August Beckers Chronik vom Montag, den 17. 12. 2012
Sechs Uhr, der Radiowecker geht an, Sonny & Cher trällern „I got you babe“: wer kennt ihn nicht, den schrägsten Liebesfilm aller Zeiten, in dem ein Murmeltier names Phil die Hauptnebenrolle spielt? Der arme Phil wird – einem alten Brauch gemäß – am 2. Februar einfach aus seinem Bau gezerrt und fachmännisch beäugt, ob er seinen Schatten erblickt oder nicht, um daraus das nahe oder ferne Ende des Winters abzuleiten. Kein Scherz, sondern ein wahres alljährliches Event in Punxsutawney, Pennsylvania, das tausende Schaulustige anlockt. Naja, USA halt, werden die meisten meiner Leser denken.
Weit gefehlt! Denn wir Steirer sind noch dämlicher. In St. Jakob, einem bis vor kurzem unbekannten Ort am Fuße des ebenso unbekannten Klausenkogels, wird jedes Jahr vor Weihnachten ein Kater mit Federn und Lametta dekoriert, um anschließend das arme Tier mit Gejohle durch das Dorf zu jagen, zu „himpeln“, wie die Einheimischen es nennen. Und glaubt man den Übernachtungsstatistiken von St. Jakob, dann zieht dieses Spektakel namens „Klausenbärenhimpeln“ inzwischen schon fast so viele Schaulustige an wie Punxsutawney Phil. Der „uralte Brauch“ jährt sich heute immerhin schon zum zehnten Male und soll im nächsten Jahr in den Herbst verlegt werden, damit Promis wie Paris Hilton, die um Weihnachten keine Zeit zum Himpeln haben, auch daran teilnehmen können. Prost, alter Kater!
Blättern wir in den Annalen des 17. Dezember, so fällt auf, dass dieser Tag das Kuriose, Schräge, sprich das Himpelige anzuziehen scheint, so etwa die Einführung der Inquisition, den ersten motorisierten Flug, die Uraufführung einer unvollendeten Symphonie, einen besseren Menschen namens Lassie, die verstrahlten Simpsons und den in einer Massenhysterie resultierenden Tod von Kim-Jong-Il, dem II. Nicht zu vergessen, die Geburt Beethovens, des wohl einzigen Rockmusikers, der nicht durch seinen Verstärker taub geworden ist.
Ja, sogar August Becker lässt sich verhimpeln an diesem 17. Dezember und schreibt zum ersten Male Dankesworte in seine Chronik, für gezählte 257 Glückwunsch-Mails zu seinem gestrigen Geburtstag, die klingonischen und borginesischen noch gar nicht mitgerechnet, sein persönlicher Murmeltiertag sozusagen, inklusive De-ja-vue am Morgen. Aber nicht Sonny & Cher läuten den Tag ein, sondern dieses Dröhnen aus der Tiefe, dieses unheilvolle Grollen, das mit jedem Tag zunimmt. Vielleicht sind die Klingonen ja schon hier und bauen da unten ein Raumschiff, das sich am 21.12.2012 mit ganz Graz auf seinem Rücken in die Atmosphäre erhebt, um die Welt untergehen zu lassen. Oder die Borg haben Graz in eine riesige Aufladestation verwandelt und entziehen uns so viel Energie, dass wir nie wieder Plusgrade sehen werden. Oder aber diese Geräusche sind lediglich das Werk alphazentaurischer Witzbolde, die uns nur aus den Häusern treiben wollen, um anhand unserer Schatten Vorhersagen über ihren Winter zu machen. Quo vadis, quid eris, Styrian Punxsutawney?