Text von Veronika

Späte Rache

Es war zwölf Uhr dreißig. Im Boltzmanngymnasium waren fast alle Lehrkräfte bei einer Dienststellenversammlung im Konferenzzimmer. Nur drei Professoren hatten den Unterricht der, wie es für sie schien, langatmigen und nervenden Diskussion vorgezogen. So klangen durch das leere Schulhaus nur Klaviermusik, das Brodeln von chemischen Experimenten und Piepsgeräusche von Computern. Plötzlich zerriss diese Beinahstille Sirenengeheul. Gleich darauf strömten die noch anwesenden Schüler in Zweierreihen den Fluchtwegen entlang ins Freie.
Auch die Lehrer drängten sofort, allerdings wesentlich undisziplinierter als ihre Schüler, zu den Türen. Als Sie öffnen wollten, mussten sie feststellen, dass beide zugesperrt waren. Fast gleichzeitig kramten alle ihre Schlüssel hervor, um sie den Kollegen an den Ausgängen zu reichen. Die konnten infolge der Drängerei nur mit Mühe die Schlüssel in die Schlösser stecken. Was war das? Die Bärte ließen sich keinen Millimeter bewegen. Hektik verbreitete sich.
„Lass mich probieren!“
„Geh was für ein Schwächling bist du?“
„Hast den falschen Schlüssel erwischt!“
„Nimm meinen, der sperrt sicher.“
Noch lag Spott in ihren Stimmen, denn sie glaubten an einen Übungsalarm. Da knackte es im Lautsprecher und aufgeregt stammelnd erklang die Stimme der neuen Sekretärin: „Es war ein Anruf. Eine Bombe…“
Betretenes Schweigen, dann fieberhaftes Rütteln an den Klinken. Weitere Schlüssel wurden ausprobiert. Vergeblich. Ein junger Physiker brüllte: „Seid ruhig! Ich rufe den Schulwart an!“ Triumphierend holt er sein Handy hervor und wählte die eingespeicherte Nummer. Aber gerade als sich Herr Wachter meldete, war die Batterie leer.
„Nimm meines!“, erbot sich eine Botanikerin.
„Hast du seine Nummer drinnen?“
„Leider nein!“
„Ruf das Sekretariat an!“, meinte darauf eine Anglistin.
„Da meldet sich niemand.“
Während sich die Diskussion , wohin telefoniert werden sollte zuspitzte, krachte und rumpelte es auf einmal. Ein Schauder ergriff die Lehrerschaft. Ihre Gesichter wurden starr und fast genauso weiß, wie das der Kollegin, die das Gepolter verursacht hatte, als sie in Ohnmacht gefallen war. Ein Mathematiker reagierte als Erster: „Ich mache ein Fenster auf, damit frische Luft hereinkommt.“ Schon hatte er die Hand am Riegel, riss daran nach allen Richtungen. Fast panisch probierte er es beim Nächsten, Übernächsten… Kein einziger ließ sich drehen.
„Ich rufe die Rettung an“, erbot sich endlich die Botanikerin. Noch während sie telefonierte, erklang das Horn eines Polizeiautos. Unmittelbar begannen alle wie verrückt an Fenster und Türen zu trommeln und überhörten beinahe die gehässige Durchsage: „Die Bombe liegt zwischen euch!“
Die Panik erreichte ihren Höhepunkt.

Oberinspektor Heger, ein fescher, sportlicher Vierziger, eilte zum zentralen Meldepunkt. Zu seinem Erstaunen fand er dort keine Menschenseele. Am gegenüberliegenden Zaun des Sportplatzes standen verstreut die Schüler von drei Klassen, deren Lehrer auf ihn zueilten. „Die Klassen sind vollzählig. Dürfen die Schüler wieder zurück in ihre Arbeitsräume?“
„Nein auf keinen Fall, es gab eine Bombendrohung. Bleiben Sie mit den Schülern bis auf weiteres hier!“ Damit eilte Heger ins Gebäude und wurde beim Eingang fast umgerannt, denn seine Kollegen hatten inzwischen die Eingeschlossenen befreit.
Mit äußerst angespannten Nerven durchforsteten die Polizisten nun das Haus. Jedes ungewöhnliche Geräusch brachte sie in Alarmbereitschaft. Als zwei der Beamten gerade an die Tür des Musiksaales kamen, trauten sie ihren Ohren nicht: „Tick, tack,tick,tack…“ „Das ist die Zeitschaltuhr.“ flüsterte einer, drückte bebend die Klinke nieder und lugte vorsichtig in den Raum. Am Klavier stand ein eifrig tickendes Metronom. Die Männer tauschten erleichtert ihre Blicke aus und die Spannung löste sich durch schallendes Gelächter.
Heger inspizierte zur gleichen Zeit den Keller. Verschwand da nicht gerade ein Punk zwischen den Spinds?
„Warte Bursche, dich krieg´ ich!“
Er hatte es nicht schwer ihn zu stellen. Die Spindreihen bildeten Sackgassen.
„Was machst du da?“
Der Punk fuhr erschrocken hoch und stotterte: „Iich wowollte meiein Häandy holen, aaber iich fifinde es nicht.“
„Vielleicht finden wir es, meinte Heger ironisch.
„Name, Adresse!“
Kaum hatte Häger den Jungen perlustriert und zu seiner Klasse zurückgeschickt, hörte er im Weitergehen eigenartiges Knacken aus einem Computersaal. Beim ersten Blick in den Raum konnte er nur Monitore sehen. Instinktiv spähte er unter die Bänke und entdeckte in der rückwärtigen Ecke eine besockte Fußspitze neben einem Rechnergehäuse.
„He, du da hinten! Willst du in die Luft fliegen?“
Zaghaft tauchte ein verstrubbelter Kopf eines Elfjährigen auf.
„Ich habe geglaubt, dass das eine Übung ist . Der Professor hat nicht bemerkt, dass ich mich nicht angestellt habe.“
„Jetzt aber raus mit dir!“
Hegers Kollegen waren mittlerweile im naturwissenschaft-lichen Trakt angelangt. Dort stank es bestialisch und unter der Chemiesaaltür drang oranger Rauch heraus. „Sollte nicht schon längst die Feuerwehr da sein?“, fiel dem einen ein.
„Schei…, ich habe vergessen weiterzumelden. Der Chef wird mir den Kopf abreissen.“
Jenem war ebenfalls gerade ihr Fehlen aufgefallen und er war dabei, sein Funkgerät einzuschalten, während er wahrnahm, dass die Tür zum Sekretariat sachte zugemacht wurde. Vorsichtig, die Pistole im Anschlag stieß er sie auf. Am Schreibtisch stand die Sekretärin und schob eiligst eine Lade zu. Ihr betretener Blick blieb an Hegers Gesicht hängen und wechselte zu Erstaunen und Erkennen.
„Wolfgang?“
„Leonie? Was machst du noch herinnen? Bist du lebensmüde? Geh schleunigst zur Sammelstelle, wir reden später miteinander!“
Wolfgang Heger dachte zurück an seine Schulzeit hier in diesem Haus. Leonie Höller war das Enfant terrible der Klasse gewesen und hatte die Lehrer auf die Palme gebracht. Sie hatte allerdings stets behauptet, von ihnen benachteiligt zu werden und daher in der vierten Klasse die Schule gewechselt. Er wunderte sich also sehr, sie hier im Schuldienst zu finden, verdrängte aber den Gedanken, um sich wieder auf die Untersuchungen zu konzentrieren und die Feuerwehr einzuweisen, die endlich eingetroffen war. Sogleich drang ein Mann mit schwerem Atemschutz ausgerüstet in den Chemiesaal ein um festzustellen, dass das Inferno einer kleinen Porzellan-schale entströmt , aber die Reaktion bereits erloschen war.
Die Suche nach einer Bombe blieb ergebnislos.

Für Heger war es augenscheinlich, dass ein rachsüchtiger Schüler den Lehrern Angst einjagen wollte. Dafür sprachen die blockierten Fenster und Türen des Konferenzzimmers. Er fragte sich nur, wie ein Schüler vor der Versammlung in den Raum kommen und ungesehen die Fenster manipulieren konnte. Danach in die Schlösser Superkleber zu spritzen, dürfte kein Problem gewesen sein. Fraglich war nur, war es ein Schüler der drei noch anwesenden Klassen?
Unvermittelt kam ihm eine Idee und er eilte zum Schreibtisch ins Sekretariat, zog die Lade auf und tatsächlich lag da ein Handy mit genau der Marke und dem Typ, wie es der Punk im Keller beschrieben hatte. Heger hüllte es in ein Plastiksäckchen, steckte es ein und begab sich zur Sammelstelle.
„Das Haus ist clean, ihr könnt eure Sachen holen!“
Dann legte er seine Hand auf Leonie Höllers Schulter: „Treffen wir uns morgen im Cafe, um von alten Zeiten zu reden?“
Als Leonie zum Treffen kam, wunderte sie sich, dass Wolfgang neben dem buntesten Punk der Schule saß. Noch bevor sie bestellen konnte, sah sie Wolfgang ernsthaft an: „Kennst du dieses Mobiltelefon? Deine Fingerabdrücke sind genau auf den Tasten der Rufnummer der Schule. Leonie, Du warst die anonyme Anruferin. Es tut mir Leid, ich muss dich verhaften. “
Leonie Höllers Augen glitzerten: „Endlich hab ich es diesen Tyrannen heimzahlen können!“
Heger legte das Gerät vor dem Punk auf den Tisch: „Habe ich dir nicht versprochen, es zu finden?“

Text von Maria

Pestonkels achtzigster Geburtstag

Ein lehmfarbener Opel Kadett fährt knirschend bis direkt vor den Eingang des zu einem Gasthaus umfunktionierten Bauernhofes. Aus dem Opel quellen nacheinander: eine junge, vorzeitig ergraute, angestrengt dreinblickende Frau, drei in geringem Zeitabstand
geborene Rotznasen und ein ächzender, asthmatischer
alter Mann mit gichtigen, verschobenen Gliedern. Beim Aussteigen bleibt sein Hut hängen und fallt zurück ins Wageninnere, seine über die Glatze gekämmten Schläfenhaare geraten dadurch aus der Form und stehen plötzlich nach allen Richtungen.
Darüber können sich die Kinder kaum beruhigen vor Kichern, der alte Mann verlangt lauthals nach seinem Hut und zweitens nach seinem Stock, so dass die Frau die erwischten Bubenohren wieder loslassen und zu Hilfe eilen muss.
Derweil der Alte die Stufen erklimmt, spielen die Kinderdurch dessen extrem ausgebildete O-Beine „Kukkuck“, und weitere Autos fahren vor. Eine Familienfeier braut sich zusammen.
Die angestrengte Frau, Hüldl gerufen, mahnt zischend ihre Kinder zur Ordnung, was diese ungefähr zwei Minuten beherzigen. „Es kommt noch eine Frau mit Rollstuhl, die braucht Platz zum Rangieren, an diesem Tischkönnen wir unmöglich sitzen!“ , beschwert sich eine augenscheinlich zur Familie gehörende Dame und fuchtelt mit ihrem Stock herum. Kellner Hannes versucht zu beschwichtigen: „Ja, das hätten Sie aber schon bei der Bestellung sagen müssen!“ – „Ich hab ja nicht bestellt, weil dann“ -giftiger Blick Richtung Hüldl – „sowas gar nicht passiert wäre. Aber die Jungen glauben ja immer, sie wissen alles besser.“ Noch bevor irgendjemand sie daran hindern kann, beginnt sie, von einem Nebentisch ein Ehepaar zu verscheuchen, das vor lauter Verblüffung einfach vergisst, sich zu wehren.
Der Alte hat endlich keuchend das Gastzimmer erreicht, unter der Hutkrempe schauen noch ein paar widerspenstige Haare hervor. „Ha, die Tante Mitzi hat das Ruder schon wieder in der Hand.“, grinst ein eben hereinkommender rotgesichtiger Mitvierziger mit Schnurrbart, Kotletten und gewachstem Seitenscheitel und stupst seinen Nebenmann, der wohl sein
Bruder sein muss, an. „Ich nehm‘ s ihr bestimmt nicht weg!“, gibt der schmunzelnd zurück. ,,Hüldl, greif an!“ befiehlt die Tante Mitzi, schlurft um den erkämpften Tisch herum und drückt einem der drei Buben ihren Stock in die Hand. Hüldl wird bei diesem Manöver
nicht gerade freundlich behandelt. „Was hast du dir dabei eigentlich gedacht? Soll der Onkel Hans mit seinem Katheder sich in diesem Eck einzwicken lassen? Und die Tante Lisl mit ihrem überbreiten Rollstuhl? Wie, glaubst du, soll sie diese Kurve ins Klo schaffen? – Wenn-man-sich-nicht-um-alles-selberkümmert. “
Zwei Frauen, wohl Schwägerinnen, tragen je einen Geschenkkorb herein. „Hast auch den gleichen Einfall gehabt?“- „Ich hab mich gleich gar nicht angestrengt, einen Einfall zu haben, Wilma.“, sagt die Angeredete und stellt den Korb auf einem Beistelltischchen ab.
„Hast recht. Was soll man so einem alten Menschen auch kaufen. Hat eh alles. Und passt eh nichts.“ Die zwei größeren Buben duellieren sich mit Tante Mitzis Stock, was dieselbe sogleich zu einer Äußerung über die erzieherische Unfähigkeit ihrer Schwiegertochter veranlasst.
Der arme Hannes hat alle Hände voll zu tun, das aufgebrachte Ehepaar zu beruhigen, das lautstark zum Aufbruch rüstet und verkündet, sich hier nie mehr sehen zu lassen – „Frechheit so etwas. Aber die Pensionisten dürfen sich ja alles erlauben!“ – „Die haben auch eine dickere Brieftasche als wir. Komm, Franz, wir gehen.“
Den angebotenen Gutschein schlagen die beiden aus und drohen stattdessen mit einem saftigen Leserbrief an die regionale Tageszeitung.
Eine große schlanke Frau in Schwarz rollt einen überbreiten Rollstuhl mit einer ungeheuer dicken, aufgeputzten Frau herein: Das muss Lisl sein. Endlich – Wilma und ihre Schwägerin unterhalten sich gerade über ein Rezept für AllerheiligenstriezeI, können sich nicht über die Zugabe von Zitronenschale einigen und hoffen jede für sich auf Hüldls Partei – trifft Onkel Luis ein, ein rüstiger, drahtiger Mann um die siebzig, dem eine Ähnlichkeit mit seinem seligen Vornamenskollegen Trenker schon aufgrund seines bergsonnenverbrannten Gesichtes nicht abzusprechen ist. Im Gefolge zwei augenscheinliche Töchter samt Ehegatten und Kindern. Auf diese Gesellschaft haben Hüldls Buben schon dringend gewartet, nach kurzem Begrüßungshallo verschwindet der Pulk nach draußen, man sieht sie bald unter den Ahornbäumen im knöcheltiefen Laub herumtollen.
Auch die Töchter des Onkel Luis haben Geschenkkörbe mitgebracht und stellen sie neben die vier bereits vorhandenen. Ganz können sie sich ein Vergleichen von Größe und Inhalt der gutgemeinten Spenden nicht verkneifen. „Ob der Onkel Hans wohl demnächst Weinbergschnecken statt Geselchtes jausnen wird?“ ätzt die eine, und die andere ätzt noch ein
Stückchen tiefer: „Die hat wahrscheinlich die Hilde einpacken lassen, weil sie selber darauf scharf ist!“
Einig sind sie sich, dass man einem alten Menschen, der nicht mehr gescheit beißen könne, keine Dauerwurst und kein Pumpernickelkaufen dürfe und schon gar nicht diese Dosenfrüchte, von denen ein alter Organismus nur Durchfall bekäme, und dass sie diesbezüglich schon geschaut hätten, dass alles, was im Korb sei, auch wirklich dem Beschenkten und nicht etwa seiner raffgierigen Familie zugute komme. Aber
man wisse ja nie.
Nacheinander umarmen und küssen sie den Jubilar, der schmunzelt und schweigt nur zu all den guten Wünschen, er weiß, dass sich soviel Glück und Gesundheit und Gottessegen in seinem Leben gar nicht mehr ausgehen kann, selbst wenn er hundertfünfzig würde.
Bevor Hannes noch zum Essenaufnehmen kommt, muss er die Katastrophebeseitigen, die die Tante Lisl mit ihrem Früchtetee angerichtet hat. Eine rote Lache breitet sich auf dem Tischtuch aus, die Ausläufer rinnen der vis-a-vis sitzenden Anni und ihrer Schwägerin
in den Schoß. „Macht doch nichts, Tante Lisl, das kann doch jedem passieren.“
Auch ihre schöne, schwarze Begleiterin hat etwas abbekommen, sie rennt hektisch auf die Toilette und versucht zu retten was zu retten ist, ihre Hose sieht ziemlich teuer aus.
Hannes tritt von einem Fuß auf den anderen, die Kinder können sich nicht entscheiden zwischen „Häuptlingsschnitzel“ und ,,Piratenscholle“, von ihren Eltern werden ihnen eher erfolglos Frankfurter und/oder Pommes frites empfohlen, schlussendlich bekommen
sie doch das Gewünschte und lassen drei Viertel davon stehen.
Tante Lisl und Onkel Hans verlangen lautstark, ihr Schnitzel geschnitten zu bekommen, die Luis-Töchter kommen der Aufforderung gern nach, werden dafür gelobt, was für nette Dirndln sie sind und bekommen zu hören, wie lieblos sie sonst behandelt werden, weil kein Mensch Zeit und Muße habe, sie mehr als nur notzuversorgen. Und was sie außerdem
fiir brave Kinder hätten, die so schön die Hand geben und ihren Eltern aufs Wort gehorchen. .
„Siehst du,“, raunt der Seitenscheitel seiner Frau zu, „so musst du es mit deinen Kindern auch machen.
Der alte Knacker hat Geld wie Heu.“ – „Gut dressiert.“, sagt Wilma und wischt an dem Teefleck in ihrer hellen Hose herum. Ihrer Schwägerin wirft sie einen vielsagenden Blick zu.
Endlich ist man bei Kaffee und Torte angelangt. ,,Hast du die selber gemacht, Hilde?“ will eine der Luis-Töchter wissen. „Die Hüldl macht alles selber. Ob der Hans und ich eine Kolik davon bekommen oder nicht.“, sagt die Tante Mitzi, bevor Hilde überhaupt den Mund auftun kann.
Hilde lässt sich auf keinerlei Diskussionen ein, sie hat genug damit zu tun, ihrem Jüngsten die Ketchupspuren aus der Frisur zu tilgen, die ihm sein älterer Bruder zugetilgt hat. Wilma und Anni tauschen wieder Kochrezepte, Annis Mann, ein Mittelscheitel, fachsimpelt mit seinem Bruder, anscheinend auch ein passionierter Passivsportler, über die Missgeschicke im letzten Match. Draußen beginnt es zu regnen, was die Kinder ins Gastzimmer flüchten, Hannes schier verzweifeln und sein Tablett ins Wankengeraten lässt, weil die Bande von ihren Eltern aus Narrenfreiheit genießt und ständig vor seinen Füßen herumwuselt. Einige turnen unter dem Tisch herum und verknoten Schuhbänder, andere machen sich über die restliche Torte her, wobei weitere Kleidungsstücke und Tischwäsche zu beklagen sind.
Die Luis-Töchter trauen sich endlich zu rauchen. Sie kommen sich ziemlich gut dabei vor, worauf Onkel Hans und Tante Lisl einen Teil der guten Meinung, die sie von den beiden gefasst haben, wieder revidieren: „… weil so ein Saubrauch für ein Weibsbild sich nicht gehört!“ Wilma, Anni und Hilde fühlen sich in der Gunst der beiden Alten wieder steigen und überbieten sich beim Beteuern, wie ungesund, abscheulich schmeckend, Geldbörsel belastend, schlechtes Vorbild gebend und überhaupt unsinnig die Raucherei sei. Die Ehemänner der beiden Raucherinnen – ganz emanzipiert -geben ihnen zwar recht, stellen aber fest, dass es deren Sache und Beuschel sei und es sie nichts angehe. Worauf hin sich auch die Schöne in
Schwarz eine Zigarette anzündet. Anni will aufs WC, scheitert bei diesem Vorhaben an
ihren verknüpften Schuhbändern, schimpft auf die Kinderfratzen, aber nicht sehr, weil es genauso gut ihre eigenen gewesen sein könnten. Mitzi vermutet die Übeltäter naturgemäß in ihren Enkeln.
Als auch Kuchenteller und die meisten Kaffeetassen abserviert sind und nur mehr vereinzelt Limo-, Wein- und Biergläser herumstehen, stellt sich am Tisch Leerlauf ein, wie stets bei solchen Familienfesten, wenn alle so vollgegessen sind, dass sie sich kaum mehr rühren können. Sämtliches Blut ist in die Verdauungsorgane geflossen, sodass auch kein gescheites
Gespräch mehr zustande kommt.
Diese Gelegenheit nützt Tante Mitzi, sie schlägt ein paarmal mit dem Stock an die Tischkante und ergreift das Wort – sofern sie es denn je losgelassen: „So -da ihr nun alle auf meine Kosten gefressen und gesoffen habt, fragt ihr euch sicher, was der Grund
unseres gemütlichen Zusammenseins ist – außer, dass der Onkel Hans Geburtstag hat natürlich. Was glaubt ihr, wieso ich darauf bestanden habe, euch alle hier zu haben?“
Sie wartet eine Reaktion erst gar nicht ab und verkündet: „Nächste Woche bekomme ich ein künstliches Hüftgelenk. Danach gehe ich auf Kur und anschließend auf Urlaub zu meiner Freundin in Bayern. Ich kann also meinen Bruder nicht pflegen. Ihr seid jetzt dran.“
Das Brüderpaar zuckt beinah synchron die Achseln, als wüssten sie nicht, was das mit ihnen zu tun haben könnte. Wilma betrachtet verstohlen die Gesichter der anderen.
Walter und Hüldl schauen sich an. Sie haben die Arme verschränkt. „Nein.“, sagt dieser Blick.
Die große Schöne in Schwarz lächelt kaum merklich und streichelt Lisls Wurstfinger: „Ich hab eh mein Liserl.“
„Das sie jeden Monatsersten im Altersheim besucht…“ lästert Anni und muss sich dafür per Blick von Tante Mitzi erdolchen lassen. Die betretenen Gesichter in der Runde verheißen
nichts Gutes. Onkel Hans schaut sie der Reihe nach interessiert an und lässt schamlos die Winde wehen.
Der neben ihm sitzende Bub hält sich die Nase zu und wendet sich ab. Mitzi schäumt. ,,Da,schau,Hüldl, deine Krätze! Wenn der Onkel Hans dir einen Hunderter zusteckt, drehst du dich dann auch weg von ihm?“
„Der Onkel Hans stinkt wie die Pest!“
Seine größeren Brüder wollen ihm noch den Mund zuhalten, aber der Kleine kommt erst in Fahrt: „Der Onkel Hans hat immer dreckige Fingernägel und ein nasses Hosentürl, seine Zuckerln hat er solang einstecken, bis sie klebrig und voll Mist sind, und seine Hunderter sind verschwitzt. Außerdem stinkt er aus dem Mund und macht blöde Witze über die Mama
und ihre Figur, und der Papa ist ein Waschlappen, sagt er, und ich will überhaupt niiie mehr zu ihm!“
Was an Anspannung noch in ihm ist, macht sich jetzt mit einem Weinen Luft.
Niemand spricht.
Erst Mitzi bricht das Schweigen: „Vielleicht bleibe ich auch ganz in Deutschland.“
„Einen alten Baum kann man nicht verpflanzen. Punktum.“, sagt Wilma, und man weiß nicht so recht, wen sie da jetzt meint. Annis Mann raunt seiner Frau zu: „Wenn du den Alten im Haus hast, brauchst du nicht mehr Eier sortieren gehen.“
„Und bin angehängt wie ein Kettenhund. Danke.“
Bei diesen Worten schaut sie ihren Mann derart scharf an, dass er nichts mehr sagt. Die jenige der Luis-Töchter, die nach ihrem Hüftspeck zu urteilen nicht unter dem Joch wie immer gearteter Mehrfachbelastung ächzt, hat es plötzlich sehr eilig. Hektisch sammelt sie ihre Familie ein, und sie verabschieden sich reihum, mit dem Lächeln der gerade noch Davongekommenen. „Danke für die Einladung, Tante Mitzi, bleib gesund, Onkel Hans.“
Die andere scheint berufstätig zu sein, sie und ihr Mann sehen der Komödierelativ unbeteiligt und beinahe belustigt zu. Der kleine Bub sitzt mit rot geklopften Ohren unter dem Tisch und sinnt auf Rache. Onkel Hans nestelt mit zugekniffenem Mund und seltsam feuchten Augen an seinem Katheder herum und wird dafür von Mitzi zurecht gewiesen: „Jetzt lass das doch einmal in Ruhe, du machst dich nur wieder nass. Der schöne Steireranzug. “
Nach einer weiteren Minute Schweigen lehnt Tante Mitzi sich zurück und schnaubt: „Ihr seid mir eine Bagage. Aber macht eh nichts. Ich hab mir ja schon fast so was gedacht, und drum haben der Hans und ich uns auch schon ein schönes Pensionistenwohnheim ausgeschaut,
gell Hans.“ Der nickt bestätigend, aber nicht wirklich froh. „Dort könnt ihr dann eure Melkkuh besuchen gehen. Nur leider, zu melken wird’s nichts mehr geben. Dann
melken nämlich wir.“

Text von Peter

Die man sich nicht aussuchen kann.
(erschienen 2001 im „Verwandtenhasserbuch“ des Aarachneverlags)

Ist das ein Rotkehlchen, das da auf meiner Veranda vor dem Regen Schutz sucht? Hat einen roten Fleck auf dem Bauch, sitzt auf der Lehne des alten Korbsessels und schaut mit einem Auge recht dumm in meine Richtung. Mein Opa hätte das sicher ganz genau bestimmen können und ich wohl auch, wenn ich ihm auf unseren vielen ausgedehnten Waldspaziergängen ein bißchen besser zugehört und mir weniger Gedanken über die Fernsehsendungen gemacht hätte, die ich in der Zwischenzeit versäumte. Aber so ist aus mir trotz bester erblicher Voraussetzungen dann doch kein Hobby Ornithologe geworden.
Im nächsten Moment fliegt diese Rotbauchschwalbenschwanzmeise einfach weiter, ohne sich vorgestellt zu haben – wahrscheinlich liegt meine Katze draußen irgendwo herum. Als ob dieses Wiskas verwöhnte, ausgefressene Trumm auch nur den Kopf nach einem so mageren Piepmatz heben würde.
Jetzt bin ich mit meinen Gedanken also bei meinem Großvater angelangt – auch das noch. Nicht nur, daß er mich immer zu diesen endlosen Naturlehrstunden in den Wald gezerrt hat, ausgerechnet mich, der ich schon damals zu den Vorreitern der aufkommenden Couch-potato Generation gehört habe. Pünktlich wie schmerzhafte Zahnarztbesuche durfte ich ihn außerdem zweimal jährlich zu den Promenadekonzerten im Kurpark unserer Stadt begleiten und dort einigen Cousins und Cousinen höheren Grades zusehen, wie sie ihre frisch gewaschenen Hälse in diverse Blechblasinstrumente entleerten, die ich Banause nicht einmal namentlich unterscheiden konnte.
„Schau Dir den X und die Y an.“, hieß es dann immer, „Wie die schneidig frisiert und hübsch angezogen sind. Und wie sie erst toll spielen.“
Bei all seinen vorwurfsvollen Blicken dürfte er über die Jahre allerdings eines vergessen haben: Die musikalischen Mitglieder unserer Sippe waren allesamt Nachkommen der Geschwister meiner Großmutter. Wenn ich also aus seiner Sicht derart mißraten war, dann lag es wohl eindeutig an seinen Genen.
Was würde ich heute dafür geben, wenn mir Mendels Gesetze damals schon ein Begriff gewesen wären. So habe ich immer nur beschämt neben ihm gestanden und auf einen überraschend aufziehenden Platzregen gehofft, der mir genau so oft versagt geblieben ist.
Mein Großvater ist nun schon seit über zehn Jahren tot und somit ist ihm das Schicksal meiner restlichen Familie erspart geblieben. Bei diesem Gedanken hellt sich mein Blick wieder auf.
Seit einer guten Viertelstunde sitze ich jetzt schon neben meinem Schreibtisch und schaue durch das Fenster in den Garten. Der friedliche, regnerisch trübe Herbstvormittag hat keine Ahnung, welcher Amoklauf in diesem Zimmer gerade erst zu Ende gegangen ist. Nicht einmal meine Katze hat etwas bemerkt, aber die reagiert sowieso nur noch auf das Rattern meines elektrischen Dosenöffners.
Auch der Garten ist friedlich. Die schweren, satt grünen Grashalme sind schon wieder viel zu lang, werden aber heuer wohl nicht mehr gemäht werden, von mir auf jeden Fall sicher nicht. So stelle ich mir ein geruhsames Wochenende vor: Keine Verwandtenbesuche, kein Grund aus dem Haus zu gehen und kein schlechtes Gewissen, wenn man sich in eine Decke wickelt, eine Pfeife anzündet und sich mit einem guten Buch in diesen Korbsessel setzt.
Gestern war ein ganz normaler Samstag: Es wurden zwar wieder einmal alle Erwartungen auf außergewöhnliche Unterhaltung enttäuscht, trotzdem kam ich zu fortgeschrittener Stunde relativ gut gelaunt nach Hause und hatte heute in der Früh unter keinerlei Nachwirkungen des feuchtfröhlichen Abends zu leiden. Woher dann beim Frühstück plötzlich dieser unbändige Haß gekommen ist, ist mir daher vollkommen unerklärlich. Es war wohl einer jener Augenblicke in denen man auf einmal neben sich steht und seine weiteren Handlungen nur noch machtlos aus der Ferne beobachten kann.
Jetzt, da alles vorbei ist, bin ich wieder in mir und vollkommen ruhig. Dabei sollten mich eigentlich heftigste Schuldgefühle plagen. Lediglich meine rechte Hand, die eben noch die Tatwaffe gehalten hat, zittert ein wenig.
Das ist wirklich erstaunlich, denn immerhin habe ich in einer knappen Stunde sämtlichen Mitgliedern meiner, zugegebenermaßen nicht gerade sehr großen Familie, ein spektakuläres Ende bereitet. Nichts Gewöhnliches – keine Pistole, kein Gift, schließlich hat man als kreativ arbeitender Mensch auch einen Ruf zu verlieren.
Nach getaner Arbeit sitze ich hier und bin erschrocken über diesen Rausch der Gewalt. Erschrocken ja – aber bereuen? Nicht ein bißchen!

Ich schaue zum Himmel. So schnell wird der Regen wohl nicht nachlassen, er hat sich über der Stadt festgesetzt und auf einen längeren Aufenthalt eingerichtet. Trotzdem wird es allmählich Zeit für meinen schweren Gang, ich kann mir keinen weiteren Aufschub mehr gönnen. Sicher suchen sie schon nach mir.
Ich stehe auf, rücke den Stuhl peinlich genau zurecht und gehe, während ich meine Jacke überziehe, mit leisem Stöhnen nach draußen, wo ich sofort von einem kalten Windhauch willkommen geheißen werde. Während ich also den Jackenkragen aufstelle schaue ich nach meiner Katze, doch die hat sich offensichtlich an einen wärmeren Ort verzogen – ist ja auch nicht dumm das Vieh.
Die Schultern hochgezogen laufe ich zum Gartentor und stoße dabei an die feuchten Äste der Büsche, die ich schon vor Wochen hätte zurückschneiden sollen. Sofort höre ich die Stimme meines Vaters: „Wenn man bei deinem Gartentor reinkommt, weiß man schon alles. Der Eingang ist die Visitenkarte des Hauses .. bla .. bla .. bla….“
Was war es doch für eine große Illusion, zu glauben, ich könnte mit dem Umzug in das, von meiner Großtante geerbte Häuschen ein wenig Unabhängigkeit gewinnen. Seit mein Vater in Pension ist sehe ich ihn öfter als zu der Zeit, als ich noch zu Hause wohnte. Immer kommt er zu absolut unchristlichen Zeiten, und immer mit einem vollkommen unnötigen Vorhaben im Kopf. Wenn er es mir auch nie glauben wird, ich bin ganz zufrieden in meinem Refugium. Es ist mir vollkommen egal, daß der Wind durch die alten Holzfenster pfeift, daß ich mit irgendwelchen Niedrigtemperatursparradiatoren meine Heizkosten erheblich senken könnte, daß die Brombeerbüsche verwildern oder an meinen Dachrinnen langsam die Farbe abblättert. Ich bin schließlich Schriftsteller und kein Multifunktionshandwerker, das ist MEIN Haus, nicht ich der Mensch dieses Hauses. Aber das hat mein Vater nie verstanden, und auch nicht, daß ich nach jedem seiner Besuche mindestens einen halben Tag brauche um mich wieder auf meine Arbeit konzentrieren zu können.
Irgendwann mußte dieser aufgestaute Haß ja einmal explodieren – dabei würde man mir den Tod meines Vaters wahrscheinlich noch als Unfall abkaufen:

Der rüstige Witwer lebt alleine in seinem perfekten Haus. Nicht das kleinste Unkraut stört die Monotonie des englischen Rasens, die Rosen stehen in Reih und Glied, die ausgewogene Wohnatmosphäre wird von sieben Schichten Farbe eisern geschützt und Zugluft ist selbst auf dem Dachboden so passé wie die Beulenpest. Endlich in Pension kann er sich jetzt 20 Stunden pro Tag seinem Schmuckstück widmen und wurde endgültig zum Mensch des Hauses. Wahrscheinlich schläft das Haus schon ganz schlecht bei dem Gedanken, daß er eines Tages sterben wird und es sich dann nach einem neuen Pfleger umschauen muß.
An einem regnerischen Herbstsonntag fällt sein wachsamer Blick auf einen geknickten Ast des alten Weichselbaumes. Äußerlich mag er vielleicht den Mundwinkel verziehen, aber tief drinnen freut er sich, daß er jetzt einen Grund hat um in seine Gummistiefel zu schlüpfen und in den Garten zu gehen. Schließlich steht der Baum auf einem Hügel und ist von der Straße aus im Herbst sehr gut zu sehen. – Wie schaut denn das aus, ein schief herabhängender Ast? Was sollen da die Leute denken?
Im Gerätekeller untersucht er zunächst seine Leiter peinlich genau. Nichts haßt der alte Mann nämlich mehr als verdrecktes Werkzeug und diese Alu-Leiter hat ihm sein leider vollkommen aus der Art geschlagener Sohn erst gestern zurück gebracht, dabei hat der sie sicher schon seit zwei Wochen nicht mehr gebraucht. Oberflächlich mag sie ja sauber erscheinen, aber seinem prüfenden Blick entgeht nicht die kleinste Verunreinigung. „Na ja.“, seufzt er, die muß nachher sowieso noch einmal geputzt werden. Dann wickelt er seine Baumsäge aus dem ölgetränkten Lappen und geht an die Arbeit.
Es sind immer die obersten und am schwersten zugänglichen Äste, die am leichtesten brechen. Vorsichtig auf die regennassen Sprossen tretend klettert er alsdann nach oben. Bei jedem Schritt prüft er den Stand der Leiter und so dauert es drei Minuten bis er den fraglichen Ast erreicht, einen sicheren Stand gefunden und mit der Arbeit begonnen hat. Nach zwei Dritteln steigt er eine Sprosse höher um einen günstigeren Arbeitswinkel zu erhalten, leider vergißt er dabei auf sämtliche Vorsichtsmaßnahmen: Sein linker Fuß gleitet über das nasse Metall wie über eine unsichtbare Bananenschale, seine Hände greifen verzweifelt ins Leere, die Säge fällt zu Boden und der verhinderte Holzfäller stürzt kopfüber hinterher. Hätte er den Sturz an sich mit etwas Glück noch überleben können, so macht die in der Erde stecken gebliebene Säge jede Hoffnung zunichte. Einen solchen Schnitt bringt man allerdings nur mit einem sorgfältig gepflegten Sägeblatt zusammen.
Was für ein kopfloses Ende für einen derart bedachten Mann!

Ja, ja, mein Vater. Wie war noch sein goldenes Zitat, als ich ihm vor Jahren stolz meine erste Laubsägearbeit präsentierte?
„Kreativität ist gut und schön, aber das wichtigste ist, daß man nachher das Werkzeug wieder sauber aufräumt.“
Habe ich diesen Ratschlag nicht brav befolgt? Woher sollte ich denn wissen, daß Schmierseife nicht das richtige Mittel ist, um eine Leiter zu putzen.

Inzwischen bin ich an der Bushaltestelle angekommen. Natürlich drei Minuten zu spät. Das paßt genau zu diesem Tag! Als ich gerade zu einem derben Fluch ansetzen will, kommt hinter mir der Bus. Es geht eben nichts über pünktliche Verkehrsbetriebe.
Ich steige ein und schaue auf den Streckenplan: Zum Polizeipräsidium? – 17 Stationen, aber wenigstens muß ich nicht umsteigen.
Wer von uns hat sich noch nie gefragt, wie es zu einem Amoklauf kommt? Ich weiß es jetzt: Schwierig ist nur der erste Schritt, der Rest kommt ganz von selbst. Und von meinem Vater führte der natürliche Lauf der Dinge geradewegs zu meinem Onkel.
Hier glaubt mir keiner mehr den Unfall. Eine elektrische Heizdecke kann natürlich sehr wohl einen Kurzschluß haben, und zu einem Brand kann es dann auch kommen. Aber die Explosion, die dem armen Mann keine Chance mehr gegeben hat, sein Bett zu verlassen und gleich das ganze Haus zum Einsturz gebracht hat? Nein, da muß ganz eindeutig Dynamit im Spiel gewesen sein.
Die Heizdecke brauchte er für sein Rheumaleiden. Mein Onkel: Postamtsleiter im Vorruhestand – natürlich wegen des Rheumas! In seiner Jugend begeisterter Segelflieger und später auf der ganzen Welt unterwegs gewesen: Armenien, Pakistan, ganz Südamerika und was weiß ich noch wo. Früher konnte er uns Kindern mit seiner beruhigenden Baßstimme die tollsten Geschichten erzählen, da vergaß selbst ich manchmal das Fernsehprogramm. Heute kennt er nur noch ein einziges Thema: Sein Rheuma, sein beschissenes vollkommen uninteressantes Rheuma. Milliarden werden sinnlos in die Rüstung gestopft, aber noch niemand hat ein Medikament gegen sein Rheuma gefunden. Sein Rheuma! Immer nur SEIN Rheuma, als ob er der einzige Mensch auf dieser Welt mit Gliederschmerzen wäre.
Tja, wenn man es so will, SEIN Rheuma habe ich jetzt kuriert – mit sehr viel Wärme. Und seine beiden Söhne auch, meine lieben Cousins, die hab ich gleicht mit kuriert – Prävention sozusagen, Rheuma soll ja erblich sein. Müssen schon skurrile Bilder gewesen sein, wie man sie aus dem Schutt geborgen hat: Der eine von einem kanadischen Elchkopf erschlagen – ich verzichte aus Pietätsgründen auf jeglichen Kommentar, wer dümmer dreingeschaut hat. Der andere mit je einer Billardkugel in jeder Augenhöhle.
Die zwei haben ja immer schon geglaubt, etwas besseres zu sein. Früher wegen dem Billardtisch im Keller und erst recht als sie der Herr Dipl. Ing. und der Herr Mag. Dr. Jur. wurden. Was sich allerdings vor zwei Wochen abgespielt hat, hat jedem erdenklichen Faß die Krone aufgesetzt:
Da gehe ich – eh schon schlecht gelaunt – in ein Innenstadtlokal. Nur auf ein schnelles Bier. Wer steht da lässig an der Bar? Meine Cousin Hans, in der ganzen anzüglichen Pracht seiner Anwaltstracht inklusive gräßlicher Krawatte und Hochglanzschuhen. Natürlich sieht er mich auch und winkt mich zu sich, um mich seinen Kollegen vorzustellen:
„Mein Cousin bla bla bla, der Schriftsteller bla bla bla glaubt er zumindest ha ha ..“
Ich hab gar nicht erst zugehört, doch dann dreht er sich auf einmal zu mir, den Rest irgendeiner abfälligen Bemerkung noch frisch auf den Lippen und meint wörtlich: „Nicht wahr, Schreiberling?“
Schreiberling! Und so was von einem Rechtsverdreher! Aber es war ja nicht dieses Wort allein, bei weitem nicht, es war die verächtliche Art, mit der er es mir vor die Nase gelegt hat – hingespuckt, ja hingekotzt hat. Ich kann gar nicht richtig beschreiben wie. Am ehesten stellt man sich dazu ein Raumschiff vor und ein sieben Meter großes, rotes Monster, dem Feuer aus jeder Pore spritzt, dessen totbringende, meterlange Gifttentakel wild durch den Raum zischen und das soeben die gesamte Besatzung des Raumschiffs wie Streichhölzer geknickt hat, weil sie ihm keine Antwort auf eine bestimmte Frage geben konnten. Tief unter ihm, im hintersten Eck des Raums sitzt verschreckt bibbernd die elendste Menschengestalt im ganzen Universum: Ein Schriftsteller auf dem Weg zur großen Buchmesse auf dem Saturn. Diesen Wurm bemerkt nun das Monster, fährt sein sabberndes Teleskopauge aus, sieht ihn mit der versammelten Verachtung der Fleischfresser sämtlicher Galaxien an und fragt ganz langsam. „Nun? Kannst DU es mir sagen? SCHREIBERLING?“
Ich weiß auch nicht, wie mir damals ausgerechnet dieses Bild vor Augen kam, aber man muß es kennen um zu verstehen, wieso ich nach einer kurzen Pause: „Rumpelstilzchen?“ gesagt und daraufhin die versammelte Anzugträgerkompanie wortlos stehen gelassen habe.

„Nächste Haltestelle Rotenturmstraße!“

Ich schaue auf. Bin ich etwa schon zu weit gefahren? Diese abschweifenden Tagträume sind so etwas wie die Berufskrankheit eines Geschichtenerzähler. Ein Blick auf den Streckenplan beruhigt mich: Noch zwei Stationen.
Bis auf eine Mutter, die versucht ihre zwei Kinder im Vorschulalter darauf einzuschwören, dieses eine mal bei der Großmutter nicht gleich sämtliche Wohnzimmerschmuckgegenstände auf den Boden zu zerren, ist der Bus inzwischen leer.
Also zwei Minuten noch. Kurz spiele ich mit dem Gedanken einfach sitzen zu bleiben, weiter zu fahren. Einmal die ganze Runde, zurück nach Hause und mich dort ganz tief in meinem Bett zu vergraben. Aber ich weiß, daß es keinen Sinn hat. Aufschieben macht alles nur schlimmer. Wenn ich jetzt komme, wird es mir sicher noch zu meinem Vorteil ausgelegt.
Noch eine Station: Der Bus bleibt stehen, die Tür vor mir geht auf und zwei Pensionisten quälen sich die Stufen herauf, offensichtlich auf dem Weg zum Sonntagstreffen der Arbeiterwohlfahrt. Ohne daß ich weiß, welcher Schalk mich reitet stehe ich im nächsten Moment auf und biete den beiden meinen Sitzplatz an. Als ich in ihren Gesichtern auf blankes Unverständnis stoße deute ich erklärend auf das grell gelbe Schild hinter mir:
<>
Lächelnd stolpere ich im anfahrenden Bus nach hinten. Was für ein herrliches Gefühl, ein Böser – ein Outlaw zu sein.
Durch die Windschutzscheibe kann ich schon das Polizeipräsidium sehen. Selbst bei Sonnenschein ist ein trostloses Gebäude. Grau und schmucklos stammt es aus dem 19. Jahrhundert und steht unter Denkmalschutz. Als Kind hab ich dort einmal eine Zeugenaussage gemacht, bei einem Verkehrsunfall. Keine aufregende Sache, ich bin nur am Straßenrand gestanden und war von der Karambolage viel zu fasziniert als daß ich bei der Verhandlung irgendeine Hilfe hätte sein können. Nervös war ich mit meinen 9 Jahren natürlich trotzdem genug. Vorher habe ich eine halbe Stunde auf dem Gang gewartet und durch den Innenhof auf die vergitterten Fenster des Untersuchungsgefängnisses gestarrt. Das muß so sein wie Schule nur ohne Ferien, hab ich mir damals gedacht, aber auch ohne Hausaufgaben.
Der Bus bleibt stehen, ich steige aus, wie auch die leidende Mutter, die versucht ihre hüpfenden Bälger unter dem Schirm zu halten. Drei Paar Schuhe gehen dann gestreßt in Richtungen Großmutter davon. Nur ich stehe noch an der Haltestelle. Erst jetzt bemerke ich die verräterischen Spuren meiner Taten am rechten Zeigefinger. Obwohl ich weiß, daß es keinen Sinn hat, beginne ich daran zu reiben während ich über die Straße gehe. Es ist wieder einmal typisch für meine Familie, daß wir den Geburtstag meines Onkels ausgerechnet im Restaurant „zur Justiz“ feiern müssen. Ein düstereres, stimmungsloseres Lokal kann man selbst mit viel Mühe nicht finden. Hat wahrscheinlich Hans vom Büro aus organisiert. Ambiente, das Wort hat der sicher noch nie gehört.

Den Türgriff schon in der Hand bleibe ich ein letztes mal stehen. Der Tintenfleck am Zeigefinger ist noch immer deutlich zu sehen, dafür ist mein linker Daumen jetzt auch noch blau. Drinnen warten sie alle, die „Wieder mal was verkauft?“ – „Was macht das neue Buch?“ – Partie. Ein tiefer Atemzug dann bin ich bereit. Und wenn es zu schlimm werden sollte, dann brauche ich ja nur an die Geschichte zu denken, die ich heute morgen geschrieben habe.

„Hallo Onkel Ernst! Alles Gute! Tut mir leid, daß ich so spät komme. Was macht das Rheuma?“

Beim Hofer war’s

von
Peter Heissenberger

Bernds Kopf fliegt von Links nach Rechts, sein Blick jagt über den Parkplatz, aber der Mann im graublauen Anorak ist längst im Verkehrsgetümmel der Unglücklichen verschwunden, die am 23. Dezember nach Büroschluss noch einkaufen müssen.
Nach zehnminütigem heroischem Kampf hatte Bernd einen Parkplatz ergattert und jenem Mann vorschnell zwei Euro für sein Einkaufswagerl gegeben, nur um zu spät erkennen zu müssen, dass nur ein Einfacher im Schloss steckt. – Über den Tisch gezogen beim Einkaufswagerlpfand? Warum macht jemand so etwas? Und wie oft gelang ihm das wohl ohne verprügelt zu werden? War so ein Verdienst eigentlich einkommenssteuerpflichtig? – Ein Euro – mein Gott! Bei seinem Stundenlohn muss er dafür – wie lange? – Ja, zwei Minuten vielleicht, arbeiten. Trotzdem wurmt es ihn maßlos. Wer ist schon gerne der naive Einfaltspinsel, der in seiner trägen Unaufmerksamkeit von einem ausgefuchsten Kleinganoven ausgetrickst wird?
Andererseits konnte es auch ein Versehen gewesen sein. In dem Trubel merkt sich doch keiner, welche Münze er vor einer halben Stunde in den Schlitz geschoben hat.
Bernd lächelt wieder. Sicher: Es muss ein Versehen gewesen sein, und außerdem kann er es ja nachher genau so machen. Auge um Auge, Euro um Euro.

Und damit einmal noch durchgeatmet und dann hinein in den Strom der Konsumwilligen! Konsum und Hofer? Späte Fusion mit einem Verstorbenen? Ein kurzer Gedanke nur, der ihn schon wieder verlässt, als er erkennen muss, dass seit seinem letzten Einkauf hier alles umgestellt worden ist. Echte Panik macht sich breit. Die routinierten Wege müssen neu ausgekundschaftet werden. Wie soll er in diesem Gewühl je den norwegischen Lachs geräuchert, den Sahnekren und die 20%ige Diät – Mayonnaise finden? Jawohl NNAISE, so geschrieben wie es sich gehört, nicht NÄSE. 100%ige Nässe gibt es draußen genug.
Erst diese linke Rechtschreibreform mit ihren Mayonasen, den 20%igen und den 80%igen Mayorüsseln, die dann von über – ambitionierten Supermarktleitern, die ausgerechnet im Advent ihre Autorität beweisen müssen, auch noch in den zweiten Quergang links, neben das Ketchup verbannt werden. Ketchup – ob das wohl noch dort stehen wird, wenn man es längst schon anders schreibt?
Ein Mensch wie er ist einfach nicht für diese hektische Zeit geschaffen. Er ist kein Freund des schnellen Wandels, er liebt Beständigkeit, Werte auf die man sich noch verlassen kann, sein Weltbild ruht auf tiefen Fundamenten.
Und damit steht er wieder im Stau. Irgendwo weit vorne, hinter hoffnungslos ineinander verkeilten Einkaufswagen gibt es Sekt. „So billig, wie sie ihn noch nie gesehen haben!“
Rien ne va plus. Nessun – weita? – Ja, Italienisch hätte er immer schon gern gekonnt: Andiamo amici prego!
Jetzt ist er schon 15 Meter weit ins Geschäft vorgedrungen und hat noch immer keinen einzigen Artikel aus dem Regal genommen. Sicher beobachten ihn die anderen längst argwöhnisch:
Wer ist der Typ dort? Der mit dem leeren Einkaufswagen? Ein Verwirrter? Ein Supermarktdetektiv? Einer, der nur wegen dieses einen Super Mega Sonderangebots gekommen ist, von dem ich noch nichts gehört habe? …
Er zieht den Kopf ein, stellt den Kragen seines Detektivmantels auf und schaut nach links und rechts, doch dort hat man nur Augen und Worte für den Stau:
„Hearst? Geht’s da vorn endlich amal weiter, ihr Weihnachtsmänner?“
Wenigstens ein nettes Schimpfwort, wenn es so etwas überhaupt gibt.

Dann plötzlich: Der Stau reißt auf! Einkaufswagen werden unsanft zur Seite bugsiert, ein ausladendes Hausfrauenhinterteil elegant umschifft. Bernd legt ein Kilo Reis in seinen Wagen. Alibikauf! Aber Reis kann man immer brauchen! Und dazu eine frische Freilandgurke –
Wieso eigentlich Freilandgurke? Aus artgerechter Bodenhaltung etwa? Warum konnte man in seiner Jugend trotz all der antikommunistischen Propaganda ausgerechnet immer ungarische Freiland – Gurken kaufen? Wo doch nur Österreich frei war?
Ganz Österreich? Nein, ein kleines Rudel Aufrechter hält ihm weiterhin den Weg zu den Tiefkühlvitrinen beharrlich versperrt und so weicht er nach links aus, vorbei an den zerwühlten Wühltischen für Sonderartikel, wie sie heutzutage in keinem Lebensmittelmarkt mehr fehlen dürfen: Nasenhaartrimmer, Aktenvernichter, formschöne Strapazierhosen für den modebewussten Rhinozerosreiter von heute. Kurzum Dinge, bei denen man sich einfach fragen muss, wie man bislang hat ohne sie auskommen können, vor allem, wo hier alles doch sooo billig ist. – 300 farbige Heftklammern im Glas! Damit wären auch seine Urenkel noch versorgt.
Eigentlich fehlen jetzt nur noch diese freundlichen Konsum-Motivations-Berieselungsdurchsagen zu seinem Glück:
„Vergessen sie nicht unser Angebot der Woche, beim Kauf von vier Dosen Mischgemüse erhalten sie das Polaroid einer Feldtomate gratis.“
Das Angebot der Woche! Wie das schon klingt, ungefähr so überladen wie: Das Gebot der Stunde! Da hat er schon ganz andere Gebote gehört, die, die mit „Du sollst nicht….“ beginnen. Aber waren das dann nicht Verbote? – Das hat er sich eigentlich immer schon gefragt. Andererseits, wie klingt denn das? Die zehn Verbote? So gesehen ein kluger Marketing Schachzug – wär’ sicher ein hervorragender Supermarktmanager geworden der alte Moses. Man muss seine Thesen eben mit der nötigen Autorität vorbringen, gottgesandt, eingemeißelt in Steinplatten, das wäre auch in der heutigen Zeit mit ihrer Reizüberflutung und der von allen Seiten auf uns einprasselnden Reklame wichtiger denn je:
„Du sollst keine japanischen Autos kaufen!“
„Du sollst keine andere Schokolade essen als meine!“
„Du sollst nicht begehren die Produkte der Konkurrenz!“
„Du sollst mit keinen gefälschten Designerprodukten protzen vor Deinem nächsten!“
„Du sollst nicht töten!“
„Du sollst die österreichische Alpenmilch ehren, auf das Du wohl gedeihest!“
Moment, Halt! Ist da nicht doch eines dabei gewesen, das wirklich wichtig war? Verdammt! Jetzt hat er nicht aufgepasst!

Kaufen, Kaufen, Kaufen, rund um ihn gehen die Einkaufswagen in die Knie. Er lässt sich treiben als würde er gar nicht dazu gehören. Als sei er längst selbst ein Konsumartikel, einer den keiner will, ein Ladenhüter. Was passiert eigentlich mit einem Geschäft, wenn jemand den Ladenhüter kauft? Geht es dann pleite oder brennt es nieder, das unbehütete Geschäft?

Damit hat er seine erste Runde vollendet, eine Dose Cocktailkirschen und ein Dutzend marinierte Austern gekauft, beides reine Zufallstreffer. Wenn er sich weiter derart ablenken lässt, dann ist er zu Sylvester immer noch hier. Mit einem kühnen Sprung flüchtet er in eine enge Nische zwischen Fertigpüree und Hühnersuppe. Ein rettender Hafen im immer dichter werdenden Strom – das Auge des Orkans. Durchatmen!
Am liebsten würde er seinen Wagen hier stehen lassen, sich durch eine Oberlichte zwängen, nach draußen abseilen und auf eine Essenslieferung vom Weihnachtsmann hoffen. Am 23. Dezember geht doch niemand mehr einkaufen – da sind die Geschäfte viel zu überfüllt!
(*)
Jingle bells, jingle bells.. „Grüß Gott!“ 6290, 7.90, 3×1.90, 3.90 – kann der nicht schneller machen, bis der endlich seine Milch im Wagerl hat staut sich schon das halbe Band. Jingle bells, jingle bells. Na endlich! 1.90, 3.90, 1-2-3-4-5 mal 0.90, Sonderartikel Strickhandschuhe 19.90. jingle bells, jingle bells“
Seit sieben Jahren sitzt sie nun schon an der Kasse. Aus dem Job, der eigentlich nur helfen sollte das Tief im Medizinstudium zu überbrücken ist längst eine Einbahnstraße in die Werktätigkeit geworden. Eine Hand am Band, eine Hand an der Kasse. -„7.90, 5.90, 2.90,“ – Sie ist zur gut geölten Maschine geworden. Bestaunt, manchmal sogar gelobt: „Also, wie sie sich das alles merken und so schnell eintippen, Fräulein, also da kommen diese modernen Computer Dinger nicht mit, sie wissen schon, die mit den Strichen und so. Also, was ich mich da schon geärgert habe.“
Lächeln, „Danke!“, der nächste Kunde wartet schon ungeduldig.
Wen interessiert es schon, dass sich die Maschine in ihr schon lange nicht mehr abstellen lässt. „2.90, 1.90, 3.90. macht zusammen 11.90.“ – „Danke und 90.“ – „Schönen Tag noch und 90.“ – „Endlich Feierabend und 90.“ – „Wir sehen und dann morgen und 90.“ – „Komm gut nach Hause und 90.“ – „Ich schlafe in letzter Zeit kaum noch und 90.“

Es gibt keinen Netzstecker zu ziehen, keine Lider zu schließen, ihre Nächte, ihre Träume, sind ein endloses Förderband aus versäumten Gelegenheiten. Franz – 11.90, Faschingsprinzessin der dritten Klassen – 150.90, Anatomieprüfung im dritten Versuch – 20.000.90, Egon – 1.90? 0.90? „Ach, für den müssten Sie eigentlich noch etwas kriegen, nehmen Sie ihn nur ja schnell mit.“ Warum kaufen diese gesichtslosen Menschen nur immer wieder die selben Dinge?
(*)
Endlich ist ihm seine Liste eingefallen. Wozu hat er die heute morgen eigentlich geschrieben? Männer sollten einfach nicht einkaufen gehen. Das muss so eine Art Gendefekt sein.
Aber jetzt: Den Wagen wird er in der Nische stehen lassen. Als Infantrist ist er in diesem Dschungel sowieso viel besser dran. Er spürt archaische Kräfte, endlich wieder Jäger und Sammler sein! Längst verloren geglaubte Triebe werden wach – die nächsten beiden Wochen wird er sich nicht rasieren.
Erste Beute: Zwei Kilo Orangen – die Nasangen sind anscheinend noch nicht reif.
Er singt: „Ich wurd’ geboren mit ‘nem Lächeln im Gesicht, die ganze Welt, die ist mein Freund, oh – ja!!“
Na ja, klingt auf Englisch irgendwie besser – oder einfach nur halb so blöd.
Leise summend tänzelt er auf sein nächstes Ziel zu: Äpfel – zwei Kilo im Plastiksack. Ein schneller Griff – erwischt! Auftrag Obst erfüllt, zurück damit zur Basis und dann weiter zum Fleisch.
Links, rechts, flinke Bewegungen, eine volle Drehung, ein kleiner Sprung, Schritte, wie er sie seit der Maturaballpolonaise nicht mehr gegangen ist.
„Got a dance!“ Fred Astaire ist tot, Gene Kelly ist tot, aber ihm geht es blendend.

Hat er möglicherweise das Schild übersehen auf dem für alle anderen ganz deutlich steht: „Freundliches Gesicht machen bei Strafe verboten.“ Was haben die sich denn erwartet? Drängen sich eine Stunde vor Feiertagsladenschluß mit einer halben Milliarde anderer in einen deprimierenden Betonflachbau und wundern sich, dass ihnen das keinen Spaß macht? Der dort drüben zum Beispiel, der mit dem Lodenmantel und dem Gamsbarthut, ist der nicht zum Schießen? Weidmannsheil, Herr Graf, das Rehgulasch liegt in der dritten Truhe.
Oh Gott, diese Menschheit ist verloren!
(*)
Zwei Stunden noch! Ihr macht es nichts aus, auch heute zu arbeiten. Besser als zu Hause zu bleiben – allein. „Guten Tag.“ Ein rascher Blick in den Einkaufswagen, ist eh schon lange nichts mehr vorgekommen. „5.90, .90, 1.90“
„Entschuldigung. Können sie nach dem Toilettenpapier vielleicht eine Zwischensumme machen? Ich weiß nicht, ob ich genug Geld dabei habe.“
Sie nickt. Schon wieder so eine. Indirekt – Einkäuferin. Warum kommen die nicht gleich ins Geschäft und sagen: „Was kostet das alles, was sie hier haben?“ – „38 Millionen gnädige Frau.“ – „Gut, dann gehen sie bitte mit und ich sage ihnen, was ich alles nicht nehme.“ Immer Lächeln!
Mit dem Toilettenpapier um 3.90 macht das genau 23.70.
Natürlich hat sie nicht genug Geld dabei, die dumme Pute, dabei liegen da noch gut 15 Euro auf dem Band. Zwanzig habe sie, also knapp die Hälfte, das ist wirklich ein starkes Stück, so gut kann sogar ein Blinder schätzen.
Die nächste Kundin ist offenbar die Mutter. „Hab ich’s Dir nicht gleich gesagt Hilde? Wissen Sie was, Fräulein, lassen sie mich vor, dann weiß ich wie viel mir übrig bleibt, für meine Tochter.“
„Gerne!“ Sie versucht ruhig zu bleiben, vielleicht sind das ja Testeinkäufer. Immer freundlich bleiben zu den Kunden. Lächeln!
(*)
Er steht an der Kasse und wieder geht nichts weiter. Dabei liegt sein gesamter Einkauf schon auf dem Band. Alles da: Zitronensaft, kandierte Früchte, der Zucker heute sogar als Feinkristall.
Was sich vor ihm abspielt muss allerdings der Supergau für jede Kassiererin sein. Jetzt klettert die Alte halb über den Einkaufswagen der Jungen. Ihm soll’s recht sein, seine Schlacht ist geschlagen und wie er vom Parkplatz kommen soll im Augenblick noch egal.
Die Kassiererin mit ihrer Engelsgeduld macht Weihnachten alle Ehre. Schade, dass ihr Lächeln nicht ernst gemeint ist. Er summt: „Deine wahren Farben sind leider nicht so schön wie ein Regenbogen.“
Aber ist es ihr denn zu verdenken? Er könnte das nicht, keine fünf Sekunden lang still sein bei so viel Dummheit. Eine Stunde muss sie jetzt noch durchhalten, dann kann sie heim zu ihrem Mann. Zu den zwei kleinen Kindern vielleicht. Er starrt auf die flinken Finger. Kein Ring zu sehen. – Was ist das nur mit Singles und Weihnachten?
Endlich zahlt die alte Schachtel. Wie viel sie jetzt übrig hat? Satte 7 Euro das reicht bei weitem nicht. Mit einem lauten Klatschen fährt seine Hand zur Stirn. Er erntet einen finsteren Blick der Kassiererin.
„Aber nein – nein. Das galt doch nicht Dir, ich bin doch auf Deiner Seite.“ Er lächelt, doch da hat sie sich längst schon weg gedreht. – Na toll, das hat er ja wieder einmal großartig verbockt!
Vor ihm steigert sich derweil das Drama zu einem furiosen Schlussakt. 5 Euro 40 müssen zurück gelegt werden: „Was kostet das?“ – „Und was das?“ – „Aha!“ – „Und das?“ – „Und die drei zusammen?“ -„Hmm!“
Er hat den Zehner schon in der Hand. „Nehmens den -bitte!!!“ Natürlich weiß er, dass das nicht geht – nicht einmal zu Weihnachten. Das erwartet heute keiner mehr, da wird dann gleich ein Pferdefuß vermutet und am Ende muss ER sich dann noch rechtfertigen.

Er senkt seinen Blick und starrt in den leeren Einkaufswagen. Er ist weit weg, an den unruhig herbeigesehnten Weihnachtsabenden seiner Kindheit. Advent, damals die längste Zeit im Jahr. Im nächsten Moment sieht er die Lösung.
>> Du musst hier predigen! <<
So rasch und unvermutet, wie dieser Gedanke auf einmal aufgetaucht ist, so klar und nicht weiter hinterfragbar steht er jetzt vor ihm. Natürlich! Wenn nicht er, wer dann? – Wenn nicht jetzt, wann dann? – Diese Welt kennt schon genug, die ihre Augen vor allem verschließen. Er wird sich hinstellen, wo ihn jeder sehen muss und den Menschen diese Augen wieder öffnen. „So kann das nicht weiter gehen meine Freunde. Wir müssen einander wieder anschauen. Miteinander reden, uns auch mal anlächeln. Versuchen wir doch, auch das, was wir tun müssen mit Freude zu machen. Es ist gar nicht schwer.“

Ein Gefühl reiner Wärme steigt in ihm auf. Eine Eingebung, ein Auftrag, der keinen Aufschub duldet. Voll Euphorie dreht er sich um.
Er merkt nicht, wie hinter seinem Rücken die Geflügelschere um 7.90 zurückgegeben wird und in hohem Bogen zur Quengelware fliegt.
(*)
„So, bitte! Den Zettel kann ich ihnen aber nicht mitgeben, ich muss das nachher stornieren, sonst hät’ jetzt die Chefin kommen müssen und ich dann alles neu eintippen.“
„Ich brauch den Zettel aber. Ich muss ja überprüfen ob sie richtig gerechnet haben.“
Ihr steht die Galle bis zum Hals. Wenn sie dieser Funzen noch einmal ins Gesicht schauen muss, dann wird sie sich unweigerlich an ihrer Kehle fest beißen. Sie reißt den Kassabon ab und wirft in den Wagen: „Dann kontrollierens des da hinten und geben ihn mir dann zurück. Auf Wiedersehen.“ Warum nur hat sie die Geflügelschere so weit weggeworfen? Diese dummen Hühner gehörten längst gerupft.

Die Schlange vor ihrer Kasse ist endlos. Eine Stunde? – Das ist doch eine Lüge, sie wird hier sitzen bis zum Ende ihrer Tage, bis sie hier endlich Harakirischwerter verkaufen. Durchatmen. Lächeln!
„Grüß Gott.“

Ein leerer Einkaufswagen steht verlassen neben dem Förderband. Der Kerl mit der klatschenden Grimasse ist weg. Was ist jetzt los? Wo ist der hin? Ist sie denn heute nur von Verrückten umgeben?
Die ganze Schlange hat sich inzwischen umgedreht und jetzt sieht sie ihn auch, wie er auf den Wühltisch mit den Strickhandschuhen geklettert ist, aufsteht, die Hände weit ausbreitet und ruft:
„Freunde, hört mir zu! Ich.. Ich .. äh, ..Also,.. Ich, …. Äh, wollte… ich glaube, .. ich hab da unten irgendwo meine Kontaktlinsen verloren.“

Hinterland

Hinterland

von Peter Heissenberger

Der Adler stürzt vom Himmel, packt seine Beute und fliegt mit schweren Flügelschlägen wieder davon.

Auf der anderen Seite des Hügels spiegelt ein grauer Bus die tiefstehende Sonne, die noch eine halbe Stunde von dem entfernt ist, was eine mittelmäßig eingefärbte Abendstimmung zu werden verspricht. Aber für so etwas hat der alte Mann am Felsen sowieso kein Auge. Er war nie ein Mann der Augen gewesen, weder damals noch heute.

Er ist zu diesem Aussichtspunkt hinaufgeklettert, weil es von ihm erwartet wurde. Langsam, den anderen seine Verachtung leise hinterher fluchend, weil unten zurück zu bleiben auch keinen Sinn gemacht hätte. Außerdem sollte bloß keiner denken, dass er es nicht mehr schaffen würde, er mochte jetzt alt sein, aber woher glaubten die, hatte sein Enkel die sportliche Statur?
Als junger Mann hat er die Filme der Leni Riefenstahl im Kino gesehen und sein Leben lang davon geträumt.

Jener Enkel bereut schon lange, die Reise gebucht zu haben. Sie war den Athleten für die Woche nach olympischen Spiele angeboten worden, griechisches Hinterland / Peloponnes. Damals hatte er sich schnell entscheiden müssen, dabei hätte ihm eigentlich klar sein müssen, dass man den Großvater keine Woche lang in einen Bus voller Ausländer pferchen darf. Da kommt dann immer nur die alte Schule zu Tage.

Ohne den Grund bewusst wahrzunehmen denkt der Alte plötzlich an Schildkrötensuppe. Hält das Gesicht in den Wind und denkt an den Geschmack von Schildkrötensuppe, die er nie in seinem Leben gegessen hat.
Und dann sieht er sein altes Wohnzimmer vor so vielen Jahren, die alte Couch, die eigentlich immer schon alt und den abgenutzten Teppich, der sehr wohl einmal neu und teuer gewesen ist. Über diesen Teppich ist damals der Graubler gelatscht, hat sich auf die Couch gelümmelt und seine Frau hatte kein Wort gesagt. Kein Wort über die schmutzigen Schuhe, den Dreck, den er bei jedem Schritt verloren hatte. Stumm hat sie in einemm Eck gestanden – für ein einziges Mal in ihrem Leben ohne Worte.

Der Enkel betrachtet den Großvater von der Seite. Autogramme die letzte Leidenschaft. Früher Leichtathlet, StuKa Flieger, dann Oberstudienrat, Mathematik und Physik – lange schon im Ruhestand. Jeden Zentimeter alte Schule – immer wieder peinlich.

Unbemerkt von den beiden trägt der Adler seine schwere Last nach oben. Die Beute tut, was ihr der Instinkt von abertausend Generationen gelehrt hat, sie wartet ab, zieht sich tief in ihre uneinnehmbare Festung zurück, nicht ahnend, dass Darwins Selektion ihrem Gegner längst die besseren Karten in diesem Duell zugeteilt hat.

Geredet hatte damals allein der Graubler. Der alte Mann hatte sich nur gefragt, wer dieser Kerl eigentlich war, der das Wohnzimmerbodenheiligtum seiner Frau so ungestraft entweihen durfte und jetzt über Schildkrötensuppe sprach, als sei es das Wichtigste der Welt.
Wie gut sie ihm doch einmal geschmeckt habe und dass der Sepp, wenn er dann in Argentinien angekommen war, natürlich nicht als erstes, aber doch irgendwann, ihm bitte ein paar Dosen besorgen solle. Als ob es nichts anderes zu besprechen gegeben hätte, im Wohnzimmer einer Familie, die gerade dabei war, ihren einzigen Sohn zu verlieren.

Wenn Freddy Quinn im Radio vom Heimweh singt, muss der Alte heute noch weinen.

Der Enkel sieht den aufgebrochenen Schildkrötenpanzer sehr wohl, der da vier Meter vor ihnen zwischen den Felsen liegt. Zuerst denkt er an die resche Wurstsemmel aus einem alten Volkschulwitz. Dann aber gleich an einen Bären, von dem er allerdings nicht annimmt, dass er am Peloponnes heimisch ist. Eine Karate gelehrte Springmaus kann das aber auch nicht geschafft haben. Vielleicht ein Hund mit Dosenöffner. Er sieht sich vorsichtig um und hofft, dass dieser Jäger nachtaktiv ist.

Der Großvater hat den Graubler nur einmal wieder gesehen. Für ein paar Augenblicke auf einem überfüllten Marktplatz, damals ist der Sepp schon zwei Jahre tot gewesen. Er ist stehen geblieben, der Graubler weiter gegangen, hatte ihn wahrscheinlich gar nicht erkannt, vielleicht war aber auch die nie erhaltene Schildkrötensuppe der Grund für das Übersehen.

Inzwischen hat der Adler hat seine angestrebte Höhe fast schon erreicht.

Wenn er auch kaum noch sehen kann, dieses Bild wird der Alte nie vergessen. Er, seine Frau, sein Sohn, alle drei wortlos vor Schmerz, dazwischen dieser kaum-Bekannte, den er nie vorher und nur einmal danach bewusst wahrgenommen hatte. Der aber redete ohne Unterlass, und als er dann endlich gegangen war, hätte man ihn sofort wieder zurück gewünscht. Sollte er doch ruhig stundenlang über Leberknödel- und Lungenstrudelsuppe philosophieren, wenn er nur diese schreckliche Stille vertreiben konnte.
Und dann ist das Taxi gekommen.

Einmal hat er Freddy Quinn im städtischen Freibad gesehen, bei der Wende sogar kurz mit ihm gesprochen, hatte von dem Konzert gar nichts gewusst, versprochen, sich sofort eine Karte zu kaufen. Lange schon ausverkauft hieß es und dann war der Freddy weiter geschwommen. Wer hatte in der Badehose auch schon etwas zum Schreiben dabei.

Seinen Enkel hat der alte Mann zum ersten Mal im Alter von sechs Jahren gesehen. War mit seiner Mutter aus Argentinien gekommen um auf eine Österreichische Schule zu gehen. Wer denn der blonde Junge sei, der auf den vielen Fotos im Haus der Großeltern zu sehen sei, hat er unschuldig gefragt. Da haben sie dann alle verschämt zu Boden gestarrt.

Es mag jetzt15 Jahre her sein, da hat der Enkel im Readers Digest einen Artikel über die schlauen Jagdgewohnheiten mancher Tiere zu lesen begonnen, war dann aber von einem Telefonanruf unterbrochen worden und so nie zu den Adlern des Peloponnes gekommen und wie sie ihre Hartschalenbeute aus großer Höhe auf Felsen knallen lassen, sonst wäre er wohl nicht so ruhig vor jenem Schildkrötenpanzer sitzen geblieben.
Dass allerdings weltweit mehr Menschen von zu Boden fallenden Cocosnüssen als von Haien getötet werden, das hat ihm erst unlängst ein Freund erzählt.

Nach einem Jahr war sie dann wieder weg, die Mutter und Schwiegertochter, die sowieso nichts wert gewesen war. Sie haben den Buben aufgezogen wie seinen Vater vor ihm und da soll ihnen nur ja keiner einen Vorwurf draus machen. Oder kommt heute etwa schon jeder zu den olympischen Spielen?

Der alte Mann dreht sich zur Silhouette des Enkels und lächelt stolz.
Als er die Riefenstahl eines Tages aus einem deutschen Autobahnrestaurant kommen gesehen hatte, war sein Kugelschreiber im Auto und eh er damit zurück, sie längst weitergefahren.

Hundert Meter über den beiden geht die Reise für den Passagier derweil zu Ende. Der Adler öffnet seine Krallen.

Fast hätte der Enkel das Papier in seiner Hand vergessen. Hat auf dem Anstieg das Autogramm des Italieners besorgt. Der war nämlich Olympiasieger. Trotzdem hätte der Großvater ihn sicher nie angesprochen. Schon allein wegen Südtirol und so.

Niemand schaut nach oben, dabei würde der alte Mann das Schauspiel über seinem Kopf sicher bewundern. Vor allem wie der Vogel seiner Beute jetzt hinterher stürzt. Die Ju 87 im Sturzflug, das ist in der siebten Klasse immer sein Lieblingsparabelbeispiel gewesen, wenn sich ein paar dieser Bachblüten-Eltern auch beim Direktor über seine Geschichten beschwert haben.
Natürlich konnten da auch Flüchtlingskolonnen dabei gewesen sein. Der Feind musste erst recht im Hinterland geschwächt werden.

Der Enkel reicht dem Großvater den unterschriebenen Zettel. Der greift danach und zieht die Brille mit den dicken Gläsern aus der Jackentasche.
Die Erdbeschleunigung hat den Schildkrötenpanzer längst zum tödlichen Geschoss gemacht.

Für einen Augenblick war man nach dem Hochreißen immer bewusstlos. Damals hat er das weggesteckt und keine Fragen gestellt. Heute wird ihm schon schwindlig, wenn er schnell aufstehen muss, so wie jetzt, reflexartig, weil mit der Brille sein Kugelschreiber aus der Jacke gefallen ist.
Aus manchen seiner Fehlern hat er dann doch gelernt. Nie mehr unbewaffnet. Papier und Kugelschreiber immer am Mann! Was, wenn jetzt plötzlich Nana Mouskouri ums Eck gekommen wäre?
Er macht einen unsicheren Schritt und bückt sich nach seinem Jagdgerät, als hinter ihm eine zweiundachtzig Jahre alte Schildkröte laut krachend und spektakulär ihr Leben beendet.

Die Köpfe der ganzen Gruppe fahren erschrocken herum. Ein Panzersplitter streift den Enkel am Unterarm. Verwirrung aller Orten. Ungläubig dazwischen nur ein alter Mann mit einem Kugelschreiber.