die neue August Becker Chart ist da!

ARE YOU READY for Gospel?

Ein Feld voller Sklaven. Onyema, der Vorarbeiter und selbst  Sklave, treibt sie an, bis ihm die Stimme bricht. Obwohl sie alle schwarz sind, verstehen ihn nur ein paar seiner Brüder. Weil es in Afrika so viele Sprachen gibt wie Stämme. Immer länger werden Onyemas Pausen und die Arme der Sklaven im selben Maße langsamer. Das Plansoll rückt in die Ferne und damit auch die Abendmahlzeit.

Nur eine Gruppe von etwa zehn Mann hält das Tempo. Weil die Kerle singend in Trance versunken sind wie einst bei den tagelangen Tänzen in ihrer Heimat. Sie werden ihre Hauen schwin­gen ohne zu ermüden, bis jemand sie aufweckt. Onyema begreift sofort, was zu tun ist. Das ganze Feld soll singen, alle die gleiche Melodie. Der Gesang soll jene Sprache werden, die alle verstehen. Und er wird dazu den Vorsänger geben.

Zweihundert Jahre später. Die Schwarzen sind entsklavt, aber immer noch singen sie. In den Kirchen danken sie dem Gott der Weißen für seine Hilfe und Güte. „Good spell“ nennen sie ihre zumeist enthusiastische Darbietung, der christlichen Frohbotschaft entsprechend. Der Prediger ersetzt hierbei den Vorarbeiter, Ekstase die Arbeit. Musikwissen­schaftler werden in hundert Jahren allerlei Elemente wie etwa Pentatonik oder spezielle Vierteltöne benennen können, welche in den Nachkommen dieses „Gospels“ – Blues, Jazz und Soul – weiterleben.

Der vorliegende Artikel ist einem weiteren Gospel-Element gewidmet, dem Call and response genannten Wechselgesang, wie ihn der Vorarbeiter in obiger Geschichte ein­geführt hat. Der Chor hat hier nicht die Funktion der Begleitung, Verstärkung, harmoni­schen Färbung oder Verzierung einer Solo-Melodie, sondern fungiert als eigen­stän­dige Antwort auf einen Aufruf. Das durch den Chor dargestellte Volk bedient keinen Führer, sondern synchro­nisiert sich über einen Sprecher; demokratischer lässt sich Musik nicht gestalten.

Es verwundert daher nicht, dass um 1970, als in der Pop-Musik die alten Helden abdankten und an ihre Stelle die Botschaft trat, der Gospel ein Comeback feierte, bevor sich der Kommerz mit Glam und Glitzer wieder obenauf setzte. War in der Version von Edwin Starr und Are you ready von Pacific Gas & Electric geben Zeugnis einer in den USA gängigen musi­kalischen Grundausbildung, die man auf dem Kontinent vergeblich sucht, und die mit Norman Greenbaum sogar einen Weißen infizieren konnte (Spirit in the sky).

Let the gospel run through our veins. Man genieße besonders die Ekstase in War sowie die monoton-meditativen Gitarrensoli in Are you ready und Spirit in the sky. Dem Letzteren kann man getrost den seltenen Titel „Hard-Rock-Gospel-Song“ verleihen, nachdem er das typische Klatschen auf 2 und 4 mit schwerst verzerrtem Gitarrensound kombiniert. Und man wundere sich nicht über das Nebeneinander von engagiertem Protest und gläubiger Hingabe im selben Genre. Dieses existiert schon seit jener Zeit, als die Schwarzen noch Sklaven waren und auf den Feldern ihren Gesang zum Überleben benötigten.

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Ein Gedanke zu „die neue August Becker Chart ist da!“

  1. Bereichernd. Informativ. Spirit for Lazy Sundays. Und die Musik … mittanzen … mitsingen …. die Augen in der Vergangenheit, die Füße in der Gegenwart. Yes, Im ready.

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