Ein kollektives Frohes Fest!

All unseren Mitgliedern, Fans und Freunden, mit einer kleinen weihnachtlichen Geschichte!

Ein Familienfest

von Peter Heissenberger

Tief im Wald hinter einem hohen Gebirge liegt ein verborgenes Tal. Hier lebt ein Tier, das heute niemand mehr kennt. Und das ist wirklich schade, denn es gibt dieses Tier schon seit Anbeginn der Menschheit, nur scheinen wir es über die Jahre vergessen zu haben.
Dieses Tier ist das Geheuer.

„Geheuer?“, hör ich Dich jetzt fragen, lieber Leser, „Geheuer? Davon habe ich aber noch nie etwas gehört.“ Und darauf kann ich nur antworten: „Eben! Habe ich nicht gerade gesagt, dass die Menschen es vergessen haben?“
Jetzt wirst Du mir vielleicht nicht glauben, also werde ich es Dir beweisen. Denk nur zurück an all die Geschichten und Sagen aus grauer Urzeit. Wo es vor feuerspeienden Drachen, vielköpfigen Löwen und grimmigen Seeschlangen nur so wimmelt. Was ruft der Mensch seit jeher, wenn er sich einer derartigen Bestie gegenüber sieht? -> „Hilfe ein Ungeheuer!“
Nun frage ich Dich: Wie kann es ein Ungeheuer geben, wenn nicht gleichzeitig und noch viel länger auch das Geheuer existiert hat. Jenes dubiose Lebewesen über das sich das Un-Geheuer mit all seinem Schrecken erst definiert?
Es stellt unserer lauten, actionhungrigen und sensationsgeilen Zeit ein schlechtes Zeugnis aus, dass wir über all das Grauen das putzige, kleine Geheuer vollkommen vergessen haben, und auch ich hätte es wohl nie gefunden, hätte es in unserer Sprache nicht diese deutlichen Spuren hinterlassen.
Wie soll man sich also ein Geheuer vorstellen? Nun: Es ist – mit einem Satz – alles, was ein Ungeheuer nicht ist. Es ist klein, zutraulich, humorvoll, kann keiner Fliege etwas zu Leide tun und ist den ganzen Tag lang gut gelaunt. Jeder der es kennen lernt, der wird sofort sein Freund. Im Grunde ist es gar nicht traurig, dass es von den Menschen vergessen wurde. Die menschliche Hektik und ihr gestresstes Treiben laufen seinem beschaulichen Leben zutiefst zu wider. Das Geheuer schläft so lange es will. Wenn es Hunger hat, kriecht es aus seinem Bau und pflückt sich ein paar Beeren, die im Tal des Geheuers das ganze Jahr über reif und zuckersüß sind.
So lebt es seit vielen Jahrhunderten. Nur einmal im Jahr wird es etwas traurig. Wenn der Winter ins Land zieht und die Zeit auf Weihnachten geht. An diesen Tagen, an denen sich ein jeder mit seinen Geschenken zu den Verwandten begibt fühlt sich das Geheuer einsam. Natürlich hat es mehr Freunde als die meisten von uns und auch Geschenke gibt es reichlich, aber trotzdem: Wenn sich der dunkle Abend über das Tal legt, dann spürt es doch, dass es das einzige seiner Art ist.
Jedes Jahr lässt ihm dieser Gedanke keine Ruhe. Immer wieder zieht es herum, doch wohin es auch kommt, jedes Tier auf das es trifft ist ihm irgendwie …. nicht geheuer.

So begibt es auch in diesem Jahr. Der Weihnachtstag zieht heran, Schnee legt sich über das Tal. Und wie in den Jahren zuvor nimmt das kleine Geheuer am 24. seine Ski, stopft allerlei Proviant in den kleinen Rucksack und macht sich auf den Weg in die Wälder.
Wenn dieser Ausflug am Ende zu nichts anderem gut sein sollte, so erfreut sich das Geheuer doch immer wieder am Anblick der vereisten Tannenzweige, am Knirschen des Schnees und an der kalten, klaren Winterluft.
In diesem Jahr lacht ihm die Sonne besonders warm aufs Fell und auch die Skier gleiten besser als gewohnt. So hat es schon nach wenigen Stunden die äußerste Grenze seines Reviers erreicht und steht auf einem bislang unbekannten Hügel. Heute will es noch nicht umdrehen, einen derart schönen Tag nutzlos verstreichen zu lassen wäre ein Verbrechen, daheim würde es sowieso nichts versäumen und außerdem verspricht der eisige Weg vor ihm eine tolle Abfahrt.
Gesagt, getan, das Geheuer macht auf zu einer Entdeckungsreise. Eine Stunde zumindest. Kräftig stößt es sich ab, doch schon in der ersten Kurve bereut es seinen Übermut. Nur mit Mühe kann es sich auf dem Weg halten und wäre um ein Haar über eine Wechte gestürzt. Auch der nächste Bogen auf der unfreundlich hart gefrorenen Bahn kann nicht gerade als elegant bezeichnet werden, zum Glück sind seine Freunde jetzt alle zu Hause und sehen diesen ungelenken Eistanz nicht.
Es dauert zwei weitere Kurven, bis es sich auf die Verhältnisse eingestellt hat, aber trotz dieser Schwierigkeiten lässt sich der sprichwörtliche Geheuer – Humor nicht unterkriegen. Und so wird es von einer Bodenwelle zur nächsten gezaubert und lacht dabei über das ganze Gesicht. Es brüllt seine Freude über die rasante Schussfahrt laut heraus: „Holari – aho!!!“
Gerade als ein außenstehender Zuschauer das Gefühl bekommen könnte, das Schlimmste wäre überstanden nähert sich der kleine Schifahrer dem Fuß des Hügels. Und wie so viele Draufgänger vor ihm hat sich auch das Geheuer oben nicht überlegt, wie es seine Fahrt unten rechtzeitig beenden könnte. „OH – O!!“ ertönt es nun durch den Wald, „OH – O“, und ein pelziges, zipfelbemützes Geschoß fährt als letzen Ausweg geradewegs in einen zwei Meter hohen Baum. „OH – O! OH – Tannenbaum!“
Skier, Stöcke und ein prall gefüllter Rucksack fliegen in alle Richtungen davon während der Besitzer dieser Gegenstände wortlos im Geäst verschwindet.
Eine Minute lang tut sich nichts. Schnee rieselt von der Tanne und ein einsamer Ski steckt quer in ihrem Wipfel. Dann das erste Geräusch: Leises Grinsen, das sich binnen Sekunden zu einem Erdbeben aus Lachen steigert. Kurz darauf ist auch die Zipfelmütze wieder zu sehen, die zwar etwas schief aber immer noch fest auf dem Kopf des herzhaft lachenden Geheuers sitzt.
Wie man sehen kann ist ihm nichts passiert, seinen Humor verliert ein Geheuer sowieso nie und so hat es seine Sachen auch bald wieder eingesammelt. Nur seine Lust auf weitere Erkundungen, die hat es endgültig verloren.

Gerade als sich das Geheuer auf den Heimweg machen will hört es von weitem leises Lachen. Die Sonne steht noch immer hoch am Himmel und es ist von Natur aus neugierig. Wer mochte da wohl lachen?
Schon nach wenigen Metern wird das Lachen lauter und als das Geheuer eine schmale Fichte zur Seite biegt fällt sein Blick auf eine Lichtung auf der ein zotteliges, putziges Wesen um einen bunt geschmückten Baum tanzt. Das Geheuer stutzt, irgendetwas an diesem Anblick kommt ihm sonderbar vertraut vor. Mutig tritt es vor, schließlich ist jedermann des Geheuers Freund: „Wer bist denn Du?“
Das fremde Tier bleibt stehen, dreht sich um und meint ebenfalls sehr freundlich. „Ich bin das Getüm!“
„Was soll denn das sein? Ein Getüm?“
„Ein Getüm ist alles das, was ein Ungetüm nicht ist. Leider kennt mich heute kaum noch wer.“

Und so hat das Geheuer endlich seinen Vetter gefunden. Heute geht es nicht mehr nach Hause. Es holt die besten Stücke aus seinem Rucksack, tanzt gemeinsam mit dem Getüm um den Christbaum und ist von nun an auch an Weihnachten nie mehr einsam.

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Und Du, lieber Leser, wenn Du am Weihnachtstag in den Wald gehst, sei ganz leise und höre genau hin, vielleicht kannst Du beiden ja selbst singen, lachen und tanzen hören. Und wenn nicht, dann kannst Du mir zumindest glauben, dass sie jetzt ungeheuer glücklich sind.

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Maria Edelbrunners „Vollbremsung“ als Hörbearbeitung

Voriges Jahr wurde  Maria Edelsbrunner beim Literaturwettbewerb „Wortschatz“ mit dem 1. Preis ausgezeichnet. Gestern wurden auf Radio Helsinki Wortschatz-Beiträge aus dem Jahr 2012 gesendet. Mit dabei auch Maria Edelbrunners Text „Vollbremsung“. Hier der Link zum Nachhören!

http://cba.fro.at/286932

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Fischtank

Fünf mal sieben mal drei. Ein Glasquader, grossflächige weisse Bodenfliesen, die Küchengeräte funkelten, Pfannen und Töpfe standen in polierten Edelstahlregalen. Frisches Obst und Gemüse war wie willkürlich im Raum verteilt, dreistöckige Torten, Hummer und Fleisch. Die Luft darin war zäh, trotz des Entlüftungssystems.

Sein Agent hatte ihm die Stelle vermittelt. „Diesmal kein Fotojob. Einfacher. Und besser bezahlt.“ Das Vorstellungsgespräch verlief komplikationslos. Ein neues Restaurant, kühl, cool, im Zentrum des loftähnlichen Speisesaales die Küche, die keine war, sein Platz an vier Abenden die Woche. „Schöne Menschen ziehen andere schöne Menschen an“, sagte der junge Geschäftsführer verträumt, „und genau die wollen wir hier haben.“ Die „Drecksarbeit“, wie man sich ausdrückte, fand einen Stock tiefer statt. Hier wurde gekocht. Geschwitzt.

An seinem ersten Tag wurde er nach unten geführt. Ein rotgesichtiger Koch nahm ihn in Empfang. „Ich bin der Albert. Ich zeige dir ein paar Handgriffe, damit du nicht ganz unglaubwürdig wirkst.“ Er lernte, wie man ein Messer hält, mit routinierten Bewegungen in einer Schüssel rührt, Zwiebeln klein schneidet, eine Pfanne schüttelt. „Nicht so verkrampft“, lachte Albert. „Is ja nicht so, dass dir was anbrennt.“  Nie zuvor war er in einer Restaurantküche gewesen. Die Stimmung faszinierte ihn. Knapp erteilte Befehle. Höchste Konzentration. Geschäftigkeit.

Oben war es einsam. Vier Abende die Woche bewegte er sich in seinem Glashaus wie ein seltener Fisch im Aquarium, bewundert und bestaunt von aussen. Er kannte sie alle. Die jungen Rock – Gören, die nach Dienstschluss am Mitarbeiterausgang auf ihn warteten, die gepflegten Damen, die ihm durch das Servierpersonal parfümierte Karten zusteckten, darauf die Telefonnummer ihres Chauffeurs. Anfangs hatte er abgelehnt, doch er verlor die Kraft, Ausreden zu erfinden, ging mit, in die nächste Lounge, auf ein paar Gin Cocktails oder Grey Gooses on the rocks, und am Morgen wachte er in fremden Betten auf, schlanke Arme und Beine an ihn geschmiegt, aber kalt.

Kurz vor Ladenöffnung, als die Assistentin die Requisiten ordnete wie vor einer Fernsehshow, legte er seine Hände gegen die Wand aus Glas, sein Atem beschlug die makellose Scheibe. Er liess seinen Blick über die elegante Einrichtung schweifen, gedämpfte Musik klang zu ihm herein, während die anderen seines Schwarmes sich in Position brachten, letzte Kontrollblicke in die Spiegelfliesen warfen, blütenweisse Schürzen glattstrichen, Lippenstifte nachzogen. Er erinnerte sich an einen Abend zuvor, als er mit Albert und den anderen Köchen, den echten Köchen, noch ein Bier getrunken hatte, in der Beiz um die Ecke, wo der Zigarettenmief nicht den durchdringenden Geruch von abgestandenem Fett und Schweiss überdecken konnte, man über die Arbeit redete und das Leben. Das harte, komplizierte, wunderbare Leben.

Die ersten Gäste wurden an ihre Plätze geführt, ihre Gesichter flimmerten erschöpft im bläulichen Licht. Er griff nach dem Ei, das in seiner Brusttasche lag, hob es hoch. Mit einem leisen Knacken zersprang es an der Scheibe.

Ihm schien es, als würde die Sonne explodieren.

Die Texte vom Improabend!

Am 25.11. haben die Schauspieler des Theaters im Stockwerk wieder einmal zu unseren Textanfängen improvisiert.
Für alle, die gerne wissen wollen, wie die Texte nach dem Willen des Autors / der Autorin weitergagangen wäre hier die Vollständigen Texte:

Text von Peter.
der von Maria
jener von Veronika
und der von Helmut

Diesmal waren die Graukos sogar im Bühneneinsatz
3 Graukos auf der Bühne