Ein wahrer Freund

Nimm dir noch Erdnüsse und Orangensaft, das wird eine längere Geschichte.

Passiert ist das letzten Winter. Du kannst dich sicher noch an unser Klassentreffen erinnern. Der Franz und ich, wir sind ja schon ewig befreundet, wie du weißt. Ein bißchen eigenartig war er schon , wie wir noch zusammen zur Schule gegangen sind. Er hat sich immer so grausame Spiele ausgedacht. „Haben Sie zu Ihrer Verteidigung noch etwas zu sagen?“ Es war immer zuwenig, was ich dem armen Frosch ins Maul gelegt habe, am Ende hat er immer dran glauben müssen. „Lebenslänglich“, hat es geheißen und ab mit ihm ins Fünfliterglas, das wir meiner Mutter geklaut haben, und in die pralle Sonne. Der Frosch ist am Ende wie besoffen hin und her getorkelt, bis er endlich eingegangen ist. Das Todesurteil war richtig human dagegen, das hat Annageln am Holzschuppen bedeutet.

Ja, richtig, die Hühner vom Nachbarn, du weißt es also auch noch. Ja, das sind auch wir gewesen, das heißt, ich bin eigentlich nur Schmiere gestanden, ich bin immer Schmiere gestanden, die Augen ausgestochen hat er ihnen selber. Der Franz. Er hat eine Katze gehabt, eine Räderkatze. Die hat er richtig gern gehabt, was haben wir mit dem Tier gespielt, und vom Franz hat sie sich alles gefallen lassen, sie hat ja gewußt, das alles ist nur Spiel.

Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist. Klemmt das Vieh einfach in den Schraubstock und dreht auf null.

Was, ich? Ich hab keine Chance gehabt, ihr zu helfen. Er ist mit der Rohrzange auf mich losgegangen.

Seine Augen, weißt du, das war das brutalste, ich hab genau gespürt, wenn ich jetzt was Falsches sage oder tue, geht’s mir wie der Katze, der war ja damals schon zwei Köpfe größer als ich, ein Bär von einem Menschen, kennst ihn ja, nie vorher und nie danach hab ich solche Augen gesehen. Und er hat mich nicht einmal gehen lassen, als ich schon gespien habe, ich hab geheult wie ein Hund, und da war so ein Schmerz, ein Ziehen in meinen Därmen, als ob ich selber schon im Schraubstock hänge.

Wir haben nie mehr geredet über die Katze. Muss so etwas wie ein Spiel für ihn gewesen sein.

Quälen hat ihn aufgegeilt.

Was meinst du, wieso der Franz geheiratet und sechs Jahre und drei Kinder lang den Treusorgenden gespielt hat?

Ich hab ihn ein paarmal getroffen in der Zeit, ich habe damals schon für diese Jachtbaufirma gearbeitet, er hat ruhig gewirkt, besonnen, und alle haben ihm das abgekauft, aber ich habe diese Augen seit dem Sandkasten gekannt und gewußt, es geht wieder durch mit ihm.

Sechs Jahre hat er sich das Vertrauen dieser Frau und der Kinder erarbeitet, mühsam muss das für ihn gewesen sein, weißt du, die haben ihm dann nicht mehr auskönnen. Hat ihnen eine Katze geschenkt, eine Weile zugeschaut, wie sie damit spielen und sie dann vor ihren Augen weggeschossen.

Hast du seine Frau noch gekannt? Ja? Nein, sie lebt nicht mehr hier…schon lang nicht mehr, hat angeblich um ihr Leben gefürchtet.

Sie hat nie verstanden, wie er sich auf einmal so verändern konnte, der Franz, na ja, sie ja nicht wissen können, dass er da erst wieder richtig geworden ist was er war.

Aus heiterem Himmel hat er sie verdroschen, ein Papierschnipsel auf dem Küchenfußboden war Anlass genug, da musste erst Blut fließen, dann ist er noch über sie drübergestiegen. Danach hat er den Boden geküßt, auf dem sie lief. Jedes Mal die Hoffnung, es wäre das letzte Mal. Jedes Mal, natürlich, gab´s ein weiteres Mal.

Wohin er ist mit seiner Gewalt in den ersten sechs Jahren? Was glaubst du, wo wir waren, wenn wir geschäftlich wegmussten? Er hat einen Ruf gehabt bei den tschechischen Huren. Kann sein, es gibt ein paar, die stehen auf sowas, aber befriedigt hat ihn das nicht.

Es musste jemand sein, den er gern hat. Denn gernhaben konnte er. Ich hab nur einmal versucht, da nachzubohren, aber da war dann wieder dieser Blick, der mich zurückgepfiffen hat. Wie als Bub.

Aber er ist ein Freund, ein richtiger, nur ein richtiger Freund tut, was er getan hat. Ich wollte der Alice einen Denkzettel verpassen, für die Jahre, die sie mich verarscht hat – ich bin ja nie dahinter gekommen, wer er war, er wollte es herauskriegen – für mich, aber ich wollt’s gar nicht mehr wissen, wozu auch, aber eine kleine Erinnerung müßte sein, fand ich. Damit sie immer ein bißchen denken muß an mich.

Kann schon sein, dass er’s übertrieben hat, wie ein Rausch sei’s gewesen, hat er gesagt, er hat auch nur aufgehört, weil er gewußt hat, bald kommt der Zeitungsausträger und könnte ihn womöglich erwischen.

Doch, doch, sie ist wieder hergestellt, so weit jedenfalls, dass sie ohne fremde Hilfe zurecht kommt. Kinder wird sie halt nie haben können. Na ja, bei dem Gesicht wird auch keiner Lust bekommen, ihr welche zu machen, schätze ich.

Oh ja, er besucht mich schon öfter hier, und dann nimmt er sich auch Zeit, wirklich. Bringt mir einen Haufen Knabberzeug und Lesestoff, aber wenn er fort ist, wer blättert um, wer füttert mich? Haben ja alle keine Zeit.

Personalabbau allerorts, hast du eigentlich noch eine eigene Köchin, oder mußt du schon selber kochen? Dann müsstest du verhungern, was, an deine Eierspeisen kann ich mich nur zu deutlich erinnern, ha ha ha. Dabei kann man bei einer Eierspeise wirklich nichts verhauen. Außer sie verkohlen lassen, richtig.

Ob mir nicht ein Verdacht gekommen sei, wie der Franz die Alice so zugerichtet hat, wie meinst du das? Ob ich mich vor ihm gefürchtet habe, jemals? Du kannst fragen. Dir ist das bestimmt aufgefallen beim Klassen –treffen, der Franz und ich haben uns mit den anderen nicht viel abgegeben, wir haben uns soviel zu erzählen gehabt, er war ruhig und gefasst, die Sache mit der Alice dürfte ihm auch noch in den Knochen gesteckt sein, und er hat ein Mädchen kennengelernt, das ihm ziemlich viel bedeutet, seine Augen haben richtig geleuchtet, wenn er von der erzählt hat.

Beim Jacky – ja, den gibt’s noch – sind wir nachher ziemlich abgestürzt, er wurde richtig zudringlich, das hat er nie gehabt, auf einmal hat er mir den Arm um die Schultern gelegt und mir ganz leise was ins Ohr geflüstert, was ich in dem Rausch gar nicht richtig verstanden habe.

Indianer spielen und mich an den Marterpfahl binden lassen mochte ich schon als Kind nicht, schon im Sommer nicht, und schon angezogen nicht.

Ja, ja, alles was mir fehlt, ist mir in jener Nacht abgefroren, in der ich soviel Zeit gehabt habe, nachzudenken, was Menschen alles einfällt, und schließlich, als ich wieder einigermaßen nüchtern war, bin ich auch draufgekommen, was mir der Franz beim Jacky ins Ohr geflüstert hat: „Dich hab ich mir bis heute aufgehoben.“

© Maria Edelsbrunner 2001

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Nachts, im August

Er würde sie schon öfters chauffiert haben, aber erstmals träfen sich ihre Augen in seinem Rückspiegel länger als nur eine prüfende, sich vergewissernde Sekunde.

Ihr müder Körper schmiegte sich an die schattenhafte Gestalt eines Mannes, der zu ihr gehören müsse, und ihr Gesicht würde verschwinden und wieder auftauchen aus dem Dunkel im Rhythmus der auf dem Weg sich nähernden und entfernenden Straßenlampen.

Nur flüchtig auf den Verkehr achtend, würde sich sein Blick immer wieder im Rückspiegel verfangen, und auch sie sähe ihn sehr direkt, beinahe unverschämt an.

Ihr Kleid wäre blau, so tiefblau, dass es fast schwarz wirken würde, und wenn sie ausstiege und bezahlte, stumm lächelnd, streifte ihn ein leises Rascheln und ein Duft nach heißem Asphalt und Lavendel.

Erst ungeduldig hupende nachfolgende Autofahrer rissen ihn von dem seltsamen Schauspiel los, den das sich entfernende Paar gäbe.

Sie wären jung, gingen aber sehr gemäßigt, fielen bald in Gleichschritt, und sie hätte ihre Hand in einer federleichten Bewegung unter seinen Arm geschoben, so unglaublich graziös, dass es auffiele – dass ihm auffiele, wie plump Menschen sich bewegten.

An seinem Stammplatz am Bahnhof würde er sich eine Zigarette anzünden, um, wie er sich einreden würde, seine Gedanken besser sortieren zu können. Der Rauch wehte, blaue Falten werfend wie ihr tiefdunkles Kleid, zur halboffenen Seitenscheibe hinaus und formte ein durchscheinendes Gesicht, das er zu kennen glauben würde und sich – kaum erkannt – wieder auflöste.

Unlustig und wie in Watte gepackt würde er weitere Fahrten erledigen, und sein Wagen wäre gerade leer, wenn er sie stehen sähe, am selben Platz, an dem sie und ihr Begleiter ausgestiegen waren, er würde das Tempo verlangsamen, über ihr Gesicht huschte Wiedererkennen, er würde anhalten, sie einsteigen lassen, und sie würde sich wieder so hinsetzen, dass sie seine Augen im Rückspiegel sehen konnte. Und wenn er den Mund schon fast offen haben würde zum unvermeidlichen Wohin, legte sie ihm ihren Zeigefinger darauf und reichte ihm ein Stück Papier.

Er würde lesen, sie ansehen, wie sie gerade den Zeigefinger über ihre Lippen wandern und ihn nicht aus den Augen ließe, und losfahren.

Endlich wäre die Stadt so fern, die Fahrbahn so schmal und unwichtig, dass keine Straßenlampen mehr den Weg säumten und das Wageninnere vollends im Dunkel versänke. Nicht einmal ihr Kleid würde rascheln, sodass er sich zweimal vergewissern müsste, ob sie überhaupt noch da sei. Sie wäre – der Duft, den er schon kennen würde, wäre mit ihr gekommen.

Er hielte mitten auf einem Feldweg, zwischen hohen Maisfeldern, stiege aus und öffnete den Fond. Ein fast voller Mond beleuchtete spärlich zwei Gesichter voller Einverständnis – sie würden sich lange betrachten, bevor sie scheue, dann immer frechere Küsse tauschten, ließen ihre Haut unter fremden Händen erschauern, ihre Hände fremde Haut entdecken, glatte wie raue, trockene wie feuchte, Birne wie Kiwi, Steppe wie See. Jacke wie Hose, Kleid wie Strumpf wären im Weg und bald am Weg, und er würde in gleich zwei Meeren zu versinken glauben, eintauchen in dunkle Augen und andere Gewässer, mit Fingern über die samtigen Ränder von Lippen streichen, ein sehr nahes Atmen an seinem Ohr hören wie einen sehr fernen Wasserfall, und weil alles stumm geschähe und der Mais im Wind raschelte wie ein tiefdunkles Kleid und sie schweigend immer noch und nur sich im Rückspiegel betrachtend, ob etwas anders sei jetzt, zurückführen in die Stadt, wo sie in einer Wolke aus heißem Asphalt und Lavendel auf einmal neben seiner offenen Seitenscheibe stände und den Fahrpreis bezahlte, stumm lächelnd wie immer und sich raschelnd entfernte mit ihrem Gefährten, der schattenhaft aus einer dunklen Toreinfahrt gekommen wäre, mit federleicht verschlungenen Händen, würden sie in einiger Zeit nicht mehr so genau sagen können, was gewesen sei in dieser Nacht, und spätestens im Winter, bestimmt aber in einem Jahr würden sie sicher sein: unser Bewusstsein hat uns einen Streich gespielt, und ein Staubsauger hätte längst alles Papier aus dem Taxi entfernt.

© Maria Edelsbrunner 2001

vorwärtsgang

von innen schlagen hohe flammen an
ein grausam unermüdliches kraftwerk
das die neue wahrheit
selbst in die kleinsten kanäle leitet
unter den zehennägeln kommt sie noch hervor
aus den augen quillt sie noch in klebrigen
flüssigkeiten
über den fngerspitzen leuchtet sie noch
weithin
sodass
der sand unter den füßen
in den augen
sich färbt
sie eine schneckenspur auf den vielgeküssten
vielgeschlagenen hinterlässt
eine signalfahne rauches hinter einer
durch die tage lärmenden maschine weht

so hell schlagen die flammen
dass der weg unkenntlich wird
im flutenden licht
der weg den nachtkerzen und glühkäfer
beleuchtet haben
der blind zu finden war
aber sehend nichts weiter ist
als eine weitere müllgesäumte igelgepflasterte strasse
auf der es nur mehr
vorwärts geht

© 2002 Maria Edelsbrunner

erschienen in autorenmorgen 01, edition LUFTSCHACHT

Serpentina, das Schlänglein

Serpentina, das Schlänglein

Vor vielen, vielen Jahrhunderten, eigentlich nur vor vier Jahrhunderten und ein paar Dekaden, gab es einmal in einem weit entfernten, aber bereits sehr modernen Königreich wenig überraschend einen König und eine Königin. Der König war allerdings ein gar aberwitziger Typ und die Königin einfach nur schwanger.

Eines Tages, als die Sonne den widerwärtigen Morgennebel mit ihren Strahlen fortgepeitscht hatte und in das Königreich reingähnte, kam ganz zufälligerweise eine alte Zigeunerin beim Palast vorbei, die nicht nur für ihr verführerischen Gulasch, sondern auch noch für ihre Seherei und Weissagungen bekannt war. Der König, der ein Faible für alles Lustige und Weissagungen hatte, ließ die Zigeunerin rufen, und sie kam.

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Brief an Thomas

McLeod Ganj, Juli 2008

Lieber Thomas!

Du sagtest ich sollte schreiben weshalb ich schreibe oder was ein Schreibraum sei für mich.

Ich bin in Indien. Ist das ein Raum in dem man schreiben kann? Gedanken, Dinge, die dich beschäftigen, augenblicklich, über dich, weil du hier bist oder über dich, weil du nicht zu Hause bist. Aber was ist das schon und wo bist du jetzt? Hier zu schreiben. In einem Raum.

Ist ein Zugabteil ein Raum? Eine Zugfahrt in einem Zugabteil von Wien nach Leibnitz. Da sitzen dir Menschen gegenüber, die du nicht verstehst, obwohl sie dieselbe Sprache sprechen wie du, nur eben nicht deine. Da sitzen dir Menschen gegenüber, die dir Geschichten erzählen, die du nicht hören willst, eben wegen der Sprache. Wegen deiner und auch wegen ihrer. Da sitzen dir Menschen gegenüber, die dir Geschichten erzählen, weil sie eben auch sonst niemanden haben, der sie hört. Die Geschichten. Da zückst du unauffällig deinen Stift aus der Tasche, tust so als wolltest du etwas notieren. Ihre Not dein Regulativ. Und benutzt sie und ihre Unwissenheit, so wie sie dich benutzen. Schaffst dir deinen Raum. Brief an Thomas weiterlesen

Der Tod der Radfahrerin

Vor dem Gasthof stellt Rosa ihre Reisetasche ab. Mit einem Taschentuch wischt sie sich die Stirne trocken. Schweiß rinnt von ihren Achseln. Sie stützt sich am Torbogen ab. Der Stein fühlt sich bröselig an.

„Ich werde hinein gehen“, sagt sie.

Sie bückt sich nach der Tasche, die Schulter schmerzt vom Gewicht, sie öffnet die Tür und bückt sich wieder, weil der Torbogen so niedrig ist. Sie schaut sich um. Über ihr rissiges Holzgebälk. Unter ihr Kachelboden. Vor ihr ein Tischchen mit einer Holzfigur: Eine Frau, die Knie zur Brust gehoben, der Kopf nach vor gebeugt, Hände und Oberarme an den Kopf gepresst. Rosa berührt den Rücken der Gekrümmten.

„Sie wünschen?“, sagt jemand.

Rosa erschrickt.

„Sind Sie bei der Gruppe?“, fragt ein Mann.

„Ja.“

„Die Umweltgruppe?“

„Nein.“

„Die Familienaufstellung?“

„Nein, die Schreibgruppe.“

„Welche?“

Rosa nennt den Namen der Literatin.

„Ah, bei der“, sagt der Mann. Und dann: „Wir haben kein Doppelzimmer mehr, das Sie mit jemandem teilen könnten. Nur mehr Einzelzimmer. Ist leider teurer.“

Geld, denkt Rosa. Als wäre das noch wichtig. Der Mann führt sie eine Treppe hinauf, die Reisetasche muss sie tragen. Der Schlüssel, den er ihr in die Hand legt, ist so lang wie ein Suppenlöffel, und das Schloss zu ihrem Zimmer ist älter als Rosas Mutter.

Der Nachmittag ist noch etwas sonnig. Rosa geht im Garten umher und macht Fotos mit ihrem Handy. Vielleicht darf sie die Bilder mitnehmen. Erinnerungen vom letzten Tag. Aber auch das Handy werden sie ihr nehmen. Sie könnte ihren Freund anrufen. Und was sollte sie ihm sagen? Alles? Was könnte er tun? Nichts.

Sie denkt daran, dass sie mit ihm glücklich ist.

Glücklich war.

Eigentlich.

Bei Sonnenuntergang das gemeinsame Abendessen. Die Teller werden aufgefüllt. Jemand sagt Mahlzeit, Rosa greift nach der Gabel. Jemand erzählt Rosa irgendetwas. Rosa legt die Gabel zur Seite. Sie greift sich an den Hinterkopf. Dabei hatte sie noch so viel vor im Leben.

Zum Beispiel.

Dies.

Oder das.

Sie denkt an ihre Schwester. Die mit Haus und Mann, aber nicht an die, die jetzt durch Asien zieht und ab und an Postkarten schreibt, von Orten, die Rosa aus den Nachrichten kennt, wenn es wieder einmal Unruhen dort gibt und sich Mutter Sorgen macht.

Dann die erste Sitzung. Die Literatin kommt in den Saal, unter ihrem Arm ein Stapel Bücher. Feuerrotes Haar mit dunklem Ansatz. Die Literatin schreibt ihren Namen auf das Flip Chart. Malt eine Blume über dem I. Der Filzstift quietscht. Eine Minute lang. Wegen der vielen Blütenblätter. Die Literatin redet über das Ausschmücken von Texten. Weiblichkeit und Fülle in die Literatur bringen. Adjektiven den Raum geben, den sie verdienen. Duftende Sprache, meint sie. Und bunte Wörter. In der Vorstellungsrunde sagt Rosa, dass sie mit dem Schreiben angefangen hat, um sich über Dinge klar zu werden. Die anderen schauen sie an. Draußen klimpert ein Glockenspiel im Wind. Jetzt spricht wieder die Literatin. Die erste Aufgabe. Wir suchen Adjektive, die uns beschreiben. Rosa fragt sich, ob Rot ein Adjektiv ist.

Auch ein Mann ist dabei. Nachher stellt er sich zu Rosa. Sie war elf, als er geboren wurde. Was er denn bei Frauenliteratur zu suchen hätte.

„Ich will einen großen Frauenroman schreiben“, meint er.

Er schaut Rosa an.

„Frauen verstehen?“, fragt sie.

„Ja“, sagt er. „Frauen über dreißig.“

Sie sprechen über Literatur. Dann gehen sie auf sein Zimmer. Sie klettert auf das Hochbett, er stützt sie dabei, mit seiner Hand auf ihrem Po. Kondome? Das ist doch auch schon egal. Aber er hat welche. Er bemüht sich. Er bindet sogar ihr die Augen zu. Er rollt sie auf den Bauch, legt sich auf sie, seine Hände unterfassen ihre Brüste. Sie sagt, du kannst mir richtig wehtun. Er bemüht sich.

Als es vorbei ist, richtet sich Rosa auf, stößt mit dem Kopf an die Zimmerdecke. Sie krümmt sich, zieht den Kopf zum Kinn, umfasst ihren Schädel. Er berührt sie, sie schüttelt sich. Als sie wieder denken kann, nimmt sie die Augenbinde ab, steigt die Leiter hinab, sammelt ihre Sachen ein, geht in ihr Zimmer, wäscht sich das Gesicht. Die Reisetasche gepackt, die Hände in den Schoß gelegt, die Haare aus der Stirn gestreift. Das Fenster offen. Der Wind hat nachgelassen, das Glockenspiel schweigt. Um vier Uhr morgens ist es soweit. Es klopft. Rosa erhebt sich. Zwei Männer.

„Wir sind wegen dem Unfall hier“, sagt der eine.

„Wir sind wegen des Unfalls hier“, sagt der andere. „Gestern Nachmittag.“

Sie gehen die Treppe hinab, vorbei an der Gekrümmten aus Holz, dann durch den steinernen Torbogen hinaus ins Dunkle.

„Ist das ihr Wagen?“, fragt einer. Mit seiner Taschenlampe beleuchtet er die Kühlerhaube. Etwas wird sichtbar.

(Entstanden anlässlich der Schreibwerkstatt mit Robert Schindel in Langschlag, September 2005. Die Aufgabenstellung lautete: Einen Text zum Thema „Tod einer Radfahrerin“ oder „Tod eines Radfahrers“ zu schreiben. Dabei durfte der Tod des Radfahrers nicht expliziert werden (Aussparung). Der Schlusssatz war ebenfalls vorgegeben.)

Haiku

Eins:

Vor dem Glashaus liegt
ein Stein, doch nutzlos ist er,
zu schwer zum Werfen.

Zwei:

Drei kleine Haikus
spazierten auf der Straße,
Lastauto und aus.

Drei:

Ich schreibe Haikus
über Meere und Fische:
Hans Hass gab Hai Kuss.

Gehört am 11.9.2005 um 9:10 im Gasthof Wurzelhof in Langschlag bei Großgerungs:

Zur Nazizeit stand
dort nicht die Kaiserbüste?
Die? Steht immer noch.

(Die Haikus entstanden anlässlich der Schreibwerkstatt mit Robert Schindel September 2005. Die Aufgabenstellung lautete: Schreibe Haikus)