Killing me softly

Wenn Musiker aus den schattigen Winkeln der Gesellschaft ins Rampenlicht treten, haben sie grundsätzlich mehr künstlerische Bandbreite als jene, die schon immer an der Sonne agiert haben. Sie berichten Ungehobeltes aus dem Dunkel und drehen dabei an den Knöpfen von Leben, Liebe und Tod, in bislang ungehörten Tonfolgen, die wie selbstverständlich Musik­geschichte schreiben.

In Letzterer wimmelt es aber auch von Menschen, die an der Sonne aufgewachsen sind, die Tonleitern ebenso geduldig geübt haben wie Lesen, Schreiben und Ballett, und deren Liedern naturgemäß das Pathos der schattigen Winkel fehlt. Eine davon, Lori Lieberman, ist der Katalysator dieser Kolumne. Als Tochter eines hoch angesehenen Ingenieurs mit Job in der Schweiz kam sie schon als Kind viel herum und kannte auch so manchen Künstler aus Hollywood. Als die 68er ausbrachen, zählten Liedermacherinnen der ersten Stunde wie Joan Baez, Judy Collins oder Joni Mitchell zu ihren Vorbildern, also schlüpfte sie wie diese in bodenlange bunte Ethno­kleider, schnappte sich eine Gitarre, besang dazu ihre Sicht der Liebe und ließ ihre langen Haare im Winde wehen.

Keinen hat’s gekümmert, aber wozu hat man Freunde in der Musikbranche? Norman Gimbel, ein nimmermüder Librettist, der tagaus, tagein ungewöhnliche Phrasen wie auch Melodien jagte, um daraus bzw. dazu Liedtexte zu machen (einer davon hieß Boy from Ipanema), legte ihr einen Song über einen Sänger samt Song vor, von dem der Ich-Erzähler derart ergriffen ist, dass er daran zu sterben vermeint, und klein Lori meinte begeistert, ja, so ein Erlebnis habe sie schon mal gehabt, neulich bei einem Konzert. Brav studierte sie den Song über das Mordslied und den Mordssänger ein, aber leider hat auch das keinen gekümmert.

Weil jedoch Produziertes auch gespielt werden muss, vor allem, wenn ein Gimbel dahinter steht, kam der Song vom musikalischen Mord auf die Playlist eines Flug­zeuges, in dem eines Tages Roberta saß, die, in schattigen Winkeln aufgewachsen, jenen musikalischen Fanatismus mitbrachte, der Killing me softly zu einem Klassiker werden ließ. Noch im Flugzeug transkri­bierte sie das Gehörte, besserte ihrer Meinung nach unpassende Akkorde aus und besaß zwei Tage später die Lizenz, den Song zu covern, der mit sechs Wochen an der Spitze der Charts zum Lied des Jahres 1973 gewählt wurde. Besser kann man die Performance von Sonnen- und Schattenkindern in der Popmusik nicht beschreiben.

Der Sänger, dessen Konzert Lori Lieberman damals besucht hatte, war übrigens Don McLean, der Killersong hieß angeblich Empty Chairs, dessen Zwilling Vincent vielen besser gefällt, so wie auch mir. Don soll ziemlich betroffen gewesen sein, als er von seiner Wirkung auf Lori erfuhr. Dass Gimbel den Titel und die Idee zu dem Song aus einem Roman geklaut hatte, den er zu einem Musical umdichten hätte sollen, konnte Don ja nun wirklich nicht wissen.

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