Smoke on the water

Es gibt Arthur Brown, einen großen, hageren Sänger mit aufgemaltem Frank-Zappa-Bart, der „Fire!“ schreit und dazu einen brennenden Kopfschmuck trägt. Und es gab einen gleich gro­ßen, gleich hageren Gitarristen mit gleich tiefer Stimme und echtem Frank-Zappa-Bart, näm­lich Frank Zappa, der am 04.12.1971 bei einem Konzert in Montreux „Fire!“ schrie und dazu noch „Off the ground, instantly!“, weil er entdeckt hatte, dass das Dach des Konzertsaales lichter­loh brannte. Dann entriss ihm glücklicherweise Claude Nobs (Spitzname ‚Funky Clau­de‘), der Veranstalter des Kon­zerts, das Mikrophon und forderte in weniger dramati­schem Ton die jungen Leute auf, geordnet den Saal zu verlassen. Er half bei der Evakuation, bis auch der letzte Besucher gerettet war. Niemand kam physisch zu Schaden, nur Zappa brauchte ein neues Equipment.

Und was hat das alles mit Deep Purple zu tun? Nun, die waren auch da, wollten am nächsten Tag hier ihr mobiles Tonstudio aufbauen und binnen einer Woche ihre neue LP einspielen. Während also Funky Claude publikumswirksam einen hustenden Jugendlichen nach dem anderen aus dem Inferno holte, spielte sich das wahre Drama in den Herzen der Purpurnen Fünf ab, die fassungslos mit ansehen mussten, wie ihre wohlausgesuchte Location in Flammen aufging, mit möglichen weltweiten Folgen für ihre Fans, die doch so dringend ein neues Meisterwerk von ihnen benötigten. It seemed that they would lose the race.

Der Rest ist bekannt. Sie schafften es dennoch, in einem leerstehenden Grandhotel, in alten Betten und bei schummriger Beleuchtung. Und hatten außerdem Stoff für einen neuen Hit, der in den USA zum bekanntesten Song nach der Nationalhymne werden sollte. Das unvergess­liche Riff besteht genau aus denselben Tönen wie das von Arthur Brown, sogar fast in derselben Reihenfolge. Wie aufmerksam und tiefsinnig! Da drückt man doch auch gern mal ein Auge zu, wenn heute irgendwo in der Welt irgendeine Band mitsamt ihrem Publikum „We all came out to Montreux ….“ grölt, obwohl keiner von ihnen dabei war. Deep Purple selber waren ja auch nur Zaungäste.

Theme from Subway sue

Schon mal von Subway Sue gehört? Ein Tipp: sie ist kein drogensüchtiges Original aus der New Yorker U-Bahn, auch kein Engel für Obdachlose ebenda. Sie ist auch keine Roman- oder Filmfigur, obschon der Titel „Theme from Subway Sue“ das vermuten lässt. Und ja, sie ist auch nicht die Hauptfigur eines Musicals. Sie ist das Geschöpf eines Menschen, der, wie er selbst sagt, nicht wirklich wusste, was er tat.

Dieser Mensch heißt David Surkamp. Mit 15 spielte er in einer Schülerband und entdeckte, dass er Lieder schreiben konnte. Aber weil er aus New Orleans stammte und naturgemäß dort nur Blues oder Dixieland zu hören bekam, wusste er damals nicht wirklich, was echte Musik ist. Erst als er Platten aus Übersee, also Europa hörte, lernte er die Welt der Harmonien ken­nen, sagt er. Und schrieb fortan Musik, die er Progressive Rock nannte, und das bis heute.

Er gründete eine Band, die seine Lieder spielen sollte. Aber weil er nicht wirklich wusste, was er tat, kamen ständig neue Musiker hinzu, ein Geiger, zwei Pianisten, und so weiter, bis sie zu siebt waren und noch immer keinen Sänger hatten. Nachdem das Los vergeblich seine Runde gemacht hatte, beschloss die Band, dass David seine Lieder selber singen solle. Das mochte er gar nicht, denn er hatte eine Stimme, als hätte er Helium inhaliert. Den Fans aber gefiel genau dieses Timbre, die Band wurde eine lokale Attraktion, und zwei Plattenfirmen ritterten um einen Vertrag mit ihr. David, immer noch nicht wissend, was er tat, unterschrieb beide Verträge, es regnete zweimal 500.000 Dollar für die erste LP, und die Platte kam tatsächlich binnen 4 Wochen zweimal heraus. Obschon sie sich gut verkaufte, erklomm sie nie die Charts, weil sie in diesen als zwei verschiedene LPs gezählt wurde. Und die zweite LP, die nur einmal raus­kam, verkaufte sich einfach so nicht, vielleicht wegen der europäischen Harmonien. Die dritte LP schließlich ging verloren, weil das Tonstudio abbrannte. Aber David hatte ohnehin vor, sich eine Zeitlang nur der Erziehung seiner neugeborenen Tochter zu widmen und so diverse Vertragssperren abzuwarten. Seine Fans rumorten, er sei an Heliumsucht verstorben.

Ich habe vergeblich zu eruieren versucht, warum er seine Band „Pawlow’s Dog“ nannte. Vermutlich wusste er auch da nicht, was er tat. Genauso wie bei seinem Song „Someday Soon“, der, vom Geiger als „Subway Sue“ vernommen, fortan nach der unbekannten U-Bahn-Lady benannt wurde. Das Stück übrigens genauso unglaublich wie sein Name: helium­ge­tränkte Theatralik meets belangloses Piano-Dixie-Geklimper on the rocks. Er werde spurlos verschwinden, kündet David an, und dabei nichts verlassen, nämlich jenes Nichts, das seine Ex hinterlassen habe.

Er hat sich nicht daran gehalten. Wie denn auch bei einem Menschen, der niemals wusste, was er tat! Die jetzige Besetzung von Pawlows Dog sei die beste ever, verkündete er vor einigen Jahren. Sie könnten zum ersten Male die Lieder so spielen, wie er sie komponiert habe. Ein beneidenswerter Mensch. Er wusste sein ganzes Leben lang nie, was er tat, aber er tat wohl immer das Richtige.

die neue August Becker Chart ist da!

ARE YOU READY for Gospel?

Ein Feld voller Sklaven. Onyema, der Vorarbeiter und selbst  Sklave, treibt sie an, bis ihm die Stimme bricht. Obwohl sie alle schwarz sind, verstehen ihn nur ein paar seiner Brüder. Weil es in Afrika so viele Sprachen gibt wie Stämme. Immer länger werden Onyemas Pausen und die Arme der Sklaven im selben Maße langsamer. Das Plansoll rückt in die Ferne und damit auch die Abendmahlzeit.

Nur eine Gruppe von etwa zehn Mann hält das Tempo. Weil die Kerle singend in Trance versunken sind wie einst bei den tagelangen Tänzen in ihrer Heimat. Sie werden ihre Hauen schwin­gen ohne zu ermüden, bis jemand sie aufweckt. Onyema begreift sofort, was zu tun ist. Das ganze Feld soll singen, alle die gleiche Melodie. Der Gesang soll jene Sprache werden, die alle verstehen. Und er wird dazu den Vorsänger geben.

Zweihundert Jahre später. Die Schwarzen sind entsklavt, aber immer noch singen sie. In den Kirchen danken sie dem Gott der Weißen für seine Hilfe und Güte. „Good spell“ nennen sie ihre zumeist enthusiastische Darbietung, der christlichen Frohbotschaft entsprechend. Der Prediger ersetzt hierbei den Vorarbeiter, Ekstase die Arbeit. Musikwissen­schaftler werden in hundert Jahren allerlei Elemente wie etwa Pentatonik oder spezielle Vierteltöne benennen können, welche in den Nachkommen dieses „Gospels“ – Blues, Jazz und Soul – weiterleben.

Der vorliegende Artikel ist einem weiteren Gospel-Element gewidmet, dem Call and response genannten Wechselgesang, wie ihn der Vorarbeiter in obiger Geschichte ein­geführt hat. Der Chor hat hier nicht die Funktion der Begleitung, Verstärkung, harmoni­schen Färbung oder Verzierung einer Solo-Melodie, sondern fungiert als eigen­stän­dige Antwort auf einen Aufruf. Das durch den Chor dargestellte Volk bedient keinen Führer, sondern synchro­nisiert sich über einen Sprecher; demokratischer lässt sich Musik nicht gestalten.

Es verwundert daher nicht, dass um 1970, als in der Pop-Musik die alten Helden abdankten und an ihre Stelle die Botschaft trat, der Gospel ein Comeback feierte, bevor sich der Kommerz mit Glam und Glitzer wieder obenauf setzte. War in der Version von Edwin Starr und Are you ready von Pacific Gas & Electric geben Zeugnis einer in den USA gängigen musi­kalischen Grundausbildung, die man auf dem Kontinent vergeblich sucht, und die mit Norman Greenbaum sogar einen Weißen infizieren konnte (Spirit in the sky).

Let the gospel run through our veins. Man genieße besonders die Ekstase in War sowie die monoton-meditativen Gitarrensoli in Are you ready und Spirit in the sky. Dem Letzteren kann man getrost den seltenen Titel „Hard-Rock-Gospel-Song“ verleihen, nachdem er das typische Klatschen auf 2 und 4 mit schwerst verzerrtem Gitarrensound kombiniert. Und man wundere sich nicht über das Nebeneinander von engagiertem Protest und gläubiger Hingabe im selben Genre. Dieses existiert schon seit jener Zeit, als die Schwarzen noch Sklaven waren und auf den Feldern ihren Gesang zum Überleben benötigten.

Killing me softly

Wenn Musiker aus den schattigen Winkeln der Gesellschaft ins Rampenlicht treten, haben sie grundsätzlich mehr künstlerische Bandbreite als jene, die schon immer an der Sonne agiert haben. Sie berichten Ungehobeltes aus dem Dunkel und drehen dabei an den Knöpfen von Leben, Liebe und Tod, in bislang ungehörten Tonfolgen, die wie selbstverständlich Musik­geschichte schreiben.

In Letzterer wimmelt es aber auch von Menschen, die an der Sonne aufgewachsen sind, die Tonleitern ebenso geduldig geübt haben wie Lesen, Schreiben und Ballett, und deren Liedern naturgemäß das Pathos der schattigen Winkel fehlt. Eine davon, Lori Lieberman, ist der Katalysator dieser Kolumne. Als Tochter eines hoch angesehenen Ingenieurs mit Job in der Schweiz kam sie schon als Kind viel herum und kannte auch so manchen Künstler aus Hollywood. Als die 68er ausbrachen, zählten Liedermacherinnen der ersten Stunde wie Joan Baez, Judy Collins oder Joni Mitchell zu ihren Vorbildern, also schlüpfte sie wie diese in bodenlange bunte Ethno­kleider, schnappte sich eine Gitarre, besang dazu ihre Sicht der Liebe und ließ ihre langen Haare im Winde wehen.

Keinen hat’s gekümmert, aber wozu hat man Freunde in der Musikbranche? Norman Gimbel, ein nimmermüder Librettist, der tagaus, tagein ungewöhnliche Phrasen wie auch Melodien jagte, um daraus bzw. dazu Liedtexte zu machen (einer davon hieß Boy from Ipanema), legte ihr einen Song über einen Sänger samt Song vor, von dem der Ich-Erzähler derart ergriffen ist, dass er daran zu sterben vermeint, und klein Lori meinte begeistert, ja, so ein Erlebnis habe sie schon mal gehabt, neulich bei einem Konzert. Brav studierte sie den Song über das Mordslied und den Mordssänger ein, aber leider hat auch das keinen gekümmert.

Weil jedoch Produziertes auch gespielt werden muss, vor allem, wenn ein Gimbel dahinter steht, kam der Song vom musikalischen Mord auf die Playlist eines Flug­zeuges, in dem eines Tages Roberta saß, die, in schattigen Winkeln aufgewachsen, jenen musikalischen Fanatismus mitbrachte, der Killing me softly zu einem Klassiker werden ließ. Noch im Flugzeug transkri­bierte sie das Gehörte, besserte ihrer Meinung nach unpassende Akkorde aus und besaß zwei Tage später die Lizenz, den Song zu covern, der mit sechs Wochen an der Spitze der Charts zum Lied des Jahres 1973 gewählt wurde. Besser kann man die Performance von Sonnen- und Schattenkindern in der Popmusik nicht beschreiben.

Der Sänger, dessen Konzert Lori Lieberman damals besucht hatte, war übrigens Don McLean, der Killersong hieß angeblich Empty Chairs, dessen Zwilling Vincent vielen besser gefällt, so wie auch mir. Don soll ziemlich betroffen gewesen sein, als er von seiner Wirkung auf Lori erfuhr. Dass Gimbel den Titel und die Idee zu dem Song aus einem Roman geklaut hatte, den er zu einem Musical umdichten hätte sollen, konnte Don ja nun wirklich nicht wissen.

Persephone

Im steckengeblieben Lift eines großen Kaufhauses machte ich neulich Bekanntschaft mit einem Herrn mittleren Alters, der mir, während wir auf unsere Befreiung warteten, vom traurigsten Lied der Welt erzählte. Dieses stamme aus Ungarn, sei u.a. unter Gloomy Sunday bekannt und habe zahlreiche Menschen zum Selbstmord animiert. Mich nicht. Ich fand es nicht einmal besonders ergreifend.

Bei den Herzzerreißern, so scheint mir, hat jeder seinen eigenen. Und auch diesen einen nicht für immer. Mein erster Lebensabschnitts-Trauersong hieß Theme for an Imaginary Western in der Version von Mountain. Ich glaubte damals noch an eine Seele und stellte mir vor, wie die meinige in die Morgensonne entschwebte, während weit unter ihr junge Menschen mit großen Erwar­tun­gen auf buntgeschmückten Pferdewägen gegen Westen zogen, um niemals dort anzukom­men.

Doch kürzlich, so scheint es, ist mir ein neuer LATS ins Gehirn gekrochen: Persephone von Wishbone Ash, live im Rockpalast 1976. Bei diesem Song berührt mich alles, das laute Wehklagen, vermischt mit Restbe­ständen von Jubel aus besseren Tagen, die Erzählung einer großen Kränkung, ohnmächtiges Aufbäumen und am Schluss, wenn nichts mehr zu sagen ist und die Stimme bricht, Töne, die wie Tränen tropfen.

Persephone war, wie die Altphilologen wissen, die Göttin von Wachstum und Blüte, bis Hades sie verliebterweise zu sich in die Unterwelt entführte. Die Folge: ewiger Winter auf der Erde, woraufhin Zeus mit Hades die Jahreszeiten ausschnapste. Der Song von Wishbone Ash handelt wohl von jenem allerersten Winter. Martin Turner, Bassist, Master­mind und Songwri­ter der Aschenboys, wurde offenbar verlassen, etwas, das des Öfteren seinen Werdegang trübte. Aber nur dieses eine Mal war er so getroffen, dass dem ein bombastischer ­­­­­­­­­­­­­­­Trauersong entfloss.

Als 1969 sein Bruder ausgestiegen war, hatte er doppelt Ersatz gefunden: mit Ted einen Leadgitarristen, der auch Turner hieß und romantisch war wie er, und mit Andy Powell einen zweiten, der singen konnte wie er. Und mit beiden ein Duett, das Musikgeschichte schrieb, mit Songs über Könige, Krieger und Pilger. Bis eines Tages Ted befand, er wolle selber so ein Pilger sein und allein die Welt bereisen. Offenbar war ihm nicht bewusst, welch einzigartiger Band er damit den Boden unter den Füßen wegzog. Martin hingegen wusste, dass damit die goldenen Jahre vorüber waren, obwohl ihm schon bald mit Laurie Wisefield ein würdiger Ersatz zur Seite stand. Martins Welt, Wishbone Ash, stand vor einem Winter, der analog zu Perse­phone erst enden würde, wenn Ted zurückgekehrt war. Elegisches Solo. I can’t believe the curtain has to fall. Und ab in den Suizid, August.

Ein Egoist

Man stelle sich vor: ein Mann wird zum Opfer. Oh Graus, das ist der Alptraum! Das ist der finale Abstieg, Erniedrigung pur. „Du Opfer du!“ ist der ultimate Fluch der Rapper und Streetwasweißichs. Opfer zu sein heißt, alle Männlichkeit abgegeben zu haben, heißt, warten zu müssen auf die Willkür jemandes anderen. Wer zugibt, dass er zum Opfer geworden ist, ist quasi lebendig begraben. Alles Hochstemmen hilft nichts, nur Hilfe von außen kann ihn noch befreien. Kann es noch schlimmer kommen? Ja, es kann. Wenn Mann nämlich zum Opfer seiner eigenen Rücksichtslosigkeit wird und, einst gefeierter Star, deswegen in der Einsamkeit landet.

An wen kann er sich dann noch wenden? Richtig. An andere ehemalige Opfer seiner Rück­sichtslosigkeit. Die wissen, wie man sich fühlt, wenn man von dieser zu Boden geworfen wurde. Und die wissen vor allem, wie man sich dann wieder aufrichtet, against all odds. Speziell, wenn sie Frauen sind, die sich naturgemäß viel mehr auskennen mit dem Opfertum.

Sollten Sie inzwischen Zweifel bekommen haben, keine Angst: Sie lesen immer noch August Beckers Charts, in denen es um Musik geht. Schafft man es nämlich, das eben geschilderte Opfertum auch noch in einen Song zu verpacken, dann finden wir ein einmaliges Werk vor, in dem ein Heuchler zu wohlkomponierten Schalmeienklängen seine Opfer mit der Behauptung verarscht, nun selbst Opfer von sich selbst geworden zu sein. Also quasi mit ihnen in einem Boot zu sitzen und hierfür den alten Heuchler über Bord geworfen zu haben, der nun – seht ihr da draußen seine verräterische Rückenflosse? – vom Rachen der Einsamkeit verschlungen werde. Klassischer Wolf im Schafspelz also, Boot in höchster Gefahr! Und für alle, die jetzt fassungslos fragen, was für Musik denn August Becker neuerdings höre, sei das Geheimnis wie folgt gelüftet:

Es war einmal eine Folge der Krimiserie „Tatort“, in welcher der Schlagerfuzzi Roland Kaiser den Schlagerfuzzi Roman König spielte, welcher gerade mit dem Song „Ein Egoist“ einen Riesenerfolg feiert. Eindrucksvoll, wie Kaiser sich da selbst parodierte, mit dem Schleimer­song als Sahnehäubchen. Eindrucksvoll, bis August Becker den Song googelte und feststellen musste, dass Kaiser diesen längst vor der Ausstrahlung des „Tatort“ live gesun­gen, in die Charts gebracht und somit ernst gemeint hatte. Oder zumindest seine Fans. Ja, wo viele Schafe sind, gibt es früher oder später auch Wölfe. Denen die Einsamkeit bekanntlich nicht selten wurscht ist.

You´re so vain!

Zwei Schwestern, ein Bruder, der Vater renommierter Verleger. Bevor die vier Kinder jedoch ganz erwachsen werden, stirbt Pa an einem Herzinfarkt. Ganz in seinem Sinne beginnen seine Töchter als Girlgroup für Kinderlieder. Die Mama networkt inzwischen ungeniert bei den Reichen und Schönen, sodass zwei von ihren Töchtern schon mit Anfang zwanzig auf Sean Connerys Yacht eingeladen werden. Eine davon nimmt das unmoralische Angebot an, worauf die andere beschließt, alleine Karriere zu machen und auf Warren Beatty hereinfällt. Ihre wohl arrangierten Bürgerliche-Problemchen-Songs verkaufen sich nur mäßig.

Das alles wusste ich nicht, als ich vor 43 Jahren „You’re so vain“ hörte. Der Song flasht auch heute noch, weil er musikalisch genau die bittere Ver­achtung trifft, aus der heraus er geschrie­ben wurde. Einen upcoming lower class hero wie mich bewaffneten Zeilen wie „He walked into the party like you are walking into a yard“ für den unvermeidlichen Clash mit Upper Class Angebern, also Arztsöhnen und Lehrerstöchtern. Kinder von Bundes­politikern, Bankdi­rektoren oder Filmstars lagen (noch) außer Reichweite.

Hätte ich richtigerweise vernommen, dass der Besungene die Party wie eine Yacht betritt, dann hätte ich den Song getrasht; ich weiß bis heute nicht, wie man schreiten muss, um an das Betreten einer Yacht zu gemahnen. Hier alterierte sich also eine Neo-Jetset Tussi über Jetset Fuzzies, zu denen sie unbedingt gehören wollte und bei denen sie sich auch bis heute wohl­fühlt. Anders ist nicht zu erklären, dass sie bis dato – sie ist inzwischen 70 – in regel­mäßi­gen Abständen Schnitzeljagden um das Rätsel veranstaltet, wer denn die drei Männer seien, denen in diesem Lied in ebensovielen Strophen die Leviten gesungen werden.

Die zweite Strophe, hat sie verlautbart, gilt Warren Beatty. Klar, mit Beatty im Bett, das war damals der erotische Ritterschlag, sowas behält man nicht für sich, auch wenn man es in Form einer Abrechnung kundtut. Doppelmoral sei Lob, Preis, Dank und Ehr. Sie unterstellt ihm sogar, wie ein kleines Kind die Dinge wegzuwerfen, die er liebt, weil die Wahrheit, dass auch ein Warren Beatty nur Dinge wegwirft, die er nicht mehr liebt, ihren Stolz allzu sehr verletzt hätte. Mick Jagger, zufällig bei den Recordings in den Apple Studios anwesend, muss sich ange­­­sprochen gefühlt haben und sang spontan im Chor mit. Vielleicht entsprach sie auch nur sei­nem Beute­schema. You’re so vain, too, Mick.

Nach dieser schockierenden Lebenserfahrung hat unsere Jetset-Rebellin dann James Taylor geheiratet, einen sensiblen wie fragilen Songwriter, den man, ob man will oder nicht, von „You got a friend“ kennt. Spießbürgerliches Nirvana, offenbar die richtige Wellenlänge für die verwöhnte Carly, und wow, heroinsüchtig war der auch mal. Schließlich landete sie in den Armen eines Geschäftsmannes und Poeten. Wetten, dass sie seine Gedichte verlegt? Egal, You’re so vain wird jedenfalls kei­nen Platz mehr haben im Repertoire von August Becker. Cos you’re more vain than anyone, Carly.

Me & Kris & Janis

Es hätte nur ein Countrysong werden sollen wie viele andere auch. Mehr verlangte Fred Foster, Inhaber eines Tonstudios in Nashville, nicht von Kris. Ach ja, doch noch was: schreib was über Tramper, das kommt zwei Jahre nach dem Summer of Love immer noch gut an. Kris quälte sich wochenlang, kam aber über die erste Strophe nicht hinaus, sodass die zweite erst am Tag der Aufnahme hinzu­geschustert wurde. Und Roger Miller, mit King of the Road bereits erfolgreicher Outcast, tat, was er immer tat: den Song aufnehmen und auf die Verkaufszahlen warten, die in diesem Fall ein „ferner platzierten sich“ erbrachten. Der Name der besungenen Lady war übrigens Diebesgut, nämlich der der Sekretärin eines Kollegen.

Man könnte dieses Kapitel schon wieder beschließen, wäre Kris nicht Janis begegnet, die, aus Texas stammend, ein Faible für starke Männer hatte, wovon bereits diverse Bandgründer und – leader ein Lied singen konnten. Kris und Janis wurden für ein paar Wochen ein Paar, und Janis befand, dass Bobby McGee auch einer der Männer sein hätte können, von denen sie sich getrennt hatte. Sie änderte entsprechend den Text und tat dann, was sie immer tat: loslegen, als hätte sie nur mehr neun Tage zu leben, was in diesem Falle sogar zutraf.

Kris, der es beim Southern Comfort belassen und nie zur Nadel gegriffen hatte, war also mit dem Schrecken und lebenslangen Tantiemen davongekommen. Er distanzierte sich von der Rolle des Junkietrösters Bobby und schlüpfte in die des dritten im Bunde, des Truckfahrers – später Rubber Duck genannt –, nach dessen Vorschlägen She-Bobby bzw. He-Bobby den Blues in die Welt hinausgesungen hatte. Gut, sind wir nun endlich durch?

Nein, sagt August Becker. Da ist noch die harpoon in der dirty red bandana, das zentrale Tool in diesem Songtext. Auf Roger Millers Take hört man sie nur wenige Takte lang, auf dem von Kris das ganze Lied hindurch. Gut so. Aber auf dem von Janis ist sie stumm. Da stimmt doch irgendetwas nicht! Mal Google fragen: „dirty red bandana / Bilder“. Lauter sau­bere rote Tü­cher mit weißem Muster. Dazwischen ein Slang-Lexikon, welches besagt, dass mit „ban­dana“ die Armbinde eines Fixers bezeichnet wird und mit ‚harpoon‘ seine Nadel.

Jetzt ergibt plötzlich alles einen doppelten Sinn: „Busted flat in Baton Rouge, waiting for a train, feeling nearly faded as my jeans“ heißt nun, dass Janis das Gift ausgegangen war und der Dealer nicht daherkam. „Bobby thumbed a Diesel down just before it rained“ will uns sagen, dass sie gerade noch vor dem kalten Entzug an Dope gelangt war. New Orleans, das Ziel der Reise, steht wie auch im Film Easy Rider für ausgelassenes Wohlbefinden. Janis holt also ihre harpoon aus der Ban­dana, deren auf sanft umgetextetes Lied unhörbar bleibt. Und „I’ll trade all my tomorrows for a single yesterday“ – nie­mand meint so ein Angebot ernster als ein Junkie ohne Stoff. Janis wusste, dass sie in Wahr­heit in diesem Song ihre Heroinsucht besang, und Kris ahnte es wohl auch und fragt sich bis heute, wie es passieren konnte, dass er mit einem simplen Schlagertext so treff­sicher die größte Wunde seiner Zeit beschrieb.

Green River

Einer der ersten Songs, der mir im Sommer 1969 aus dem funkelnagelneuen UKW-Radio direkt is Ohr wurmte, war „Green River“ von Creedence Clearwater Revival; ein Klangmix, der seinesgleichen suchte. Die Rythmusgitarre gemahnte an eine keifende Hexe im Streit mit einem ebenso keifenden Sänger, dessen hallverstärkte, kaum verständliche Stimme was von barfüßigen Mädchen im Mondlicht quäkte, zerhackt von einer Snare Drum mit dem Timbre einer leeren 5-Liter Essiggurken-Dose. Well ……………! Jedesmal, wenn diese Scheibe abging, beschlich mich ein unheimliches Gefühl. Mochte der Text auch einen lieb gewonnenen Flecken Erde rühmen, die Musik dazu war aggressiver Garagen-Rock‘n’Roll, dem eine drohende Unerfüllt­heit aus jeder Pore drang, auch wenn zwischendurch – speziell bei der Well ………….!-Bridge – so etwas wie Versöhnlichkeit durchklang. Echt spooky.

Neulich war es wieder einmal so weit, dass ich mir diesen Song reinziehen musste. Und weil ich ein Kind der Zeit bin, suche ich zu diesem Zweck nicht mehr wie früher minutenlang in meiner CD-Sammlung, sondern setz mich einfach an den PC und google. Habe ich früher noch brav „youtube“ eingegeben, so tippe ich heute nur mehr den Titel ein und dazu den Video-Button. Bei Eintippen des Titels achte ich darauf, wie schnell mir der Google den richtigen Begriff vorschlägt; manchmal ist das bereits nach ein paar Buchstaben der Fall.

Diesmal musste ich elendslang tippen, weil mein Objekt der Begierde einen über­mäch­tigen Gegner hatte: den Green River Killer, einen besonders netten Zeitgenossen, den ich schon aus dem Lexikon der Serienkiller kannte. Als ich dann endlich den Song anklickte, die nächste Überraschung: Jemand hatte diesen mit einem Blair-Witch-Project-Marsch durch Schilf und Gestrüpp illustriert, der unter grünlich schimmerndem Wasser endet. Man spürte förmlich, wie die wilde Natur einem entfesselten Monster zur idealen Umgebung wurde.

Sowas verstört vor allem einen, der wie ich CCR als biedere Country Rock Band in Erinne­rung hat, die in den wilden Siebzigern wie zum Trotz hauptsächlich Lieder über Regen oder aufzie­hende Un­wetter, ein Dampfschiff, Erlebnisse als Musiker, fröhliches Herumziehen und freudiges Heimkommen schrieben. Ich brach das Hör­erlebnis ab und googelte mir den Killer. Dieser war Jahrgang 1949, also 20 Jahre alt, als der Song rauskam. Nicht nur das, zu dieser Zeit lernte er laut Wikipedia seine erste Frau kennen. Drei Jahre später ging er regelmäßig mit seiner zweiten Frau an den Green River, um dort mit ihr Outdoor-Liebe zu machen. Eigent­lich wollte er sie erwürgen, aber es kam nie dazu. Nach der Scheidung erwürgte er dann stell­vertretend für sie zahlreiche Prostituierte und deponierte diese am Green River, an seinem ganz persönlichen, lieb gewonnenen Flecken Erde. Ich werde das Gefühl nicht los, dass CCR und ihre barefoot girls dancing in the Muna-lahí ihn dazu inspiriert haben. Spooky genug klingt der Song ja. Well …………….!

Lolita

Neulich habe ich Lolita gegoogelt, nicht die kindliche Verführerin Nabokovs, sondern die Schlagersängerin mit der angedunkelten Stimme, die einem nicht näher genannten Seemann empfiehlt, das Träumen zu lassen.

Hand aufs Herz: ich hatte mir keine paus- und pobäckige Vierzehnjährige erwartet, aber eine Trüm­merfrau Anfang dreißig, die notdürftig aufgebrezelt in einem viel zu steifen, auch noch die Knie verdeckenden Kleid steckte, als käme sie gerade vom Besuch der Heiligen Messe, das hat mich dann doch enttäuscht. Eine Zarah Leander für Pfadfinder! Ein Bild war zerplatzt, das ich seit jenen Tagen mit mir herumtrug, an denen ich begonnen hatte, mir Lieder zu mer­ken. Lolita, ein unverzichtbarer Teil meiner musikalischen Muttermilch, musste neu gebootet werden.

Eines war mir schon immer klar gewesen: nicht der Seemann träumt in diesem Lied, sondern Esther Einzinger aka Lolita. Sie tut dies stellvertretend für alle Nachkriegsfrauen, die damals inmitten von  Kriegserinnerungen, verblassendem Christentum, Babyboom und Hausbau von Fernweh ergriffen wurden, was man heute viel treffender als Hausfrauen-Blues bezeichnen würde. Aber den Seemann, den musste ich neu überdenken, wobei mir sofort auffiel, dass ich gar keinen solchen in natura kenne. Mein Basiswissen über Seeleute stammt von Hans Albers, Freddy Quinn und Lolita, mein Aufbauwissen von den Jörn-Farrow-Heften meines Vaters, von Jules Verne und Herman Melville.

Wie es aussieht, haben Seeleute einen Drang hinaus aufs Meer, dem sie nicht widerstehen kön­nen. Deshalb kommen sie auch nur selten zurück, und wenn doch, fahren sie gleich wieder fort. Eigentlich Hallodris, werden sie doch von Frauen und Müttern geliebt, auf so tragische Weise natür­lich, dass nur mehr wehmütige Lieder Trost spenden können. Und da fragt man sich: in einem Land voller Tragödien aus einem verlorenen Weltkrieg, wozu in so einem Land auch noch die Seemanns-Tragödie?

Meine Antwort: Weil die Kriegs-Tragödien keine Lieder haben. Sie waren zu schrecklich, um noch besungen werden zu können. Also besang man stellvertretend für all die Soldaten den Seemann, der, getrieben von einer schicksalshaften Macht, hinausfährt und nicht wiederkehrt. Nach Rio und Shanghai, nach Bali und Hawaii, also an die schönsten Orte der Welt, was soviel heißt wie: ins Paradies. Er kommt nicht wieder, aber es geht ihm gut: das tröstet. Gut gemacht, Lolita.