Ein kollektives Frohes Fest!

All unseren Mitgliedern, Fans und Freunden, mit einer kleinen weihnachtlichen Geschichte!

Ein Familienfest

von Peter Heissenberger

Tief im Wald hinter einem hohen Gebirge liegt ein verborgenes Tal. Hier lebt ein Tier, das heute niemand mehr kennt. Und das ist wirklich schade, denn es gibt dieses Tier schon seit Anbeginn der Menschheit, nur scheinen wir es über die Jahre vergessen zu haben.
Dieses Tier ist das Geheuer.

„Geheuer?“, hör ich Dich jetzt fragen, lieber Leser, „Geheuer? Davon habe ich aber noch nie etwas gehört.“ Und darauf kann ich nur antworten: „Eben! Habe ich nicht gerade gesagt, dass die Menschen es vergessen haben?“
Jetzt wirst Du mir vielleicht nicht glauben, also werde ich es Dir beweisen. Denk nur zurück an all die Geschichten und Sagen aus grauer Urzeit. Wo es vor feuerspeienden Drachen, vielköpfigen Löwen und grimmigen Seeschlangen nur so wimmelt. Was ruft der Mensch seit jeher, wenn er sich einer derartigen Bestie gegenüber sieht? -> „Hilfe ein Ungeheuer!“
Nun frage ich Dich: Wie kann es ein Ungeheuer geben, wenn nicht gleichzeitig und noch viel länger auch das Geheuer existiert hat. Jenes dubiose Lebewesen über das sich das Un-Geheuer mit all seinem Schrecken erst definiert?
Es stellt unserer lauten, actionhungrigen und sensationsgeilen Zeit ein schlechtes Zeugnis aus, dass wir über all das Grauen das putzige, kleine Geheuer vollkommen vergessen haben, und auch ich hätte es wohl nie gefunden, hätte es in unserer Sprache nicht diese deutlichen Spuren hinterlassen.
Wie soll man sich also ein Geheuer vorstellen? Nun: Es ist – mit einem Satz – alles, was ein Ungeheuer nicht ist. Es ist klein, zutraulich, humorvoll, kann keiner Fliege etwas zu Leide tun und ist den ganzen Tag lang gut gelaunt. Jeder der es kennen lernt, der wird sofort sein Freund. Im Grunde ist es gar nicht traurig, dass es von den Menschen vergessen wurde. Die menschliche Hektik und ihr gestresstes Treiben laufen seinem beschaulichen Leben zutiefst zu wider. Das Geheuer schläft so lange es will. Wenn es Hunger hat, kriecht es aus seinem Bau und pflückt sich ein paar Beeren, die im Tal des Geheuers das ganze Jahr über reif und zuckersüß sind.
So lebt es seit vielen Jahrhunderten. Nur einmal im Jahr wird es etwas traurig. Wenn der Winter ins Land zieht und die Zeit auf Weihnachten geht. An diesen Tagen, an denen sich ein jeder mit seinen Geschenken zu den Verwandten begibt fühlt sich das Geheuer einsam. Natürlich hat es mehr Freunde als die meisten von uns und auch Geschenke gibt es reichlich, aber trotzdem: Wenn sich der dunkle Abend über das Tal legt, dann spürt es doch, dass es das einzige seiner Art ist.
Jedes Jahr lässt ihm dieser Gedanke keine Ruhe. Immer wieder zieht es herum, doch wohin es auch kommt, jedes Tier auf das es trifft ist ihm irgendwie …. nicht geheuer.

So begibt es auch in diesem Jahr. Der Weihnachtstag zieht heran, Schnee legt sich über das Tal. Und wie in den Jahren zuvor nimmt das kleine Geheuer am 24. seine Ski, stopft allerlei Proviant in den kleinen Rucksack und macht sich auf den Weg in die Wälder.
Wenn dieser Ausflug am Ende zu nichts anderem gut sein sollte, so erfreut sich das Geheuer doch immer wieder am Anblick der vereisten Tannenzweige, am Knirschen des Schnees und an der kalten, klaren Winterluft.
In diesem Jahr lacht ihm die Sonne besonders warm aufs Fell und auch die Skier gleiten besser als gewohnt. So hat es schon nach wenigen Stunden die äußerste Grenze seines Reviers erreicht und steht auf einem bislang unbekannten Hügel. Heute will es noch nicht umdrehen, einen derart schönen Tag nutzlos verstreichen zu lassen wäre ein Verbrechen, daheim würde es sowieso nichts versäumen und außerdem verspricht der eisige Weg vor ihm eine tolle Abfahrt.
Gesagt, getan, das Geheuer macht auf zu einer Entdeckungsreise. Eine Stunde zumindest. Kräftig stößt es sich ab, doch schon in der ersten Kurve bereut es seinen Übermut. Nur mit Mühe kann es sich auf dem Weg halten und wäre um ein Haar über eine Wechte gestürzt. Auch der nächste Bogen auf der unfreundlich hart gefrorenen Bahn kann nicht gerade als elegant bezeichnet werden, zum Glück sind seine Freunde jetzt alle zu Hause und sehen diesen ungelenken Eistanz nicht.
Es dauert zwei weitere Kurven, bis es sich auf die Verhältnisse eingestellt hat, aber trotz dieser Schwierigkeiten lässt sich der sprichwörtliche Geheuer – Humor nicht unterkriegen. Und so wird es von einer Bodenwelle zur nächsten gezaubert und lacht dabei über das ganze Gesicht. Es brüllt seine Freude über die rasante Schussfahrt laut heraus: „Holari – aho!!!“
Gerade als ein außenstehender Zuschauer das Gefühl bekommen könnte, das Schlimmste wäre überstanden nähert sich der kleine Schifahrer dem Fuß des Hügels. Und wie so viele Draufgänger vor ihm hat sich auch das Geheuer oben nicht überlegt, wie es seine Fahrt unten rechtzeitig beenden könnte. „OH – O!!“ ertönt es nun durch den Wald, „OH – O“, und ein pelziges, zipfelbemützes Geschoß fährt als letzen Ausweg geradewegs in einen zwei Meter hohen Baum. „OH – O! OH – Tannenbaum!“
Skier, Stöcke und ein prall gefüllter Rucksack fliegen in alle Richtungen davon während der Besitzer dieser Gegenstände wortlos im Geäst verschwindet.
Eine Minute lang tut sich nichts. Schnee rieselt von der Tanne und ein einsamer Ski steckt quer in ihrem Wipfel. Dann das erste Geräusch: Leises Grinsen, das sich binnen Sekunden zu einem Erdbeben aus Lachen steigert. Kurz darauf ist auch die Zipfelmütze wieder zu sehen, die zwar etwas schief aber immer noch fest auf dem Kopf des herzhaft lachenden Geheuers sitzt.
Wie man sehen kann ist ihm nichts passiert, seinen Humor verliert ein Geheuer sowieso nie und so hat es seine Sachen auch bald wieder eingesammelt. Nur seine Lust auf weitere Erkundungen, die hat es endgültig verloren.

Gerade als sich das Geheuer auf den Heimweg machen will hört es von weitem leises Lachen. Die Sonne steht noch immer hoch am Himmel und es ist von Natur aus neugierig. Wer mochte da wohl lachen?
Schon nach wenigen Metern wird das Lachen lauter und als das Geheuer eine schmale Fichte zur Seite biegt fällt sein Blick auf eine Lichtung auf der ein zotteliges, putziges Wesen um einen bunt geschmückten Baum tanzt. Das Geheuer stutzt, irgendetwas an diesem Anblick kommt ihm sonderbar vertraut vor. Mutig tritt es vor, schließlich ist jedermann des Geheuers Freund: „Wer bist denn Du?“
Das fremde Tier bleibt stehen, dreht sich um und meint ebenfalls sehr freundlich. „Ich bin das Getüm!“
„Was soll denn das sein? Ein Getüm?“
„Ein Getüm ist alles das, was ein Ungetüm nicht ist. Leider kennt mich heute kaum noch wer.“

Und so hat das Geheuer endlich seinen Vetter gefunden. Heute geht es nicht mehr nach Hause. Es holt die besten Stücke aus seinem Rucksack, tanzt gemeinsam mit dem Getüm um den Christbaum und ist von nun an auch an Weihnachten nie mehr einsam.

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Und Du, lieber Leser, wenn Du am Weihnachtstag in den Wald gehst, sei ganz leise und höre genau hin, vielleicht kannst Du beiden ja selbst singen, lachen und tanzen hören. Und wenn nicht, dann kannst Du mir zumindest glauben, dass sie jetzt ungeheuer glücklich sind.

Maria Edelbrunners „Vollbremsung“ als Hörbearbeitung

Voriges Jahr wurde  Maria Edelsbrunner beim Literaturwettbewerb „Wortschatz“ mit dem 1. Preis ausgezeichnet. Gestern wurden auf Radio Helsinki Wortschatz-Beiträge aus dem Jahr 2012 gesendet. Mit dabei auch Maria Edelbrunners Text „Vollbremsung“. Hier der Link zum Nachhören!

http://cba.fro.at/286932

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Fischtank

Fünf mal sieben mal drei. Ein Glasquader, grossflächige weisse Bodenfliesen, die Küchengeräte funkelten, Pfannen und Töpfe standen in polierten Edelstahlregalen. Frisches Obst und Gemüse war wie willkürlich im Raum verteilt, dreistöckige Torten, Hummer und Fleisch. Die Luft darin war zäh, trotz des Entlüftungssystems.

Sein Agent hatte ihm die Stelle vermittelt. „Diesmal kein Fotojob. Einfacher. Und besser bezahlt.“ Das Vorstellungsgespräch verlief komplikationslos. Ein neues Restaurant, kühl, cool, im Zentrum des loftähnlichen Speisesaales die Küche, die keine war, sein Platz an vier Abenden die Woche. „Schöne Menschen ziehen andere schöne Menschen an“, sagte der junge Geschäftsführer verträumt, „und genau die wollen wir hier haben.“ Die „Drecksarbeit“, wie man sich ausdrückte, fand einen Stock tiefer statt. Hier wurde gekocht. Geschwitzt.

An seinem ersten Tag wurde er nach unten geführt. Ein rotgesichtiger Koch nahm ihn in Empfang. „Ich bin der Albert. Ich zeige dir ein paar Handgriffe, damit du nicht ganz unglaubwürdig wirkst.“ Er lernte, wie man ein Messer hält, mit routinierten Bewegungen in einer Schüssel rührt, Zwiebeln klein schneidet, eine Pfanne schüttelt. „Nicht so verkrampft“, lachte Albert. „Is ja nicht so, dass dir was anbrennt.“  Nie zuvor war er in einer Restaurantküche gewesen. Die Stimmung faszinierte ihn. Knapp erteilte Befehle. Höchste Konzentration. Geschäftigkeit.

Oben war es einsam. Vier Abende die Woche bewegte er sich in seinem Glashaus wie ein seltener Fisch im Aquarium, bewundert und bestaunt von aussen. Er kannte sie alle. Die jungen Rock – Gören, die nach Dienstschluss am Mitarbeiterausgang auf ihn warteten, die gepflegten Damen, die ihm durch das Servierpersonal parfümierte Karten zusteckten, darauf die Telefonnummer ihres Chauffeurs. Anfangs hatte er abgelehnt, doch er verlor die Kraft, Ausreden zu erfinden, ging mit, in die nächste Lounge, auf ein paar Gin Cocktails oder Grey Gooses on the rocks, und am Morgen wachte er in fremden Betten auf, schlanke Arme und Beine an ihn geschmiegt, aber kalt.

Kurz vor Ladenöffnung, als die Assistentin die Requisiten ordnete wie vor einer Fernsehshow, legte er seine Hände gegen die Wand aus Glas, sein Atem beschlug die makellose Scheibe. Er liess seinen Blick über die elegante Einrichtung schweifen, gedämpfte Musik klang zu ihm herein, während die anderen seines Schwarmes sich in Position brachten, letzte Kontrollblicke in die Spiegelfliesen warfen, blütenweisse Schürzen glattstrichen, Lippenstifte nachzogen. Er erinnerte sich an einen Abend zuvor, als er mit Albert und den anderen Köchen, den echten Köchen, noch ein Bier getrunken hatte, in der Beiz um die Ecke, wo der Zigarettenmief nicht den durchdringenden Geruch von abgestandenem Fett und Schweiss überdecken konnte, man über die Arbeit redete und das Leben. Das harte, komplizierte, wunderbare Leben.

Die ersten Gäste wurden an ihre Plätze geführt, ihre Gesichter flimmerten erschöpft im bläulichen Licht. Er griff nach dem Ei, das in seiner Brusttasche lag, hob es hoch. Mit einem leisen Knacken zersprang es an der Scheibe.

Ihm schien es, als würde die Sonne explodieren.

Die Texte vom Improabend!

Am 25.11. haben die Schauspieler des Theaters im Stockwerk wieder einmal zu unseren Textanfängen improvisiert.
Für alle, die gerne wissen wollen, wie die Texte nach dem Willen des Autors / der Autorin weitergagangen wäre hier die Vollständigen Texte:

Text von Peter.
der von Maria
jener von Veronika
und der von Helmut

Diesmal waren die Graukos sogar im Bühneneinsatz
3 Graukos auf der Bühne

Texte der Improshow vom 20.5.

Unter großem Applaus ging gestern Abend der erste Improabend mit TiS und BlankTon über die Bühne. Hier nun, wie versprochen, für alle zum Nachlesen die vollständigen Texte so, wie sie sich die Autoren vorgestellt haben.

Und nicht vergessen, nächste Woche, am 27.5. steigt der zweite Improabend mit neuen Texte von Grauko. 20.00, Stockwerk. Be there!

Text von Isolde
Text von Helmut
Text von Maria
Text von Peter

Über das Verschellen

Über das Verschellen:

von Peter Heissenberger

Spuren waren für den Menschen seit jeher von extremer Bedeutung. So konnte es über Leben und Tod unserer Vorfahren entscheiden, zu wissen, ob Abdrücke im Sand von einem Säbelzahntiger oder einen Streifenhörnchen stammten. Unbekannte Fährten bedeuteten zuallererst Gefahr und mussten so schnell wie möglich abgeklärt werden. Es sind also verkümmerte prähistorische Instinkte, die sich dem modernen Menschen erhalten haben, wenn er sich in der sicheren Umgebung seines Wohnzimmers beim entspannten Lesen plötzlich fragt: „Wie mag wohl das Wort ausgesehen haben, das hier seine Spuren hinterlassen hat?“ Und vor allem: „Was ist mit ihm geschehen? Ist es verschwunden? Hat es je wirklich existiert? Oder ist es irgendwann verschollen?“

Betrachten wir doch nur diesen Absatz: Allein das letzte Wort: >>Verschollen.<< „Etwas ist verschollen“! Wir alle kennen dieses Wort, verwenden es täglich. Wie aber mag das Verb ausgesehen haben, das der beschriebenen Person ihr heutiges „verschollen sein“ erst ermöglicht hat?
Mit genau dieser Frage sah ich mich vor kurzem mitten in der Lektüre eines deutschen Klassikers konfrontiert und habe mich, als sie mir partout keine Ruhe lassen wollte, entschlossen, mich ihr auf dem Wege der schönsten aller uns zur Verfügung stehenden Künste zu nähern – nämlich dem der mathematischen Logik:

Lassen sie mich als ersten Schritt den Existenzbeweis führen, indem ich den folgenden fiktiven Zeitungsausschnitt zitiere:

„Der Südtiroler Extrembergsteiger und Abenteuersportler Reinhold Messner hat in seinem bewegten Leben viel erreicht. Er hat die Gipfel sämtlicher Achttausender, beide Pole, und auch sonst fast alle Orte, zu denen es keinen vernünftig denkenden Menschen je ziehen würde, teils alleine, ohne Sauerstoff und ohne die Unterhose zu wechseln etc. erreicht. Alles Leistungen, die ihm seinen Platz im Buch der Geschichte längst sichern – und doch blieb ihm eines stets verwehrt. Jene Leistung, die ihn gleichsam auf den Olymp der verwegenen Abenteurer, auf eine Stufe mit Scott, Mellory, St. Exypery, Franklin und Glenn Miller hieven würde. Bei all seinen Anstrengungen hat er bislang eines verabsäumt, nämlich zu verschellen.“

Damit wäre die Suche nach dem Wort eigentlich schon beendet: Verschellen!
Aber natürlich höre ich sofort ihre Einwände:

„Das Wort gibt es ja gar nicht.“

Dieses Argument kann ich zwar sofort mit dem Existenzbeweis entkräften, bin aber gerne bereit mich seiner abgeschwächten Form näher zu widmen:

„Das Wort habe ich bisher noch nie gehört.“

Das glaube ich ihnen ungesehen. Aber: Was ist mit: „Abderit“, „lenzen“, „Stase“, „refraktär“? Alles Wörter, die ich eben selbst, beim schnellen Griff in meinen Duden zum ersten Mal zu Gesicht bekommen habe. Selbstverständlich räume ich Herrn Duden in diesen Fragen weit größere Kompetenz ein. Aber auch er – und seine Nachfolger – können nichts erfinden sondern nur aus vorhandenen Texten zitieren. Die Rechtschreibprüfung meiner Textverarbeitung zum Beispiel akzeptiert „Verschellen“ seit zwei Minuten anstandslos.
Außerdem: Was ist mit solch schönen, neuhochdeutschen Wörtern wie emailen, layouten, carven, rendern, scannen und faxen? Auch diese wurden in den ersten 19 Jahrhunderten christlich abendländischer Kultur nicht gerade oft verwendet, trotzdem sind sie heute in aller Munde. Eine lebende Sprache ist nichts Konstantes. Neue Wörter entstehen, wenn sie zunächst vielleicht auch nur von wenigen Experten verwendet werden. Andere werden über Nacht zu Modewörtern, sind urplötzlich in, hipp, total cool und aus unserem täglichen Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken. Wieder andere hingegen legen mit der Zeit Staub an, geraten in Vergessenheit bis sie schließlich verschellen.
– Seien Sie jetzt bitte ehrlich, beim zweiten Mal sind sie vom Auftauchen dieses Wortes schon bedeutend weniger überrascht worden. Lesen sie diesen Text zu Ende, und auch sie werden verschellen in ihren täglichen Wortschatz übernehmen.

Damit zum nächsten Einwand: „Wie soll das überhaupt ausschauen: Verschellen? Wie verschillt man?“

Ein sehr gutes Argument. Auch der leidenschaftlichste Verschellologe (gut: ich verspreche dieses Wort werde selbst ich nie wieder verwenden.) Also: selbst der leidenschaftlichste Verfechter der Existenz des Wortes „Verschellen“ wird zugeben müssen, dass er sich keine realistische Situation vorstellen kann in der ein, im Verschellen befindlicher Abenteurer mit angstvoll aufgequollenen Augen und hysterischer Stimme aufschreit: „Hilfe, ich verschelle!“
Zugegeben! Das jedoch liegt einzig und allein in der Natur des Verschellens. Demjenigen, der verschillt ist sein Tun im entsprechenden Moment gar nicht bewusst, da es ja auch keine von ihm selbst aktiv ausgehende Tätigkeit ist. Der Verschellende selbst weiß möglicherweise sehr genau, wo er sich befindet, oder dass er schon lange tot ist. Er kann jedoch in seiner augenblicklichen Lage nicht beurteilen, ab welchem Zeitpunkt er für andere als verschollen gilt. Oder um mit Einstein zu reden: Alles ist relativ und rein vom Standpunkt des Betrachters abhängig. Der für sein Land verschollene amerikanische Soldat kann möglicherweise seit 40 Jahren an einem dem vietnamesischen Geheimdienst sehr wohl bekannten Ort verscharrt sein.

Um weiteren Begriffsverwirrungen vorzubeugen ist es jetzt vielleicht an der Zeit, folgenden Satz zu formulieren:

Satz: (vom Verschellen)
Es kann nichts verschollen sein, ohne vorher zu verschellen.

Nach allgemeinen Grundsätzen der menschlichen Logik, mit speziellem Verweis auf den Existenzbeweis und das Prinzip von Ursache und Wirkung kann man den Beweis dieses Satzes wohl als trivial betrachten. Und damit sei der Frage nach Existenz und Sinnhaftigkeit des Wortes fürs erste zur Genüge Beachtung geschenkt. Wenden wir uns lieber, um allen obig erwähnten Zweiflern gerecht zu werden, dem genauen Zeitpunkt des Verschellens zu:

Gehen wir dazu an den Anfang zurück: Zwei Dinge sind notwendige und hinreichende Grundvoraussetzungen für den Verschollenen:
1. Seine Existenz.
Mit anderen Worten, zu einem beliebigen Zeitpunkt, (im weiteren T0), muss er – durch verlässliche Quellen bestätigt – existiert haben. Aus dieser Voraussetzung kann man sofort ableiten, dass Betrachtungen über das Verschellen des Yetis auf der Basis meiner Theorien (noch) nicht angestellt werden können.
Die zweite ebenso triviale Voraussetzung, ist das Verschollen sein zu einem Zeitpunkt T1.
Aus diesen beiden Voraussetzungen lässt sich folgendes Lemma definieren:

Lemma:
Für alle Verschollenen gilt: T1 > T0

Beweis: (indirekt) Annahme: Sei T0 >= T1. In diesem Fäll wäre die Existenz des Verschollenen einwandfrei belegbar zu einem Zeitpunkt, der nach dem vorgegebenen Verschellen liegt. Das hieße aber, der angeblich Verschollene war maximal für eine gewisse Zeit verschwunden, kann jedoch in unserem Sinn nicht als verschollen bezeichnet werden, die Zubilligung des Verschellens wäre somit vorschnell erfolgt.

Somit hat uns dieser Beweis gleichzeitig einen weiteren wichtigen Begriff geliefert: Das Verschwinden. Das Verschwinden ist der eigentliche Grund, warum das Verschellen zunächst nicht als ein solches erkannt wird und dadurch in unserem schlampigen Sprachgebrauch so gerne übergangen wird und damit halten wir endlich sämtliche Bausteine für das folgende Modell in Händen:

Das 5 Phasen Modell des Verschellens:

1. Phase: Gesicherte Existenz
2. Phase: Verschwinden
3.Phase: Verschwunden sein
4. Phase: Aktives Verschellen
5. Phase: Verschollen sein

Zur Erklärung:
In der ersten Phase wird der Abenteurer geboren, geht zur Schule und wird von der Abenteuerlust gepackt. Er bricht zu einer gewagten Expedition auf und verschwindet in der zweiten Phase. Nachdem er eine Zeit lang verschwunden geblieben ist (Phase 3) verschillt er und wird schließlich als verschollen angesehen (Phase 5). In Nachhinein betrachtet werden die Phasen 3 und 4 dann allerdings nur zu gerne übersehen. Wird einer Person nämlich einmal das „verschollen sein“ zugestanden, wird automatisch der Zeitpunkt des Verschellens mit dem Zeitpunkt des Verschwindens gleichgesetzt und aufgrund der oben geschilderten Problematik der Wahrnehmung des Verschellens einfach übersehen. Zurück bleibt also ein stark vereinfachtes Modell, das jedoch dem subjektiven Zeitempfinden der meisten Menschen genügt, nämlich:

Existieren – Verschwinden – Verschollen sein.

Dabei wäre es wichtig die grundsätzliche Analogie der beiden Vorgänge: „Verschwinden – Verschwunden sein“ und „Verschellen – Verschollen sein“ zu betrachten.

Auch der Verschwindende kann sich über den Erfolg seines Vorhabens nie sicher sein, wenn er großspurig ankündigt: „Ich verschwinde jetzt.“ Weltraumgestützte Spionagesatelliten können heutzutage selbst die dunkelsten Winkel bestens ausleuchten.
Der Verschellende noch viel mehr als der Verschwindende ist überdies von einer dritten Voraussetzung abhängig: Dem Vermissen. Man kann so gut verschollen sein wie man will, wenn einen keiner vermisst, wird das niemand bemerken. Dann kann man genau so gut gar nie existiert haben. Was uns wieder zum Satz vom Verschellen bringt, den ich gerne folgendermaßen erweitern möchte:

Satz vom Verschollen sein:
Es kann nur verschollen sein, an dessen Existenz man sich nach dem Verschellen noch erinnern kann.

Betrachten wir doch nur das Wort „verschellen“ selbst. Vor langer Zeit muss es aufgrund des Satzes vom Verschellen einmal existiert haben, ob es dann je verschollen ist, kann pikanterweise nicht mit Sicherheit behauptet werden, da es möglicherweise einfach nur vergessen wurde. Erst durch sein offensichtliches Fehlen im Fünf Phasen Modell wurde es von mir wieder vermisst und kam dadurch quasi rückwirkend in den Genuss des Verschollen Seins, dem es durch die erste Erwähnung in diesem Text sofort wieder entrissen wurde. Ein abenteuerliches Schicksal, von dem auch ein Reinhold Messner nur Träumen kann!

Mir bleibt zum Abschluss nur eine Bitte: Helfen sie einem lange Zeit verschollenen Wort auf seinem Weg zurück in die Gesellschaft unserer Wörterbücher und lassen sie in Zukunft zumindest jeden zweiten Tag etwas verschellen.
Vielen Dank!

(Zur weiteren Erklärung, der in diesem Artikel verwendeten mathematischen Fachtermina verweise ich auf weiterführende Literatur, im besonderen auf:
„Analysis I – Eine integrierte Darstellung“ von Kurt Endl und Wolfgang Luh, aus dem Aula Verlag in Wiesbaden. Speziell Seiten 63 – 68 und 122 / 123.
und
„Wahrscheinlichkeitstheorie und ihre Anwendungen.“ von Erwin Kreyszig, Verlag: Vandenhoeck und Hubcek.)

Er nannte sie Madonna

Er nannte sie Madonna.

Er hatte sie immer so genannt, sie wusste nicht mehr, seit wann sie den Namen hatte. Jemand war auf die Farm gekommen, unsichtbar, in der Nacht, hatte einen Zettel hinterlassen. Komm zum großen Mangobaum, am Ende der Reisfelder, wo der Pfad auf den Berg beginnt. Komm allein. Morgen, mit Einbruch der Dunkelheit.

Nun stand sie ihm gegenüber, und sie hatte entsetzliche Angst.

Du musst zahlen, Madonna, sagte er, und der Boden unter ihr gab nach und drohte sie zu verschlingen.
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Canyon Sin Nombre

Die Straße begann zu fallen. Im Grunde war es keine Straße, wir folgten den Fahrspuren einiger Geländewagen, die irgendwann hier gefahren waren. Das Asphaltband, von dem wir abgezweigt waren, war noch im Rückspiegel zu sehen, wurde schmäler und verschwand. Der Wagen holperte über Steine, wich einigen Kakteen aus, verschluckte Creosotebüsche, die ein hässlich kratzendes Geräusch auf der Bodenplatte erzeugten.

Sebastian saß am Beifahrersitz neben mir und schwieg. Als der Untergrund kurzzeitig etwas ebener wurde und meine Aufmerksamkeit sich etwas entspannen durfte, blickte ich ihn von der Seite an. Er saß nach vorne gebeugt und hielt sich am Türgriff fest. Seine Lippen waren aufeinandergepresst, seine Augen größer als sonst, geweitet von angespannter Erwartung, und gleichzeitig war da ein Leuchten. Bist du ok, fragte ich ihn. Er nickte und schwieg weiter.

Der Boden wurde wieder schwierig, ich musste nach vorne sehen. Das Gelände fiel stärker, gleichzeitig mischte sich der harte Untergrund mit Sand. In der Ferne war eine ebene Fläche zu erkennen, an deren Ende eine senkrechte Felswand, wie eine Mauer. Aber noch war der Abfall zu bewältigen. Der weiche Untergrund erzeugte wenig Geräusch, wir glitten wie auf Wasser dahin. Sebastians Atmen war zu hören. Wir rutschten nach unten, den einsamen Spuren nach, gezogen von Fahrzeugen, die für diesen Boden geeignet waren. Im Gegensatz zu unserem. Es wurde steiler, der Sand nahm zu, der Wagen rutschte, reagierte verzögert, widerstrebend auf meine Lenkmanöver. Ich konnte wenig tun, nicht stehenbleiben, nicht bremsen, nur starr nach vorne sehen und versuchen große Steine zu umschwimmen. Wir fuhren in einen Abgrund, auf einem Boden, der sich langsam nach unten neigte, zumindest schien es so. Wir fuhren in ein Loch, direkt zum Mittelpunkt der Erde, in Dürrenmatts Tunnel, jenem aus der Geschichte ohne Ende.
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Lorikeets

Ich hatte meinen Missmut mit einigen Gläsern mittelmäßigen italienischen Weins betäubt und mir selbst ausreichend Leid getan, ob meines widerlichen Schicksals. Draußen lag eine laue Sommernacht, und das Zirpen der Grillen klang durch das halb geöffnete Fenster wie höhnisches Lachen. Meine Augenlider waren schwer geworden, und der Text auf dem Blatt vor mir verschwamm. Nur der Ärger hielt mich wach. Der Ärger über mich selbst, der ich hier saß und die Aufsätze von Menschen las, die ich nicht kannte. Der Ärger über die Schreiber der Aufsätze, die mir die Zeit raubten, und die Chance, auf der Terrasse zu sitzen und guten Wein zu trinken. Der Ärger über das Geschreibsel, durch das ich mich hier quälte.
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Chlorid

Draußen der Nebel, und ich sitze seit viereinviertel Stunden auf meiner blauen Couch. Es dämmert. Ich höre mich atmen.

Ich mag diese Couch. Die Lehnen sind schräg. Man kann sich bequem nach hinten lehnen. Vor viereinviertel Stunden habe ich die Handflächen neben meine Oberschenkel gelegt. Dort sind sie immer noch. Wenn ich etwas bewege, dann hauptsächlich die Augen und nur wenig den Kopf.

Das Wohnzimmer ist geräumig.

Links die drei Fenster. Keine Vorhänge, keine Jalousien. Ich habe in der Regel nichts zu verbergen.

Rechts die Wohnküche.

Weiße Kästen, alles sauber. Ich habe in der Regel nichts zu kochen.

Hinter mir eine Wand mit dem gemalten Bild. Wenn ich mich umdrehte, könnte ich es sehen. Aber das tue ich lieber nicht. Vor viereinviertel Stunden ist es noch da gehangen. Wenn es jetzt fort wäre, es würde meine Situation verkomplizieren. Darum denke ich mir, dass es noch da ist. Chlorid weiterlesen

Zuggeschichte

Ein fiktionaler Extrakt einer Autobiographie

Zuggeschichte

Sie studierte Literatur. Aber viel lieber studierte sie das Leben. So saß sie eines Tages im Zug nach Graz, nahm ihre Mappe über Britische Literatur des 20. Jahrhunderts heraus und tat so, als ob sie lernen würde. Im Abteil, einem geschlossenen Abteil der Österreichischen Bundesbahnen, saßen außerdem drei Frauen, eine wesentlich jünger als sie, mit pinkgefärbten, kurzen Haaren und einigen Piercings, und eine Braunhaarige (aber irgendwie auch nicht naturecht ), die scheinbar etwa gleich war alt wie sie, was man heutzutage ja nicht mehr so genau schätzen kann. Die dritte Frau war wesentlich älter, mit ersten grauen Haaren – naturecht. Diese unterhielt sich mit der Frau mit den braunen Haaren über Schwarze. Afrikaner. “Ja, das is halt so wie bei uns. Da gibst auch schöne und net so schöne Männer. Der von Herzblatt, der Moderator, der g‘fällt mir.“ Wobei die jüngere Frau meinte: “Schweizer sind fesch“. Zuggeschichte weiterlesen

Secret Lover Industry

She works for the Secret Lover Industry,
the SLI,
creeps out at night to do her job in
cheap hotels, or luxury ones
– depending –
meeting him at
secret corners,
secret park benches
on a rainy day,
in foggy nights.
She works with more or less delight.
Her code name is ‘business meeting’,
‘sports club’, ‘traffic jam’,
‘exhaustion’.
Her working dress is stunning,
her lip-stick less deceptive
than a contraceptive.
She’s always needed, when she is there.
Her rewards are flirtations, sex,
or bar-seat-chats, a ride into the
country-side, a bundle of
compliments to feed on
in lonely nights.
Her contract may expire,
but never her desire for
the man she will never earn.
Their love is not meant to
be sanctioned, by the church,
or children, if they knew,
by spouses, who pretend
to have no clue.
But there she walks, or takes the bus,
the tube, the tram, or even plane,
clinching to her hand-bag filled with contraceptives,
make-up, tissues – for potential
break-ups.
She works in the most unexpected places.
Sometimes her work is art, when she
mends lonely heArts with pieces of
her own that will never be replaced.
She works for the Secret Lover Industry,
like so many others, who could not
find a better job, or did not want to,
or never cared, or had no choice.
They are Love’s outcasts, Love’s slaves,
Love’s part-time-only.
But they are devoted and
sometimes, sometimes,
they are truly loved.

Vortex

(W)VORT(D)EX

(Am Anfang war das Wort)

What vortex of images and sounds

My brain contains

Like a tornado it sweeps across my

Mental landscape and

Leaves me unsettled

Off the coast and off the

Shores ship-wrecked in my

own cacophonious songs

I drown in my bewilderedness

of silent dissonance

I burst my lungs with

vocal disasters

my chest explodes

explodes

I  ->  dIe(ye)

no sign

no song

remains

but

in my dreams I shelter opera stars

haunted by Verdi, the  good old chap,

lurking

behind the curtains

“Applause” “Applause”

ClapClapClapClapClapClap

“Bravo”

I scream:

“Ice cream“

I laugh

And fill my lungs with air

I look at the sky and

suck in the atmosphere and

shout:

B L U E

And the sky reddens

And darkens

And the stars shine

And speak to me of

Their existence in the distance

And I see each of them

Children of the Evolution

Blasted too

And I start  out  to eat them and

Taste their  Milky Way substance and

Giggle and get hungry for the planets

And I eat them too:

one by one, two by two, by three

Mercury

Venus

Earth, Mars

Jupiter, Saturn

Uranus, Neptune, Pluto

SUN I ate you too

MOON, how I loved you!

And everything stops spinning

And       everything    succumbs

And everything disappears

Into the vortex of

Images

and

Sounds

I

D

R

O

W

N

© Martina Pfeiler 2002

Das war schon ein komisches Gefühl …

Das war schon ein komisches Gefühl, als ich ihr sagte, dass ich sie betrogen hatte. Ich kann nicht unbedingt sagen, dass es mich sonderlich viel Überwindung gekostet hatte, aber irgendwie war das schon auch neu für mich. Ich meine, ich hab das schon länger gewusst, dass ich es ihr sagen würde, aber geplant, wann, wie, warum eigentlich es ihr überhaupt sagen, nicht wirklich. Aber sie hätte das irgendwann sowieso herausgefunden. Also warum ihr das nicht selbst sagen. Ist irgendwie auch einfacher jemanden mit solchen Dingen zu überraschen, als selbst von ihnen überrascht zu werden. Jemanden zu betrügen ist ja nicht gerade Weihnachten oder Geburtstag. Vielleicht aber manchmal genauso belanglos.
Das war schon ein komisches Gefühl … weiterlesen

Räuberschlacht oder das Rezept

Vor vielen, vielen Jahrhunderten, eigentlich nur vor vier Jahrhunderten und ein paar Dekaden, in einem fernen, aber bereits sehr modernen Land, gab es einmal einen unanständig attraktiven Joachim Jürgen Hans Peter Jochen und einen vollkommen unscheinbaren Boso. Beide ihres Zeichens Lehrlinge und in ihren Wanderjahren. Damals waren Wanderjahre wirklich hart, hatten meist nichts mit parteipolitischen Jahreszeremonien zu Beginn des Wonnemonats Mai zu tun, dauerten dafür aber umso länger. Joachim Jürgen Hans Peter Jochen und Boso hatten sich an einer Wegkreuzung ihrer Wanderjahre getroffen und schlugen gemeinsam nach kurzem Personalienexchange der Wegkreuzung ansehnlichstes Kind ein.
Räuberschlacht oder das Rezept weiterlesen

Altes Rein und Raus

Mechthilde, Wiltrud und Thilo waren Synchronsprecher eines österreichischen Pornovideoringes. Davon wussten aber nur sie selbst und ihr Arbeitgeber. Amtlich war man Reinigungspersonal. Viel hatte man sich nicht zu erzählen, trug man doch die gleiche Alltagslast, wie jeder andere. Das ist so, altert man an. Rein ins Leben und irgendwann mal wieder raus. Man lauschte da lieber der Seufzerei Österreichs. Nur zuhören, gleichmäßiges Kopfnicken, kein Kommentar.
Altes Rein und Raus weiterlesen