Hinterland

Hinterland

von Peter Heissenberger

Der Adler stürzt vom Himmel, packt seine Beute und fliegt mit schweren Flügelschlägen wieder davon.

Auf der anderen Seite des Hügels spiegelt ein grauer Bus die tiefstehende Sonne, die noch eine halbe Stunde von dem entfernt ist, was eine mittelmäßig eingefärbte Abendstimmung zu werden verspricht. Aber für so etwas hat der alte Mann am Felsen sowieso kein Auge. Er war nie ein Mann der Augen gewesen, weder damals noch heute.

Er ist zu diesem Aussichtspunkt hinaufgeklettert, weil es von ihm erwartet wurde. Langsam, den anderen seine Verachtung leise hinterher fluchend, weil unten zurück zu bleiben auch keinen Sinn gemacht hätte. Außerdem sollte bloß keiner denken, dass er es nicht mehr schaffen würde, er mochte jetzt alt sein, aber woher glaubten die, hatte sein Enkel die sportliche Statur?
Als junger Mann hat er die Filme der Leni Riefenstahl im Kino gesehen und sein Leben lang davon geträumt.

Jener Enkel bereut schon lange, die Reise gebucht zu haben. Sie war den Athleten für die Woche nach olympischen Spiele angeboten worden, griechisches Hinterland / Peloponnes. Damals hatte er sich schnell entscheiden müssen, dabei hätte ihm eigentlich klar sein müssen, dass man den Großvater keine Woche lang in einen Bus voller Ausländer pferchen darf. Da kommt dann immer nur die alte Schule zu Tage.

Ohne den Grund bewusst wahrzunehmen denkt der Alte plötzlich an Schildkrötensuppe. Hält das Gesicht in den Wind und denkt an den Geschmack von Schildkrötensuppe, die er nie in seinem Leben gegessen hat.
Und dann sieht er sein altes Wohnzimmer vor so vielen Jahren, die alte Couch, die eigentlich immer schon alt und den abgenutzten Teppich, der sehr wohl einmal neu und teuer gewesen ist. Über diesen Teppich ist damals der Graubler gelatscht, hat sich auf die Couch gelümmelt und seine Frau hatte kein Wort gesagt. Kein Wort über die schmutzigen Schuhe, den Dreck, den er bei jedem Schritt verloren hatte. Stumm hat sie in einemm Eck gestanden – für ein einziges Mal in ihrem Leben ohne Worte.

Der Enkel betrachtet den Großvater von der Seite. Autogramme die letzte Leidenschaft. Früher Leichtathlet, StuKa Flieger, dann Oberstudienrat, Mathematik und Physik – lange schon im Ruhestand. Jeden Zentimeter alte Schule – immer wieder peinlich.

Unbemerkt von den beiden trägt der Adler seine schwere Last nach oben. Die Beute tut, was ihr der Instinkt von abertausend Generationen gelehrt hat, sie wartet ab, zieht sich tief in ihre uneinnehmbare Festung zurück, nicht ahnend, dass Darwins Selektion ihrem Gegner längst die besseren Karten in diesem Duell zugeteilt hat.

Geredet hatte damals allein der Graubler. Der alte Mann hatte sich nur gefragt, wer dieser Kerl eigentlich war, der das Wohnzimmerbodenheiligtum seiner Frau so ungestraft entweihen durfte und jetzt über Schildkrötensuppe sprach, als sei es das Wichtigste der Welt.
Wie gut sie ihm doch einmal geschmeckt habe und dass der Sepp, wenn er dann in Argentinien angekommen war, natürlich nicht als erstes, aber doch irgendwann, ihm bitte ein paar Dosen besorgen solle. Als ob es nichts anderes zu besprechen gegeben hätte, im Wohnzimmer einer Familie, die gerade dabei war, ihren einzigen Sohn zu verlieren.

Wenn Freddy Quinn im Radio vom Heimweh singt, muss der Alte heute noch weinen.

Der Enkel sieht den aufgebrochenen Schildkrötenpanzer sehr wohl, der da vier Meter vor ihnen zwischen den Felsen liegt. Zuerst denkt er an die resche Wurstsemmel aus einem alten Volkschulwitz. Dann aber gleich an einen Bären, von dem er allerdings nicht annimmt, dass er am Peloponnes heimisch ist. Eine Karate gelehrte Springmaus kann das aber auch nicht geschafft haben. Vielleicht ein Hund mit Dosenöffner. Er sieht sich vorsichtig um und hofft, dass dieser Jäger nachtaktiv ist.

Der Großvater hat den Graubler nur einmal wieder gesehen. Für ein paar Augenblicke auf einem überfüllten Marktplatz, damals ist der Sepp schon zwei Jahre tot gewesen. Er ist stehen geblieben, der Graubler weiter gegangen, hatte ihn wahrscheinlich gar nicht erkannt, vielleicht war aber auch die nie erhaltene Schildkrötensuppe der Grund für das Übersehen.

Inzwischen hat der Adler hat seine angestrebte Höhe fast schon erreicht.

Wenn er auch kaum noch sehen kann, dieses Bild wird der Alte nie vergessen. Er, seine Frau, sein Sohn, alle drei wortlos vor Schmerz, dazwischen dieser kaum-Bekannte, den er nie vorher und nur einmal danach bewusst wahrgenommen hatte. Der aber redete ohne Unterlass, und als er dann endlich gegangen war, hätte man ihn sofort wieder zurück gewünscht. Sollte er doch ruhig stundenlang über Leberknödel- und Lungenstrudelsuppe philosophieren, wenn er nur diese schreckliche Stille vertreiben konnte.
Und dann ist das Taxi gekommen.

Einmal hat er Freddy Quinn im städtischen Freibad gesehen, bei der Wende sogar kurz mit ihm gesprochen, hatte von dem Konzert gar nichts gewusst, versprochen, sich sofort eine Karte zu kaufen. Lange schon ausverkauft hieß es und dann war der Freddy weiter geschwommen. Wer hatte in der Badehose auch schon etwas zum Schreiben dabei.

Seinen Enkel hat der alte Mann zum ersten Mal im Alter von sechs Jahren gesehen. War mit seiner Mutter aus Argentinien gekommen um auf eine Österreichische Schule zu gehen. Wer denn der blonde Junge sei, der auf den vielen Fotos im Haus der Großeltern zu sehen sei, hat er unschuldig gefragt. Da haben sie dann alle verschämt zu Boden gestarrt.

Es mag jetzt15 Jahre her sein, da hat der Enkel im Readers Digest einen Artikel über die schlauen Jagdgewohnheiten mancher Tiere zu lesen begonnen, war dann aber von einem Telefonanruf unterbrochen worden und so nie zu den Adlern des Peloponnes gekommen und wie sie ihre Hartschalenbeute aus großer Höhe auf Felsen knallen lassen, sonst wäre er wohl nicht so ruhig vor jenem Schildkrötenpanzer sitzen geblieben.
Dass allerdings weltweit mehr Menschen von zu Boden fallenden Cocosnüssen als von Haien getötet werden, das hat ihm erst unlängst ein Freund erzählt.

Nach einem Jahr war sie dann wieder weg, die Mutter und Schwiegertochter, die sowieso nichts wert gewesen war. Sie haben den Buben aufgezogen wie seinen Vater vor ihm und da soll ihnen nur ja keiner einen Vorwurf draus machen. Oder kommt heute etwa schon jeder zu den olympischen Spielen?

Der alte Mann dreht sich zur Silhouette des Enkels und lächelt stolz.
Als er die Riefenstahl eines Tages aus einem deutschen Autobahnrestaurant kommen gesehen hatte, war sein Kugelschreiber im Auto und eh er damit zurück, sie längst weitergefahren.

Hundert Meter über den beiden geht die Reise für den Passagier derweil zu Ende. Der Adler öffnet seine Krallen.

Fast hätte der Enkel das Papier in seiner Hand vergessen. Hat auf dem Anstieg das Autogramm des Italieners besorgt. Der war nämlich Olympiasieger. Trotzdem hätte der Großvater ihn sicher nie angesprochen. Schon allein wegen Südtirol und so.

Niemand schaut nach oben, dabei würde der alte Mann das Schauspiel über seinem Kopf sicher bewundern. Vor allem wie der Vogel seiner Beute jetzt hinterher stürzt. Die Ju 87 im Sturzflug, das ist in der siebten Klasse immer sein Lieblingsparabelbeispiel gewesen, wenn sich ein paar dieser Bachblüten-Eltern auch beim Direktor über seine Geschichten beschwert haben.
Natürlich konnten da auch Flüchtlingskolonnen dabei gewesen sein. Der Feind musste erst recht im Hinterland geschwächt werden.

Der Enkel reicht dem Großvater den unterschriebenen Zettel. Der greift danach und zieht die Brille mit den dicken Gläsern aus der Jackentasche.
Die Erdbeschleunigung hat den Schildkrötenpanzer längst zum tödlichen Geschoss gemacht.

Für einen Augenblick war man nach dem Hochreißen immer bewusstlos. Damals hat er das weggesteckt und keine Fragen gestellt. Heute wird ihm schon schwindlig, wenn er schnell aufstehen muss, so wie jetzt, reflexartig, weil mit der Brille sein Kugelschreiber aus der Jacke gefallen ist.
Aus manchen seiner Fehlern hat er dann doch gelernt. Nie mehr unbewaffnet. Papier und Kugelschreiber immer am Mann! Was, wenn jetzt plötzlich Nana Mouskouri ums Eck gekommen wäre?
Er macht einen unsicheren Schritt und bückt sich nach seinem Jagdgerät, als hinter ihm eine zweiundachtzig Jahre alte Schildkröte laut krachend und spektakulär ihr Leben beendet.

Die Köpfe der ganzen Gruppe fahren erschrocken herum. Ein Panzersplitter streift den Enkel am Unterarm. Verwirrung aller Orten. Ungläubig dazwischen nur ein alter Mann mit einem Kugelschreiber.

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Gefangen

Gefangen
von
Isolde Elisa Bermann

Das schrille Klingeln ließ ihn erschrocken hochfahren. Seine Brust war schweißbedeckt, der Atem ging schnell, er bekam einen Hustenanfall, versuchte, den Wecker auszuschalten, fluchte, trat wütend nach der Katze, die aufs Bett gesprungen war und ihm in die Zehen gebissen hatte. Scheiße, sagte er zum Morgen, der unschuldig grau ins Zimmer kroch.

Es war fünf Uhr. Er ging in die Küche, nahm einen kräftigen Schluck aus der großen, bauchigen Flasche und fuhr sich mit kreisenden Bewegungen über den Schädel. Obwohl er keinen Hunger hatte, suchte er nach Essbarem in den Küchenkästen. Im Kühlschrank brauchte er nicht nachzusehen, selbst wenn sich darin etwas befunden hätte, wäre es längst verdorben. Er hatte seit Wochen keinen Strom mehr im Haus. Die Katze biss ihn erst, seit er ihr nichts mehr zu fressen gab. Auf dem Küchentisch standen die Reste seines gestrigen Abendessens, ein paar angebissene Äpfel und eine zu drei Viertel geleerte Rotweinflasche. Er rülpste laut.
Heute Abend sollte das anders werden. Deswegen war er schließlich so früh aufgestanden.

Er ging zurück ins Schlafzimmer und öffnete die Kastentür, die jämmerlich quietschte. Schließlich entschied er sich für eine dunkelgrüne Hose, die er erst einmal gewaschen hatte. Die vielen Flecken darauf würden sich als gute Tarnung erweisen.
Dann zog er an einem Ärmel, der aus dem Wäschehaufen hervorragte. Dem Hemd fehlten alle Knöpfe, aber das war ihm egal. Die Wollweste, die ihm seine Schwester vor dreißig Jahren gestrickt hatte, würde das Hemd dort an seinem Körper halten, wo es hingehörte. Einigermaßen zumindest.

Ein neuerlicher Hustenanfall schüttelte ihn. Er würgte und spie Schleim. Kruzifix no amol, wos isn hait lous, krächzte er dem Wildschweinschädel, der grinsend an der Wand hing, zu. Er nahm die Ausrüstung, die er sich am Vortag bereitgelegt hatte, steckte seine Füße in die Gummistiefel und tastete nach der Zigarettenschachtel in der Westentasche. Sie war da und er war augenblicklich beruhigt.

Er ließ die Haustür unversperrt. Als er im Garten stand, drehte er die Augen zum Himmel. Es würde nicht regnen. Die Wolkendecke hing träge und gleichmäßig grau über ihm. Bevor er die Gartentür hinter sich zufallen ließ, stieß er wie jeden Tag einen kräftigen Fluch aus.
Und wie jeden Tag folgte ein Seufzer über die ungerechte Verteilung der irdischen Güter, die sich beim Anblick der Nachbarhäuser so deutlich zu erkennen gab. Wenigstens hatte er ausreichend Grund um seine Hütte, und er hatte ausreichend Grund, ihn nicht zu mähen, damit die klebrigen nackten Schnecken sich in Ruhe vermehren und auf das Nachbargrundstück kriechen konnten.
Natürlich war er angezeigt worden, mehrmals sogar, aber letzten Endes war nichts weiter passiert.

Er folgte dem Schotterweg leicht bergab und bog dann in einen schmalen Waldpfad ein, der nach einer Weile leicht bergan führte. Er atmete schwer, hustete wieder und spuckte aus. Die Gummistiefel waren nass und erdbraun verschmiert. Feuchte Morgenluft legte sich schwer um seinen Hals. Gegen halb sechs stand er schließlich vor dem hohen Zaun. Ein Tor war darin eingelassen, mit einem schweren Schloss versperrt. Mühelos knackte er es und zwängte sich hindurch.
Das Gebiet war weitläufig eingezäunt, eine Forststraße führte hindurch. Es war Jagdzeit.

Ein Vogelschrei zerschnitt die Stille. Wind kam auf, er zog die Weste enger um den Körper, seine Hand, die die Ausrüstung trug, war klamm vor Kälte. Er sah seinen Gummistiefeln zu, die über den Kiesweg schürften. Die Bäume standen wie bedrohliche Soldaten. Eine große Lichtung breitete sich in weichen Hügeln vor ihm aus. Die Teiche waren darin eingebettet. Er ging auf den größten zu, der Wind hatte zitternde Wolken hineingezeichnet. Schilf säumte das Ufer, ein Steg stelzte auf hölzernen Beinen über dem Wasser.

Er hustete wieder, seine Eingeweide zogen sich zusammen, er krümmte sich. Als er wieder zu Atem kam, schritt er auf den Steg zu, setzte sich auf die feuchten Planken. Keuchend zog er die Packung aus der Westentasche und fischte mit steifen Fingern nach einer Zigarette. Zerscht amol a Fruahstuack, krächzte er und spie nach den Enten, die sich wie eine Armada aus braunen kleinen Booten auf ihn zu bewegten.
Teifl, des Kraut, er hustete, würgte, und rauchte. Die Enten drehten erschrocken ab.
Dann zog er die schäbige Blechbüchse aus der Hosentasche, holte ungeschickt einen der Würmer hervor, befestigte ihn zitternd und fluchend am Angelhaken.
Jetzt seids draun, sagte er befriedigt und ließ die Rute ins Wasser schnellen.
Sein Rücken lehnte unbequem an der Stange, an der sich das Schild „Angeln und Baden verboten“ befand. Er wusste nicht, wozu der Graf das Schild anbringen hatte lassen, das Gebiet durfte nur von ihm, seinen Förstern und Jagdgästen betreten werden.

Er erwachte von der Bewegung der Angel und richtete sich stöhnend auf. Sein Gesicht brannte, er wischte kurz darüber, hustete, sah das Rot auf seiner Handfläche. Scheiße no amol, wos isn des.
Er zog, die Rute bog sich durch, die Schnur ließ sich nicht einholen. Er drehte die Angel, zog hoch, versuchte, mit Bewegungen nach links und rechts, die Schnur freizubekommen. Endlich ließ sie sich einholen, er drehte mühsam, Teifl eini, suiche Fisch san jo do gor net drai, sagte er laut, und dann zog er hoch.
A Waunsinn. Wos isn des? Es war ein Stiefel, hoher Absatz, schlammverschmiert.
Er kratzte sich und seine Fingernägel schabten über die bartstoppelige Haut. Dann zog er einen Westenärmel über die Hand, wischte mit dem Ballen an der Schmutzschicht. Schönes teures Leder kam zum Vorschein, mit Schuhen kannte er sich aus.
Vielleicht gab es den zweiten noch irgendwo?
Er richtete sich unter Stöhnen auf, fasste nach seinem Rücken, ein scharfer Schmerz durchfuhr ihn.
Das Ufer des Teiches war an manchen Stellen morastig und schilfbewachsen. Er durchschritt den Sumpf, bog das Schilf auseinander, ging ein Stück ins Wasser, tastete mit dem Ast, den er am Ufer gefunden hatte, stocherte am Boden, wühlte sich durch.

Plötzlich stieß er gegen ein Hindernis. Es war weich und nachgiebig, er lachte laut auf, das musste der zweite Stiefel sein. Er beugte sich hinunter, griff mit der Hand ins trübe Wasser und schrak zurück.
Das war kein Stiefel.
Das war nichts, was er kannte.

Er trat gegen das, was da lag, am seichten Teichufer. Es bewegte sich, er versuchte, seinen Fuß unter das Ding zu bekommen, es hochzuheben, dann fuhr seine Hand von neuem ins Wasser und er packte zu.

Erst als er sah, was nun halb aus dem Wasser gezogen war, wurde ihm bewusst, dass er in kein Tierfell gegriffen hatte.

Teifl. Er starrte sie an. Solch einen Körper hatte er noch nie gesehen, außer in den Magazinen, die er unter seinem Bett verstaute und in Filmen, die er sich nun immer weniger ansah.
Sie war vollkommen nackt.
Ihr Gesicht ließ ihn etwas tun, was er seit Jahren nicht mehr gemacht hatte. Er bekreuzigte sich.

Als er schwer atmend und mit brennender Brust in der Vormittagssonne auf dem Steg saß, den Inhalt der flachen Flasche warm und beruhigend im Magen, hätte er nicht sagen können, weshalb er es getan hatte. Nur, dass er es hatte tun müssen. Dass es eine Sünde war, ein Geschöpf wie dieses im Teich verfaulen zu lassen. Dass sie ein schönes, warmes Grab verdient hatte unter dem großen Baum auf der Lichtung. Dass sie dort Sonne haben würde, vom Morgen bis zum Abend und dass weiches Gras und Farne über ihr wachsen konnten und vielleicht auch Blumen. Wenn nicht, wollte er ihr welche bringen.
Wenn er eine Stimme gehabt hätte und einen Menschen, der dieser Stimme zuhörte, dann hätte er erzählt, dass er so etwas wie Stolz gefühlt hatte, weil er auf einmal fast hatte laufen können, zu seinem Haus, hinter dem der alte Schuppen mit dem Werkzeug stand und dass er die Schaufel mehr gezogen als getragen hatte, weil sie immer schwerer geworden war in seinen Händen.
Und dass ihr Haar, das an der Sonne noch ein letztes Mal zu seiner blonden Schönheit getrocknet war, ihn so berührt hatte. Und dass deswegen seine Hände so gezittert hatten, als er das weiße Tuch, das er am Teichufer gefunden hatte, um ihren Kopf band.
Und dass er erst, als alles vorüber war, wieder daran gedacht hatte, dass Jagdsaison war.

Er hatte jetzt eine Aufgabe. Er musste auf sie aufpassen. Nie sollte jemand von seinem Geheimnis erfahren.
Erst als er wieder in seine Hütte stapfte, wurde ihm bewusst, dass ihn an diesem Abend das gleiche Essen erwarten würde, wie an den Tagen zuvor. Doch es war ihm egal.

Buying New Soul

(inspired by Steve Wilson)

von Maria Edelsbrunner

Als ich erwache, sitze ich in einem ungepolsterten Sessel.
Der Raum ist kahl, bis auf ein paar gerahmte Zeichnungen, die wohl von Kindern stammen und den Schreibtisch zwischen dem Menschen und mir und den Erste Hilfe Schrank.
Gegenüber von mir sitzt ein grauhaariger, schlanker Mann mit einem weißen Arbeitsmantel.
Er trägt eine Brille mit silberfarbenem Rahmen.
Er sieht mich an, als sei ich eben erst erwacht. Im Übrigen ist sein Blick verständnisvoll.
Ich frage ihn, was es zum Essen gibt.
Er lacht und sagt: „Das ist ja einmal eine wirklich relevante Frage! Ich fürchte nur, Sie haben das Mittagessen verpasst. Aber zu Abend gibt es Spinatstrudel mit Schafskäse!“
„Ist vollkommen in meinem Sinne.“, sage ich, und er lacht wieder.
„Wie fühlen Sie sich?“
Sein Blick ist nun gänzlich bei mir.
Ich überlege.
Außer dass ich hungrig bin und ein wenig müde, fühle ich nichts.
Ich frage mich nicht, wie ich hier her gekommen bin, denn ich weiß es.
Ich überlege, ob ich weg will.
Ich will nicht weg. Nicht jetzt.
„Ich bin ein bisschen müde. Und hungrig“, sage ich. Mein Atem geht ruhig, mein Herz schlägt mühelos, ich blicke auf die Zeichnungen und suche das kompositorische Drittel.
Ich finde es bei allen und denke, dass Kinder wohl von Anfang an ein untrügliches Gespür für Proportionen und Richtigkeiten haben, bevor es ihnen aberzogen wird.
Das sage ich auch dem Menschen mir gegenüber, von dem ich annehme, dass er der Stationsvorstand ist.
Er sieht mich lange an und lächelt dann ein kleines vorsichtiges Lächeln.
„Ich will mit Ihnen ein paar Tests machen, bevor Sie sich aufs Abendessen stürzen.“, sagt er und schiebt mir ein paar Blätter Papier über den Tisch, „und ich begleite Sie auf Ihr Zimmer.“

Das ist mir sehr recht, ich hätte nicht einmal gewusst, dass ich eines habe.
Als ich wegdämmerte, war ich in der Notaufnahme, über mir zwei oder drei Gesichter, die dreinsahen, als wüssten die dazu gehörenden Menschen genau, was zu tun sei. Das war der erste beruhigende Eindruck gewesen seit….

Ich habe tatsächlich ein Zimmer für mich alleine.
Nicht einmal zu Hause, wo immer das ist, habe ich eines.
Das Zimmer ist noch kahler als das Zimmer des Arztes. Kein einziges Bild.
Nur ein Tisch, zwei Sessel, zwei Betten, von denen eines nicht einmal bezogen ist. Kein Fernseher, keine Zeitungen, keine Blumen. Der Griff am Fenster ist abmontiert, das sehe ich als erstes.
Ich blicke hinaus auf ein paar alte Ahornbäume im Anstaltspark und sehe, es regnet noch immer. Es kann nicht viel Zeit vergangen sein.
Oder regnet es schon wieder?
Ich frage den Arzt.
„Sie sind seit gestern hier.“, sagt er und sieht mich lange an, länger als gewöhnlich, ich weiß, wie lange Arztblicke normalerweise verweilen.
„Scheißwetter.“, sage ich und schaue fest zurück.
Wir setzen uns mit dem Papierhaufen an den Tisch, er gibt mir einen Kugelschreiber, und ich beginne, Fragen zu beantworten.

Ich sehe ein System in den Fragen.
Ich erkenne einen Code.
Ich begreife:
ich müsste nur nach dem Code leben, um glücklich zu sein.
Ich müsste nur nach dem Code denken, um glücklich zu sein.
Ich müsste, das vor allem, nach dem Code fühlen, um glücklich zu sein, zumindest oft genug, um das Unglück meines Glücks zu ertragen.
Der Code geht ganz einfach:

Abbezahltes Haus + verständnisvoller Mann + aufgearbeitete Familiengeschichte + hübsche gesunde wissbegierige Kinder + herausfordernder Job + liebe großzügige durchgeknallte Freunde + Zeit für Neigungen + keine körperlichen Wehwehchen + lieben und geliebt werden = erfülltes, wunschloses Leben.

Nach Beantwortung der Fragen ist mein leichtes, unbeschwertes Gefühl weg.
Ich habe plötzlich ein schlechtes Gewissen, weil mir das alles viel zu viel ist.
Und viel zu wenig.
Ich sage das so dem Arzt. Ich hoffe auf Verständnis.
Er schaut mich wieder lange an.
„Ihre Familie hat Sie bald wieder.“, sagt er leise, „da bin ich ganz sicher.“
Als er das sagt, zieht es mir den Boden unter den Füßen weg.
Ich ziehe die Hauspatschen aus, die mir bestimmt meine fürsorgliche Tochter eingepackt hat, und gehe barfuß durchs Zimmer.
Ich spüre kaltes, glattes Linoleum, verschweißte Fugen, kein Körnchen Mist auf dem Boden. Meine Füße, obwohl sauber, erscheinen mir schmutzig ob soviel Sterilität. Meine Zehennägel sind lackiert, wann habe ich das gemacht?
Meine Unterschenkel sind rasiert, wann war dafür Zeit?
Und weil ich gerade beim Vergewissern bin, fasse ich meinen Haarschopf und schnuppere daran, die Haare sind frisch gewaschen und duften nach einem Shampoo, von dem ich glaube, dass ich es erst vorgestern gekauft habe.
Wohin ist das alles?

„Was mache ich mit einem Leben, in dem alles stimmt?“ frage ich den Arzt.
Er lacht. Es ist ein Lachen, das mich nicht beruhigen soll, es ist hart und zynisch und ich beginne Hoffnung zu schöpfen.
„Gefällt Ihnen das Zimmer?“ fragt er.
„Ja.“, sage ich, „Es gefällt mir sehr.“