Die Archäologin – Leseprobe

Die Skelette.

Die Erde hält seit Jahrtausenden die Knochen fest, fixiert ihre Körperhaltung, die Momentaufnahme Sterbender. Eine Frau, ein Mann, die Kinder. Eine ermordete Familie.

Vier Meter über ihnen wuchert eine Wiese mit kniehohen Grashalmen, saftigen Brennnesseln, Löwenzahn und Disteln. Grillen sind laut, und heuer gibt es viele Schnecken. Es ist ein kleines Stück Land, das niemanden interessiert und wo niemand hinkommt, denn was hat man schon hinter der Friedhofsmauer zu suchen, bei all den Brennnesseln und den Insektenschwärmen? Man würde nur vermoderte Kränze oder gebrochene Kerzenbecher aus rotem Plastik finden, die von den Friedhofsbesuchern nach Allerseelen über die Mauer geworfen wurden.
Die Archäologin – Leseprobe weiterlesen

Werbeanzeigen

Der Tod der Radfahrerin

Vor dem Gasthof stellt Rosa ihre Reisetasche ab. Mit einem Taschentuch wischt sie sich die Stirne trocken. Schweiß rinnt von ihren Achseln. Sie stützt sich am Torbogen ab. Der Stein fühlt sich bröselig an.

„Ich werde hinein gehen“, sagt sie.

Sie bückt sich nach der Tasche, die Schulter schmerzt vom Gewicht, sie öffnet die Tür und bückt sich wieder, weil der Torbogen so niedrig ist. Sie schaut sich um. Über ihr rissiges Holzgebälk. Unter ihr Kachelboden. Vor ihr ein Tischchen mit einer Holzfigur: Eine Frau, die Knie zur Brust gehoben, der Kopf nach vor gebeugt, Hände und Oberarme an den Kopf gepresst. Rosa berührt den Rücken der Gekrümmten.

„Sie wünschen?“, sagt jemand.

Rosa erschrickt.

„Sind Sie bei der Gruppe?“, fragt ein Mann.

„Ja.“

„Die Umweltgruppe?“

„Nein.“

„Die Familienaufstellung?“

„Nein, die Schreibgruppe.“

„Welche?“

Rosa nennt den Namen der Literatin.

„Ah, bei der“, sagt der Mann. Und dann: „Wir haben kein Doppelzimmer mehr, das Sie mit jemandem teilen könnten. Nur mehr Einzelzimmer. Ist leider teurer.“

Geld, denkt Rosa. Als wäre das noch wichtig. Der Mann führt sie eine Treppe hinauf, die Reisetasche muss sie tragen. Der Schlüssel, den er ihr in die Hand legt, ist so lang wie ein Suppenlöffel, und das Schloss zu ihrem Zimmer ist älter als Rosas Mutter.

Der Nachmittag ist noch etwas sonnig. Rosa geht im Garten umher und macht Fotos mit ihrem Handy. Vielleicht darf sie die Bilder mitnehmen. Erinnerungen vom letzten Tag. Aber auch das Handy werden sie ihr nehmen. Sie könnte ihren Freund anrufen. Und was sollte sie ihm sagen? Alles? Was könnte er tun? Nichts.

Sie denkt daran, dass sie mit ihm glücklich ist.

Glücklich war.

Eigentlich.

Bei Sonnenuntergang das gemeinsame Abendessen. Die Teller werden aufgefüllt. Jemand sagt Mahlzeit, Rosa greift nach der Gabel. Jemand erzählt Rosa irgendetwas. Rosa legt die Gabel zur Seite. Sie greift sich an den Hinterkopf. Dabei hatte sie noch so viel vor im Leben.

Zum Beispiel.

Dies.

Oder das.

Sie denkt an ihre Schwester. Die mit Haus und Mann, aber nicht an die, die jetzt durch Asien zieht und ab und an Postkarten schreibt, von Orten, die Rosa aus den Nachrichten kennt, wenn es wieder einmal Unruhen dort gibt und sich Mutter Sorgen macht.

Dann die erste Sitzung. Die Literatin kommt in den Saal, unter ihrem Arm ein Stapel Bücher. Feuerrotes Haar mit dunklem Ansatz. Die Literatin schreibt ihren Namen auf das Flip Chart. Malt eine Blume über dem I. Der Filzstift quietscht. Eine Minute lang. Wegen der vielen Blütenblätter. Die Literatin redet über das Ausschmücken von Texten. Weiblichkeit und Fülle in die Literatur bringen. Adjektiven den Raum geben, den sie verdienen. Duftende Sprache, meint sie. Und bunte Wörter. In der Vorstellungsrunde sagt Rosa, dass sie mit dem Schreiben angefangen hat, um sich über Dinge klar zu werden. Die anderen schauen sie an. Draußen klimpert ein Glockenspiel im Wind. Jetzt spricht wieder die Literatin. Die erste Aufgabe. Wir suchen Adjektive, die uns beschreiben. Rosa fragt sich, ob Rot ein Adjektiv ist.

Auch ein Mann ist dabei. Nachher stellt er sich zu Rosa. Sie war elf, als er geboren wurde. Was er denn bei Frauenliteratur zu suchen hätte.

„Ich will einen großen Frauenroman schreiben“, meint er.

Er schaut Rosa an.

„Frauen verstehen?“, fragt sie.

„Ja“, sagt er. „Frauen über dreißig.“

Sie sprechen über Literatur. Dann gehen sie auf sein Zimmer. Sie klettert auf das Hochbett, er stützt sie dabei, mit seiner Hand auf ihrem Po. Kondome? Das ist doch auch schon egal. Aber er hat welche. Er bemüht sich. Er bindet sogar ihr die Augen zu. Er rollt sie auf den Bauch, legt sich auf sie, seine Hände unterfassen ihre Brüste. Sie sagt, du kannst mir richtig wehtun. Er bemüht sich.

Als es vorbei ist, richtet sich Rosa auf, stößt mit dem Kopf an die Zimmerdecke. Sie krümmt sich, zieht den Kopf zum Kinn, umfasst ihren Schädel. Er berührt sie, sie schüttelt sich. Als sie wieder denken kann, nimmt sie die Augenbinde ab, steigt die Leiter hinab, sammelt ihre Sachen ein, geht in ihr Zimmer, wäscht sich das Gesicht. Die Reisetasche gepackt, die Hände in den Schoß gelegt, die Haare aus der Stirn gestreift. Das Fenster offen. Der Wind hat nachgelassen, das Glockenspiel schweigt. Um vier Uhr morgens ist es soweit. Es klopft. Rosa erhebt sich. Zwei Männer.

„Wir sind wegen dem Unfall hier“, sagt der eine.

„Wir sind wegen des Unfalls hier“, sagt der andere. „Gestern Nachmittag.“

Sie gehen die Treppe hinab, vorbei an der Gekrümmten aus Holz, dann durch den steinernen Torbogen hinaus ins Dunkle.

„Ist das ihr Wagen?“, fragt einer. Mit seiner Taschenlampe beleuchtet er die Kühlerhaube. Etwas wird sichtbar.

(Entstanden anlässlich der Schreibwerkstatt mit Robert Schindel in Langschlag, September 2005. Die Aufgabenstellung lautete: Einen Text zum Thema „Tod einer Radfahrerin“ oder „Tod eines Radfahrers“ zu schreiben. Dabei durfte der Tod des Radfahrers nicht expliziert werden (Aussparung). Der Schlusssatz war ebenfalls vorgegeben.)

Haiku

Eins:

Vor dem Glashaus liegt
ein Stein, doch nutzlos ist er,
zu schwer zum Werfen.

Zwei:

Drei kleine Haikus
spazierten auf der Straße,
Lastauto und aus.

Drei:

Ich schreibe Haikus
über Meere und Fische:
Hans Hass gab Hai Kuss.

Gehört am 11.9.2005 um 9:10 im Gasthof Wurzelhof in Langschlag bei Großgerungs:

Zur Nazizeit stand
dort nicht die Kaiserbüste?
Die? Steht immer noch.

(Die Haikus entstanden anlässlich der Schreibwerkstatt mit Robert Schindel September 2005. Die Aufgabenstellung lautete: Schreibe Haikus)

Chlorid

Draußen der Nebel, und ich sitze seit viereinviertel Stunden auf meiner blauen Couch. Es dämmert. Ich höre mich atmen.

Ich mag diese Couch. Die Lehnen sind schräg. Man kann sich bequem nach hinten lehnen. Vor viereinviertel Stunden habe ich die Handflächen neben meine Oberschenkel gelegt. Dort sind sie immer noch. Wenn ich etwas bewege, dann hauptsächlich die Augen und nur wenig den Kopf.

Das Wohnzimmer ist geräumig.

Links die drei Fenster. Keine Vorhänge, keine Jalousien. Ich habe in der Regel nichts zu verbergen.

Rechts die Wohnküche.

Weiße Kästen, alles sauber. Ich habe in der Regel nichts zu kochen.

Hinter mir eine Wand mit dem gemalten Bild. Wenn ich mich umdrehte, könnte ich es sehen. Aber das tue ich lieber nicht. Vor viereinviertel Stunden ist es noch da gehangen. Wenn es jetzt fort wäre, es würde meine Situation verkomplizieren. Darum denke ich mir, dass es noch da ist.

Über mir eine weiße Decke.

Unter mir, zwischen Boden und Fußsohlenhaut, ein Teppich.

Vor einigen Wochen hat sie mich besucht. Sie hat gelacht. Und dann hat sie gesagt, du wohnst schon so lange da, es sieht aber so unbewohnt aus, wann kaufst du dir Möbel. Da habe ich mir diesem Couchtisch besorgt. Dreifüßig, mit der Glasplatte, die auf drei Saugnäpfen ruht.

Ich höre das Atmen.

Neben mir, auf der Couch, dort, wo ein anderer Mensch Platz finden könnte, steht das Telefon. Es hat geläutet, ich bin aufgewacht, ins Wohnzimmer gewankt und habe mich hergesetzt. Der Anrufbeantworter hat sich eingeschaltet. Mein Ansagetext. Dann schweigen. Atmen. Der Anrufer offenbar verwirrt, nicht mit mir persönlich zu sprechen.

Dann hat er etwas gesagt. Seine Stimme hat im Zimmer gehallt. Ich habe den Hörer nicht abgehoben, denn die Stimme hat gleich geklungen wie die von der Ansage. Und ich bin sicher, dass ich die Ansage selbst aufgesprochen habe.

Die Stimme hat gesagt: „Ich bin am Sterben.“

Aufgelegt. Zweimal das Tuten des Telefons.

Stille.

Seither blinkt der Anrufbeantworter wegen der neuen Nachricht, und ich sitze hier. Die Handflächen neben den Oberschenkeln am weichen, blauen Couchüberzug.

Ich denke mir etwas. Nämlich, dass die Stimme nur aus einem Traum stammt. Dann denke ich nichts mehr. Spüre nur den weichen Möbelstoff auf den Handflächen und den Teppich auf den Sohlen. Früher habe ich über vieles nachgedacht. Aber da hatte ich noch Pickel. Die sind dann verschwunden.

Das Atmen wird lauter. Es ist fremdes Atmen.

Ich schaue auf die Saugnäpfe, auf denen die Glasplatte ruht. Wenn ich die Platte hebe, löst sie sich dann vor den drei Tischfüßchen? Ich beginne mich zu bewegen, um das auszuprobieren. Das Glas haftet nicht. Ich lege das Glas auf den Teppich, lecke die drei Saugnäpfe ab. Dann lege ich die Glasplatte wieder darauf, anpressen und warten. Zum Warten setze ich mich wieder auf die Couch. Es ist eigentlich alles so wie vorhin. Bis auf den Speichel zwischen Saugnäpfen und Glasplatte. Der Anrufbeantworter blinkt.

Das fremde Atmen will ich nicht mehr ertragen.

Ich stehe auf, mache vier Schritte zur Wohnküche und ich öffne einen Kasten. Da sind die weißen Plastikflaschen eingeordnet, mit je einem Liter Chlorid. Ich achte darauf, dass ich immer zehn habe. Man weiß ja nie, es kann schlimme Nächte geben. Chlorid erspart die Hausapotheke. Denn wenn alles sauber ist, gibt es keine Krankheit.

Ich schraube eine solche Flasche auf. Entleere sie in den Ausguss. Ein Aufschrei. Weißer Schaum dringt heraus, ich weiß, der Abfluss ist seit langem verstopft. Das Schreien verebbt, geht in Stöhnen über. Ich lege die Hand auf die Nirostaabwasch, spüre das Zittern. Wie von einem Fieberkranken mit Schüttelfrost. Drehe den Wasserhahn auf, Entspannung, das Zittern lässt nach.

Ich weiß, was da im Abfluss fest sitzt. Amorphe Masse, fett geworden. Es hat schwarze, glitschige Haut. Ich kenne es aus diesen Träumen, von denen ich nicht erzählen werde. Wenn die Säure seine Haut zerfrisst, gibt es Ruhe. Für eine Weile.

Ich könnte jetzt schlafen gehen.

Draußen der Nebel. Nach meiner Uhr müsste die Sonne schon aufgegangen sein. Nein. Stattdessen ein Grauschleier, nur gut, dass die Fenster zu sind, sonst würde der Nebel eindringen, sich über mein Gesicht legen und mich ersticken.

Ich sollte die Wohnung verlassen.

Vorher gehe ich noch zur Toilette. Aus Gewohnheit. Vergesse, dass ich nicht hinein kann. Denn die Türe ist von innen abgesperrt, noch immer.

Dass ich nicht ins Klo kann, ist kein Problem. Ich benutze eben das Waschbecken, ich schaue mir dabei gerne ins Gesicht, ob ich noch pickelfrei bin. Zwei Tage, nachdem sie sich eingesperrt hat, habe ich den Türspalt zugeklebt. Mit Isolierband. Wegen des Geruchs. Nach einer Woche ist etwas durchgesickert. Unter der Türe. Also habe ich Fensterkitt verwendet.

Seither keinen Damenbesuch mehr in dieser Wohnung.

Ich war gezwungen, meinen Stuhlgang anders zu organisieren. Dafür habe ich mir die Verschweißmaschine angeschafft. Eine praktische Sache für Lebensmittel, die man luftdicht in Gefrierbeutel verschweißen will. Aber ich habe in der Regel keine Lebensmittel. Und auch keine Gefriertruhe. Darum verwende immer zwei Gefrierbeutel, doppelt hält besser, denke ich, wegen des Geruchs. Die Plastikbeutel schlichte ich über den Chloridflaschen ein.

Ich verlasse die Wohnung.

Ich gehe in die Garage.

Starte meinen Wagen, kontrolliere, ob die Klimaanlage auf Umluft eingestellt ist.

Fahre durch die Stadt, parke, steige aus, halte mir ein Taschentuch vor das Gesicht, wegen des dichten Nebels.

Gehe in ein Haus, in den zweiten Stock. Ordination Dr. Müller steht hier. Ich läute, die Empfangsdame schaut mich an.

„Was haben Sie?“, fragt sie.

„Müde bin ich“, antworte ich.

„Ach, warum denn?“

„Heute habe ich mich mitten in der Nacht angerufen. Das hat aufgeweckt.“

Sie kichert, ich gehe durch das Wartezimmer, wo schon etliche Frauen sitzen, ich grüße, gehe in das Behandlungszimmer, ziehe mir einen weißen Mantel über das Sakko und lese die Krankengeschichte der ersten Patientin. Ich bitte sie herein, eine junge Frau. Halbjährliche Untersuchung. Ich sage ihr, sie soll sich frei machen, wir machen jetzt einen Abstrich, das kennen Sie ja. Sie setzt sich auf den Stuhl, die Beine hoch und gespreizt, sie erzählt mir unaufgefordert von ihrer letzten Beziehung. Frauen erzählen mir immer viel. Sie vertrauen mir.

Ich werfe einen kurzen Blick auf ihr Geschlecht, dann ziehe ich mir Gummihandschuhe an und öffne den Kasten, wo ich die Chloridflaschen eingeordnet habe.