Peter gewinnt den „Natur pur“ Wettbewerb!

Peter bei der Natur-pur Lesung

Zum Finale des ihres diesjährigen Literaturwettbewerbs hatte die Bücherei Margarethen 11 AutorInnen zur Finallesung nach Wien geladen. Jede TeilnehmerIn durfte den eingesandten Text vor (zahlreich erschienenem) Publikum lesen, und wurde anschließend von diesem benotet. Nach einer ebenfalls unter dem Motto „Natur pur“ stehenden Fotoshow hatte die Jury die abgegebenen Stimmzettel ausgewertet und der Präsident der Wiener Büchereien konnte das erfreuliche Ergebnis bekannt geben: Peter Heissenberger wurde vom Publikum für seinen Apfelkrimi das beste Zeugnis ausgestellt. Neben den literarischen Lorbeeren für sich und Grauko durfte er auch den Gutschein für einen Urlaub im Nationalpark Thayatal mit nach Hause nehmen.

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Niels mehr Naomi, Oda?

Es ist nicht wirklich ein Rainer Maria Zufall, dass plötzlich alles Andreas sein soll. Ich dachte zunächst, dass mein Bewusstsein mir einen Patrick spielte, und ich bin noch immer ganz geschüttelt von dem, was ich da heute Früh in der Zeitung lesen hab müssen. Nichts ist mir mehr Clara.

Ich verließ heute meine Bettina um halb Sixtus und traute meiner Iris nicht, als auf der Titusseite der „Neubert freien Presse“ stand: „Staat sagt: Niels mehr Naomi, Oda?“ Wir dürfen keine Naomis mehr verwenden – Niels? Das ist keine Kleinigkeit, das ist Rudimentär. Gut, unsere Giselschaft und Sprache ist in den letzten Jahren von Naomigebungen überflutet worden. Allerdings ist das ein ganz Normaner Trent, genauso, wie vor Jahrzehnten unsere Sprache von Angelas überschwemmt worden wurde, und davor von Franzis. Wir haben das alles ganz Gutbert überlebt. Aber plötzlich Austin mit all den schönen und unschönen Naomis? Plötzlich ein Bantus auf jegliche Verwendung von Naomis? Plötzlich Goldiestrafen, wenn man nur an Naomis denkt!? Absolute Kurtsichtige KontRoland? Das ist Hartmann!

Wie soll ich denn mein All-rund-herum plötzlich nennen, damit mich jeder versteht, wenn ich keine Naomis mehr verwenden darf? Vergessen sind ja die Olganale, vergessen, wie man alles früher nannte und schrieb. Sven der Saat unbedingt will, dass wir keine Naomis mehr verwenden dürfen, dann ohne Michi. Ich will meine Kebabette noch immer am Jimbiss essen, meinen Johnnie Walker an einer Barbara trinken, mir meinen SonnenBrandon noch immer im Sindbad holen, mein Glück in der LottokollektUrsula versuchen, mir Medizin von der ApotHeike holen und im SuperMark an der Kassandra mein tiefgefrohrenes Gordon-bleu zahlen. Und wie soll man das den Lenas in der SchUlrike beibringen, die da alles wieder umlernen und umlehren müssen? Da kann die SchUlrike gleich ihre Doris schließen! Und darf ich jetzt keinen Roman Oda Ramona mehr lesen?

Hias meine Botschaft!

Das ist der TodeszungenMarkus für eine moderne Sprachkultur und Giselschaft, die sich halt der Naomis angenommen hat. Mickrig und Minni kommt mir das Ganze vor. Man kann doch einfach nicht Pascalisch alle Naomis verbieten! Dann werden wir ja Robertisiert. Maximilian hätte ich mir vorstellen können, dass Manfred darüber debattiert. Aber alles so Ernst und Willibald und ohne jemanden zu fragen? Was kann Rainer sein, als die Gedanken und Freiheit so auszudrücken, wie es einem gefällt? Josomirgott!!!! Niels, Nina!!!!! Ich lasse mich nicht Benediktieren!!!!! Nein, Anke!!!

Megan die hohen Herren denken, was sie Mechthild, aber da müssen sie sich den Konrad von einem Gescheiteren holen. Horst du schon einmal gehört, dass man über das Volker einfach so bestimmen kann? Kent irgendwer eine Bundes-Regina in den Hauptstädten der Welt, die sich heute so was Traudel? Das war früher, das war einst. Da müssen sie schon Freda aufstehen. Wir wollen doch alle nur Fridolin und Gottfried; und dann das! Aber was soll man schon machen, als kleiner Burkhard? Nadja. Simon wir uns ehrlich, viel geht da nicht. Da steht man dann am Glenda vor dem Abgrund der Staatspflicht und muss sich entscheiden, spring ich, Oda Nick? Und springt man, dann kommt man hinter Brigitta. Magdalena denken was er/sie will, aber Karina schert sich um den kleine(n) Mann/Frau.

Margot! Was kann ich tun? Nidger mit dem Staat – schreit’s mir aus der Brust! Aber aus der Notker werden die besten Idas geboren. Aber ich bin Alaina zu schwach und zu Atlas. Ich möchte einfach nur Heidi und in Frieda gelassen werden. Würde mich aber im Kampf gegen diese Parteidiktatur jemand unterstützten – Tanja!!! Schluss mit Heidi und Frieda! Sofort wär ich dabei. Aber Alaina ist das alles ein Moritz. Und ich war mit Mut immer Percy. Ich glaube, ich kümmere mich um dieses Problem Petra. Nein, nicht Petra, dass wär zu Peter!

Aber ich Rene mir sicher nicht mehr Alaina die Füße Kunigund. Ich, Nick!!! Mir wird da der Sigismund verschlossen bleiben. Vielleicht braucht man da schon einen wackeren Silvester, um ein neues Zeitalter der Freiheit zu beginnen. Doch ich bin gerade mal der kleinste Tyler jedes Bruches mit Traditionen. Aber Tess kann doch nicht wahr sein!!! Mir scheint, ich bin der letzte Thilo, der für Freiheit kämpfen will.

Was Trent uns, junge, wilde Geneva-ration? Ich brauche gerade EUCH. Hört doch auf durch stupide Fernsehkanäle zu Seppen! Georg ein Risiko ein! Ich war auch ein-Marlene so jung wie ihr, lange Zeit Trevor. Es dreht sich alles nur um eine Frage, die geschlechts- und zeitlos ist: Toby or not Toby! Wie Veit wollen wir uns Norbert unterdrücken lassen? Wendy Stunde geschlagen hat, und Sven wir uns verbünden würden, dann schlagen wir zu! Ich brauche Mut, genauso Wido! Willie das, musst du das auch wollen! Sei ein Freund der Freiheit! Wir werden unseren Kampf nicht mit Darleen bezahlen, sondern mit Blut. Andy Tyrannei und Unterwerfung will und kann ich mich nicht erinnern! Brent der Hut, braucht man eben Blut und Mut! Da braucht man im Gemüt eine gewisse Constanze. Klingt das alles zu Dick und aufgeBlasius? Nadja. BeEugen wir die Fakten: Die meisten denken, alles ist Ewald und ein Anders sollte das machen. Jedem liegt die Initiative Fernando; und sie Hadrian, weil zu Paul. Ibrahim fühlen sie dieses Verlangen nach Freiheit – tun aber nichts. Igor – sie versagen und fühlen sich miserabel.

Aber wir, wir edlen Wilden – ihr könntet mit mir können – seid doch alle Edeltraut! Aber eigentlich ist mir Blut zu blöd und deshalb machen wir das ganz Gerlinde. Sonst sperren sie uns hinter Gitta. Herta und fester im Herzen zu werden ist klug. Das Herz darf nicht Jill-en. Gwen das Herz gewinnt, ist uns aller emotionaler Reichtum sicher. Sperren wir diese Bundes-Regina in Kate-n!!!! Kasimir kann mir sagen, dass das nicht funktioniert. Manuel zu reagieren und Blut zu vergießen, ist falsch, der Gedanke und das Gefühl zählen. Ja, es stimmt, wir brauchen schon ein Miriam, Eva-tuell Geld (aber wer ist schon Richard?), dass das gelingt, aber Melinda gesagt, du brauchst nur DICH, um alles zu schaffen. Sonst verläuft alles in Sandra.

Hoch heben wir unser mit Rainstem Wein gefüllte Tassilo und schwören uns Perpetua, dass Phil geschehen muss, damit wir unsere Ziele erreichen! Ich will Naomis!!!!! Das würde mich Felix machen. Das ist jetzt nicht der Placido und die Zeit, um Zweifel zu hegen. Ihr braucht Stefan-vermögen. Ich will kurz, Prikt und Prokop euer Einverständnis. Habakuk dich in den Spiegel! Sebald ihr euch entschieden habt, stürmen wir los im Naomi der Freiheit! Sam-a Revolution, Oda Nick? Jack it out!

Sicher schaffen wir das – Nona, Nora, net!

Ich würde 100 Liter FreiPia zur Verfügung stellen, wenn wir eine Damianstration Balduin organisieren könnten.

Text von Helmut

Nachts auf der Reeperbahn

Satt war ich davon nicht.
Eineinhalb Sushi, und ein paar mickrige japanische Spießchen. Ein paar Bier in spießiger Runde. In-Treff nannten die das.
Ich zog los. Hotelwärts. Auf der Suche nach etwas Essbarem jeden Umweg in Kauf nehmend. Die Seitenstraße aufwärts. Dorthin, wo mehr Licht war. Auf das Rot zu und das Grelle.
Burschi, komm rüber, rief eine Stimme von drüben, von der anderen Straßenseite.
Hast was zu essen? rief ich zurück.
Ein wenig fühlte ich mich geschmeichelt durch das Burschi, aber ich ging doch nicht. Und sie kam nicht. Es gab hier klare Zonen und Straßenseiten, schien es.
Mitten drin war ich nun im Licht. Leuchtreklamen, Lichtkörper, Funkeln und Blitzen. Versprechungen und Verlockungen. Torkelnde Gestalten, lachend, suchend. Eingemummte Körper in Torbögen. Männer, in Eingängen verschwindend, wiederkehrend. Auf den Gehsteigen Gedränge, trotz der späten Stunde. Ich suchte auch, vergebens, war wohl zur falschen Zeit am falschen Ort. Ging nach rechts, in die Richtung, wo ich das Hotel vermutete. Die Lichter wurden weniger, wechselnden von Rot auf Blau und Weiß. Blinkten nicht mehr so stark, waren mehr Wort als Bild. Seriös fast.
Die Reeperbahn, nahe dem Ende. Hier oben war nicht mehr viel los. Cafès, schon finster. Lokale, die die Sessel schon auf den Tischen hatten. Mürrische Figuren, die mit Besen zwischen den Tischen die Reste der Nacht hinaus fegten. Shops, mit heruntergelassenen Rollladen. Schilder, nicht mehr beleuchtet. Ich wechselte hinüber, aber die andere Straßenseite sah nicht anders aus.
Eine Front war noch etwas heller, und da waren ein paar Gestalten.
St. Pauli Food. Arroganter Name für die Dönerbude.
Fleischliches nur noch in Form von Currywurst und Kebab.
Genau das, was ich wollte. Mein Magen verlangte nach etwas.
Ich strebte hin.
Zwei senkrechte Fleischspieße. Mit nur mehr wenig Fleisch. Der dazugehörige Türke hinter dem straßenseitigen Tresen. Im Gespräch mit zwei Männern, die nicht ins Bild passten.
Schwarzer Anzug, glänzend polierte Schuhe, dunkle Krawatte, kurz geschnittene Haare. Einer wie der andere. Auf der Straße, etwas entfernt vom Tresen stehend.
Versicherungsvertreter auf Abwegen.
Priester auf Mission.
Manager des Geschäfts dieser Straße.
Ich trat durch die Glastür, vorbei an den Schwarzmännern. Der Türke sprach weiter mit ihnen, es dauerte, bis er kam.
Ein Döner. Kalb.
Mit allem? Mit allem.
Die beiden schwarzgekleideten Gestalten waren hinter mir durch die Tür gekommen, wie ich nun bemerkte.
Was wollt ihr, fragte Ali. Ich nenne ihn so.
Auch einen Döner.
Mit allem? Mit allem.
Die beiden setzten sich an einen der kleinen Tisch, die an der Wand standen. Ich lehnte an einem schmalen Board, das gleich rechts nach dem Eingang an der Wand angebracht war.
Was macht ihr, fragte Ali.
Wie sind Transportunternehmer. Überführer.
Ja? sagte, fragte Ali.
Wir arbeiten für ein Bestattungsunternehmen.
Tote? fragte Ali.
Wir überführen.
Es sprach immer nur der eine, der mir gegenüber saß. Dunkles Haar, gescheitelt, mit viel Pomade drin. Vom anderen sah ich nur die breiten schwarzen Schultern und den Hinterkopf, kurz geschorenes Haar, dunkelblond.
Wie seid ihr dazu gekommen, hörte ich Alis Stimme.
Ein Schulkamerad, den ich nach Jahren wieder getroffen habe. Ich war arbeitslos und ziemlich herunten, damals. Komm mit, hat er gesagt, komm mit für einen Tag. Schau dir das an. Das habe ich dann gemacht.
Du fährst irgendwohin, ladest auf, bringst die Leiche zum Friedhof, oder sonst irgendwohin, wo die sie haben wollen. Ist eigentlich klasse. Seit einem Jahr bin ich dabei.
Er sprach sehr korrektes Deutsch, aber es wirkte, als fiele es ihm nicht ganz leicht, als bemühte sich darum, weil das zu seinem Auftreten und zum schwarzen Anzug passte.
Verdienst gut? wollte Ali wissen.
Wie man es nimmt. 15 pro Überführung. Aber manchmal bist du zwei Stunden unterwegs oder mehr. Sind dann 7,50 die Stunde. Dazu noch die Bereitschaft. Du wartest, bis ein Anruf kommt. Stunden. Leicht verdientes Geld, sagt der Chef. Jetzt beispielsweise sitzen wir hier auf der Reeperbahn und plaudern schön. Hat ja recht, der Chef.
Aber du fährst auch nach Sylt und Berlin. Fährst hin, holst oder lieferst ab, kriegst zu essen, Chicks am Weg.
Kannst auch länger bleiben, wollte Ali wissen.
Manchmal schon. In Russland war ich, die wollten den dort eingraben. Da kannst schon eine Nacht anhängen, fährst am nächsten Tag zurück. War nicht wirklich gut dort. Aber in Italien und Frankreich war ich, das war klasse.
Manchmal bin ich auch hier eingesetzt. Der Besitzer vom Imbiss unten, weißt du noch? Den hab ich überführt.
Die Döner sind fertig, erst meiner.
Zum Essen hier, fragt Ali.
Nein, sage ich. Nein, ja, doch, hier.
Ich will die Geschichte hören.
Es ist warm im Raum, und riecht verraucht. Ich ziehe die wetterfeste Jacke zu, auch wenn es dadurch noch heißer wird. Damit mein dunkler Anzug nicht zu sehen ist. Ich will nicht auffallen, versuche eine müde Gestalt zu sein, die teilnahmslos am Döner beißt.
Damit keiner fragt: Überführst du auch?
Was habt ihr für einen Wagen, will Ali wissen, als er den beiden ihre Döner bringt.
Die Augen des wortführenden Überführers leuchten.
Mercedes, 230 Sachen, mit allem, was Mercedes hat, Klima und so.
Wenn du die Leiche reinschiebst, brauchst nur anzutippen, und die Hecktür geht zu. Mit einem Schnurren. Echt klasse. Ist gleich verriegelt, da kann nichts aufgehen, wenn du bremst. Wär ungut, irgendwie.
230, wow, höre ich Ali.
130.000 kostet das Teil. Da musste ein normaler Mercedes zerschnitten werden, dann haben sie ein neues Heck angebaut. Ist schwer. Bilden sich Risse, manchmal, dort wo das angeschweißt ist.
Ich finds nicht in Ordnung, dass so ein Wagen anders verwendet wird, sagt der Überführer. Ich kenn einen, der schiebt am Wochenende den Kinderwagen rein. So was gehört sich nicht. Die Leute wollen, dass ihre Toten ordentlich behandelt werden. Ich hab schon islamische Tote überführt, aber es gibt auch islamische Kollegen, die machen nur das. Ist besser so, für die Familie ist es einfacher, wenn das einer macht, der das alles kennt, das Land und so.
Mein Kollege – er deutet mit dem Döner in der Hand auf Überführer Zwei – hat zigeunerische Freunde, und einmal ist er gefahren, und die waren da und waren so froh, dass er das macht und nicht irgendeiner. Da musst dann den Leuten auch zuhören, kannst nicht gleich weg fahren. Auch wenn’s deine Zeit ist. Der Überführte wird in die Leichenhalle geschoben, und du wartest, bis alle wieder da sind. Da merken sie dann, dass dir das auch nicht egal ist. Das ist richtig so.
Und du fährst nicht 230, gar nicht. Das gehört sich nicht.
Ich kaue langsamer, viel Döner ist nicht mehr da. Hinten steht ein Getränkeschrank, ich mache es den beiden Überführern nach und hole mir ein Bier.
Ich halte die Flasche Ali hin.
Zwei sechzig, sagt Ali.
Hier, fragt er.
Hier, sage ich.
Dann ist nur zwei.
Ich habe ihm zwei sechzig hingelegt.
Passt, sage ich und stelle mich wieder an meinen Platz an der Wand.
In engen Gassen ist es manchmal schlimm.Da musst du stehen bleiben, mit Warnblinklicht, und die Idioten hupen. Ich kann doch nicht den nächsten Parkplatz suchen und mit dem Handwagen durch die Gegen fahren.
Es ist nicht schlimm, du kennst die Leute ja nicht. Und hast sie vorher auch nicht gekannt.
Die Feuerwehr hat’s viel schlimmer. Die schneiden irgendwen aus dem Auto, und dabei stirbt er. Wenn wir kommen, ist das schon alles vorbei.
Ali erzählt von Istanbul.
Das ist nicht irgendeine Stadt. Istanbul ist genau zwischen zwei Kontinenten, und sie war einmal Konstantinopel, und dann war sie wieder anders, und dann sind die gekommen, dann die, dann die, was weiß ich. Aber das verstehen die Leute hier nicht.
Die Bierflasche ist leer, mir ist schlecht, ich gehe.

Mitten am Gehsteig parkt ein Auto, das mir früher nicht aufgefallen ist.
Leichenwagen, silbergrau.

Text von Veronika

Späte Rache

Es war zwölf Uhr dreißig. Im Boltzmanngymnasium waren fast alle Lehrkräfte bei einer Dienststellenversammlung im Konferenzzimmer. Nur drei Professoren hatten den Unterricht der, wie es für sie schien, langatmigen und nervenden Diskussion vorgezogen. So klangen durch das leere Schulhaus nur Klaviermusik, das Brodeln von chemischen Experimenten und Piepsgeräusche von Computern. Plötzlich zerriss diese Beinahstille Sirenengeheul. Gleich darauf strömten die noch anwesenden Schüler in Zweierreihen den Fluchtwegen entlang ins Freie.
Auch die Lehrer drängten sofort, allerdings wesentlich undisziplinierter als ihre Schüler, zu den Türen. Als Sie öffnen wollten, mussten sie feststellen, dass beide zugesperrt waren. Fast gleichzeitig kramten alle ihre Schlüssel hervor, um sie den Kollegen an den Ausgängen zu reichen. Die konnten infolge der Drängerei nur mit Mühe die Schlüssel in die Schlösser stecken. Was war das? Die Bärte ließen sich keinen Millimeter bewegen. Hektik verbreitete sich.
„Lass mich probieren!“
„Geh was für ein Schwächling bist du?“
„Hast den falschen Schlüssel erwischt!“
„Nimm meinen, der sperrt sicher.“
Noch lag Spott in ihren Stimmen, denn sie glaubten an einen Übungsalarm. Da knackte es im Lautsprecher und aufgeregt stammelnd erklang die Stimme der neuen Sekretärin: „Es war ein Anruf. Eine Bombe…“
Betretenes Schweigen, dann fieberhaftes Rütteln an den Klinken. Weitere Schlüssel wurden ausprobiert. Vergeblich. Ein junger Physiker brüllte: „Seid ruhig! Ich rufe den Schulwart an!“ Triumphierend holt er sein Handy hervor und wählte die eingespeicherte Nummer. Aber gerade als sich Herr Wachter meldete, war die Batterie leer.
„Nimm meines!“, erbot sich eine Botanikerin.
„Hast du seine Nummer drinnen?“
„Leider nein!“
„Ruf das Sekretariat an!“, meinte darauf eine Anglistin.
„Da meldet sich niemand.“
Während sich die Diskussion , wohin telefoniert werden sollte zuspitzte, krachte und rumpelte es auf einmal. Ein Schauder ergriff die Lehrerschaft. Ihre Gesichter wurden starr und fast genauso weiß, wie das der Kollegin, die das Gepolter verursacht hatte, als sie in Ohnmacht gefallen war. Ein Mathematiker reagierte als Erster: „Ich mache ein Fenster auf, damit frische Luft hereinkommt.“ Schon hatte er die Hand am Riegel, riss daran nach allen Richtungen. Fast panisch probierte er es beim Nächsten, Übernächsten… Kein einziger ließ sich drehen.
„Ich rufe die Rettung an“, erbot sich endlich die Botanikerin. Noch während sie telefonierte, erklang das Horn eines Polizeiautos. Unmittelbar begannen alle wie verrückt an Fenster und Türen zu trommeln und überhörten beinahe die gehässige Durchsage: „Die Bombe liegt zwischen euch!“
Die Panik erreichte ihren Höhepunkt.

Oberinspektor Heger, ein fescher, sportlicher Vierziger, eilte zum zentralen Meldepunkt. Zu seinem Erstaunen fand er dort keine Menschenseele. Am gegenüberliegenden Zaun des Sportplatzes standen verstreut die Schüler von drei Klassen, deren Lehrer auf ihn zueilten. „Die Klassen sind vollzählig. Dürfen die Schüler wieder zurück in ihre Arbeitsräume?“
„Nein auf keinen Fall, es gab eine Bombendrohung. Bleiben Sie mit den Schülern bis auf weiteres hier!“ Damit eilte Heger ins Gebäude und wurde beim Eingang fast umgerannt, denn seine Kollegen hatten inzwischen die Eingeschlossenen befreit.
Mit äußerst angespannten Nerven durchforsteten die Polizisten nun das Haus. Jedes ungewöhnliche Geräusch brachte sie in Alarmbereitschaft. Als zwei der Beamten gerade an die Tür des Musiksaales kamen, trauten sie ihren Ohren nicht: „Tick, tack,tick,tack…“ „Das ist die Zeitschaltuhr.“ flüsterte einer, drückte bebend die Klinke nieder und lugte vorsichtig in den Raum. Am Klavier stand ein eifrig tickendes Metronom. Die Männer tauschten erleichtert ihre Blicke aus und die Spannung löste sich durch schallendes Gelächter.
Heger inspizierte zur gleichen Zeit den Keller. Verschwand da nicht gerade ein Punk zwischen den Spinds?
„Warte Bursche, dich krieg´ ich!“
Er hatte es nicht schwer ihn zu stellen. Die Spindreihen bildeten Sackgassen.
„Was machst du da?“
Der Punk fuhr erschrocken hoch und stotterte: „Iich wowollte meiein Häandy holen, aaber iich fifinde es nicht.“
„Vielleicht finden wir es, meinte Heger ironisch.
„Name, Adresse!“
Kaum hatte Häger den Jungen perlustriert und zu seiner Klasse zurückgeschickt, hörte er im Weitergehen eigenartiges Knacken aus einem Computersaal. Beim ersten Blick in den Raum konnte er nur Monitore sehen. Instinktiv spähte er unter die Bänke und entdeckte in der rückwärtigen Ecke eine besockte Fußspitze neben einem Rechnergehäuse.
„He, du da hinten! Willst du in die Luft fliegen?“
Zaghaft tauchte ein verstrubbelter Kopf eines Elfjährigen auf.
„Ich habe geglaubt, dass das eine Übung ist . Der Professor hat nicht bemerkt, dass ich mich nicht angestellt habe.“
„Jetzt aber raus mit dir!“
Hegers Kollegen waren mittlerweile im naturwissenschaft-lichen Trakt angelangt. Dort stank es bestialisch und unter der Chemiesaaltür drang oranger Rauch heraus. „Sollte nicht schon längst die Feuerwehr da sein?“, fiel dem einen ein.
„Schei…, ich habe vergessen weiterzumelden. Der Chef wird mir den Kopf abreissen.“
Jenem war ebenfalls gerade ihr Fehlen aufgefallen und er war dabei, sein Funkgerät einzuschalten, während er wahrnahm, dass die Tür zum Sekretariat sachte zugemacht wurde. Vorsichtig, die Pistole im Anschlag stieß er sie auf. Am Schreibtisch stand die Sekretärin und schob eiligst eine Lade zu. Ihr betretener Blick blieb an Hegers Gesicht hängen und wechselte zu Erstaunen und Erkennen.
„Wolfgang?“
„Leonie? Was machst du noch herinnen? Bist du lebensmüde? Geh schleunigst zur Sammelstelle, wir reden später miteinander!“
Wolfgang Heger dachte zurück an seine Schulzeit hier in diesem Haus. Leonie Höller war das Enfant terrible der Klasse gewesen und hatte die Lehrer auf die Palme gebracht. Sie hatte allerdings stets behauptet, von ihnen benachteiligt zu werden und daher in der vierten Klasse die Schule gewechselt. Er wunderte sich also sehr, sie hier im Schuldienst zu finden, verdrängte aber den Gedanken, um sich wieder auf die Untersuchungen zu konzentrieren und die Feuerwehr einzuweisen, die endlich eingetroffen war. Sogleich drang ein Mann mit schwerem Atemschutz ausgerüstet in den Chemiesaal ein um festzustellen, dass das Inferno einer kleinen Porzellan-schale entströmt , aber die Reaktion bereits erloschen war.
Die Suche nach einer Bombe blieb ergebnislos.

Für Heger war es augenscheinlich, dass ein rachsüchtiger Schüler den Lehrern Angst einjagen wollte. Dafür sprachen die blockierten Fenster und Türen des Konferenzzimmers. Er fragte sich nur, wie ein Schüler vor der Versammlung in den Raum kommen und ungesehen die Fenster manipulieren konnte. Danach in die Schlösser Superkleber zu spritzen, dürfte kein Problem gewesen sein. Fraglich war nur, war es ein Schüler der drei noch anwesenden Klassen?
Unvermittelt kam ihm eine Idee und er eilte zum Schreibtisch ins Sekretariat, zog die Lade auf und tatsächlich lag da ein Handy mit genau der Marke und dem Typ, wie es der Punk im Keller beschrieben hatte. Heger hüllte es in ein Plastiksäckchen, steckte es ein und begab sich zur Sammelstelle.
„Das Haus ist clean, ihr könnt eure Sachen holen!“
Dann legte er seine Hand auf Leonie Höllers Schulter: „Treffen wir uns morgen im Cafe, um von alten Zeiten zu reden?“
Als Leonie zum Treffen kam, wunderte sie sich, dass Wolfgang neben dem buntesten Punk der Schule saß. Noch bevor sie bestellen konnte, sah sie Wolfgang ernsthaft an: „Kennst du dieses Mobiltelefon? Deine Fingerabdrücke sind genau auf den Tasten der Rufnummer der Schule. Leonie, Du warst die anonyme Anruferin. Es tut mir Leid, ich muss dich verhaften. “
Leonie Höllers Augen glitzerten: „Endlich hab ich es diesen Tyrannen heimzahlen können!“
Heger legte das Gerät vor dem Punk auf den Tisch: „Habe ich dir nicht versprochen, es zu finden?“

Text von Maria

Pestonkels achtzigster Geburtstag

Ein lehmfarbener Opel Kadett fährt knirschend bis direkt vor den Eingang des zu einem Gasthaus umfunktionierten Bauernhofes. Aus dem Opel quellen nacheinander: eine junge, vorzeitig ergraute, angestrengt dreinblickende Frau, drei in geringem Zeitabstand
geborene Rotznasen und ein ächzender, asthmatischer
alter Mann mit gichtigen, verschobenen Gliedern. Beim Aussteigen bleibt sein Hut hängen und fallt zurück ins Wageninnere, seine über die Glatze gekämmten Schläfenhaare geraten dadurch aus der Form und stehen plötzlich nach allen Richtungen.
Darüber können sich die Kinder kaum beruhigen vor Kichern, der alte Mann verlangt lauthals nach seinem Hut und zweitens nach seinem Stock, so dass die Frau die erwischten Bubenohren wieder loslassen und zu Hilfe eilen muss.
Derweil der Alte die Stufen erklimmt, spielen die Kinderdurch dessen extrem ausgebildete O-Beine „Kukkuck“, und weitere Autos fahren vor. Eine Familienfeier braut sich zusammen.
Die angestrengte Frau, Hüldl gerufen, mahnt zischend ihre Kinder zur Ordnung, was diese ungefähr zwei Minuten beherzigen. „Es kommt noch eine Frau mit Rollstuhl, die braucht Platz zum Rangieren, an diesem Tischkönnen wir unmöglich sitzen!“ , beschwert sich eine augenscheinlich zur Familie gehörende Dame und fuchtelt mit ihrem Stock herum. Kellner Hannes versucht zu beschwichtigen: „Ja, das hätten Sie aber schon bei der Bestellung sagen müssen!“ – „Ich hab ja nicht bestellt, weil dann“ -giftiger Blick Richtung Hüldl – „sowas gar nicht passiert wäre. Aber die Jungen glauben ja immer, sie wissen alles besser.“ Noch bevor irgendjemand sie daran hindern kann, beginnt sie, von einem Nebentisch ein Ehepaar zu verscheuchen, das vor lauter Verblüffung einfach vergisst, sich zu wehren.
Der Alte hat endlich keuchend das Gastzimmer erreicht, unter der Hutkrempe schauen noch ein paar widerspenstige Haare hervor. „Ha, die Tante Mitzi hat das Ruder schon wieder in der Hand.“, grinst ein eben hereinkommender rotgesichtiger Mitvierziger mit Schnurrbart, Kotletten und gewachstem Seitenscheitel und stupst seinen Nebenmann, der wohl sein
Bruder sein muss, an. „Ich nehm‘ s ihr bestimmt nicht weg!“, gibt der schmunzelnd zurück. ,,Hüldl, greif an!“ befiehlt die Tante Mitzi, schlurft um den erkämpften Tisch herum und drückt einem der drei Buben ihren Stock in die Hand. Hüldl wird bei diesem Manöver
nicht gerade freundlich behandelt. „Was hast du dir dabei eigentlich gedacht? Soll der Onkel Hans mit seinem Katheder sich in diesem Eck einzwicken lassen? Und die Tante Lisl mit ihrem überbreiten Rollstuhl? Wie, glaubst du, soll sie diese Kurve ins Klo schaffen? – Wenn-man-sich-nicht-um-alles-selberkümmert. “
Zwei Frauen, wohl Schwägerinnen, tragen je einen Geschenkkorb herein. „Hast auch den gleichen Einfall gehabt?“- „Ich hab mich gleich gar nicht angestrengt, einen Einfall zu haben, Wilma.“, sagt die Angeredete und stellt den Korb auf einem Beistelltischchen ab.
„Hast recht. Was soll man so einem alten Menschen auch kaufen. Hat eh alles. Und passt eh nichts.“ Die zwei größeren Buben duellieren sich mit Tante Mitzis Stock, was dieselbe sogleich zu einer Äußerung über die erzieherische Unfähigkeit ihrer Schwiegertochter veranlasst.
Der arme Hannes hat alle Hände voll zu tun, das aufgebrachte Ehepaar zu beruhigen, das lautstark zum Aufbruch rüstet und verkündet, sich hier nie mehr sehen zu lassen – „Frechheit so etwas. Aber die Pensionisten dürfen sich ja alles erlauben!“ – „Die haben auch eine dickere Brieftasche als wir. Komm, Franz, wir gehen.“
Den angebotenen Gutschein schlagen die beiden aus und drohen stattdessen mit einem saftigen Leserbrief an die regionale Tageszeitung.
Eine große schlanke Frau in Schwarz rollt einen überbreiten Rollstuhl mit einer ungeheuer dicken, aufgeputzten Frau herein: Das muss Lisl sein. Endlich – Wilma und ihre Schwägerin unterhalten sich gerade über ein Rezept für AllerheiligenstriezeI, können sich nicht über die Zugabe von Zitronenschale einigen und hoffen jede für sich auf Hüldls Partei – trifft Onkel Luis ein, ein rüstiger, drahtiger Mann um die siebzig, dem eine Ähnlichkeit mit seinem seligen Vornamenskollegen Trenker schon aufgrund seines bergsonnenverbrannten Gesichtes nicht abzusprechen ist. Im Gefolge zwei augenscheinliche Töchter samt Ehegatten und Kindern. Auf diese Gesellschaft haben Hüldls Buben schon dringend gewartet, nach kurzem Begrüßungshallo verschwindet der Pulk nach draußen, man sieht sie bald unter den Ahornbäumen im knöcheltiefen Laub herumtollen.
Auch die Töchter des Onkel Luis haben Geschenkkörbe mitgebracht und stellen sie neben die vier bereits vorhandenen. Ganz können sie sich ein Vergleichen von Größe und Inhalt der gutgemeinten Spenden nicht verkneifen. „Ob der Onkel Hans wohl demnächst Weinbergschnecken statt Geselchtes jausnen wird?“ ätzt die eine, und die andere ätzt noch ein
Stückchen tiefer: „Die hat wahrscheinlich die Hilde einpacken lassen, weil sie selber darauf scharf ist!“
Einig sind sie sich, dass man einem alten Menschen, der nicht mehr gescheit beißen könne, keine Dauerwurst und kein Pumpernickelkaufen dürfe und schon gar nicht diese Dosenfrüchte, von denen ein alter Organismus nur Durchfall bekäme, und dass sie diesbezüglich schon geschaut hätten, dass alles, was im Korb sei, auch wirklich dem Beschenkten und nicht etwa seiner raffgierigen Familie zugute komme. Aber
man wisse ja nie.
Nacheinander umarmen und küssen sie den Jubilar, der schmunzelt und schweigt nur zu all den guten Wünschen, er weiß, dass sich soviel Glück und Gesundheit und Gottessegen in seinem Leben gar nicht mehr ausgehen kann, selbst wenn er hundertfünfzig würde.
Bevor Hannes noch zum Essenaufnehmen kommt, muss er die Katastrophebeseitigen, die die Tante Lisl mit ihrem Früchtetee angerichtet hat. Eine rote Lache breitet sich auf dem Tischtuch aus, die Ausläufer rinnen der vis-a-vis sitzenden Anni und ihrer Schwägerin
in den Schoß. „Macht doch nichts, Tante Lisl, das kann doch jedem passieren.“
Auch ihre schöne, schwarze Begleiterin hat etwas abbekommen, sie rennt hektisch auf die Toilette und versucht zu retten was zu retten ist, ihre Hose sieht ziemlich teuer aus.
Hannes tritt von einem Fuß auf den anderen, die Kinder können sich nicht entscheiden zwischen „Häuptlingsschnitzel“ und ,,Piratenscholle“, von ihren Eltern werden ihnen eher erfolglos Frankfurter und/oder Pommes frites empfohlen, schlussendlich bekommen
sie doch das Gewünschte und lassen drei Viertel davon stehen.
Tante Lisl und Onkel Hans verlangen lautstark, ihr Schnitzel geschnitten zu bekommen, die Luis-Töchter kommen der Aufforderung gern nach, werden dafür gelobt, was für nette Dirndln sie sind und bekommen zu hören, wie lieblos sie sonst behandelt werden, weil kein Mensch Zeit und Muße habe, sie mehr als nur notzuversorgen. Und was sie außerdem
fiir brave Kinder hätten, die so schön die Hand geben und ihren Eltern aufs Wort gehorchen. .
„Siehst du,“, raunt der Seitenscheitel seiner Frau zu, „so musst du es mit deinen Kindern auch machen.
Der alte Knacker hat Geld wie Heu.“ – „Gut dressiert.“, sagt Wilma und wischt an dem Teefleck in ihrer hellen Hose herum. Ihrer Schwägerin wirft sie einen vielsagenden Blick zu.
Endlich ist man bei Kaffee und Torte angelangt. ,,Hast du die selber gemacht, Hilde?“ will eine der Luis-Töchter wissen. „Die Hüldl macht alles selber. Ob der Hans und ich eine Kolik davon bekommen oder nicht.“, sagt die Tante Mitzi, bevor Hilde überhaupt den Mund auftun kann.
Hilde lässt sich auf keinerlei Diskussionen ein, sie hat genug damit zu tun, ihrem Jüngsten die Ketchupspuren aus der Frisur zu tilgen, die ihm sein älterer Bruder zugetilgt hat. Wilma und Anni tauschen wieder Kochrezepte, Annis Mann, ein Mittelscheitel, fachsimpelt mit seinem Bruder, anscheinend auch ein passionierter Passivsportler, über die Missgeschicke im letzten Match. Draußen beginnt es zu regnen, was die Kinder ins Gastzimmer flüchten, Hannes schier verzweifeln und sein Tablett ins Wankengeraten lässt, weil die Bande von ihren Eltern aus Narrenfreiheit genießt und ständig vor seinen Füßen herumwuselt. Einige turnen unter dem Tisch herum und verknoten Schuhbänder, andere machen sich über die restliche Torte her, wobei weitere Kleidungsstücke und Tischwäsche zu beklagen sind.
Die Luis-Töchter trauen sich endlich zu rauchen. Sie kommen sich ziemlich gut dabei vor, worauf Onkel Hans und Tante Lisl einen Teil der guten Meinung, die sie von den beiden gefasst haben, wieder revidieren: „… weil so ein Saubrauch für ein Weibsbild sich nicht gehört!“ Wilma, Anni und Hilde fühlen sich in der Gunst der beiden Alten wieder steigen und überbieten sich beim Beteuern, wie ungesund, abscheulich schmeckend, Geldbörsel belastend, schlechtes Vorbild gebend und überhaupt unsinnig die Raucherei sei. Die Ehemänner der beiden Raucherinnen – ganz emanzipiert -geben ihnen zwar recht, stellen aber fest, dass es deren Sache und Beuschel sei und es sie nichts angehe. Worauf hin sich auch die Schöne in
Schwarz eine Zigarette anzündet. Anni will aufs WC, scheitert bei diesem Vorhaben an
ihren verknüpften Schuhbändern, schimpft auf die Kinderfratzen, aber nicht sehr, weil es genauso gut ihre eigenen gewesen sein könnten. Mitzi vermutet die Übeltäter naturgemäß in ihren Enkeln.
Als auch Kuchenteller und die meisten Kaffeetassen abserviert sind und nur mehr vereinzelt Limo-, Wein- und Biergläser herumstehen, stellt sich am Tisch Leerlauf ein, wie stets bei solchen Familienfesten, wenn alle so vollgegessen sind, dass sie sich kaum mehr rühren können. Sämtliches Blut ist in die Verdauungsorgane geflossen, sodass auch kein gescheites
Gespräch mehr zustande kommt.
Diese Gelegenheit nützt Tante Mitzi, sie schlägt ein paarmal mit dem Stock an die Tischkante und ergreift das Wort – sofern sie es denn je losgelassen: „So -da ihr nun alle auf meine Kosten gefressen und gesoffen habt, fragt ihr euch sicher, was der Grund
unseres gemütlichen Zusammenseins ist – außer, dass der Onkel Hans Geburtstag hat natürlich. Was glaubt ihr, wieso ich darauf bestanden habe, euch alle hier zu haben?“
Sie wartet eine Reaktion erst gar nicht ab und verkündet: „Nächste Woche bekomme ich ein künstliches Hüftgelenk. Danach gehe ich auf Kur und anschließend auf Urlaub zu meiner Freundin in Bayern. Ich kann also meinen Bruder nicht pflegen. Ihr seid jetzt dran.“
Das Brüderpaar zuckt beinah synchron die Achseln, als wüssten sie nicht, was das mit ihnen zu tun haben könnte. Wilma betrachtet verstohlen die Gesichter der anderen.
Walter und Hüldl schauen sich an. Sie haben die Arme verschränkt. „Nein.“, sagt dieser Blick.
Die große Schöne in Schwarz lächelt kaum merklich und streichelt Lisls Wurstfinger: „Ich hab eh mein Liserl.“
„Das sie jeden Monatsersten im Altersheim besucht…“ lästert Anni und muss sich dafür per Blick von Tante Mitzi erdolchen lassen. Die betretenen Gesichter in der Runde verheißen
nichts Gutes. Onkel Hans schaut sie der Reihe nach interessiert an und lässt schamlos die Winde wehen.
Der neben ihm sitzende Bub hält sich die Nase zu und wendet sich ab. Mitzi schäumt. ,,Da,schau,Hüldl, deine Krätze! Wenn der Onkel Hans dir einen Hunderter zusteckt, drehst du dich dann auch weg von ihm?“
„Der Onkel Hans stinkt wie die Pest!“
Seine größeren Brüder wollen ihm noch den Mund zuhalten, aber der Kleine kommt erst in Fahrt: „Der Onkel Hans hat immer dreckige Fingernägel und ein nasses Hosentürl, seine Zuckerln hat er solang einstecken, bis sie klebrig und voll Mist sind, und seine Hunderter sind verschwitzt. Außerdem stinkt er aus dem Mund und macht blöde Witze über die Mama
und ihre Figur, und der Papa ist ein Waschlappen, sagt er, und ich will überhaupt niiie mehr zu ihm!“
Was an Anspannung noch in ihm ist, macht sich jetzt mit einem Weinen Luft.
Niemand spricht.
Erst Mitzi bricht das Schweigen: „Vielleicht bleibe ich auch ganz in Deutschland.“
„Einen alten Baum kann man nicht verpflanzen. Punktum.“, sagt Wilma, und man weiß nicht so recht, wen sie da jetzt meint. Annis Mann raunt seiner Frau zu: „Wenn du den Alten im Haus hast, brauchst du nicht mehr Eier sortieren gehen.“
„Und bin angehängt wie ein Kettenhund. Danke.“
Bei diesen Worten schaut sie ihren Mann derart scharf an, dass er nichts mehr sagt. Die jenige der Luis-Töchter, die nach ihrem Hüftspeck zu urteilen nicht unter dem Joch wie immer gearteter Mehrfachbelastung ächzt, hat es plötzlich sehr eilig. Hektisch sammelt sie ihre Familie ein, und sie verabschieden sich reihum, mit dem Lächeln der gerade noch Davongekommenen. „Danke für die Einladung, Tante Mitzi, bleib gesund, Onkel Hans.“
Die andere scheint berufstätig zu sein, sie und ihr Mann sehen der Komödierelativ unbeteiligt und beinahe belustigt zu. Der kleine Bub sitzt mit rot geklopften Ohren unter dem Tisch und sinnt auf Rache. Onkel Hans nestelt mit zugekniffenem Mund und seltsam feuchten Augen an seinem Katheder herum und wird dafür von Mitzi zurecht gewiesen: „Jetzt lass das doch einmal in Ruhe, du machst dich nur wieder nass. Der schöne Steireranzug. “
Nach einer weiteren Minute Schweigen lehnt Tante Mitzi sich zurück und schnaubt: „Ihr seid mir eine Bagage. Aber macht eh nichts. Ich hab mir ja schon fast so was gedacht, und drum haben der Hans und ich uns auch schon ein schönes Pensionistenwohnheim ausgeschaut,
gell Hans.“ Der nickt bestätigend, aber nicht wirklich froh. „Dort könnt ihr dann eure Melkkuh besuchen gehen. Nur leider, zu melken wird’s nichts mehr geben. Dann
melken nämlich wir.“

Text von Peter

Die man sich nicht aussuchen kann.
(erschienen 2001 im „Verwandtenhasserbuch“ des Aarachneverlags)

Ist das ein Rotkehlchen, das da auf meiner Veranda vor dem Regen Schutz sucht? Hat einen roten Fleck auf dem Bauch, sitzt auf der Lehne des alten Korbsessels und schaut mit einem Auge recht dumm in meine Richtung. Mein Opa hätte das sicher ganz genau bestimmen können und ich wohl auch, wenn ich ihm auf unseren vielen ausgedehnten Waldspaziergängen ein bißchen besser zugehört und mir weniger Gedanken über die Fernsehsendungen gemacht hätte, die ich in der Zwischenzeit versäumte. Aber so ist aus mir trotz bester erblicher Voraussetzungen dann doch kein Hobby Ornithologe geworden.
Im nächsten Moment fliegt diese Rotbauchschwalbenschwanzmeise einfach weiter, ohne sich vorgestellt zu haben – wahrscheinlich liegt meine Katze draußen irgendwo herum. Als ob dieses Wiskas verwöhnte, ausgefressene Trumm auch nur den Kopf nach einem so mageren Piepmatz heben würde.
Jetzt bin ich mit meinen Gedanken also bei meinem Großvater angelangt – auch das noch. Nicht nur, daß er mich immer zu diesen endlosen Naturlehrstunden in den Wald gezerrt hat, ausgerechnet mich, der ich schon damals zu den Vorreitern der aufkommenden Couch-potato Generation gehört habe. Pünktlich wie schmerzhafte Zahnarztbesuche durfte ich ihn außerdem zweimal jährlich zu den Promenadekonzerten im Kurpark unserer Stadt begleiten und dort einigen Cousins und Cousinen höheren Grades zusehen, wie sie ihre frisch gewaschenen Hälse in diverse Blechblasinstrumente entleerten, die ich Banause nicht einmal namentlich unterscheiden konnte.
„Schau Dir den X und die Y an.“, hieß es dann immer, „Wie die schneidig frisiert und hübsch angezogen sind. Und wie sie erst toll spielen.“
Bei all seinen vorwurfsvollen Blicken dürfte er über die Jahre allerdings eines vergessen haben: Die musikalischen Mitglieder unserer Sippe waren allesamt Nachkommen der Geschwister meiner Großmutter. Wenn ich also aus seiner Sicht derart mißraten war, dann lag es wohl eindeutig an seinen Genen.
Was würde ich heute dafür geben, wenn mir Mendels Gesetze damals schon ein Begriff gewesen wären. So habe ich immer nur beschämt neben ihm gestanden und auf einen überraschend aufziehenden Platzregen gehofft, der mir genau so oft versagt geblieben ist.
Mein Großvater ist nun schon seit über zehn Jahren tot und somit ist ihm das Schicksal meiner restlichen Familie erspart geblieben. Bei diesem Gedanken hellt sich mein Blick wieder auf.
Seit einer guten Viertelstunde sitze ich jetzt schon neben meinem Schreibtisch und schaue durch das Fenster in den Garten. Der friedliche, regnerisch trübe Herbstvormittag hat keine Ahnung, welcher Amoklauf in diesem Zimmer gerade erst zu Ende gegangen ist. Nicht einmal meine Katze hat etwas bemerkt, aber die reagiert sowieso nur noch auf das Rattern meines elektrischen Dosenöffners.
Auch der Garten ist friedlich. Die schweren, satt grünen Grashalme sind schon wieder viel zu lang, werden aber heuer wohl nicht mehr gemäht werden, von mir auf jeden Fall sicher nicht. So stelle ich mir ein geruhsames Wochenende vor: Keine Verwandtenbesuche, kein Grund aus dem Haus zu gehen und kein schlechtes Gewissen, wenn man sich in eine Decke wickelt, eine Pfeife anzündet und sich mit einem guten Buch in diesen Korbsessel setzt.
Gestern war ein ganz normaler Samstag: Es wurden zwar wieder einmal alle Erwartungen auf außergewöhnliche Unterhaltung enttäuscht, trotzdem kam ich zu fortgeschrittener Stunde relativ gut gelaunt nach Hause und hatte heute in der Früh unter keinerlei Nachwirkungen des feuchtfröhlichen Abends zu leiden. Woher dann beim Frühstück plötzlich dieser unbändige Haß gekommen ist, ist mir daher vollkommen unerklärlich. Es war wohl einer jener Augenblicke in denen man auf einmal neben sich steht und seine weiteren Handlungen nur noch machtlos aus der Ferne beobachten kann.
Jetzt, da alles vorbei ist, bin ich wieder in mir und vollkommen ruhig. Dabei sollten mich eigentlich heftigste Schuldgefühle plagen. Lediglich meine rechte Hand, die eben noch die Tatwaffe gehalten hat, zittert ein wenig.
Das ist wirklich erstaunlich, denn immerhin habe ich in einer knappen Stunde sämtlichen Mitgliedern meiner, zugegebenermaßen nicht gerade sehr großen Familie, ein spektakuläres Ende bereitet. Nichts Gewöhnliches – keine Pistole, kein Gift, schließlich hat man als kreativ arbeitender Mensch auch einen Ruf zu verlieren.
Nach getaner Arbeit sitze ich hier und bin erschrocken über diesen Rausch der Gewalt. Erschrocken ja – aber bereuen? Nicht ein bißchen!

Ich schaue zum Himmel. So schnell wird der Regen wohl nicht nachlassen, er hat sich über der Stadt festgesetzt und auf einen längeren Aufenthalt eingerichtet. Trotzdem wird es allmählich Zeit für meinen schweren Gang, ich kann mir keinen weiteren Aufschub mehr gönnen. Sicher suchen sie schon nach mir.
Ich stehe auf, rücke den Stuhl peinlich genau zurecht und gehe, während ich meine Jacke überziehe, mit leisem Stöhnen nach draußen, wo ich sofort von einem kalten Windhauch willkommen geheißen werde. Während ich also den Jackenkragen aufstelle schaue ich nach meiner Katze, doch die hat sich offensichtlich an einen wärmeren Ort verzogen – ist ja auch nicht dumm das Vieh.
Die Schultern hochgezogen laufe ich zum Gartentor und stoße dabei an die feuchten Äste der Büsche, die ich schon vor Wochen hätte zurückschneiden sollen. Sofort höre ich die Stimme meines Vaters: „Wenn man bei deinem Gartentor reinkommt, weiß man schon alles. Der Eingang ist die Visitenkarte des Hauses .. bla .. bla .. bla….“
Was war es doch für eine große Illusion, zu glauben, ich könnte mit dem Umzug in das, von meiner Großtante geerbte Häuschen ein wenig Unabhängigkeit gewinnen. Seit mein Vater in Pension ist sehe ich ihn öfter als zu der Zeit, als ich noch zu Hause wohnte. Immer kommt er zu absolut unchristlichen Zeiten, und immer mit einem vollkommen unnötigen Vorhaben im Kopf. Wenn er es mir auch nie glauben wird, ich bin ganz zufrieden in meinem Refugium. Es ist mir vollkommen egal, daß der Wind durch die alten Holzfenster pfeift, daß ich mit irgendwelchen Niedrigtemperatursparradiatoren meine Heizkosten erheblich senken könnte, daß die Brombeerbüsche verwildern oder an meinen Dachrinnen langsam die Farbe abblättert. Ich bin schließlich Schriftsteller und kein Multifunktionshandwerker, das ist MEIN Haus, nicht ich der Mensch dieses Hauses. Aber das hat mein Vater nie verstanden, und auch nicht, daß ich nach jedem seiner Besuche mindestens einen halben Tag brauche um mich wieder auf meine Arbeit konzentrieren zu können.
Irgendwann mußte dieser aufgestaute Haß ja einmal explodieren – dabei würde man mir den Tod meines Vaters wahrscheinlich noch als Unfall abkaufen:

Der rüstige Witwer lebt alleine in seinem perfekten Haus. Nicht das kleinste Unkraut stört die Monotonie des englischen Rasens, die Rosen stehen in Reih und Glied, die ausgewogene Wohnatmosphäre wird von sieben Schichten Farbe eisern geschützt und Zugluft ist selbst auf dem Dachboden so passé wie die Beulenpest. Endlich in Pension kann er sich jetzt 20 Stunden pro Tag seinem Schmuckstück widmen und wurde endgültig zum Mensch des Hauses. Wahrscheinlich schläft das Haus schon ganz schlecht bei dem Gedanken, daß er eines Tages sterben wird und es sich dann nach einem neuen Pfleger umschauen muß.
An einem regnerischen Herbstsonntag fällt sein wachsamer Blick auf einen geknickten Ast des alten Weichselbaumes. Äußerlich mag er vielleicht den Mundwinkel verziehen, aber tief drinnen freut er sich, daß er jetzt einen Grund hat um in seine Gummistiefel zu schlüpfen und in den Garten zu gehen. Schließlich steht der Baum auf einem Hügel und ist von der Straße aus im Herbst sehr gut zu sehen. – Wie schaut denn das aus, ein schief herabhängender Ast? Was sollen da die Leute denken?
Im Gerätekeller untersucht er zunächst seine Leiter peinlich genau. Nichts haßt der alte Mann nämlich mehr als verdrecktes Werkzeug und diese Alu-Leiter hat ihm sein leider vollkommen aus der Art geschlagener Sohn erst gestern zurück gebracht, dabei hat der sie sicher schon seit zwei Wochen nicht mehr gebraucht. Oberflächlich mag sie ja sauber erscheinen, aber seinem prüfenden Blick entgeht nicht die kleinste Verunreinigung. „Na ja.“, seufzt er, die muß nachher sowieso noch einmal geputzt werden. Dann wickelt er seine Baumsäge aus dem ölgetränkten Lappen und geht an die Arbeit.
Es sind immer die obersten und am schwersten zugänglichen Äste, die am leichtesten brechen. Vorsichtig auf die regennassen Sprossen tretend klettert er alsdann nach oben. Bei jedem Schritt prüft er den Stand der Leiter und so dauert es drei Minuten bis er den fraglichen Ast erreicht, einen sicheren Stand gefunden und mit der Arbeit begonnen hat. Nach zwei Dritteln steigt er eine Sprosse höher um einen günstigeren Arbeitswinkel zu erhalten, leider vergißt er dabei auf sämtliche Vorsichtsmaßnahmen: Sein linker Fuß gleitet über das nasse Metall wie über eine unsichtbare Bananenschale, seine Hände greifen verzweifelt ins Leere, die Säge fällt zu Boden und der verhinderte Holzfäller stürzt kopfüber hinterher. Hätte er den Sturz an sich mit etwas Glück noch überleben können, so macht die in der Erde stecken gebliebene Säge jede Hoffnung zunichte. Einen solchen Schnitt bringt man allerdings nur mit einem sorgfältig gepflegten Sägeblatt zusammen.
Was für ein kopfloses Ende für einen derart bedachten Mann!

Ja, ja, mein Vater. Wie war noch sein goldenes Zitat, als ich ihm vor Jahren stolz meine erste Laubsägearbeit präsentierte?
„Kreativität ist gut und schön, aber das wichtigste ist, daß man nachher das Werkzeug wieder sauber aufräumt.“
Habe ich diesen Ratschlag nicht brav befolgt? Woher sollte ich denn wissen, daß Schmierseife nicht das richtige Mittel ist, um eine Leiter zu putzen.

Inzwischen bin ich an der Bushaltestelle angekommen. Natürlich drei Minuten zu spät. Das paßt genau zu diesem Tag! Als ich gerade zu einem derben Fluch ansetzen will, kommt hinter mir der Bus. Es geht eben nichts über pünktliche Verkehrsbetriebe.
Ich steige ein und schaue auf den Streckenplan: Zum Polizeipräsidium? – 17 Stationen, aber wenigstens muß ich nicht umsteigen.
Wer von uns hat sich noch nie gefragt, wie es zu einem Amoklauf kommt? Ich weiß es jetzt: Schwierig ist nur der erste Schritt, der Rest kommt ganz von selbst. Und von meinem Vater führte der natürliche Lauf der Dinge geradewegs zu meinem Onkel.
Hier glaubt mir keiner mehr den Unfall. Eine elektrische Heizdecke kann natürlich sehr wohl einen Kurzschluß haben, und zu einem Brand kann es dann auch kommen. Aber die Explosion, die dem armen Mann keine Chance mehr gegeben hat, sein Bett zu verlassen und gleich das ganze Haus zum Einsturz gebracht hat? Nein, da muß ganz eindeutig Dynamit im Spiel gewesen sein.
Die Heizdecke brauchte er für sein Rheumaleiden. Mein Onkel: Postamtsleiter im Vorruhestand – natürlich wegen des Rheumas! In seiner Jugend begeisterter Segelflieger und später auf der ganzen Welt unterwegs gewesen: Armenien, Pakistan, ganz Südamerika und was weiß ich noch wo. Früher konnte er uns Kindern mit seiner beruhigenden Baßstimme die tollsten Geschichten erzählen, da vergaß selbst ich manchmal das Fernsehprogramm. Heute kennt er nur noch ein einziges Thema: Sein Rheuma, sein beschissenes vollkommen uninteressantes Rheuma. Milliarden werden sinnlos in die Rüstung gestopft, aber noch niemand hat ein Medikament gegen sein Rheuma gefunden. Sein Rheuma! Immer nur SEIN Rheuma, als ob er der einzige Mensch auf dieser Welt mit Gliederschmerzen wäre.
Tja, wenn man es so will, SEIN Rheuma habe ich jetzt kuriert – mit sehr viel Wärme. Und seine beiden Söhne auch, meine lieben Cousins, die hab ich gleicht mit kuriert – Prävention sozusagen, Rheuma soll ja erblich sein. Müssen schon skurrile Bilder gewesen sein, wie man sie aus dem Schutt geborgen hat: Der eine von einem kanadischen Elchkopf erschlagen – ich verzichte aus Pietätsgründen auf jeglichen Kommentar, wer dümmer dreingeschaut hat. Der andere mit je einer Billardkugel in jeder Augenhöhle.
Die zwei haben ja immer schon geglaubt, etwas besseres zu sein. Früher wegen dem Billardtisch im Keller und erst recht als sie der Herr Dipl. Ing. und der Herr Mag. Dr. Jur. wurden. Was sich allerdings vor zwei Wochen abgespielt hat, hat jedem erdenklichen Faß die Krone aufgesetzt:
Da gehe ich – eh schon schlecht gelaunt – in ein Innenstadtlokal. Nur auf ein schnelles Bier. Wer steht da lässig an der Bar? Meine Cousin Hans, in der ganzen anzüglichen Pracht seiner Anwaltstracht inklusive gräßlicher Krawatte und Hochglanzschuhen. Natürlich sieht er mich auch und winkt mich zu sich, um mich seinen Kollegen vorzustellen:
„Mein Cousin bla bla bla, der Schriftsteller bla bla bla glaubt er zumindest ha ha ..“
Ich hab gar nicht erst zugehört, doch dann dreht er sich auf einmal zu mir, den Rest irgendeiner abfälligen Bemerkung noch frisch auf den Lippen und meint wörtlich: „Nicht wahr, Schreiberling?“
Schreiberling! Und so was von einem Rechtsverdreher! Aber es war ja nicht dieses Wort allein, bei weitem nicht, es war die verächtliche Art, mit der er es mir vor die Nase gelegt hat – hingespuckt, ja hingekotzt hat. Ich kann gar nicht richtig beschreiben wie. Am ehesten stellt man sich dazu ein Raumschiff vor und ein sieben Meter großes, rotes Monster, dem Feuer aus jeder Pore spritzt, dessen totbringende, meterlange Gifttentakel wild durch den Raum zischen und das soeben die gesamte Besatzung des Raumschiffs wie Streichhölzer geknickt hat, weil sie ihm keine Antwort auf eine bestimmte Frage geben konnten. Tief unter ihm, im hintersten Eck des Raums sitzt verschreckt bibbernd die elendste Menschengestalt im ganzen Universum: Ein Schriftsteller auf dem Weg zur großen Buchmesse auf dem Saturn. Diesen Wurm bemerkt nun das Monster, fährt sein sabberndes Teleskopauge aus, sieht ihn mit der versammelten Verachtung der Fleischfresser sämtlicher Galaxien an und fragt ganz langsam. „Nun? Kannst DU es mir sagen? SCHREIBERLING?“
Ich weiß auch nicht, wie mir damals ausgerechnet dieses Bild vor Augen kam, aber man muß es kennen um zu verstehen, wieso ich nach einer kurzen Pause: „Rumpelstilzchen?“ gesagt und daraufhin die versammelte Anzugträgerkompanie wortlos stehen gelassen habe.

„Nächste Haltestelle Rotenturmstraße!“

Ich schaue auf. Bin ich etwa schon zu weit gefahren? Diese abschweifenden Tagträume sind so etwas wie die Berufskrankheit eines Geschichtenerzähler. Ein Blick auf den Streckenplan beruhigt mich: Noch zwei Stationen.
Bis auf eine Mutter, die versucht ihre zwei Kinder im Vorschulalter darauf einzuschwören, dieses eine mal bei der Großmutter nicht gleich sämtliche Wohnzimmerschmuckgegenstände auf den Boden zu zerren, ist der Bus inzwischen leer.
Also zwei Minuten noch. Kurz spiele ich mit dem Gedanken einfach sitzen zu bleiben, weiter zu fahren. Einmal die ganze Runde, zurück nach Hause und mich dort ganz tief in meinem Bett zu vergraben. Aber ich weiß, daß es keinen Sinn hat. Aufschieben macht alles nur schlimmer. Wenn ich jetzt komme, wird es mir sicher noch zu meinem Vorteil ausgelegt.
Noch eine Station: Der Bus bleibt stehen, die Tür vor mir geht auf und zwei Pensionisten quälen sich die Stufen herauf, offensichtlich auf dem Weg zum Sonntagstreffen der Arbeiterwohlfahrt. Ohne daß ich weiß, welcher Schalk mich reitet stehe ich im nächsten Moment auf und biete den beiden meinen Sitzplatz an. Als ich in ihren Gesichtern auf blankes Unverständnis stoße deute ich erklärend auf das grell gelbe Schild hinter mir:
<>
Lächelnd stolpere ich im anfahrenden Bus nach hinten. Was für ein herrliches Gefühl, ein Böser – ein Outlaw zu sein.
Durch die Windschutzscheibe kann ich schon das Polizeipräsidium sehen. Selbst bei Sonnenschein ist ein trostloses Gebäude. Grau und schmucklos stammt es aus dem 19. Jahrhundert und steht unter Denkmalschutz. Als Kind hab ich dort einmal eine Zeugenaussage gemacht, bei einem Verkehrsunfall. Keine aufregende Sache, ich bin nur am Straßenrand gestanden und war von der Karambolage viel zu fasziniert als daß ich bei der Verhandlung irgendeine Hilfe hätte sein können. Nervös war ich mit meinen 9 Jahren natürlich trotzdem genug. Vorher habe ich eine halbe Stunde auf dem Gang gewartet und durch den Innenhof auf die vergitterten Fenster des Untersuchungsgefängnisses gestarrt. Das muß so sein wie Schule nur ohne Ferien, hab ich mir damals gedacht, aber auch ohne Hausaufgaben.
Der Bus bleibt stehen, ich steige aus, wie auch die leidende Mutter, die versucht ihre hüpfenden Bälger unter dem Schirm zu halten. Drei Paar Schuhe gehen dann gestreßt in Richtungen Großmutter davon. Nur ich stehe noch an der Haltestelle. Erst jetzt bemerke ich die verräterischen Spuren meiner Taten am rechten Zeigefinger. Obwohl ich weiß, daß es keinen Sinn hat, beginne ich daran zu reiben während ich über die Straße gehe. Es ist wieder einmal typisch für meine Familie, daß wir den Geburtstag meines Onkels ausgerechnet im Restaurant „zur Justiz“ feiern müssen. Ein düstereres, stimmungsloseres Lokal kann man selbst mit viel Mühe nicht finden. Hat wahrscheinlich Hans vom Büro aus organisiert. Ambiente, das Wort hat der sicher noch nie gehört.

Den Türgriff schon in der Hand bleibe ich ein letztes mal stehen. Der Tintenfleck am Zeigefinger ist noch immer deutlich zu sehen, dafür ist mein linker Daumen jetzt auch noch blau. Drinnen warten sie alle, die „Wieder mal was verkauft?“ – „Was macht das neue Buch?“ – Partie. Ein tiefer Atemzug dann bin ich bereit. Und wenn es zu schlimm werden sollte, dann brauche ich ja nur an die Geschichte zu denken, die ich heute morgen geschrieben habe.

„Hallo Onkel Ernst! Alles Gute! Tut mir leid, daß ich so spät komme. Was macht das Rheuma?“