Ein Feen-Märchen

In der Nacht, in der ein Schwarzes Loch in unserer Beziehung auftauchte, erzählte ich dir ein Märchen über Feen.  Wie alle Naturphänomene war es anfangs schwer zu erklären, zu verstehen; es würde Monate und Jahre an Nachforschungen und Grabungen brauchen, mit Schaufeln und Löffeln und manchmal sogar mit Fingernägeln.

Kann die Blutkruste größer sein als die Narbe?

Glaubst du, dass uns die Feen das angetan haben?  Oder war es die Schwerkraft?

Ich konnte es sehen, das Ringen unter deiner Oberfläche aus blauem Stahl, kalt war er manchmal, und manchmal kochend heiß.  In dieser Nacht sah er aus wie das Meer, hohe Wellen und Salz; und unter der Oberfläche wartete eine Faust auf ihren Kampf gegen die Sterne.  Deine Wut machte dich wunderschön.

Und deshalb erzählte ich dir von den Feen, von Leidenschaft, von der Schönheit der Sterne.  Sternennacht?  Vinzenz ist tot – nur seine Gemälde leben weiter.

Ich versuchte mit Worten zu malen, und für einen kurzen Moment gelang es mir.  Aber dann zerbrach der Stahl und setzte die Faust frei.

Du zieltest auf mein Gesicht, aber du trafst mich mitten ins Herz, und dann ließt du mich zurück, zitternd vor Wut in meinem eigenen Stahlwerk.

Später hast du geweint.

Ich hab dich festgehalten, du hast mich umarmt; wir beteuerten, wie leid es uns tue.

Aber das Schwarze Loch war da, und es fraß die Sterne und die Sonnen und Planeten, Kometen aus sterbendem Licht, und ließ uns und unser Universum leer zurück.

Am Anfang war das Nichts.

Am Anfang war das Chaos.

Am Anfang war das Wort.

Worte waren alles, was ich zur Verfügung hatte, denn es war lebenswichtig, dich nicht zu berühren, dir nicht zu nahe zu kommen.  Denn wenn, dann würde ich mich verletzten, würde mich verbrennen.  Zitternd.

Vom ersten Tag an übtest du eine erstaunliche Anziehungskraft auf mich aus.  Du bewegtest mich und etwas in mir.  Verlangen?  Ja, bitte.

Ich umarmte dich zum ersten Mal in dieser Nacht der Feen.  Deine Berührung hinterließ eine Narbe; sie sieht aus wie die Karte eines längst vergessenen Landes.  Ich habe dich später wieder umarmt, natürlich – wir mussten uns doch beweisen, dass zwischen uns alles in Ordnung war.  Aber es war nie mehr die Berührung, die es hätte sein können.

Schieben wir es auf die Feen.

In jener Nacht hast du dir Sorgen gemacht über deinen Platz in der Welt, über den Sinn des Lebens, deines Lebens.  Moralische Verpflichtung – waren das deine Worte?  Ich kann mich nicht wirklich erinnern, ich wehrte mich die ganze Zeit gegen die Verpflichtung, dich zu berühren, bei dir, in dir, um dich zu sein.

Statt dessen erzählte ich dir von den Feen; von Treue; von Vertrauen.  Jedes Mal, wenn man sagt „Ich glaube nicht daran“, stirbt eine Fee.

Besprenge mein Leben mit Sternenstaub.

Und dann explodierten die Sterne, und die Welt wurde schwarz.

Was hat uns verschluckt?

Der Ereignishorizont einer Beziehung.  Und um uns herum die Feen, ins Spiel vertieft.

© eva, june 99

übersetzt eva, march 00

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