit geschaffen. Er ist kein Freund des schnellen Wandels, er liebt Beständigkeit, Werte auf die man sich noch verlassen kann, sein Weltbild ruht auf tiefen Fundamenten.
Und damit steht er wieder im Stau. Irgendwo da vorne, hinter den hoffnungslos ineinander verkeilten Einkaufswagen gibt es Sekt. „So billig, wie sie ihn noch nie gesehen haben!“
Rien ne va plus. Nessun – weita? – Ja, Italienisch hätte er immer schon gern gekonnt: Andiamo amici prego!
Jetzt ist er schon 15 Meter weit ins Geschäft vorgedrungen und hat noch keinen einzigen Artikel aus dem Regal genommen. Sicher beobachten ihn die anderen längst verwundert:
Wer ist der Typ dort, der mit dem leeren Einkaufswagen? Ein Verwirrter? Ein Supermarktdetektiv? Einer, der nur wegen dieses einen Super Mega Sonderangebots gekommen ist, von dem ich noch nichts weiß? …
Er zieht den Kopf ein, stellt den Detektivkragen seines Mantels auf und schaut nach links und rechts, doch dort hat man nur Augen und Worte für den Stau:
„Hearst? Geht’s da vorn endlich amal weiter, ihr Weihnachtsmänner?“
Wenigstens ein nettes Schimpfwort, wenn es so etwas überhaupt gibt.

Doch plötzlich reißt der Stau auf! Einkaufswagen werden unsanft zur Seite bugsiert, ein ausladendes Hausfrauenhinterteil elegant umschifft. Er legt ein Kilo Reis in seinen Wagen. Alibikauf! Aber Reis kann man immer brauchen! Und dazu eine frische Freilandgurke –
Wieso eigentlich Freilandgurke? Aus artgerechter Bodenhaltung etwa? Warum konnte man in seiner Jugend trotz all der antikommunistischen Propaganda ausgerechnet immer polnische Freiland – Gurken kaufen. Wo doch nur Österreich frei war!
Ganz Österreich? Nein, ein kleines Rudel Aufrechter hält ihm weiterhin den Weg zu den Tiefkühlvitrinen beharrlich versperrt und so weicht er nach links aus, vorbei an den zerwühlten Wühltischen für Sonderartikel, wie sie heutzutage in keinem Lebensmittelmarkt mehr fehlen dürfen: Nasenhaartrimmer, Aktenvernichter, formschöne Strapazierhosen für den modebewußten Rhinozerosreiter von heute. Kurzum Dinge, bei denen man sich fragt, wie man bislang ohne sie hatte auskommen können, vor allem, wo hier alles doch sooo billig ist. – 300 farbige Heftklammern im Glas! Damit wären auch seine Urenkeln noch versorgt.
Eigentlich fehlen jetzt nur noch diese freundlichen Konsum-Motivations-Informationsdurchsagen zu seinem Glück:
„Vergessen sie nicht unser Angebot der Woche, beim Kauf von vier Dosen Mischgemüse erhalten sie das Polaroid einer Feldtomate gratis.“
Das Angebot der Woche! Wie das schon klingt, ungefähr so überladen wie: Das Gebot der Stunde! Da hat er schon ganz andere Gebote gehört, die, die mit „Du sollst nicht….“ beginnen. Aber waren das dann nicht Verbote – das hat er sich eigentlich immer schon gefragt. Andererseits, wie klingt denn das? Die zehn Verbote? So gesehen ein kluger Marketing Schachzug – wär’ sicher ein hervorragender Supermarktmanager geworden der alte Moses. Man muß seine Thesen eben mit der nötigen Autorität vorbringen, gottgesandt, eingemeißelt in Steinplatten, das wäre auch in der heutigen Zeit mit ihrer Reizüberflutung und der von allen Seiten auf uns einprasselnden Reklame wichtiger denn je:
„Du sollst keine japanischen Autos kaufen!“
„Du sollst keine andere Schokolade essen als meine!“
„Du sollst nicht begehren die Produkte der Konkurrenz!“
„Du sollst mit keinen gefälschten Designerprodukten protzen vor Deinem nächsten!“
„Du sollst nicht töten!“
„Du sollst die österreichische Alpenmilch ehren, auf das Du wohl gedeihest!“
Moment, Halt! War da nicht was dabei, das wichtig war? Verdammt! Jetzt hat er nicht aufgepaßt!

Kaufen, Kaufen, Kaufen, rund um ihn gehen die Einkaufswagen in die Knie. Er läßt sich treiben als würde er gar nicht dazu gehören. Als sei er selbst einer jener Konsumartikel, einer den keiner will, ein Ladenhüter. Was passiert eigentlich mit einem Geschäft, wenn jemand den Ladenhüter kauft? Geht es dann pleite oder brennt es nieder, das unbehütete Geschäft?

Damit hat er seine erste Runde vollendet, eine Dose Cocktailkirschen und ein Dutzend marinierte Austern gekauft, beides reine Zufallstreffer. Wenn er sich weiter derart ablenken läßt, dann ist er zu Sylvester immer noch hier. Mit einem kühnen Sprung flüchtet er in eine enge Nische zwischen Fertigpüree und Hühnersuppe. Ein rettender Hafen im immer dichter werdenden Strom – das Auge des Orkans. Durchatmen!
Am liebsten würde er seinen Wagen stehen lassen, sich durch eine Oberlichte zwängen, nach draußen abseilen und auf eine Essenslieferung vom Weihnachtsmann hoffen. Am 23. Dezember geht doch niemand mehr einkaufen, da sind die Geschäfte viel zu überfüllt.

Jingle bells, jingle bells.. „Grüß Gott!“ 6.90, 7.90, 3×12.90, 7.90 – kann der nicht schneller machen, bis der endlich seine Milch im Wagerl hat staut sich schon das halbe Band. Jingle bells, jingle bells. Na endlich! 12.90, 8.90, 1-2-3-4-5 mal 5.90, Sonderartikel Strickhandschuhe 79.90. jingle bells, jingle bells“
Seit sieben Jahren sitzt sie nun schon an dieser Kasse. Aus dem Job, der eigentlich nur helfen sollte das Tief im Medizinstudium zu überbrücken ist längst eine Einbahnstraße geworden. Eine Hand am Band, eine Hand an der Kasse. -„7.90, 5.90, 12.90,“ – Sie ist zur gut geölten Maschine geworden. Bestaunt, manchmal sogar gelobt: „Wie sie sich das alles merken und so schnell eintippen, Fräulein, also da kommen diese modernen Computer Dinger nicht mit, sie wissen schon, die mit den Strichen und so. Also was ich mich da schon geärgert habe.“
Lächeln, „Danke!“, der nächste Kunde wartet schon ungeduldig.
Wen interessiert es schon, daß sich die Maschine in ihr schon lange nicht mehr abstellen läßt. „5.90, 7.90, 11.90. macht zusammen 755.90.“ – „Danke und 90.“ – „Schönen Tag noch und 90.“ – „Endlich Feierabend und 90.“ – „Wir sehen und dann morgen und 90.“ – „Komm gut nach Hause und 90.“ – „Ich schlafe in letzter Zeit kaum noch und 90.“
Es gibt keinen Netzstecker zu ziehen, keine Lider zu schließen, ihre Nächte, ihre Träume, sind ein endloses Förderband aus versäumten Gelegenheiten. Franz – 11.90, Faschingsprinzessin der dritten Klassen – 150.90, Anatomieprüfung im dritten Versuch – 20.000.90, Egon – 1.90? 0.90? „Ach, für den müßten Sie eigentlich noch etwas kriegen, nehmen Sie ihn nur ja schnell mit.“ Warum kaufen diese gesichtslosen Menschen nur immer wieder die selben Dinge?

Endlich ist ihm seine Liste eingefallen. Wozu hat er die heute morgen eigentlich geschrieben? Männer sollten einfach nicht einkaufen gehen. Das muß so eine Art Gendefekt sein.
Aber jetzt! Den Wagen wird er in der Nische stehen lassen. Als Infantrist ist er in diesem Dschungel sowieso besser dran. Er spürt archaische Kräfte, endlich wieder Jäger und Sammler! Längst verloren geglaubte Triebe werden wach – die nächsten beiden Wochen wird er sich sicher nicht rasieren.
Erste Beute: Zwei Kilo Orangen – die Nasangen sind anscheinend noch nicht reif.
Er singt:
„Ich wurd’ geboren mit ‘nem Lächeln im Gesicht, die ganze Welt, die ist mein Freund, oh – ja!!“
Na ja, das klingt auf Englisch irgendwie besser oder einfach nur halb so blöd.
Leise summend tänzelt er auf sein nächstes Ziel zu: Äpfel – zwei Kilo im Plastiksack. Ein schneller Griff – erwischt! Auftrag Obst erfüllt, zurück damit zur Basis und dann weiter zum Fleisch.
Links, rechts, flinke Bewegungen, eine volle Drehung, ein kleiner Sprung, Schritte, wie er sie seit der Maturaballpolonaise nicht mehr gegangen ist.
„Got a dance!“ Fred Astaire ist tot, Gene Kelly ist tot, aber ihm geht es blendend.

Hat er möglicherweise das Schild übersehen auf dem für alle anderen ganz deutlich steht: „Freundliches Gesicht machen bei Strafe verboten.“ Was haben die sich denn erwartet? Drängen eine Stunde vor Feiertagsladenschluß mit einer halben Milliarde anderer in einen deprimierenden Betonflachbau und wundern sich dann, daß ihnen das keinen Spaß macht. Der dort drüben zum Beispiel, der mit dem Lodenmantel und dem Gamsbarthut, ist der nicht zum Schießen? Weidmannsheil, Herr Graf, das Rehgulasch liegt in der dritten Truhe.
Oh Gott, diese Menschheit ist verloren!

Zwei Stunden noch! Ihr macht es nichts aus, auch heute zu arbeiten. Besser als zu Hause zu bleiben – allein. „Guten Tag.“ Ein rascher Blick in den Einkaufswagen, ist eh schon lange nichts mehr vorgekommen. „5.90, 12.90, 17.90″
„Entschuldigung. Können sie nach dem Toilettenpapier vielleicht eine Zwischensumme machen? Ich weiß nicht, ob ich genug Geld dabei habe.“
Sie nickt. Schon wieder so eine. Indirekt – Einkäuferin. Warum kommen die nicht gleich ins Geschäft und sagen: „Was kostet das alles, was sie hier haben?“ – „38 Millionen gnädige Frau.“ – „Gut, dann gehen sie bitte mit und ich sage ihnen, was ich alles nicht nehme.“ Immer Lächeln!
Mit dem Toilettenpapier um 39.90 macht das genau 273.70.
Natürlich hat sie nicht genug Geld dabei, die dumme Pute, dabei liegen da noch gut 150 Schilling auf dem Band. Zweihundert hat sie, also knapp die Hälfte, das ist wirklich ein starkes Stück, so gut kann sogar ein Blinder schätzen.
Die nächste Kundin ist offenbar die Mutter. „Hab ich’s Dir nicht gleich gesagt Hilde? Wissen Sie was, Fräulein, lassen sie mich vor, dann weiß ich wie viel mir übrig bleibt, für meine Tochter.“
„Gerne!“ Sie versucht ruhig zu bleiben, vielleicht sind das ja Kassenkontrollore. Immer freundlich bleiben zu den Kunden. Lächeln!

Er steht an der Kasse und wieder geht nichts weiter. Dabei liegt sein gesamter Einkauf schon auf dem Förderband. Alles da. Zitronensaft, kandierte Früchte, der Zucker heute sogar als Feinkristall.
Was sich vor ihm abspielt muß allerdings der Supergau für jede Kassiererin sein. Jetzt klettert die Alte halb über den Einkaufswagen der Jungen. Ihm soll’s recht sein, seine Schlacht ist geschlagen, wie er vom Parkplatz kommen soll im Augenblick egal.
Die Kassiererin mit ihrer Engelsgeduld macht Weihnachten alle Ehre. Schade, daß ihr Lächeln nicht ernst gemeint ist. „Deine wahren Farben sind leider nicht so schön wie ein Regenbogen.“
Aber ist es ihr denn zu verdenken. Er könnte das nicht, keine fünf Sekunden lang still sein bei so viel Dummheit. Eine Stunde muß sie jetzt noch durchhalten, dann kann sie heim zu ihrem Mann. Zu den zwei kleinen Kindern vielleicht. Er starrt auf die flinken Finger. Kein Ring zu sehen. – Was ist das nur mit Singles und Weihnachten?
Endlich zahlt die alte Schachtel. Wieviel sie jetzt übrig hat? Satte 20 Schilling, das reicht bei weitem nicht. Mit einem lauten Klatschen fährt seine Hand zur Stirn. Er erntet einen finsteren Blick der Kassiererin.
„Nein, nein. Das galt doch nicht Dir, ich bin doch auf Deiner Seite.“ Er lächelt, doch da hat sie sich längst schon weg gedreht. – Na toll, das hat er ja wieder einmal großartig verbockt!
Vor ihm steigert sich derweil das Drama zu einem furiosen Schlußakt. 54 Schilling müssen zurück gebracht werden: „Was kostet das?“ – „Und was das?“ – „Aha!“ – „Und das?“ – „Und die drei zusammen?“ -„Hmm!“
Er hat den Hunderter schon in der Hand. „Nehmen’s den -bitte!!!“ Natürlich weiß er, daß das nicht geht – nicht einmal zu Weihnachten. Das erwartet heute keiner mehr, da wird dann gleich ein Pferdefuß vermutet und am Ende muß Er sich dann noch rechtfertigen.

Er senkt seinen Blick und starrt in den leeren Einkaufswagen. Er ist weit weg, an den unruhig herbeigesehnten Weihnachtsabenden seiner Kindheit. Advent, damals die längste Zeit im Jahr. Im nächsten Moment sieht er die Lösung.
&gt;&gt; Du mußt hier predigen! &lt;&lt;
So rasch und unvermutet, wie dieser Gedanke auf einmal aufgetaucht ist, so klar und nicht weiter hinterfragbar steht er jetzt vor ihm. Natürlich! Wenn nicht er, wer dann? – Wenn nicht jetzt, wann dann? – Diese Welt kennt schon genug, die ihre Augen vor allem verschließen. Er wird sich hinstellen, wo ihn jeder sehen muß und den Menschen diese Augen wieder öffnen. „So kann das nicht weiter gehen meine Freunde. Wir müssen einander wieder anschauen. Miteinander reden, uns auch mal anlächeln. Versuchen wir doch, auch das, was wir tun müssen mit Freude zu machen. Es ist gar nicht schwer.“

Ein Gefühl reiner Wärme steigt in ihm auf. Eine Eingebung, ein Auftrag, der keinen Aufschub duldet. Voll Euphorie dreht er sich um.
und merkt nicht, wie hinter ihm die Geflügelschere um 79.90 zurückgegeben wird und in hohem Bogen auf die Quängelware fliegt.

„So, bitte! Den Zettel kann ich ihnen aber nicht mitgeben, ich muß das nachher stornieren, sonst hät’ jetzt die Chefin kommen müssen und ich dann alles neu eintippen.“
„Ich brauch den Zettel aber. Ich muß ja überprüfen ob sie richtig gerechnet haben.“
Ihr steht die Galle bis zum Hals. Wenn sie dieser Funzen noch einmal ins Gesicht schauen muß, dann wird sie sich unweigerlich an ihrer Kehle fest beißen. Sie reißt den Kassabon ab und wirft in den Wagen: „Dann kontrollierens des da hinten und geben ihn mir dann zurück. Auf Wiedersehen.“ Warum nur hat sie die Geflügelschere so weit weggeworfen? Diese zwei dummen Hühner gehörten schon längst gerupft.

Die Schlange vor ihrer Kasse ist endlos. Eine Stunde? – Das ist doch eine Lüge, sie wird hier sitzen bis zum Ende ihrer Tage, bis sie hier endlich Harakirischeren verkaufen. Durchatmen. Lächeln!
„Grüß Gott.“

Ein leerer Einkaufswagen steht verlassen neben dem Förderband. Der Typ mit der Grimasse ist weg. Ja, was ist jetzt los? Wo ist der Kerl hin? Ist sie denn heute nur von Verrückten umgeben?
Die ganze Schlange hat sich schon umgedreht und jetzt sieht sie ihn auch, wie er auf den Wühltisch mit den Strickhandschuhen geklettert ist, aufsteht, die Hände weit ausbreitet und ruft: „Freunde, hört mir zu! Ich .. Ich .. äh, ..Also,.. Ich, …. Äh, wollte… ich glaube, .. äh, .. ich hab da unten irgendwo meine Kontaktlinsen verloren.“

© Peter Heissenberger 2001

Ein kurzer Text mit einem langen Titel und einer noch längeren Widmung

Dieser Text sei dem Tischtennisclown Jacques Secretain gewidmet, aber auch Binyamin Ben-Elizer, Yasser Arafat, George Walker Bush und Saddam Hussein in Vertretung für alle, die immer noch glauben, dass man mit Gewalt Frieden schaffen kann oder durch erlittenes Unrecht autorisiert wird, ein noch größeres anzurichten.

Ping – Pong.

Wie das Klausenbären Himpeln nach St. Jakob kam (Weihnachtsgeschichte 2005)

(1)

St. Jakob an der Klause ist eine kleine Gemeinde, malerisch unweit eines der ältesten österreichischen Alpenübergänge gelegen, in einer Gegend, in der sich ansonsten höchstens Füchse einsam in den Schlaf heulen, da sie kaum jemanden zum Gute Nacht sagen finden.

Was die letzte Generation der St. Jakobianer davon abgehalten hat, ihr Glück in den Großstädten des Alpenvorlandes zu suchen war, neben der unbestreitbar guten Luft und der an klaren Tagen wirklich beeindruckenden Fernsicht, vor allem die Bundespassstraße und die mit ihr verbundenen Jobs, sowie einige von ihr herangeführte Touristen.

Doch damit hatte es, an dem Tag, von dem hier erzählt sei, schon seit fast zwei Jahren ein Ende gehabt. Was seit Jahrzehnten befürchtet worden war, hatte sich in Realität verwandelt. Die kurzsichtigen Flachlandbürokraten hatten den Klausenkogel sowie die meisten der umgebenden Berge durchtunnelt, das ganze zu einer Autobahn zusammengehängt und so führte der lebensnotwendige Verkehr jetzt unweit, aber da durch eine mehrere Hundert Meter dicke Felsschicht abgeschirmt, unerreichbar weit an St. Jakob vorbei und mondäneren Urlaubszielen entgegen.

Ägidius Oberbauer, seines Zeichens Bürgermeister, Besitzer der Tankstelle mit angrenzendem Rasthaus sowie Betreiber des St. Jakober Loipennetzes konnte ein laut klagendes Lied davon singen. Von den verblieben Touristen begrüßt, verlor sich nun kaum noch ein Transitautomobil an seine Zapfsäule und von den Motorradenthusiasten konnte man nicht einmal im Sommer leben, geschweige denn jetzt im Winter, kurz vor Weihnachten. Wie trist die Lage geworden war, konnte man schon alleine an der Tatsache ablesen, dass bei der letzten Gemeinderatsitzung einstimmig – das bedeutet inklusive seines weltfremden Schwagers, dem Vertreter der verhassten Grünen Fraktion – einstimmig also, beschlossen worden war, eine Fremdenverkehrsoffensive zu starten.

Dinge wie diese waren schnell beschlossen, aber worauf man sich genau besinnen sollte, auf diesen Vorschlag wartete er noch immer. Da hatten sie sich wieder einmal ausgeschwiegen, die Herren Gemeinderäte, blieb es also wieder einmal am Bürgermeister hängen. Gelangweilt sah dieser plötzlich aus seiner Broschüre über unerschwingliche Sommerrodelbahnen auf und die frisch vom Schnee der vergangenen Nacht gereinigte Straße hinunter. Drohte er in letzter Zeit auch schon zu verkümmern, auf seinen Automechanikerinstinkt konnte er sich immer noch verlassen. Selbst ein Laie konnte erkennen, dass der Wagen, der da in langsamer Fahrt auf seine Tankstelle zusteuerte in Schwierigkeiten war, wie auch sonst würde der sich – da ihm vollkommen unbekannt und daher sicher nicht aus der Gegend stammend – hierher verirren. Keilriemen, Zündkerzen, vielleicht sogar ein Kühler, ein paar Euros waren da drinnen, und damit es sich auch lohnte, dafür würde der Boss persönlich sorgen.

Ein paar Minuten später war alles klar. Bis auf einen neuen Schlauch und zwei Liter Kühlflüssigkeit beim besten Willen nichts zu machen. Paul, der Mechaniker machte sich an die Arbeit, Fahrer und Beifahrer begaben sich solange ins Rasthaus und Ägidius Oberbauer folgte ihnen, denn wenn sie auch ganz gut Deutsch gesprochen hatten, so waren in den beiden die Amerikaner nicht zu verkennen gewesen und damit seine Neugier geweckt. Bei der Tür hatte er sie eingeholt: „Und meine Herren? Was führt sie in unsere Gegend?“

„Unser Auto. Wir wollten eigentlich nach Bad Christkindl, um über die dortigen Weihnachtsbrauch zu berichten.“

Oberbauer spitzt die Ohren ein wenig mehr. „Bitte, setzten die sich doch hierhin. – Berichten, sagten sie. Über was wollen sie denn berichten?“

„Über Weihnachten. Unsere Leser stehen auf Bad Christkindl.“

Trotz seines verbindlichen Lächelns schluckt Bürgermeister Oberbauer merklich. Wie hatten sie damals nicht über die Kirchberger gelacht, als sie vor acht Jahren ihren Graue-Maus-Ort umbenannt und Schritt für Schritt in etwas verwandelt haben, dass weiter von jedem gewachsenen Brauchtum entfernt ist als Las Vegas von einem Kunsthistorischen Museum. Und wie standen sie heute da? Er konnte sich in den Hintern beißen, dass er nicht selbst diese Idee gehabt hatte. Dort unten verdienten sie sich eine goldene Nase und die einzige Tradition, die auf die man sich in ein paar Jahren in St. Jakob noch würde stützen können, würde der Tanz der leeren Taschen sein.

„Yes“, mischte sich nun auch der zweite Amerikaner ein, um dessen Deutschkenntnisse es offenbar nicht ganz so gut bestellt war. „Bad Christkindel ist wunderfull. Die Weihnachtsmen und Krippens…“

Mehr und mehr verzog sich sein Lächeln, bis Ägidius Oberbauer schließlich den Kopf schüttelte und meinte: „Entschuldigen sie meine Herren, aber mit unserem traditionellen Weihnachten hat das alles doch rein gar nichts mehr zu tun.“

„So? Und wie schaut das bei ihnen hier aus?“

In diesem Moment trat die Bedienung an den Tisch und half ihrem Chef aus der Klemme. Denn so sehr er mit seiner Meinung über Bad Christkindl wohl recht hatte, so sehr musste er sich auch eingestehen, dass es mit der Tradition weder in seiner Familie, noch in der Gemeinde selbst weit her war. Natürlich gab es den Baum vor dem Rathaus, musste der Bürgermeister jedes Jahr die Mitternachtsmette besuchen, aber sonst? Von einer Sekunde zur nächsten brannte es ihm unter den Fingernägeln. Hatte er sich nicht eben erst den Kopf über passende Werbung zerbrochen und saß er jetzt nicht mit zwei internationalen Journalisten am Tisch, denen man nur einen kleinen Hinweis geben musste, einen kleinen Brotkrumen hinschmeißen, um sie vom ausgetretenen Weg abzubringen. Welcher Journalist schließlich zog es nicht vor, über eine neue Sensation zu berichten und das ewig Gleiche der Konkurrenz zu überlassen. Eine unwiederbringliche Chance also, wenn seine verdammte Gemeinde auf dem gefragten Gebiet nur nicht so verflucht wenig zu bieten gehabt hätte.

Im Bürgermeisterlichen Gehirn arbeitete es im Akkord. Eine Idee jagte die andere und wurde ebenso schnell fluchend wieder verworfen. Inzwischen hatten die beiden Reporter der größten internationalen Presseagentur ein großes und ein kleines Fernfahrerfrühstück mit Ei bestellt und Steve Tucker, dessen Deutsch bei weitem besser war, wandte sich wieder an den Mann, der vollkommen unaufgefordert an ihrem Tisch platz genommen hatte. „Well. Wo waren wir stehen geblieben? Sie wollten uns von ihren Bräuchen erzählen.“

„Sie werden staunen, meine Herren.“

(2)

Elvira und Petra Oberbauer lagen noch in ihren Betten, als sie der Ruf des Vaters kichernd herausspringen ließ. Dabei gab es eigentlich keinen Grund für schlechtes Gewissen. Schließlich hatten für beide die Weihnachtsferien schon begonnen. Elvira war Zwölf und besuchte die nächstgelegene Hauptschule, Petra hatte schon bald das fünfte Semester ihres BWL Studiums in der Hauptstadt hinter sich gebracht. Noch ehe sie den Eindruck erwecken konnten, heute schon irgendetwas zum Erhalt der Familie beigetragen zu haben, hatte ihr Vater keuchend die Treppe in den ersten Stock erklommen und die Tür zu ihrem Zimmer aufgerissen. Er machte sich auch gar keine Gedanken, warum seine Töchter so spät noch im Nachthemd anzutreffen war, er hatte ganz andere Probleme: „Mädchen, schnell, ich brauch euch.“

Da seine Frau voraussichtlich den ganzen Tag mit Erledigungen in der Stadt beschäftigt war, musste sich Bürgermeister Oberbauer heute voll auf seinen Nachwuchs verlassen, wollte er sich aus dem Schlamassel wieder herausbugsieren, in den er sich soeben hinein manövriert hatte. Zum Waschen war heute keine Zeit erklärte er den beiden und im weiteren gab er ihnen einen schnellen Überblick über die Ereignisse der letzten Viertelstunde, über die zwei Fremden, ihren Kühlschlauch, das Frühstück und schließlich über seine Antwort auf die oben erwähnte Frage.

Wenn er es auch nicht auf die Bibel beschwören würde, so dürfte sich dass, was er den Amerikanern in seiner Not beschrieben hat so angehört haben wie >Klausenbären himpeln<“

„Klausenbären himpeln?“ fragte Petra fassungslos.

Ja, nickte der Vater. Der Klausenbär war ihm noch als geniale Idee erschienen, aber kaum hatte er den Satz dahingehend begonnen, hatte ihn das mitten auf einen See gebracht, bei dem rund herum das Eis gefährlich schnell zu schmelzen begonnen hatte, er also verzweifelt nach einem Verb gesucht, an himmeln oder kämpeln und weiß Gott was gedacht und dann gar nicht mehr gedacht sondern nur noch geredet. In diesem Zusammenhang gesehen war „Himpeln“ noch nicht einmal die schlechteste Lösung gewesen. Immerhin hatte er den Satz zu Ende gebracht ohne seine Zunge zu verschlucken.

„Klausenbären Himpeln?“ Wiederholte Petra. „Und wie soll das ausschauen?“

„Keine Ahnung, das haben die Amerikaner auch gefragt und ich hab gesagt, dass man das nicht so leicht erklären kann, und dass sie sich das am besten anschauen sollen.“

„Und was haben die darauf gesagt.“

„Dass sie nicht so viel Zeit haben.“

„Gott sei dank.“, meinte Petra, „Da hast ja noch einmal Glück gehabt, sonst hättest dich schön blamieren können.“

„Genau.“, fügte ihre kleine Schwester hinzu. „Und warum machst du jetzt noch so einen Stress.“

Da grinste Ägidus Oberbauer wie das Christkind persönlich und meinte: „Weil ziemlich genau in dieser Sekunde der Paul zu den beiden Amis kommen wird und ihnen leider mitteilen muss, dass auf Grund des Kühlflüssigkeitsmangels die Pumpe so schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde, dass man ihnen ein Weiterfahren nicht empfehlen kann.“

„Papa!“ ertönte es unisono aus zwei Kehlen.

„Spinnst jetzt endgültig?“, fuhr Petra allein fort.

„Papperlapapp! Ihr habts ja keine Ahnung von der hohen Volkskunde. Das ist genau unsere Chance, auf die haben wir gewartet. Wenn wir das richtig aufziehen, können wir uns nächstes Jahr vor lauter amerikanischen Gästen nicht mehr retten.“

„Von was sprichst du Papa?“

„Na vom Klausenbären himpeln.“

„Wo ist die Mama?“ Petra Oberbauer sah sich hilfesuchend um.

„In der Stadt und jetzt stehts da nicht so rum, wir haben viel zu tun.“

Die beiden Schwestern sahen einander kopfschütteln an und während die ältere nicht wusste, ob sie weinen oder lachen sollte, tendierte die jüngere ganz eindeutig zum Zweiteren: „Sollen wir vielleicht einen Himpelmann manchen?“

„Himpelmann? Super Idee Vira! Du bist ein Schatz. Genau, der Himpelmann himpelt den Klausenbären.“

So ging es noch ein paar Minuten weiter, aber schließlich kannten die Oberbauertöchter ihren Vater schon lange genug um zu wissen, dass es außer ihrer Mutter wohl niemanden gab, der ihn davon abbringen konnte, dass heute im malerischen St. Jakob an der Klause zum ersten Mal das traditionelle Klausenbären Himpeln über die Bühne gehen würde. Andererseits gab es uninteressantere Tätigkeiten für einen der sinnlosen Spätadventtage, als der Welt ersten Klausenbären zu fangen. Kaum fertig angezogen und eben vom Vater wieder verlassen, der sich zuerst von den beiden Journalisten die betrübliche Neuigkeiten mitteilen lassen wollte um dann mit seiner ganzen Autorität die Notwendigkeit ihres weiteren Verbleibs in seiner Gemeinde zu bestätigen und sich schließlich auf die Suche nach einem geeigneten Himpelmann zu machen, standen die beiden Schwestern lachend in ihrem Zimmer: „Also, wenn das die Mama hört.“

(3)

Und so herrschte einen ganzen unscheinbaren Vormittag lang hinter der Fassade einer aus Verkehrstechnischen Gründen ins Abseits gedrängten, malerischen Gemeinde, hektisches Treiben an dessen Ende sich eine mehr an verwandtschaftlichen Banden denn an politischen Gemeinsamkeiten geknüpfte schwarz/grüne Koalition stand und der Bürgermeister im Hinterzimmer des Rathauses höchstpersönlich seinen verschwägerten Oberzeremonienmeister in der Kunst des Himpelns unterrichtete. Eine Beschäftigung, die trotz aller Ernsthaftigkeit einer gewissen Komik nicht entbehrte, vor allem wenn man berücksichtigte, dass wegen der Unauffindbarkeit der beiden Bürgermeistertöchter das genaue Aussehen des gefährlichen Klausenbärs noch niemandem bekannt war.

Problemlos in die Reihe derjenigen Lebewesen, die sich den angesprochenen Tag anders vorgestellt hatten, darf man mit Sicherheit den 9 jährigen Hauskater Max einfügen. Friedlich auf dem Brett des breiten Küchenfensters dösend war es vor allem sein ruhiges Wesen in Verbindung mit seiner grenzenlosen Ergebenheit an die jüngere der beiden Bürgermeistertöchter, die ihm seine Rolle in der sich allmählich entwickelnden Provinzposse sicherten.

„So!“, meinte Elvira Oberbauer eine halbe Stunde später: „Und jetzt fauch einmal, du Klausenbär.“

„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“, murmelte ihre Schwester derweil und hatte es schon aufgegeben, sich über ihren Vater oder Elvira zu wundern. Der Letzteren konnte man wenigstens noch zu Gute halten, dass sie noch ein Kind war und daher ruhig Freude daran haben durfte, ihren Schmusekater mit Fetzen eines alten Pelzhutes der Großmutter, Enten- und Gänsefedern, sowie zu Monterschnurrbarthaaren umfunktionierten Lamettafäden auszustaffieren. Wenn über die ganze Sache aber auch nur eine Silbe aus diesem Ort hinausgetragen werden würde, dann würde sie sofort das Land verlassen und ihren Namen ändern. Was Petra jedoch am allerwenigsten glauben konnte, war, dass offenbar auch ihr sonst so besonnener Onkel Josef vom Himpelvirus angesteckt worden war,  kam dieser doch in jenem Moment, in seiner schönsten Festtagstracht mit dem Vater wild gestikulierend über den Hof geschritten.

„Da seid ihr ja.“, begrüßte ein sichtlich gestresster Bürgermeister seine Töchter.

„Schau Papa!“

„Oh mein Gott!“, entfuhr es dem Grün-Gemeinderat. Sein Ortsvorsteher hatte offensichtlich schon anderes gesehen. Er nahm seiner jüngsten Tochter die – nun wirklich nur noch von einem geprüften Zoologen als solche erkennbare – Hauskatze aus den Händen und betrachtete sie von allen Seiten.

„Gefällt mir. Vor allem das mit den Federn. Schreib auf Josef, wir brauchen mehr Federn!“

Der angesprochene schüttelte nur den Kopf: „Gidi, hör auf, bevor wir uns vor aller Welt lächerlich machen. Was soll denn das für ein Bär sein..“

„Josef, du bist ein Idiot. Nur ein Grüner oder ein Amerikaner kann sich doch einen echten Bären erwarten. Sollen ja schließlich auch Kinder mithimpeln.“

„Mithimplen“, wiederholt seine ältere Tochter solange entgeistert.

„Der Klausenbär“, doziert ein mehr und mehr Oberwasser gewinnender Oberbauer derweil. „Der Klausenbär ist natürlich ein Fabelwesen, dass aus einer alten Sage herrührt. Apropos! Petra, rein ins Büro, an den Computer, Jahrtausende alte Sage, drei Seiten. Zack – zack! Wozu hab ich dich die Matura machen lassen.“

Sie würde den Kontinent verlassen und sich einer Gesichtsoperation unterziehen, dessen war sie die jetzt bald nicht mehr Petra Oberbauer heißende Angesprochene vollkommen sicher, als sie dennoch widerspruchslos das Zimmer verließ um wenigstens eine stabile Holztüre zwischen sich und dem lodernden Wahnsinn zu haben. So hatte sie immer noch die Wahl, ihrem Vater zu gehorchen oder durch das Fenster zu steigen, zur Bundesstraße zu laufen, ein Auto anzuhalten und sich auf diese Weise das ganze Ausmaß des Debakels zu ersparen, dass sich da vor ihren Augen abzuspielen begann.

Wenn andererseits die beiden jungen, großgewachsenen Fremden, die da gerade vor dem Bürofenster in ein Gespräch vertieft in Richtung Hauptplatz unterwegs waren, die zwei amerikanischen Journalisten sein sollten, dann wäre es vielleicht doch nicht zu falsch, selbst die Person zu sein, die sie über die genaue Herkunft des Himpelns und den Wortlaut der Sage informieren wird.

Und so fuhr die eine Oberbauertochter den Väterlichen Computer hoch, während die andere dem Computerbesitzer das feste Versprechen abnahm, dass ihrem Max im Zuge des noch zu definierenden Himpelns kein einziges Haar, sei es nun echt oder aufgeklebt, gekrümmt wird.

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Der Wind kam auf, die letzte Wolke verschwand hinter dem Klausenkogel und es versprach ein wundervoller Nachmittag zu werden, der die beiden festsitzenden Überseereporter geradewegs ins Zentrum eines der letzten unentdeckten Alpinen Bräuche führte, der aber deshalb nicht minder eine Pulitzerpreiswürdige Reportage würdig war. Wie Petra Oberbauer im besten Englisch der Gemeinde Steve Tucker und seinem Kollegen, dem Fotografen Bob – „Bob, that’s enough“ zwischen Kaffe und Kuchen in der elterlichen Küche sinngemäß aus der frisch geschriebenen Stadtchronik übersetzte.

Steve Tucker hörte aufmerksam zu, wartete aber seinerseits nur auf eine günstige Gelegenheit den allgegenwärtigen, ursprünglich extrem gastfreundlichen, jetzt aber wahnsinnig störenden Vater seiner hübschen Informantin loszuwerden, um dieser mitteilen zu können, dass es, was ihn persönlich betraf, gar keines Klausenbären mehr bedurfte, um ihn in diesem malerischen  Ort festzuhalten.

„Hey Bob, why don’t you go with Mister Oberhuber and take some shots of this gorgeous little town.”

Der Angesprochene teilte zwar keines Falls die Begeisterung seines Freundes für die Schönheit St. Jakobs, war aber kein Idiot und nahm also einen letzten Schluck Kaffee ehe er sich mit einem Augenzwinkern erhob.

„Yeah, that’s a very good idea. Lets go!”

Wenn der sonst so abgebrühte Bürgermeister die Situation völlig falsch einschätzte, so darf man ihm daraus bei seiner augenblicklichen Anspannung wirklich keinen Vorwurf machen. Immer das Wohl der Gemeinde vor Augen rieb er sich im Geiste schon die Hände und meinte begeistert. „Ja, kommen sie Herr Tatsinaff. Ich werde ihnen ein paar Schöne Motive zeigen.“

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Es wurde Abend und die ersten Fackeln entzündet. Wer sich noch immer ob des hektischen Treibens rund um den Hauptplatz überrascht zeigte, der wurde schnell eingewiesen – wenn nach einigen Etappen der mündlichen Weitergabe auch nicht mehr ganz eindeutig war, was denn da genau gehumpelt oder gehobelt werden sollte, nur dass die Zukunft der ganzen Gemeinde vom Gelingen des skurrilen Events abhing.

Die Lehrerin scharte die Kinder um sich und verteilte Wunderkerzen. Der Pfarrer erkundigte sich beim Bürgermeister persönlich, ob er denn das heidnische Treiben auch gutheißen konnte, erteilte daraufhin pflichtbewusst dem Klausenbären in der Sakristei seinen Segen, worauf selbiger vom innerlich über sich selbst den Kopf schüttelnden ökologischen Oberhimpelmann ins Freie getragen wurde, wo die feierliche Gruppe, von der wartenden Menge empfangen wurde, die nicht recht wusste, ob sie nun andächtig innehalten oder losgrölen sollte, was dann jeder auf seine Weise erledigte, ehe die Blasmusikkapelle das akustische Heft derart vehement an sich riss, wodurch der in seiner Eigenschaft als Klausenbär doch noch unerfahrene Hauskater Max endgültig die Fassung verlor, mit einer schnellen Bewegung dem Onkel seiner Besitzerin entkam und schon halb hinter der Bäckerei verschwunden war, als der erste aus der verblüfften Menge noch schreien konnte: „Hinterher!“

„Aha.“, meinte Steve Tucker, „Und jetzt wird gehimpelt.“

„Ja.“, meinte jene Stimme verlegen, die zu der Hand gehörte, die dieser schon seit zwei Stunden und während des ganzen Festaktes nicht losgelassen hatte. „Jetzt wird gehimplet.“

„Na dann los!“

Als ob der ganze Ort nur auf das Kommando des fernen Gastes gewartet hatte, kam von einem Moment zum nächsten Bewegung in die Menge. Junge voraus, Alte hinterher, dazwischen Fackelträger und je nach Gewicht der Instrumente die Mitglieder der Blasmusikkapelle. Jeder himpelte (oder humpelte oder hobelte, je nach Informationsstand) so gut er konnte und vor allem die beiden Amerikaner zeigten ein bei Anfängern nicht vermutetes Talent für ein Brauchtum das einem – um Bürgermeister Ägidius Oberbauer zu zitieren – eigentlich in die Wiege gelegt werden muss.

Man himpelte von links nach rechts, von Osten nach Westen, dreimal um die Kirche, die ersten dann ins Wirtshaus, die Mutigen durch den Bach, die Ausdauernden bis hinauf zur Bundesstraße. Großvater und Enkeltochterhimpelten Arm in Arm, man rannte, lachte, tanzte, schrie und sang bis man vor lauter Himpeln keine Luft mehr bekam.

Bei all dem hat es gar nichts ausgemacht, dass man auf einen schließlich ganz vergessen hat. Nämlich auf den gemeinen Klausenbären selbst, der sich auf der Flucht sämtlicher Besatzstücke, bis auf einen besonders hartnäckigen Lamettafaden, wieder entledigt hatte. Hinter dem Altpapierkorb in der Küche Schutz fand, wo er schließlich von der jüngeren Bürgermeistertochter etwas verstört aber heil gefunden wurde. Längst hatte der Bürgermeister inzwischen stolz vor dem Rathaus verkündet, dass schon seit Menschengedenken kein Klausenbär mehr derart perfekt gehimpelt worden war, was von der Bevölkerung nun in einem gemeinsamen Umtrunk zu feiern sei.

Da dieses Brauchtum keiner weiteren Erklärung bedurfte, wurde der Aufruf sofort umgesetzt, die beiden Gäste aus Übersee, ob mit oder ohne Hintergedanken in den Kreis aufgenommen, was in einem Fall auch so blieb, als der Kreis immer und immer kleiner wurde.

Und so hat es sich ergeben, dass das Klausebärenhimpeln in St. Jakob Einzug gehalten hat. Längst nicht nur zu Weihnachten. Seit dem enthusiastischen Artikel, der in fast allen Überregionalen Tageszeitungen der USA abgedruckt worden war, muss der Klausenbär je nach Besucherandrang heute auch zu Lichtmess, Himmelfahrt, Karmittwoch, Mariä Geburt, Empfängnis und Himmelfahrt, sowie dem 1. 18. und 29. Mai oder sonstigen Publikumsträchtigen Terminen ausrücken. Die Spontanität der Premiere wird jedoch für alle Zeiten unerreicht bleiben, einzig vielleicht noch herausgefordert von jenem Völkerverständigenden Himplen der Oberbauer und Tucker Großfamilien anlässlich der Verehelichung ihrer Kinder, die dann zwar in der Hauptstadt ihr Glück machen sollten, dafür aber der Heimat des Klausebären zu einer immerwährenden Einnahmequelle verholfen haben.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann himpeln sie noch heute.

© Peter Heissenberger 2005