Gipfelsieg

Es ist vielleicht das einzige Stück Freiheit, das man sein ganzes Leben ununterbrochen besitzt: Die Freiheit, das Leben wegzuwerfen.

(Stefan Zweig)

Von allen möglichen Arten, den 35. Geburtstag zu feiern, habe ich die beschissenste ausgewählt: Ich klettere bei Regen und Nebel auf einen 2300 Meter hohen Berg im Toten Gebirge.

Warum ich das tue? Was ich mir davon verspreche?
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Widmungen

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde“ atmete er auf und setzte sich. „Wie lange haben wir uns nicht gesehen, Maria? Ein Jahr?“
Sie nickte. „Genau ein Jahr, Max Spielmann.“
Dann knallte sie ihm sein Buch um die Ohren, dass es nur so rauschte im Blätterwald.
Er blickte sie traurig an. „Wozu sollte das jetzt gut sein?“ fragte er.
Und sie erzählte ihm folgende Geschichte:

„Stell dir vor, du heißt Maria und dein Ex-Freund hat ein Buch geschrieben, das soeben erschienen ist. Natürlich hast du Interesse an dem Buch, steuerst also zielstrebig in die nächste Buchhandlung, um es dir anzusehen.
Du nimmst das dünne Bändchen, betrachtest es. WIDMUNGEN steht groß auf dem Umschlag, und darunter steht der Name deines früheren Lebensabschnittspartners. Du musst schmunzeln, komisch verwirrt und stolz irgendwie. Ein Name nur für alle anderen, für dich aber: Ein Lächeln, ein Knackarsch, ein Muttermal.
Du drehst das Buch in deinen Händen, riechst daran, liest den Text auf der Rückseite des Umschlags, zögerst das Aufschlagen des Buches noch ein wenig hinaus. Ein wenig aber nur, denn zu groß die Neugierde. Immerhin eine Liebesgeschichte mit dem Titel WIDMUNGEN, könnte schließlich sein, dass …
Du öffnest das Buch, blätterst zweimal um, und tatsächlich, da steht es, in kursiven Lettern: Für Maria.
Kribbeln im Bauch bei dem Wissen, dass in vielen Büchern im ganzen Land dein Name steht, auch wenn kein Mensch weiß, dass du damit gemeint bist. Nach Hause möchtest du jetzt, in die Intimität deiner vier Wände, allein sein mit dem Buch und deinen Erinnerungen.
Zahlst und schlägst den direkten Weg nach Hause ein. Ist das etwa seine Art zu zeigen, dass er dir die Trennung verziehen hat? Dass er dir für die langjährige Beziehung danken will? Dass er dich womöglich immer noch liebt?
Die Telefonzelle kommt gerade recht. Du wählst die Nummer, die jahrelang auch deine eigene Nummer war. Eine junge Frauenstimme meldet sich. „Spielmann Maria“.
Spielmann! Er hat keine Schwester, es muss also seine … Nein, unmöglich. Und du dachtest, …
Legst auf, stürmst aus der Telefonzelle. Stopfst das beschissene Buch in den Mistkübel.“

„Ja, so könnte die Geschichte enden, Max Spielmann“, sagte sie, „aber dann bin ich zurück gegangen und hab das Buch aus dem Mistkübel wieder heraus geholt. Jetzt weißt du, wozu das gut sein sollte. Diente nur meiner Psycho-Hygiene.“
Und dann stand und atmete sie auf und ließ ihn zum zweiten Mal und nun endgültig sitzen.

© Karl Hofbauer 2002

Stinkefinger

Jedesmal, wenn wir am Bischöflichen Gymnasium und Internat in der Grazer Grabenstraße vorbei fahren, steckt mein Feund Konrad seinen ausgestreckten Mittelfinger aus dem Autofenster. Ich muss gestehen, ich liebe diese Geste. Mir selbst war meine Schule schon während der Schulzeit ziemlich egal, seitdem sowieso. Um so lustiger finde ich es, dass Konrad sich über all die Jahre seit der Matura die Mühe macht, das Autofenster runter zu kurbeln und mit verkniffenem Gesicht dem ehrwürdigen Prunkbau seinen Stinkefinger entgegen zu halten.
Offenbar hat sich in den acht Jahren seiner Internatszeit einiges an Aggressionen aufgestaut.
Diesmal kommen wir von einer Skitour aus der Obersteiermark zurück. Wir waren zu viert am Lugauer. Sensationeller Skitourenberg. Super Wetter. Recht lange Tour: 1700 Höhenmeter. Geri fährt, Konrad am Beifahrersitz, Ralf und ich sitzen hinten. Konrad hat schon längere Zeit nichts gesagt und sitzt zusammengesunken da. Wir fahren in der Grabenstraße bereits an „Caritas“ und „Brücke“ vorbei, es wird also langsam Zeit für Konrads Stinkefinger. Sicherheitshalber beuge ich mich vor und sage:
„Konrad! Vergiss nicht, den Finger“.
Er schreckt hoch, blickt verwirrt um sich, realisiert seinen Standort, kurbelt das Fenster hinunter und hat noch rechtzeitig seinen hochgereckten Finger draußen. Irgendwie fehlt aber der Enthusiasmus früherer Tage. Oder liegt es daran, dass er noch etwas schlafdamisch ist?

Ich saß mit meinen Eltern im Zimmer von Schwester Raphaela. Sie drehte sich zu mir und sagte in ihrer süßlichen Stimme: “ Wir werden gut auf Ihren Buben aufpassen. Du wirst sehen, es wird dir sicher gefallen bei uns.“ Ein kurzer Blick auf ihre Unterlagen, bevor sie hinzufügte: „Konrad“.
In diesem Augenblick, als mir die ausgedörrte alte Frau im schwarz-weißen Gewand versuchte zuzulächeln, schwoll mir ein Knödel im Hals, dass ich fürchtete, ersticken zu müssen. Erst als sie sich wieder weg drehte, war es mir möglich, weiter zu atmen.

Konrad hat noch rechtzeitig seinen Finger draußen, und Geri, Ralf und ich grinsen wie immer übers ganze Gesicht. Wir alle lieben unsere Gewohnheiten, aber ganz besonders lieben wir die verschrobenen Gewohnheiten unserer Freunde. Konrads Stinkefingerritual gibt mir das Gefühl, ihn wirklich zu kennen, besser als seine Eltern beispielsweise, die nichts davon wissen.

Meine Eltern und der Pfarrer unseres Heimatortes, der uns mit seinem Auto in die Landeshauptstadt gebracht hatte, gingen zum Ausgang. Ich stand da, unfähig, mich zu bewegen, unfähig, etwas zu sagen, und blickte ihnen nach. Ich sah meine Mutter, wie sie von mir weg ging, und mich mit knapp elf Jahren zurückließ in diesem großen fremden Haus, in dieser großen fremden Stadt, allein ließ unter 300 fremden Schülern, und der Abschiedsschmerz, den ich in diesem Augenblick empfand, war größer als jeder andere Schmerz, den ich in meinem Leben bis zu diesem Zeitpunkt verspürt hatte.

Konrad sitzt da, hält seinen Finger in die kalte Februarluft und blickt ins Leere. Woran denkt er, wenn er an diesem Gebäude vorbeifährt, in dem er acht Jahre seines Lebens verbracht hat? Eigentlich kenne ich Konrad nicht wirklich, weiß nichts über seine Vergangenheit, über seine Jugend, sein Aufwachsen. Gelegentlich gemeinsame Ski- oder Klettertouren, ab und zu ein paar Biere im Kommod, bei Studentenfesten nach durchkiffter Nacht Umarmungen und Beteuerungen ewiger Freundschaft. Aber was war davor? Was hat das Kind Konrad zu dem 25-jährigen Konrad gemacht, den ich kenne?

Er hieß Erwin, war der Sohn eines Fleischermeisters und Gastwirtes aus der Weststeiermark. Dass er zuhause bis zum Eintritt ins Internat reichlich Fleisch bekommen hatte, war ihm deutlich anzusehen. So dick und rund und rosig glänzend war Erwin, dass er in der Auslage der elterlichen Fleischhauerei als Ausstellungsstück gute Figur gemacht hätte. Als knapp Elfjähriger wog Erwin bereits 60 Kilogramm, ein Brocken von einem Kind war er. Versteckt hinter dicken rotglänzenden Wangen kullerten gehässige braune Schweinsäuglein. Die feuchten fleischigen Lippen umspielte das dauerhafte Lächeln des Tyrannen. Erwin wusste ganz genau, dass keiner von den Primanern gegen ihn ankam. Er war der mit Abstand Größte in unserer Klasse. Er war stärker, schwerer und gemeiner als alle anderen. Dementsprechend kuschten alle vor ihm, und er genoss es, aber er genoss es mit einem gelangweilten Lächeln. Und wenn ihn seine Position der Allmacht allzu sehr langweilte, verprügelte er mich.
Warum Erwin gerade mich als seinen „Spielball“ ausgewählt hatte, war nicht ganz klar. Vielleicht lag es nur daran, dass wir zufällig zur gleichen Zeit gekommen und daher demselben Zimmer zugewiesen worden waren, wo ich in Erwins Schweinsaugen sogleich ein gehässiges Aufblitzen zu sehen vermeint hatte? Oder lag es vielleicht auch daran, dass Erwin mich nicht nur wegen meiner körperlichen Schwäche verachtete, wegen meiner dünnen Arme und Beine und meines Babyspeckrestes, der sich als Schwimmreifen um den Bauch und kleiner Bubenbusen manifestierte, sondern auch wegen meiner ärmlichen Verhältnisse? Die beiden Dinge, die in Erwins Universum etwas galten, waren Kraft und Geld, und beides besaß er reichlich. Sowohl physische als auch materielle Stärke.
Ich erinnere mich an eine Situation in der ersten Klasse. Es war Donnerstag und gerade Pause zwischen dritter und vierter Stunde. In der dritten Stunde hatten wir unsere Deutschschularbeiten zurück bekommen. Ich hatte wieder einen Einser, Erwin wieder einen Fleck. Erwin war stärker, reicher, gemeiner, aber der Schlauere von uns beiden war eindeutig ich. Das war neben meiner körperlichen Schwäche und meiner ärmlichen Herkunft ein weiterer Nachteil, denn Erwin fühlte sich leicht provoziert.
„Konradburli, was lachst du denn so deppert, wenn ich einen Fleck von der Lehrerin zurück bekomm?“
„Aber ich hab doch überhaupt nicht gelacht“, sage ich, wissend, dass es nutzlos ist.
„Aber sicher hast du gelacht, wir haben’s doch alle gesehen. Oder, Schober?“
Der angesprochene Schober, ein kleiner Unscheinbarer, mit dem ich mich recht gut verstehe, sieht mich entschuldigend an und nickt.
„Was sagst du?“ sagt Erwin und greift sich an die Ohren, „ich kann dich nicht hören.“
„Ja, der Konrad hat gelacht, als du deinen Fünfer zurück bekommen hast“, murmelt Schober mit gesenktem Blick.
Komisch. Ich weiß, ich werde jetzt gleich Dresche kassieren, dennoch empfinde ich Mitleid mit Schober.
„Siehst du“, sagt Erwin, „sogar der Schober hat gesehen, dass du gelacht hast.“
„Na ja, dann wird’s wohl stimmen“, will ich sagen, aber da schlägt mir Erwin schon mit dem Handballen ins Gesicht. Meine Brille fliegt davon, meine Nase beginnt zu bluten. Ich gehe auf die Knie, um die Brille zu suchen. Die Tür geht auf, der Religionslehrer betritt die Klasse.
„Hanfbauer, was tust du da am Boden?“
„Ich suche meine Brille.“
„Und wieso blutest du dabei aus der Nase?“
„Der Erwin hat mich geschlagen.“
„Stimmt das, Ebenstein?“
„Nein“, sagt Erwin.
„Ach, mit euch ist das ein ewiges Gfrett. Könnt ihr euch nicht wie zivilisierte Menschen benehmen? So, jetzt schlagen alle das Religionsbuch auf Seite 24 auf. Du auch, Hanfbauer, wenn du deine Brille gefunden hast.“
In dem Text auf Seite 24 geht es um Nächstenliebe.

Das Bischöfliche Gymnasium und Seminar ist vorbeigezogen, Konrad kurbelt das Autofenster wieder hinauf. Durch die aufgewirbelte Luft und die Frischluftzufuhr bemerken wir, wie schlimm es im kleiner 205er von Geri stinkt. Vier verschwitzte Erwachsene und acht verschwitzte Skitourenschuhe im durchladbaren Kleinwagen geben schon was her.
„Hab ich euch eigentlich mal erzählt, was mir in der Zeit im Bischöflichen am meisten gestunken hat?“ fragt Konrad vom Beifahrersitz.

An einem lauen Maiabend in meinem dreizehnten Lebensjahr saß ich in der hintersten Bankreihe der Internatskirche im Dämmerlicht und weinte. Ich befand mich am Beginn der Pubertät, war noch mehr Kind als Jugendlicher, und hatte mir meinen tiefen kindlichen Glauben bewahrt. Ich glaubte an Gott und die heilige katholische Kirche, aber unreine Gedanken hatten sich seit kurzem in meine Träume geschlichen und stellten meine Unschuld auf eine harte Probe. Mit dreizehn war nichts mehr so einfach wie mit zwölf. Ich hatte begonnen, zu sündigen. Richtig zu sündigen, nicht eine kleine Notlüge hie oder da. Die große Sünde hatte ich begangen, vor der uns sowohl der Regens des Internats, als auch der Spiritual und die Präfekten bei Einkehrtagen wiederholt gewarnt hatten, die furchtbare Sünde hatte ich begangen und ich hatte es genossen. Selbstbefriedigt hatte ich mich, und ich litt unter meinem schlechten Gewissen, vor allem, weil ich die Sünde selbst so ausgekostet hatte. Mein einziger Trost – und Linderung meines schlechten Gewissens – war die Tatsache, dass ich meine Verfehlung alleine begangen hatte, mir nicht dabei hatte helfen lassen von einem Klassenkameraden, was laut unserer Erzieher auch vorkam, mir selbst aber unvorstellbar und in keinster Weise wünschenswert erschien. Ich war ein schwabbeliger 13-Jähriger, verabscheute meinen dicken weißen Körper und empfand schon das gemeinsame Duschen nach dem Turnunterricht als unerträglich peinlich. Mich dabei beobachten zu lassen, wenn ich an meinem Zipfel herumrubbelte, verursachte bereits in der Vorstellung Magenschmerzen. Nein, so weit war es nicht gekommen. Aber das war ein schwacher Trost. Ich glaubte an Gott, ich glaubte daran, dass er alles sah, und ich glaubte unseren Erziehern, die behaupteten, dass Selbstbefriedigung eine der größten Sünden sei. Ich hatte also gesündigt, Gott hatte es gesehen, und mein einziger Wunsch war, mich wieder rein zu waschen. Und genau das hatte ich eben getan. Ich hatte gebeichtet, und der Priester im dunklen Beichtstuhl hatte mir wider Erwarten die Absolution erteilt. Ich war überglücklich, ich war so froh, von dieser Last, dieser Bürde, dieser Schmach befreit zu sein, dass ich mich unmittelbar nach der Beichte in die hinterste Reihe der Internatskirche setzte und vor Erleichterung und Dankbarkeit weinte.

„Zwischen der heutigen Skitour und meiner Matura liegen mehr als sieben Jahre, das heißt, diesen Abend in der Internatskirche habe ich vor etwa zwölf Jahren erlebt.“ Konrad lockert seinen Gurt und dreht sich zur Seite, damit wir ihn besser verstehen können. „Es ist mir nahezu unmöglich, zu glauben, dass das wirklich ICH war, der damals in der Kirche saß und weinte. Der Gedanke an dieses verwirrte und von schlechtem Gewissen geplagte Kind hat so gar nichts mit mir als Erwachsenem zu tun. Die römisch-katholische Kirche hat keinerlei Einfluss mehr auf mein Leben, und auf die Art und Weise, wie ich es gestalte. Wenn ich heutzutage Lust danach habe, masturbiere ich, und ich genieße jedes einzelne Mal, und ich genieße es vor allem ohne schlechtes Gewissen. Und damals? Damals weinte ich vor Dankbarkeit, weil Gott mir diese furchtbare „Sünde“ verziehen hatte. Versteht ihr? Die Einflüsterungen unserer Erzieher bezüglich Selbstbefriedigung haben mich schlaflose Nächte gekostet, haben mich leiden lassen, so sehr, dass ich in dieser Kirche saß und weinte, weil mir diese Sünde verziehen worden war. Wenn ich nur daran denke, spüre ich wieder den alten Hass in mir aufsteigen.“
Konrad schluckt, setzt sich wieder gerade hin, stiert durch die Windschutzscheibe.

Während meines vierten Jahres im Internat schaffte das BischGym in der Adventzeit den Sprung auf die Titelseite der Kronenzeitung.
„INTERNATSSCHÜLER SPRINGT IN DEN TOD“ lautete die Schlagzeile. Darunter war ein Foto von Erwin zu sehen.
Ich lernte daraus zwei Dinge.
Erstens: Glaube nie, was in der Kronenzeitung steht. Erwin war zwar tatsächlich gesprungen, aus dem vierten Stock noch dazu, aber es hatte nicht ausgereicht. Während die Kronenzeitung mit seinem kolportierten Tod die Auflage hinauf schraubte, lag Erwin im LKH im Koma und kämpfte mit ihm. Vierzehn Wochen dauerte der Kampf, und wie so üblich bei Kämpfen hieß der Sieger Erwin. Nach diesen vierzehn Wochen war er „über dem Berg“, wie man so sagt. Insgesamt verbrachte er aber acht Monate im Krankenhaus und musste unzählige Operationen über sich ergehen lassen. Als er es wieder verlassen durfte, war klar, dass sich seine schulische Leistungsfähigkeit durch den Aufprall am Lehrerparkplatz nicht verbessert hatte, und er wechselte in eine Hauptschule im Bezirk Deutschlandsberg, wo er die vierte Klasse wiederholte. Ich habe ihn seit dem Tag seines Selbstmordversuchs nicht mehr gesehen.
Das Zweite, was ich daraus lernte, klingt kitschig, aber es ist trotzdem wahr: Du kannst Macht besitzen, Kraft besitzen, und noch so viel Geld, nichts davon kann Liebe ersetzen. Ich war klein, schwach, dick und stammte aus ärmlichen Verhältnissen, aber ich hatte Freunde im Internat, die mich trotzdem, die mich also wirklich mochten. Erwin hatte keinen Abschiedsbrief hinterlassen, nur einen hingekritzelten Satz im Klo, aus dem er gesprungen war:
Kainer mag Mich!

„In dem monatlichen Betrag, den Sie zu zahlen haben, ist alles inkludiert“, hatte Schwester Raphaela gesagt. „Neben der Unterbringung im Internat und den drei Mahlzeiten täglich gibt es außerdem noch für die Erstklässler abends eine Gute-Nacht-Geschichte, zwei Mal eine Jause, die hauseigene Wäscherei, und natürlich die pädagogische Betreuung und religiöse Erziehung Ihres Sohnes rund um die Uhr. Das alles in einer Atmosphäre der Liebe und Brüderlichkeit. Natürlich kostet das viel mehr, als Sie bezahlen, aber für den Restbetrag kommt die Diözese auf, da wir doch große Hoffnung in unsere Knaben setzen, was den Priesternachwuchs angeht.“

„Hab ich euch eigentlich schon von den Ausgreifereien erzählt?“ fragt Konrad, „und von Roberts Alkoholvergiftung während der Exerzitien in der 7. Klasse, und von Patricks Ladendiebstahl bei der Romreise, und dass Oliver in der 8. Klasse von der Schule geschmissen wurde, nur weil er einmal um drei in der Früh beim Einsteigen durch den Physiksaal erwischt wurde? Fünf Wochen vor der Matura von der Schule verwiesen. Diese Schweine.“
Wir drei schütteln den Kopf. Unser heutiges Ziel ist der Kerschkernkogel im Triebental. Wir fahren soeben am Nordrand von Graz auf die Autobahn auf. Es ist angenehm, um halb sechs Uhr morgens im warmen Auto von Geri zu sitzen, nicht sprechen zu müssen, sich auf eine Skitour zu freuen, und nebenbei einen Freund besser kennen und verstehen zu lernen.
„Dann schieß mal los, Konrad“, sage ich, lehne mich zurück und schließe die Augen.

© 2002 Karl Hofbauer

erschienen im Herbst 2002 auf der Website des Radiosenders FM4

Toleranz (Was ich nicht mag)

Was ich nicht mag, sind Leute, die Arbeit zu ihrem Gott erheben,
die leben, um zu arbeiten, anstatt arbeiten, um zu leben.
Die jene verachten, die nicht 40 Stunden oder mehr
pro Woche in der Firma schmachten.
Die sich ersatzbefriedigen mit großen Häusern, Autos und Jachten,
die (Lebens)-Künstler als Sozialschmarotzer verachten,
die wissen, Arbeit bringt Geld,
und glauben, wenn man viel davon zusammenspart,
dann sei damit Glück zu pachten.
Ich mag sie nicht besonders, aber bitte,
jeder auf seine Art.

Was ich nicht mag, sind Leute, die mir sagen,
was und wen ich mögen soll.
Die meine Art zu lieben zu beschränken wagen.
Ich aber sage euch:
So viele Liebesarten gibt es, wie es Menschen gibt,
und wie, was, wen man liebt, geht niemand sonst was an,
Hauptsache, dass ich’s kann: Lieben.

Was ich nicht mag, sind Medien, die suggerieren,
dass man dies und jenes braucht, um cool zu sein.
Und viele fallen darauf rein, kaufen Statussymbole zuhauf.
Ins Haus kommen nur Dinge mit bekanntem Logo drauf,
produziert von Kindern ohne Zukunft, aber mit Wasserbauch.
Hauptsache man ist cool, und das billig, und vielleicht mit Rabatt.
Die Werbung und den Menschen, der auf Kosten anderer spart,
mag ich nicht besonders, aber bitte,
jeder auf seine Art.

Was ich nicht mag, sind Leute, die mir sagen,
ob meine Art zu leben richtig ist.
Die „Es gibt nur einen Weg dafür“ zu behaupten wagen.
Ich aber sage euch:
So viele Lebensarten gibt es, wie es Menschen gibt,
und wie, was, wen man liebt, geht niemand sonst was an,
Hauptsache, dass ich’s kann: Leben.

Außerdem mag ich keine Leute, die andauernd motzen,
die, egal, ob gestern oder heute – und das find ich zum kotzen –
nichts anderes zu reden wissen, als das, was er und sie nicht mag.
Ich mag sie nicht besonders, aber bitte,
jeder nach seiner Art.

© 2002 Karl Hofbauer
erschienen auf http://www.akstmk.at –> Finale Rap-Text-Wettbewerb bzw. auszugsweise in „Megaphon“, Nr. 81, Juni 2002

Klingels Reisen!

Vorwort

Mein erstes literarisches Großprojekt! Wurde von mir im Alter von 9 Jahren in einen Kalender geschrieben. Ist deswegen allerdings noch lange keine Kalendergeschichte.

Das erste Kapitel ist vollständig. Irgendwann mitten im zweiten habe ich dann zu schreiben aufgehört und das Buch soeben, nach 22 Jahren zum ersten mal wieder in die Hand genommen. Wenn ich mich jetzt also an’s abtippen mache, dann bin ich genau so gespannt wie Du, lieber Leser, wenn ich auch noch gewisse Erinnerungen an die Handlung habe. Ich werde alles so übernehmen, wie ich es damals geschrieben habe, also auch alle Fehler. Einzig die beiden Illustrationen kann ich wohl erst zu einem späteren Zeitpunkt einfügen.

Vielleicht noch so viel zur Erklärung: Klingel war mein absoluter Lieblings Teddy, ein Hund mit einem weissen Strich. Sein Freund Skwirel war, wie man vermuten kann, ein Eichhörnchen, das diesen Namen von meiner Schwester erhalten hatte. Ich habe ihn in Unkenntnis des Englischen immer „Skwörli“ genannt.

So viel dazu. Jetzt aber auf zu Klingels Reisen!

1. Kapitel

In der Schweiz

Klingel und Skwirel packen Koffer. Sie wollen in die Schweiz fahren. Als erste Etappe wollen sie zum Bodensee fahren. Als sie wegfahren scheint die Sonne.

>>Zeichnung 1: Zwei Personen, eine davon mit einem Eichhörnchenschwanz in einem Auto<<

Sie fahren über Bruck / Mur denn Skwirrel verträgt das Tunnelfahren nicht. Die Verkehrsampeln in Leoben gehen Klingel auf die Nerven. Er sagt: „Steht man hinten muß man ein Ewigkeit warten bis es grün wird und man kommt höchstens bis zur Mitte des Sraus. Steht man endlich bei der Ampel, ist sie schon wieder rot. So ein Mist!“

>> Zeichnung 2: Das Auto, diesmal ohne Insaßen vor einer roten Ampel<<

Aber dann hinauf die Lising freute er sich wieder über die Leere und raste. Skwirel als ein Beigeisterterer Bergsteiger strahlte: „Diese Berge ich möchte wirklich gerne klettern.“ In Selztahl sagte Klingel: „Endlich wieder Autos.“ Dann aber in Liezen: „Diese Ampeln gehen mir auf die Nerven!“ Der arme Klingel. Nach einiger Zeit ist für Skwirel die Stimmung auf dem Nullpunkt. Wie gesagt verträgt er keine Tunnels und da geht es von einem ins andere. Schließlich an Salzburg vorbei, stehen sie ein halbe Stunde an der Grenze. Gleich nachdem sie in Deutschland waren mußte Klingel tanken. Am Chiemsee an dem sie kurz darauf halt machten gab es gute belegte Brote. Zum Baden war es jetzt schon zu kalt den es ging gegen fünf Uhr. Kurz darauf ratterten die zwei in richtung München. Im Stadtverkehr mußte Skwirel fahren. Klingel war immerhin schon 300 Kilometer gefahren und in dem Getümmel konnte er nicht fahren. Zu viel für seine Nerven, sagte er. Alsbald lag die Millionenstadt hinter ihnen. Sie fuhren in richtung Bodensee. Bei dem Wegweiser München 20 km mußte Klingel wieder auf den Fahrersitz klettern. Über die Landstraße fegten unsere Freunde in Richtung Bodensee. Als sie nach 250 km endlich Lindau ereichten legten sie sich gleich im Hotel in ihre Betten.

Am nächsten Morgen fuhren die zwei erst mit dem Schiff über den Bodensee nach Romanshorn. Von dort ging es per Auto auf der zweiten Etappe nach Genf. – also durch die ganze Schweiz. Sie wollten ein paar Tage am Genfersee Urlaup machen ehe sie weiter fuhren. Sie fuhren gemütlich Romanshorn fuhren sie gemütlich erstermal nach Wintour. Sie mußten in Wintour tanken. Werend sich der Tank füllte gingen sie frühstücken, besser gesagt zum Frühstück was zum Futtern holen, denn sie kamen werend des Essens auf den Gedanken ein Piknick zu machen. Sie fuhren also in Richtung Zürich weiter. Aber schon fünfund zwanzig Kilometer vor Zürich machten sie halt und fertrükten ihr Frühstück. Endlich fuhren sie weiter. In Zürich war es zu langweilig um zu halten. Auf der Straße nach Bern fuhren sie an vielen Seen vorüber, aber sonst war nicht viel schönes zu sehen. Denn es regnete bis nach Bern. In Bern assen sie ihr Mittagessen. Aber auch bis nach Lausane regnete es. Und in Lausane angekommen regnete es immer noch und es war überhaupt kein Ende abzusehen. Sie fuhren von Lausane um den halben See herum nach Genf. Es war vier Uhr als sie in Genf einfuhren. Da es im See viel zu kalt war zu kalt obwohl der Regen jetzt aufgehört hatte gingen sie in das Hallenbad baden. Um fünf Uhr gingen sie ins Bett.

Am nächsten Morgen schrieb Klingel den Fünftageplan. Er war als erster aufgestanden. Er brachte keinen brauchbaren Plan zusammen. Als Skwirel aufwachte dachte er sich: Es wird mir nach dem Frühstück sicher mehr einfallen. Klingel aß beim Frühstück Emmentaler und Skwirel Marmeladebrote. Plötzlich hatte Skwirel eine Idee: Gehen wir doch heute wandern. Diese Idee gefiel Klingel und so gingen sie zum Hafen und fuhren mit dem ersten Schiff nach Lausane. – Schon nach einer dreiviertel Stunde kamen sie in Lausane an. Sie gingen schnell und schon nach fünf Stunden saßen sie auf einem Berg und schauten auf Lausane. Doch da schaute Klingel auf die Uhr: „He, Skwirel, du mußt dich beeilen in fünf ein halb Stunden müßen wir wieder in Lausane sein damit wir das Sieben – Uhr Schiff noch erreichen.“ „Ach was“, sagte Skwirel (das sich nicht satsehen konnte) „bleiben wir noch ein bißchen. Fahren wir ersr Morgen nach Genf und übernachten in Lausane.“ „Wunderbar die Idee könnte von mir sein“, sagte darauf Klingel was so viel heißt wie „Ja“. Sie blieben noch ein bißchen ehe sie den Rückweg antraten. Um 20 Uhr ließen sie dich in ein Hotelbett in Lausane fallen, und schliefen sofort ein. Skwirel aß am nächsten Morgen Nußkuchen und Klingel schien der Emmentaler noch besser zu schmecken als am Tag zuvor. Erst nach einer halben Stunde hörten sie auf zu essen. Klingel bezahlte auch gleich das Zimmer. Kurz darauf gingen die zwei durch Lausane zum Hafen. Das Schiff nach Genf wollte gerade auslaufen. Sie waren fast die einzigen die jetzt nach Genf wollten sieht man von einer großen Ladung Käse ab. Den Klingel als Emmentaler identifizierte. Die Leute beim herfahren waren nicht so schwer wie der Käse und das Schiff hatte auch weniger PS. So daß die Reise fast eine Stune dauerte. Sie gingen dann gleich zu einem Strandbad, wo sie bis 17 Uhr blieben. Es gab auch Leihangeln dort Klingel fing drei Fische und Skwirel fünf. Bei einem Restaurant wo man das was man Grillen wollte mitbringen mußte grillten unsere Freunde ihre Fische. Es wurde noch ein sehr lustiger abend. Sie kamen erst um ein Uhr ins Hotel. Zum Frühstück kamen sie nicht mehr. Erst zum Mittagessen erschienen sie wieder in Eßsaal des Hotel’s. Heute könnten wir in Kino gehen. Es spielt ein Western. Die Wilden am R- See, sagte Klingel. Gesagt – getan sie gingen zum Kino. Als der Film aus war es war 14 Uhr. Sagten beide, wir fahren lieber weiter nach Frankreich, hier langweilen wir uns nur. So bezahlte Klingel schnell die Hotelrechnung dann fuhren sie los.

Ende des 1. Kapitels

2. Kapitel

In Frankreich

Schon nach zehn Minuten standen die zwei an der Grenze. So im Stau dachten sie über die weiter Reise nach. Sie einigten sich über die Rute: Genf – Chamonix – an der Italienischen Grenze nach Niza. In Chamonix schoß Skwirel viele Fotos vom Mont Plance. Sie fuhren kurz nach Italien. In Turin kauften sie ein ehe sie nach Frankreich zurückfuhren. Sie fuhren dann auf einer Hochbergstraße. Es war langweilig allein in 2000 Metern Höhe zu fahren. Aber wenn sie an den Verkehr in den Großstädten dachten waren sie gleich wieder fröhlich. In Monaco fühlte sich Klingel auf der Formel 1 Strecke wie Niki Lauda und raste herum. In Nizza aber etwas später kam er kaum in dem Verkehr vorwärts. Am Abend lagen sie in einer kleinen Pension am Stadtrand von Nizza. Am nächsten morgen nach dem Frühstück fuhren sie per Schiff nach Marseille, wo sie zwei Tage bleiben wollten. Aber es dauerte etwas länger als vorgesehen. Am ersten Tag fuhren sie mit einem kleinen Segelboot auf das Meer hinaus um einige kleinen Inseln zu erforschen. Als sie auf die erste kamen war für sie nichts besonderes an der Insel sonnst hätten sie sie nie betreten aber in diesem Augenblick war nichts davon zu sehen was in der Mitte der Insel war. Sie gingen also in einen großennWald hinein und fanden nach etwa einer Stunde einen eingang zu einer Höle die sehr groß war aber auf keiner Karte zu sehen war. Als sie etwa 20 Meter gegangen waren kamen sie zu einem Schild mit der Aufschrift Heilquelle Sant John…

Nachwort

An dieser Stelle habe ich anscheinend nicht mehr weiter gewußt. Bis nach Romanshorn konnte ich noch auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, die restlichen Infromationen sind dem Autoatlas entnommen. Nach der etwas eintönigen Reiseschilderung wollte ich offensichtlich auf eine spannende Abenteuerhandlung umschwenken. Nun werden wir wohl nie erfahren, was mit den beiden auf dieser geheimnisvollen Insel passiert ist. Erinnert mich irgendwie an das „Blair Witch Project“ – ich war meiner Zeit eben immer schon voraus.

© Peter Heissenberger

Der Hamletburger

Zehn Minuten -Schauspiel nach
klassischem Vorbild

Vorgeschichte:

Dieses Stück wurde von mir für den „10 – Minuten Hamlet“ Wettbewerb des Grazer „Theater im Bahnhof“ im März 2000 geschrieben. Vorgabe war, den klassischen Hamletstoff in einer beliebigen Form in zehn Minuten zu präsentieren. Aufgeführt habe ich das Stück dann selbst und zwar allein: Nachdem ich den Text auf Kassette gesprochen hatte habe ich alle sechs Rollen gespielt und dabei versucht mich in der Interpretation meiner Darstellung an den übertriebenen Gesten der frühen Stummfilmschauspieler zu orientieren. Vor allem bei der Fechtszene mußte ich sämtliche Schubladen meines beschränkten schauspielerischen Talents ziehen, hatte aber zumindest die Lacher auf meiner Seite und wurde am Ende Zweiter der Jurywertung.

Personen:

Josef Prinz (von allen seit seiner Kindheit nur „Hamlet“ genannt)
Klaus, sein Onkel
Pole, der Geschäftsführer
Lars, Sohn des Polen
Ophelia, seine Schwester
Trude, Josefs Mutter

Ort:

Die Küche einer Raststation an der Autobahn Helsingör / Kopenhagen. Josef Prinz, der Sohn des unlängst verstorbenen Besitzers bei der Arbeit. Er arbeitet als Koch in der Raststation, die inzwischen von seinem Onkel Klaus geführt wird. Zusätzliche Pikanterie erhält die Situation durch die Tatsache, daß dieser Onkel Josefs Mutter, also die Witwe seines eigenen Bruders, nur wenige Monate nach dem Tod ihres Mannes geheiratet hat.

Einziger Aufzug:

Josef zerkleinert mit einem Metzgerbeil einen Berg Hammelfleisch um daraus Hammelfleischlaibchen zu machen. Das im Hintergrund laufende Radio bringt eine Verkehrsmeldung:

Radio: „Achtung, Achtung! Auf der Autobahn Helsingör / Kopenhagen kommt ihnen ein Geisterfahrer entgegen. Bitte bleiben sie rechts und überholen sie nicht.“
Josef: „Immer diese verdammten Geisterfahrer! Noch nicht einmal ein halbes Jahr ist es her, daß mein eigener Vater von so einem Wahnsinnigen von der Straße gedrängt worden ist. Zwei Stunden haben sie gebraucht, um seine Leiche aus dem Wrack zu schneiden. Das war kein schöner Anblick: Die Antenne hatte sich mitten durch sein Ohr gebohrt. Aber den Geisterfahrer haben sie nicht erwischt.“
Er schlägt mit dem Beil energisch auf das Stück Fleisch ein.
Josef: „Aber das Leben geht ja weiter. Nicht war Mama? Aber warum ausgerechnet meinen Onkel? Die schnellsten Entscheidungen müssen eben nicht immer die besten sein. Diesen versoffen Kerl mußte sie heiraten. – Der fährt schon seit Jahren ohne Führerschein durch die Gegend, den hätte es ruhig erwischen können, nicht meinen Vater. Der hätte er verdient. – Ach, was soll’s.“
Er hackt weiter.
Josef: „Ich versteh ja, daß sie nicht ewig allein bleiben konnte. Wer will das schon? Aber Onkel Klaus? Wenn er wenigstens ein bißchen mehr Ähnlichkeit mit meinem Vater hätte, dann verstünde man vielleicht warum. Aber so? – Wie hat er vor der Hochzeit so schön gemeint?“ (verächtlich) „Ich hoffe, daß sich dadurch nichts ändert zwischen uns Hamlet.“ (gespielt zuckersüß) „Aber natürlich nicht ‘Onkter’, oder sollte ich besser sagen ‘Vankel’?“ (wie vorher) „Pah! Auf einmal spielt er sich hier auf wie der große Macher. Veranstaltet einen Riesen Empfang für die Rosenstern & Güldenkranz Versicherung und ich kann hier unten Hammelburger machen, bis ich schwarz bin. Weil er nämlich keine Ahnung davon hat. Dabei sind die Hammelburger unsere Spezialität. Aber die hat natürlich mein Vater erfunden – darum war er auch der Burger-King. Nur der Name, der ist von mir. Da war ich drei oder vier damals und soll gebrabbelt haben: ‘Mmmhm! Hamletbörger!’ Und was soll ich sagen, der Name ist bis heute geblieben: ‘Hamletburger’ , steht sogar auf der Speisekarte – und zu mir sagt jeder Hamlet. Na ja. Das werd’ ich wohl nie mehr los.“
(Auftritt Onkel Klaus)
Klaus: „Alles klar Hamlet?“
Josef: (mürrisch) „Danke der Nachfrage.“
Klaus: „Gut, mein Junge. Du weißt: Der heutige Abend ist sehr wichtig für uns, vielleicht können wir dann öfter solche Empfänge veranstalten.“
Radio: „Achtung! Wir wiederholen die Geisterfahrermeldung: Zwischen Helsingör und Kopenhagen kommt ihnen auf der D1 noch immer ein Auto entgegen. Bitte fahren sie weiterhin vorsichtig.“
Klaus schließt die Augen, wird ganz blaß, kommt leicht ins Schwanken und muß sich mit der Hand an Josefs Arbeitsplatte abstützen.
Josef: „Was ist denn los?“
Klaus: „Ni – nichts. Ich mußte nur gerade an deinen armen Vater denken.“
Josef: „Dann ist es allerdings nicht erstaunlich, daß dir schlecht wird.“
Klaus: (Gewinnt seine Fassung wieder) „Wie meinst du das?“
Josef: „Das weißt du doch genau.“
Klaus: „Aber Hamlet. Das haben wir dir doch schon tausendmal erklärt, deine Mutter und ich. Schau, wir … ach, ich bin heute nicht in der Verfassung, mit dir zu streiten.“ (geht schnell ab)
Josef: „Da geht er dahin. Ist es nicht unglaublich, wie er auf jetzt auf Mitleid macht?“
(hackt gedankenverloren auf den Hammel ein)
Josef: (nachdenklich) „War aber schon komisch, wie er eben reagiert hat. .. Sehr komisch sogar. Fast ein bißchen schuldig. …Hm!“
Er hört zu arbeiten auf und tritt mit dem Beil in der Hand vor den Tisch.
Josef: „Kann es sein, oder kann es nicht sein? Ist er nicht an jenem Abend gerade aus seinem Auto gewankt, als ich das Haus verließ? Und war das nicht kurz nach dem Unfall meines Vaters. Nur wenige Minuten später sogar? So viele Minuten etwa, wie man von der Unfallstelle zu unserem Haus braucht? Und hat er da nicht genau so blaß ausgesehen?“ (schreit auf) „Es ist doch so klar! Natürlich! Oh, dieser verdammte Saufkopf! Dieser Verbrecher dieser .. Mörder!“
(Auftritt des Polen)
Pole: „Hallo Hamlet!“
Josef: (fährt herum und hebt sein Beil, während er brüllt) „Wer?“ (läßt das Beil sinken als er den Polen erkennt) „Ach.“
Pole: „Uh! Du hast aber miese Laune. Hast dich wohl wieder mit meiner Tochter gestritten, was?“
Josef: „Wie? Äh, … Ja, wahrscheinlich.“
Pole: „Jaja, das hat sie von ihrer Mutter. Mach dir nichts d’raus. Wollte sowieso nur schnell schauen, wie weit du schon bist. – Na ja. Ein bißchen Beeilung könnte nicht schaden, die Gäste kommen schon bald. Paß auf, daß das Fett nicht zu heiß wird.“
Josef: (mit den Gedanken ganz woanders) „Wie? – Ja, gut.“
(Pole geht ab, Josef wieder alleine.)
Josef: „Es ist unglaublich. Mein Onkel, der eigene Bruder. Und steht dann daneben, mit Tränen in den Augen – und meine Mutter! Oh diese verdammte Brut, wenn ich die zwischen die Finger kriege, dann mache ich was anderes aus denen als Hammelburger.“
(Starrt gebannt auf das Beil in seiner Hand, würde es gerne irgendwo hinwerfen, weiß aber nicht wohin.)
männliche Stimme: „Hamlet?“
(Josef fährt herum, und schleudert sein Beil in Richtung der Stimme)
Josef: „Du Brudermörder!“
(Das Beil trifft den gerade durch die Tür tretenden Polen am Kopf und spaltet ihm die Stirn. Der Pole sinkt leblos zu Boden. Josef erkennt seinen Fehler und stürzt auf den Sterbenden zu.)
Josef: „Pole! Oh, nein!“
(Auftritt Lars)
Lars: „Vater! – Was hast du getan Hamlet?“
Josef: „Es war ein schrecklicher Unfall.“
Lars: (Indem er nach dem Beil im Kopf seines Vaters greift) „Du Mörder!“
(Lars nimmt das Beil an sich und will sich damit auf Josef stürzen)
Josef: „Lars! Bitte beruhige dich!“
(Josef weicht zurück und nimmt dabei ein langes Messer vom Tisch.)
Josef: „Lars, laß mich doch erklären!“
(Lars stürmt auf Josef zu, ein Kampf entbrennt. Josef versucht sich zunächst nur zu verteidigen, doch nach den ersten Verletzungen stößt auch er auf Lars ein.)
(Auftritt Ophelia)
Ophelia: „Lars! – Hamlet! – Was ist los mit euch? – Vater? Vater!“ (hysterisch schreiend) „Vater!!!“ (Sie wirft sich über die Leiche, während sich die zwei Streitenden bereits blutüberströmt am Boden wälzen)
(Auftritt Trude, Klaus.)

Klaus: „Was wird hier gespielt?“
Trude: „Hamlet!“
(Josef und Lars stehen einander gegenüber. Lars bricht, mit Josefs Messer in der Brust, sterbend zusammen.)
Lars: „Aaaah!“
(Josef betrachtet die Tiefe Wunde, die Lars Beil hinterlassen hat und stirbt dann ebenfalls)
Josef: „Verdammte Scheiße! Und der Rest ist Schweigen.“
Trude: „Hamlet! Mein Sohn!“

(Das von Hamlet zu lange unbeaufsichtigt gelassene Fett in der auf Höchststufe laufenden Friteuse entzündet sich mit einem lauten Knall. Eine Feuerkugel erfüllt den Raum und tötet alle noch lebenden Anwesenden.)

Das Restaurant wird – mangels lebender Erben – von einer norwegischen Kette aufgekauft.

Ende

Man beachte die ungewollte Doppeldeutigkeit des Dialogs: „Was wird hier gespielt?“ – „Hamlet!“

© Peter Heissenberger

Hinterland

Ein Adler stürzt vom Himmel, packt seine Beute und fliegt mit schweren Flügelschlägen wieder davon.

Auf der anderen Seite des Hügels spiegelt ein grauer Bus die tiefstehende Sonne, die noch eine halbe Stunde von dem entfernt ist, was eine mittelmäßig eingefärbte Abendstimmung zu werden verspricht. Aber für so etwas hat der alte Mann am Felsen sowieso kein Auge. Er war nie ein Mann der Augen gewesen, weder damals noch heute.

Er ist zu diesem Aussichtspunkt hinaufgeklettert, weil es von ihm erwartet wurde. Langsam, den anderen seine Verachtung leise hinterher fluchend, weil unten zu bleiben auch keinen rechten Sinn gemacht hätte. Außerdem sollte bloß keiner denken, dass er es nicht mehr schaffen würde, er mochte jetzt alt sein, aber woher glaubten die, hatte sein Enkel die sportliche Statur?

Als junger Mann hat er die Filme der Leni Riefenstahl im Kino gesehen und sein Leben lang davon geträumt.

Jener Enkel bereut schon lange, die Reise gebucht zu haben. Sie war den Athleten für die Woche nach olympischen Spiele angeboten worden, griechisches Hinterland / Peloponnes. Damals hatte er sich schnell entscheiden müssen, dabei hätte ihm eigentlich klar sein müssen, dass man den Großvater keine Woche lang in einen Bus voll Ausländer pferchen darf. Da kommt dann immer nur die alte Schule zu Tage.

Ohne den Grund zu erkennen denkt der Alte plötzlich an Schildkrötensuppe. Hält das Gesicht in den Wind und denkt an den Geschmack von Schildkrötensuppe, die er nie in seinem Leben gegessen hat.

Auf einmal sieht er sein altes Wohnzimmer, die alte Couch, die immer schon alt und den alten Teppich, der sehr wohl einmal neu und wertvoll gewesen war. Über diesen Teppich war der Graubler gelatscht, hatte sich in jene Couch gelümmelt und seine Frau hatte kein Wort gesagt. Kein Wort über die schmutzigen Schuhe, den Dreck, den er bei jedem Schritt verloren hatte. Stumm hatte sie im Eck gestanden – für ein einziges Mal in ihrem Leben ohne Worte.

Der Enkel betrachtet den Großvater von der Seite. Leichtathlet, StuKa Flieger, dann Oberstudienrat, Mathematik und Physik – lange schon im Ruhestand. Jeden Zentimeter alte Schule – immer wieder peinlich.

Unbemerkt von den beiden trägt der Adler seine schwere Last nach oben. Die Beute tut, was ihr der Instinkt von abertausend Generationen gelehrt hat, sie wartet ab, zieht sich tief in ihre uneinnehmbare Festung zurück, nicht ahnend, dass Darwins Selektion ihrem Gegner längst die besseren Karten in diesem Duell zugeteilt hat.

Geredet hatte damals allein der Graubler. Der alte Mann hatte sich nur gefragt, wer dieser Kerl eigentlich war, der das Wohnzimmerbodenheiligtum seiner Frau so ungestraft entweihen durfte und jetzt über Schildkrötensuppe sprach, als sei es das Wichtigste der Welt.

Wie gut sie ihm doch einmal geschmeckt habe und dass der Sepp, wenn er dann in Argentinien angekommen war, natürlich nicht als erstes, aber doch irgendwann, ihm bitte ein paar Dosen besorgen solle. Als ob es nichts anderes zu besprechen gegeben hätte, im Wohnzimmer einer Familie, die gerade dabei war, ihren einzigen Sohn zu verlieren.

Wenn Freddy Quinn im Radio vom Heimweh singt, muss der Alte heute noch weinen.

Der Enkel sieht den aufgebrochenen Schildkrötenpanzer sehr wohl, der da vier Meter vor ihnen zwischen den Felsen liegt. Zuerst denkt er an die resche Wurstsemmel aus einem alten Volkschulwitz. Dann aber gleich an einen Bären, von dem er allerdings nicht annimmt, dass er am Peloponnes heimisch ist. Eine Karate gelehrte Springmaus kann das aber auch nicht geschafft haben. Vielleicht ein Hund mit Dosenöffner. Er sieht sich vorsichtig um und hofft, das dieser Jäger streng nachtaktiv ist.

Der Großvater hat den Graubler nur einmal wieder gesehen. Für ein paar Augenblicke auf einem überfüllten Marktplatz, damals war der Sepp schon zwei Jahre tot gewesen. Er war stehen geblieben, der Graubler weiter gegangen, hatte ihn wahrscheinlich gar nicht erkannt, vielleicht war aber auch die nie erhaltene Schildkrötensuppe der Grund für das Übersehen gewesen.

Inzwischen hat der Adler hat sein Ziel fast erreicht.

Wenn er auch kaum noch sehen kann, dieses Bild wird der Alte nie vergessen. Er, seine Frau, sein Sohn, alle drei wortlos vor Schmerz, dazwischen dieser kaum-Bekannte, den er nie vorher und nur einmal danach bewusst wahrgenommen hatte. Der aber redete ohne Unterlass, und als er dann endlich gegangen war, hätte man ihn sofort wieder zurück gewünscht. Sollte er doch ruhig stundenlang über Leberknödel- und Lungenstrudelsuppe philosophieren, wenn er nur diese schreckliche Stille vertreiben konnte.

Und dann ist das Taxi gekommen.

Einmal hat er Freddy Quinn im städtischen Freibad gesehen, bei der Wende sogar kurz mit ihm gesprochen, hatte von dem Konzert gar nichts gewusst, versprochen, sich sofort eine Karte zu kaufen. Lange schon ausverkauft hieß es und dann war der Freddy weiter geschwommen. Wer hatte auch schon in der Badehose etwas zum Schreiben dabei.

Seinen Enkel hat der alte Mann zum ersten Mal im Alter von sechs Jahren gesehen. War mit seiner Mutter aus Argentinien gekommen um auf eine Österreichische Schule zu gehen. Wer denn der Junge sei, der auf all den Fotos im Haus der Großeltern zu sehen sei, hat er unschuldig gefragt. Da haben sie dann alle verschämt zu Boden gestarrt.

Irgendwann, es mag 15 Jahre her sein, hat der Enkel im Readers Digest einen Artikel über die schlauen Jagdgewohnheiten mancher Tiere zu lesen begonnen, war dann aber von einem Telefonanruf unterbrochen worden und so nie zu den Adlern des Peloponnes gekommen und wie sie ihre Hartschalenbeute aus großer Höhe auf Felsen knallen lassen, sonst wäre er wohl nicht so ruhig vor jenem Schildkrötenpanzer sitzen geblieben.

Dass allerdings weltweit mehr Menschen von zu Boden fallenden Cocosnüssen als von Haien getötet werden, das hat ihm erst unlängst ein Freund erzählt.

Nach einem Jahr war sie dann wieder weg, die Mutter und Schwiegertochter, die sowieso nichts wert gewesen war. Sie haben den Buben aufgezogen wie seinen Vater vor ihm und da soll ihnen nur ja keiner einen Vorwurf draus machen. Oder kommt heute etwa schon jeder zu den olympischen Spielen?

Der alte Mann dreht sich zur Silhouette des Enkels und lächelt stolz.

Als er die Riefenstahl eines Tages aus einem deutschen Autobahnrestaurant kommen gesehen hatte, war sein Kugelschreiber im Auto und eh er damit zurück, sie längst weitergefahren.

Hundert Meter über den beiden geht die Reise für den Passagier derweil zu Ende. Der Adler öffnet seine Krallen.

Fast hätte der Enkel das Papier in seiner Hand vergessen. Hat auf dem Anstieg das Autogramm des Italieners besorgt. Der war nämlich Olympiasieger. Trotzdem hätte der Großvater den sicher nie gefragt. Schon allein wegen Südtirol und so.

Niemand schaut nach oben, dabei würde der alte Mann das Schauspiel über seinem Kopf sicher bewundern. Vor allem wie der Vogel  seiner Beute jetzt hinterher stürzt. Die Ju 87 im Sturzflug, das ist in der siebten Klasse immer sein Lieblingsparabelbeispiel gewesen, wenn sich einige dieser modernen Eltern auch beim Direktor über seine Geschichten beschwert haben.

Natürlich konnten da auch Flüchtlingskolonnen dabei gewesen sein. Der Feind musste erst recht im Hinterland geschwächt werden.

Der Enkel reicht dem Großvater den unterschriebenen Zettel. Der greift danach und zieht die Brille mit den dicken Gläsern aus der Jackentasche.

Die Erdbeschleunigung hat den Panzer längst zum tödlichen Geschoss gemacht.

Für einen Augenblick war man nach dem Hochreißen immer bewusstlos. Damals hat er das weggesteckt und keine Fragen gestellt. Heute wird ihm schon schwindlig, wenn er schnell aufstehen muss, so wie jetzt, reflexartig, weil mit der Brille sein Kugelschreiber aus der Jacke gefallen ist.

Aus manchen seiner Fehlern hat er schon gelernt. Nie mehr unbewaffnet. Was, wenn jetzt plötzlich Nana Mouskouri ums Eck gekommen wäre!

Er macht einen unsicheren Schritt und bückt sich nach seinem Jagdgerät, als hinter ihm eine zweiundachtzig Jahre alte Schildkröte laut krachend und spektakulär ihr Leben beendet.

Die Köpfe der ganzen Gruppe fahren erschrocken herum. Ein Panzersplitter streift den Enkel am Unterarm. Verwirrung aller Orten. Ungläubig dazwischen nur ein Mann mit einem Kugelschreiber.

Quadratur des Lebenskreises für Mathematiker nicht möglich.

© Peter Heissenberger