Ameishaufen, 1980, Nebel

Am längsten sah man von ihr den roten Windjackenfleck. Schließlich war auch der verschwunden. Der alte Repolusk nahm den Blick vom Fenster und wandte sich wieder seinem Glühwein zu. Sein junger Nachbar sprang nun schon zum ich weiß nicht wievielten Mal auf und rannte zum Telefon.

„Gib dir keine Mühe. Die von der Post rühren nichts an. Die kommen nicht einmal nachschauen, bis das hier nicht vorbei ist… Darinka, noch einen Glühwein. Und eine Bratwurst.“

„Bratwurst ist aus. Aber du kannst eine harte Semmel haben und sie in deinen Glühwein tunken, Repolusk.“ Er nickte und seufzte ergeben.

Enttäuscht hängte Ludwig den Hörer wieder ein und setzte sich zum Alten.

„Dich scheint das ganz kalt zu lassen, was? Ich dreh noch durch..!“

„Ich hab Stalingrad ausgehalten. Das eicht einen. Kannst du dir das vorstellen? Geschrieen hab ich: Lieber Gott, wenn’s dich gibt, lass mich sterben, das ich den Andi nicht fressen muss. Zwanzig war der grad. Es war so kalt, das Fleisch verdarb nicht. Ich hab den Andi angefressen. Es gibt keinen Gott.“

Der Repolusk drehte das Glühweinglas bedächtig zwischen seinen Rheumafingern. Unvermittelt schrie er den Jungen an:

„Menschenfleisch hab ich gefressen, und du flippst aus wegen ein bisschen Nebel!!!“

Betreten starrte Ludwig in den Dampf, der aus seinem Glas stieg.

„Schneid dir ein Stück ab bei der Frau, die gerade da war. Die geht jetzt durch den Nebel hin zu dieser Familie, die sie gar nichts anginge. Bekocht ihn und hutscht seine Kinder ein…“

„…lässt sich von ihm vögeln…“, warf Ludwig kopfschüttelnd ein.

„…na und? Der Klaus hat kein Problem damit, aber du anscheinend, dabei…warum sollte so eine schlechter vögeln?“

Sabine rannte mit ihren beiden Gulaschdosen so schnell sie konnte, mittlerweile kannte sie den Weg recht gut und stolperte nur noch selten. Bis sie ihn jedoch ganz beherrschte, würde sie ihn nicht mehr brauchen, Darinka war eine feine Seele, aber auch die Vorräte in ihrer Grillhütte würden zu Ende gehen, und dann würde sie an sich denken und ihre eiserne Ration verteidigen – wenn es sein musste, wieder mit Waffengewalt. Dass die streitbare Kroatin geschossen hatte, als ein paar eingeschlossene Touristen versucht hatten, die Grillhütte zu plündern, nach dem sie im Sparmarkt nur mehr leergeräumte Regale vorfanden, das hatte ihr Klaus erzählt. An die sich anbahnende Katastrophe und an Klaus zugleich zu denken machte sie zusätzlich von innen heraus frösteln.

Die Kinder weichten harte Brotschnitten in Dosengulasch und aßen schweigend. Keines der beiden fragte mehr nach der Mama. Klaus schien wieder keinen Bissen zu essen, Sabine sagte nichts, dachte nur schaudernd daran, diesen täglich schmälerwerdenden Körper zu berühren, mit dieser fast nicht auszuhaltenden Mischung aus Verlangen und Widerwillen.

Klaus rührte das Gulasch nicht an, sondern schaute lange in das Gesicht der Frau mit den flackernden Augen. Das erste Mal seit einer Woche wich wenigstens von seinen Verstand der Nebel, und was hinter den Schwaden auftauchte, zog ihm die Schultern herunter, und sein Gehirn floss Richtung Rückenmark davon. „Wiedersehn, du nutzloses Organ,“ hätte ihm Klaus gern nachgerufen. Aber das wäre Sabine sicher sehr seltsam vorgekommen, nach allem, was sie für ihn und mit ihm getan hatte. Sogar seine Frau heimzuschaffen hatte sie ihm geholfen, so gut sie gekonnt hatte.

Mindestens hundert Kilo wuchtete Klaus mit hoch, als er sich vom Tisch erhob, um nach draußen zu gehen.

Die Zigarette dämpfte ein wenig seinen Hunger, während er rauchte, hörte er, wie Sabine die Kinder ins Bett scheuchte. Wäre eigentlich auch meine Aufgabe, dachte er, aber nicht einmal das kann man schließlich von einem Hirnlosen verlangen. Er lachte ein grausames Lachen.

Sabine kam nach draußen, berührte kurz seinen Nacken und stellte sich mit verschränkten Armen neben ihn, das Gesicht in dieselbe Richtung gewandt wie er.

„Hätte mich unser Polier nicht so gejagt und wäre der nicht vom Bauleiter so getrieben worden wo doch alle gesehen haben dass rein gar nichts mehr zu sehen war bei der Nebelsuppe hätte ich nicht so geschusselt und hätte das Telefonkabel nicht abgerissen und der Bagger würde nicht quer auf der Zufahrtsstraße stehen ohne Sprudel hätten Verena und ich deswegen nicht so streiten müssen dann hätte sich die Kleine nicht so darüber aufgeregt dass sie in der Nacht Fieber bekommen hat und Verena hätte nicht noch um Mitternacht zur Nachtapotheke fahren zu brauchen ich hab noch gesagt es ist sinnlos der Bagger steht auf der Straße aber sie rast einfach los… und pfeilgerade in das Ding hinein…“ Ein Schluchzen, dass Sabine peinlich war, schüttelte den Mann. Immer noch blicklos in dieselbe Richtung starrend, sagte sie:

„Hätte… wäre… hätte dieser Mensch, bei dessen Tochter ich vor zwanzig Jahren zum Kindergeburtstag eingeladen war, keine Agaven auf der Terrasse stehen gehabt, wäre ich beim Spielen nicht draufgestürzt, dann würde ich heute sehen und nicht Glasaugen tragen.“ Sie drehte sich dorthin, wo noch immer er stehen musste, ihre Mundwinkel zuckten: „Ich hab schöne Augen gehabt. Ich weiß noch immer, wie sie ausgesehen haben.“

Sabine nahm den Geruch zuerst wahr. „Verflucht, wir müssen etwas tun.“

Er starrte sie an.

„Dass das so schnell geht, obwohl es so kalt ist…“, sagte er heiser.

„Willst du, dass die Kinder sie finden?“

„Um Gottes Willen!“

„Dann gehe ich jetzt und hole den Ludwig und den alten Repolusk. Sie werden uns helfen.“

Ihrer Windjacke konnte er mit den Augen am längsten folgen. Sie dreht sich noch einmal um und sagte: „Braun sind sie gewesen.“

Dann war auch der rote Fleck verschwunden.

Er ging eine Weile ziellos durchs Haus, um das Ehebett, aus dem noch nicht einmal Verenas Schweiß verdunstet gewesen war, als er sich schon mit Sabines vermischt hatte, deckte seine sorgsam zugedeckten Kinder nochmals sorgsam zu, rauchte vor dem Haus eine Zigarette, ging wieder hinein, setzte sich an den Tisch und ließ den Kopf ein paar Mal auf der Platte aufknallen. Als er ihn wieder hob, fühlte er es warm über seine Stirn und an seiner Nase entlang laufen. Er lief ins Badezimmer und schaute prüfend in den Spiegel.

Der Anblick stimmte ihn fast heiter. Bis sie zurückkamen, würde er mit Wundversorgung beschäftigt sein.

© Maria Edelsbrunner 2001

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Erklärungen, die uns grade noch gefehlt haben:

Ananas — Mädchen, das in den Bach fiel

Anlaufstelle — Glastür

Blockflöte — Callboy für Parteienhaus

Brillenfassung — Contenance am Klo

Brotaufstrich — Prostituiertenjause

Busserl — sehr kleiner Ford-Transit

Büstenhalter — Säule für berühmte Köpfe

Choral — musikalischer Fisch

Computer — Truthahn-Lockruf

Deskjet — Modellflugzeug

Duden — harsche Zuteilung

Duschkabine — Proberaum für Blasmusikkapelle

Einbrecher — unvorsichtiger Schlittschuhläufer

elastische Spitze — österr. Bundesregierung

erbrechen — Hinterlassenschaften zusammenraffen

Feldstecher — Liebe auf der Wiese

Frankreich — Lottogewinner

Fußball — Orthopädenbesäufnis

Geleise — Aufforderung zum Schleichen

Geschichte — schön angeordneter Haufen

Helsinki — Sonnenuntergang auf finnisch

Kompost — Briefträger-Lockruf

Kredithai — gutmütiger Fisch

Magnet — Verweigerung

Maisanbau — Popcornjause in der Künetten

Matrose — welke Blume

Meisenknödel — Gehirn

Meisenknödel — Katzenfutter aus faschierten Singvögeln

Morgenmantel — Kleidungsstück, das erst modern wird

Notlösung — schlecht eingeschenkter, aber durststillender Spritzer

Parkinson — einzige Alternative zum schattigen Autoabstellplatz

Pulsmesser — Sterbehilfe

Pupille — Medikament gegen Blähungen

Rexgummi — Schäferhundkondom

Rückständiger — Mensch ohne Sitzfleisch

Sattelschlepper — Mann, dem sein Pferd gestorben ist

Scheinwerfer — großzügiger Mensch

scheitern — Holz schlichten

Schiffsirene — akustisches Signal zu gemeinsamen Wasserlassen

Schiffsirene — leichtes Mädchen an Bord

Schlüsselbart — Detail eines traumatischen Erlebnisses

Schnürlsamthose — Kordel mit dranhängendem Kleidungsstück

Seifenspender — extrem hinterhältiger Mensch

Sturmwarnung — Ankündigung einer Buschenschankeröffnung

Suppenschöpfer — Haubenkoch mit Tendenz

Teenager — gefürchteter Schädling in der Earl Grey Kultur

Thunfisch — fleißiger Meeresbewohner

Untertasse — rangniedriges Kaffeehäferl

Vatikan — potenter Papa

Veilchenstrauß — Werkzeugsortiment

Verleger — unordentlicher Mensch

Vorschlaghammer — endlich eine Idee!

Weihnachten — vergorenen Traubensaft schätzen

Weinkeller — strenge Kammer des Psychotherapeuten

Zahnpasta — Gebiss auch in Ordnung

Zapfhahn — geldgieriger Mensch

Zierpolster — Ende einer Fußballerkarriere

…noch zu ergänzen…

© Maria Edelsbrunner 2001

Ein wahrer Freund

Nimm dir noch Erdnüsse und Orangensaft, das wird eine längere Geschichte.

Passiert ist das letzten Winter. Du kannst dich sicher noch an unser Klassentreffen erinnern. Der Franz und ich, wir sind ja schon ewig befreundet, wie du weißt. Ein bißchen eigenartig war er schon , wie wir noch zusammen zur Schule gegangen sind. Er hat sich immer so grausame Spiele ausgedacht. „Haben Sie zu Ihrer Verteidigung noch etwas zu sagen?“ Es war immer zuwenig, was ich dem armen Frosch ins Maul gelegt habe, am Ende hat er immer dran glauben müssen. „Lebenslänglich“, hat es geheißen und ab mit ihm ins Fünfliterglas, das wir meiner Mutter geklaut haben, und in die pralle Sonne. Der Frosch ist am Ende wie besoffen hin und her getorkelt, bis er endlich eingegangen ist. Das Todesurteil war richtig human dagegen, das hat Annageln am Holzschuppen bedeutet.

Ja, richtig, die Hühner vom Nachbarn, du weißt es also auch noch. Ja, das sind auch wir gewesen, das heißt, ich bin eigentlich nur Schmiere gestanden, ich bin immer Schmiere gestanden, die Augen ausgestochen hat er ihnen selber. Der Franz. Er hat eine Katze gehabt, eine Räderkatze. Die hat er richtig gern gehabt, was haben wir mit dem Tier gespielt, und vom Franz hat sie sich alles gefallen lassen, sie hat ja gewußt, das alles ist nur Spiel.

Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist. Klemmt das Vieh einfach in den Schraubstock und dreht auf null.

Was, ich? Ich hab keine Chance gehabt, ihr zu helfen. Er ist mit der Rohrzange auf mich losgegangen.

Seine Augen, weißt du, das war das brutalste, ich hab genau gespürt, wenn ich jetzt was Falsches sage oder tue, geht’s mir wie der Katze, der war ja damals schon zwei Köpfe größer als ich, ein Bär von einem Menschen, kennst ihn ja, nie vorher und nie danach hab ich solche Augen gesehen. Und er hat mich nicht einmal gehen lassen, als ich schon gespien habe, ich hab geheult wie ein Hund, und da war so ein Schmerz, ein Ziehen in meinen Därmen, als ob ich selber schon im Schraubstock hänge.

Wir haben nie mehr geredet über die Katze. Muss so etwas wie ein Spiel für ihn gewesen sein.

Quälen hat ihn aufgegeilt.

Was meinst du, wieso der Franz geheiratet und sechs Jahre und drei Kinder lang den Treusorgenden gespielt hat?

Ich hab ihn ein paarmal getroffen in der Zeit, ich habe damals schon für diese Jachtbaufirma gearbeitet, er hat ruhig gewirkt, besonnen, und alle haben ihm das abgekauft, aber ich habe diese Augen seit dem Sandkasten gekannt und gewußt, es geht wieder durch mit ihm.

Sechs Jahre hat er sich das Vertrauen dieser Frau und der Kinder erarbeitet, mühsam muss das für ihn gewesen sein, weißt du, die haben ihm dann nicht mehr auskönnen. Hat ihnen eine Katze geschenkt, eine Weile zugeschaut, wie sie damit spielen und sie dann vor ihren Augen weggeschossen.

Hast du seine Frau noch gekannt? Ja? Nein, sie lebt nicht mehr hier…schon lang nicht mehr, hat angeblich um ihr Leben gefürchtet.

Sie hat nie verstanden, wie er sich auf einmal so verändern konnte, der Franz, na ja, sie ja nicht wissen können, dass er da erst wieder richtig geworden ist was er war.

Aus heiterem Himmel hat er sie verdroschen, ein Papierschnipsel auf dem Küchenfußboden war Anlass genug, da musste erst Blut fließen, dann ist er noch über sie drübergestiegen. Danach hat er den Boden geküßt, auf dem sie lief. Jedes Mal die Hoffnung, es wäre das letzte Mal. Jedes Mal, natürlich, gab´s ein weiteres Mal.

Wohin er ist mit seiner Gewalt in den ersten sechs Jahren? Was glaubst du, wo wir waren, wenn wir geschäftlich wegmussten? Er hat einen Ruf gehabt bei den tschechischen Huren. Kann sein, es gibt ein paar, die stehen auf sowas, aber befriedigt hat ihn das nicht.

Es musste jemand sein, den er gern hat. Denn gernhaben konnte er. Ich hab nur einmal versucht, da nachzubohren, aber da war dann wieder dieser Blick, der mich zurückgepfiffen hat. Wie als Bub.

Aber er ist ein Freund, ein richtiger, nur ein richtiger Freund tut, was er getan hat. Ich wollte der Alice einen Denkzettel verpassen, für die Jahre, die sie mich verarscht hat – ich bin ja nie dahinter gekommen, wer er war, er wollte es herauskriegen – für mich, aber ich wollt’s gar nicht mehr wissen, wozu auch, aber eine kleine Erinnerung müßte sein, fand ich. Damit sie immer ein bißchen denken muß an mich.

Kann schon sein, dass er’s übertrieben hat, wie ein Rausch sei’s gewesen, hat er gesagt, er hat auch nur aufgehört, weil er gewußt hat, bald kommt der Zeitungsausträger und könnte ihn womöglich erwischen.

Doch, doch, sie ist wieder hergestellt, so weit jedenfalls, dass sie ohne fremde Hilfe zurecht kommt. Kinder wird sie halt nie haben können. Na ja, bei dem Gesicht wird auch keiner Lust bekommen, ihr welche zu machen, schätze ich.

Oh ja, er besucht mich schon öfter hier, und dann nimmt er sich auch Zeit, wirklich. Bringt mir einen Haufen Knabberzeug und Lesestoff, aber wenn er fort ist, wer blättert um, wer füttert mich? Haben ja alle keine Zeit.

Personalabbau allerorts, hast du eigentlich noch eine eigene Köchin, oder mußt du schon selber kochen? Dann müsstest du verhungern, was, an deine Eierspeisen kann ich mich nur zu deutlich erinnern, ha ha ha. Dabei kann man bei einer Eierspeise wirklich nichts verhauen. Außer sie verkohlen lassen, richtig.

Ob mir nicht ein Verdacht gekommen sei, wie der Franz die Alice so zugerichtet hat, wie meinst du das? Ob ich mich vor ihm gefürchtet habe, jemals? Du kannst fragen. Dir ist das bestimmt aufgefallen beim Klassen –treffen, der Franz und ich haben uns mit den anderen nicht viel abgegeben, wir haben uns soviel zu erzählen gehabt, er war ruhig und gefasst, die Sache mit der Alice dürfte ihm auch noch in den Knochen gesteckt sein, und er hat ein Mädchen kennengelernt, das ihm ziemlich viel bedeutet, seine Augen haben richtig geleuchtet, wenn er von der erzählt hat.

Beim Jacky – ja, den gibt’s noch – sind wir nachher ziemlich abgestürzt, er wurde richtig zudringlich, das hat er nie gehabt, auf einmal hat er mir den Arm um die Schultern gelegt und mir ganz leise was ins Ohr geflüstert, was ich in dem Rausch gar nicht richtig verstanden habe.

Indianer spielen und mich an den Marterpfahl binden lassen mochte ich schon als Kind nicht, schon im Sommer nicht, und schon angezogen nicht.

Ja, ja, alles was mir fehlt, ist mir in jener Nacht abgefroren, in der ich soviel Zeit gehabt habe, nachzudenken, was Menschen alles einfällt, und schließlich, als ich wieder einigermaßen nüchtern war, bin ich auch draufgekommen, was mir der Franz beim Jacky ins Ohr geflüstert hat: „Dich hab ich mir bis heute aufgehoben.“

© Maria Edelsbrunner 2001

Nachts, im August

Er würde sie schon öfters chauffiert haben, aber erstmals träfen sich ihre Augen in seinem Rückspiegel länger als nur eine prüfende, sich vergewissernde Sekunde.

Ihr müder Körper schmiegte sich an die schattenhafte Gestalt eines Mannes, der zu ihr gehören müsse, und ihr Gesicht würde verschwinden und wieder auftauchen aus dem Dunkel im Rhythmus der auf dem Weg sich nähernden und entfernenden Straßenlampen.

Nur flüchtig auf den Verkehr achtend, würde sich sein Blick immer wieder im Rückspiegel verfangen, und auch sie sähe ihn sehr direkt, beinahe unverschämt an.

Ihr Kleid wäre blau, so tiefblau, dass es fast schwarz wirken würde, und wenn sie ausstiege und bezahlte, stumm lächelnd, streifte ihn ein leises Rascheln und ein Duft nach heißem Asphalt und Lavendel.

Erst ungeduldig hupende nachfolgende Autofahrer rissen ihn von dem seltsamen Schauspiel los, den das sich entfernende Paar gäbe.

Sie wären jung, gingen aber sehr gemäßigt, fielen bald in Gleichschritt, und sie hätte ihre Hand in einer federleichten Bewegung unter seinen Arm geschoben, so unglaublich graziös, dass es auffiele – dass ihm auffiele, wie plump Menschen sich bewegten.

An seinem Stammplatz am Bahnhof würde er sich eine Zigarette anzünden, um, wie er sich einreden würde, seine Gedanken besser sortieren zu können. Der Rauch wehte, blaue Falten werfend wie ihr tiefdunkles Kleid, zur halboffenen Seitenscheibe hinaus und formte ein durchscheinendes Gesicht, das er zu kennen glauben würde und sich – kaum erkannt – wieder auflöste.

Unlustig und wie in Watte gepackt würde er weitere Fahrten erledigen, und sein Wagen wäre gerade leer, wenn er sie stehen sähe, am selben Platz, an dem sie und ihr Begleiter ausgestiegen waren, er würde das Tempo verlangsamen, über ihr Gesicht huschte Wiedererkennen, er würde anhalten, sie einsteigen lassen, und sie würde sich wieder so hinsetzen, dass sie seine Augen im Rückspiegel sehen konnte. Und wenn er den Mund schon fast offen haben würde zum unvermeidlichen Wohin, legte sie ihm ihren Zeigefinger darauf und reichte ihm ein Stück Papier.

Er würde lesen, sie ansehen, wie sie gerade den Zeigefinger über ihre Lippen wandern und ihn nicht aus den Augen ließe, und losfahren.

Endlich wäre die Stadt so fern, die Fahrbahn so schmal und unwichtig, dass keine Straßenlampen mehr den Weg säumten und das Wageninnere vollends im Dunkel versänke. Nicht einmal ihr Kleid würde rascheln, sodass er sich zweimal vergewissern müsste, ob sie überhaupt noch da sei. Sie wäre – der Duft, den er schon kennen würde, wäre mit ihr gekommen.

Er hielte mitten auf einem Feldweg, zwischen hohen Maisfeldern, stiege aus und öffnete den Fond. Ein fast voller Mond beleuchtete spärlich zwei Gesichter voller Einverständnis – sie würden sich lange betrachten, bevor sie scheue, dann immer frechere Küsse tauschten, ließen ihre Haut unter fremden Händen erschauern, ihre Hände fremde Haut entdecken, glatte wie raue, trockene wie feuchte, Birne wie Kiwi, Steppe wie See. Jacke wie Hose, Kleid wie Strumpf wären im Weg und bald am Weg, und er würde in gleich zwei Meeren zu versinken glauben, eintauchen in dunkle Augen und andere Gewässer, mit Fingern über die samtigen Ränder von Lippen streichen, ein sehr nahes Atmen an seinem Ohr hören wie einen sehr fernen Wasserfall, und weil alles stumm geschähe und der Mais im Wind raschelte wie ein tiefdunkles Kleid und sie schweigend immer noch und nur sich im Rückspiegel betrachtend, ob etwas anders sei jetzt, zurückführen in die Stadt, wo sie in einer Wolke aus heißem Asphalt und Lavendel auf einmal neben seiner offenen Seitenscheibe stände und den Fahrpreis bezahlte, stumm lächelnd wie immer und sich raschelnd entfernte mit ihrem Gefährten, der schattenhaft aus einer dunklen Toreinfahrt gekommen wäre, mit federleicht verschlungenen Händen, würden sie in einiger Zeit nicht mehr so genau sagen können, was gewesen sei in dieser Nacht, und spätestens im Winter, bestimmt aber in einem Jahr würden sie sicher sein: unser Bewusstsein hat uns einen Streich gespielt, und ein Staubsauger hätte längst alles Papier aus dem Taxi entfernt.

© Maria Edelsbrunner 2001

vorwärtsgang

von innen schlagen hohe flammen an
ein grausam unermüdliches kraftwerk
das die neue wahrheit
selbst in die kleinsten kanäle leitet
unter den zehennägeln kommt sie noch hervor
aus den augen quillt sie noch in klebrigen
flüssigkeiten
über den fngerspitzen leuchtet sie noch
weithin
sodass
der sand unter den füßen
in den augen
sich färbt
sie eine schneckenspur auf den vielgeküssten
vielgeschlagenen hinterlässt
eine signalfahne rauches hinter einer
durch die tage lärmenden maschine weht

so hell schlagen die flammen
dass der weg unkenntlich wird
im flutenden licht
der weg den nachtkerzen und glühkäfer
beleuchtet haben
der blind zu finden war
aber sehend nichts weiter ist
als eine weitere müllgesäumte igelgepflasterte strasse
auf der es nur mehr
vorwärts geht

© 2002 Maria Edelsbrunner

erschienen in autorenmorgen 01, edition LUFTSCHACHT

Serpentina, das Schlänglein

Serpentina, das Schlänglein

Vor vielen, vielen Jahrhunderten, eigentlich nur vor vier Jahrhunderten und ein paar Dekaden, gab es einmal in einem weit entfernten, aber bereits sehr modernen Königreich wenig überraschend einen König und eine Königin. Der König war allerdings ein gar aberwitziger Typ und die Königin einfach nur schwanger.

Eines Tages, als die Sonne den widerwärtigen Morgennebel mit ihren Strahlen fortgepeitscht hatte und in das Königreich reingähnte, kam ganz zufälligerweise eine alte Zigeunerin beim Palast vorbei, die nicht nur für ihr verführerischen Gulasch, sondern auch noch für ihre Seherei und Weissagungen bekannt war. Der König, der ein Faible für alles Lustige und Weissagungen hatte, ließ die Zigeunerin rufen, und sie kam.

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Brief an Thomas

McLeod Ganj, Juli 2008

Lieber Thomas!

Du sagtest ich sollte schreiben weshalb ich schreibe oder was ein Schreibraum sei für mich.

Ich bin in Indien. Ist das ein Raum in dem man schreiben kann? Gedanken, Dinge, die dich beschäftigen, augenblicklich, über dich, weil du hier bist oder über dich, weil du nicht zu Hause bist. Aber was ist das schon und wo bist du jetzt? Hier zu schreiben. In einem Raum.

Ist ein Zugabteil ein Raum? Eine Zugfahrt in einem Zugabteil von Wien nach Leibnitz. Da sitzen dir Menschen gegenüber, die du nicht verstehst, obwohl sie dieselbe Sprache sprechen wie du, nur eben nicht deine. Da sitzen dir Menschen gegenüber, die dir Geschichten erzählen, die du nicht hören willst, eben wegen der Sprache. Wegen deiner und auch wegen ihrer. Da sitzen dir Menschen gegenüber, die dir Geschichten erzählen, weil sie eben auch sonst niemanden haben, der sie hört. Die Geschichten. Da zückst du unauffällig deinen Stift aus der Tasche, tust so als wolltest du etwas notieren. Ihre Not dein Regulativ. Und benutzt sie und ihre Unwissenheit, so wie sie dich benutzen. Schaffst dir deinen Raum. Brief an Thomas weiterlesen