Me & Kris & Janis

Es hätte nur ein Countrysong werden sollen wie viele andere auch. Mehr verlangte Fred Foster, Inhaber eines Tonstudios in Nashville, nicht von Kris. Ach ja, doch noch was: schreib was über Tramper, das kommt zwei Jahre nach dem Summer of Love immer noch gut an. Kris quälte sich wochenlang, kam aber über die erste Strophe nicht hinaus, sodass die zweite erst am Tag der Aufnahme hinzu­geschustert wurde. Und Roger Miller, mit King of the Road bereits erfolgreicher Outcast, tat, was er immer tat: den Song aufnehmen und auf die Verkaufszahlen warten, die in diesem Fall ein „ferner platzierten sich“ erbrachten. Der Name der besungenen Lady war übrigens Diebesgut, nämlich der der Sekretärin eines Kollegen.

Man könnte dieses Kapitel schon wieder beschließen, wäre Kris nicht Janis begegnet, die, aus Texas stammend, ein Faible für starke Männer hatte, wovon bereits diverse Bandgründer und – leader ein Lied singen konnten. Kris und Janis wurden für ein paar Wochen ein Paar, und Janis befand, dass Bobby McGee auch einer der Männer sein hätte können, von denen sie sich getrennt hatte. Sie änderte entsprechend den Text und tat dann, was sie immer tat: loslegen, als hätte sie nur mehr neun Tage zu leben, was in diesem Falle sogar zutraf.

Kris, der es beim Southern Comfort belassen und nie zur Nadel gegriffen hatte, war also mit dem Schrecken und lebenslangen Tantiemen davongekommen. Er distanzierte sich von der Rolle des Junkietrösters Bobby und schlüpfte in die des dritten im Bunde, des Truckfahrers – später Rubber Duck genannt –, nach dessen Vorschlägen She-Bobby bzw. He-Bobby den Blues in die Welt hinausgesungen hatte. Gut, sind wir nun endlich durch?

Nein, sagt August Becker. Da ist noch die harpoon in der dirty red bandana, das zentrale Tool in diesem Songtext. Auf Roger Millers Take hört man sie nur wenige Takte lang, auf dem von Kris das ganze Lied hindurch. Gut so. Aber auf dem von Janis ist sie stumm. Da stimmt doch irgendetwas nicht! Mal Google fragen: „dirty red bandana / Bilder“. Lauter sau­bere rote Tü­cher mit weißem Muster. Dazwischen ein Slang-Lexikon, welches besagt, dass mit „ban­dana“ die Armbinde eines Fixers bezeichnet wird und mit ‚harpoon‘ seine Nadel.

Jetzt ergibt plötzlich alles einen doppelten Sinn: „Busted flat in Baton Rouge, waiting for a train, feeling nearly faded as my jeans“ heißt nun, dass Janis das Gift ausgegangen war und der Dealer nicht daherkam. „Bobby thumbed a Diesel down just before it rained“ will uns sagen, dass sie gerade noch vor dem kalten Entzug an Dope gelangt war. New Orleans, das Ziel der Reise, steht wie auch im Film Easy Rider für ausgelassenes Wohlbefinden. Janis holt also ihre harpoon aus der Ban­dana, deren auf sanft umgetextetes Lied unhörbar bleibt. Und „I’ll trade all my tomorrows for a single yesterday“ – nie­mand meint so ein Angebot ernster als ein Junkie ohne Stoff. Janis wusste, dass sie in Wahr­heit in diesem Song ihre Heroinsucht besang, und Kris ahnte es wohl auch und fragt sich bis heute, wie es passieren konnte, dass er mit einem simplen Schlagertext so treff­sicher die größte Wunde seiner Zeit beschrieb.

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