Miaz und Luis

von Veronika Unger

Ich bin eben hingegangen, weil es Nachbarpflicht ist. Die Miaz hatte ich schon über zehn Jahre nicht mehr gesehen, nun war sie im Pflegeheim gestorben. Über neunzig ist sie geworden. Ein schönes Alter!  Während der Totenmesse wandern meine Gedanken zu alltäglichen Dingen und Sorgen. Von der letzten Bank aus beobachte ich ungestört die Trauergemeinde. Keine tief gebeugten Häupter vor mir, auch nicht in der ersten Reihe. Man ist halt dabei, weil es sich gehört.

Auf dem Weg von der Kirche zum Friedhof hinauf, murmeln nur wenige den Rosenkranz mit. „Ah, servas, siacht ma di a amol!“ höre ich öfter als das „Gegrüßet seist du Maria“. Sehr oft, denn der Trauerzug  ist lang. Ich habe den Verdacht,dass viele dabei sind, die die Miaz gar nicht gekannt haben. Meine Beobachterrolle gefällt mir, umgeben von all meinen Nachbarn, die ich sonst selten zu Gesicht bekomme und pflichte ihnen bei, wenn sie meinen: „ Jo, beim Begräbnis siacht ma si gwiss!“ Ich fühle mich zugehörig und dennoch irgendwie unbeteiligt, abgehoben. Trotzdem drängle ich mich nach vor, nahe an die Grube. Der Pfarrer beginnt die Einsegnungsworte zu sprechen. Mit einem Mal quillt es aus meinen Augen. Ich kann meine Tränen  nicht zurückhalten und verabschiede den letzten Teil meiner Kindheit.

Ich sehe vor mir die Miaz, wie sie vor fünfzig Jahren war. Für mich hat sie immer gleich ausgesehen, mit Kopftuch und Schürze, wie es damals üblich war und einem verschmitzten Grinsen im russgeschwärzten Gesicht, wenn sie mir mit erdigen Händen frisch geerntetes Obst entgegenhielt. Die verknüpfte sie danach schnell am Rücken und als ob sie da eine schwere Last mit sich schleppte, schlurfte sie in ihren Gummistiefeln davon aufs Feld oder in den Stall. Ja, Sauberkeit war nicht ihre Tugend. Wir hielten immer reichlich Abstand, um nicht einen ihrer Flöhe einzufangen,

Die Keusche am Berg oben, neben dem Wald war klein, ein Vorraum und zwei Stuben. Eine Stube bewohnte ihr Sohn mit seiner Familie, die andere sie mit ihrem Bruder Luis. Als kleines Kind bin ich ein oder zweimal hineingegangen, weil es Hundebabies gab, aber normalerweise haben wir diese Behausung gemieden.

Als ich etwa zehn war, kam in den Sommerferien die Stieftochter des Sohnes zu Besuch. Da ging ich öfter hinauf, mit ihr zu spielen. Wir missbrauchten den Sautrog als Planschbecken. Miaz beobachtete uns aus der Ferne. Plötzlich zog sie ihr Sohn zum Trog , hob sie auf und setzte sie mitsamt ihrem Gewand ins Wasser. Sie schrie gellend, schlug wild um sich, wollte entfliehen, aber er hielt sie fest. Nach den ersten Schrecksekunden wurde sie unerwartet still, strahlte wie ein Honigkuchenpferd und planschte wie ein Kleinkind vergnügt im Wasser. Wie vielen Flöhen das für Miaz einmalige Bad das Leben gekostet haben mag?

An und für sich war Miaz eine sehr ruhige Person, die gern kicherte und mit ihren riesigen Schlurfschritten ihrer Arbeit nachging. Laut wurde sie nur, wenn ein Gewitter kam oder der Luis angetrunken vom Wirtshaus.

Im ersten Fall rannte sie mit dem Weihwasserkessel über das gesamte Grundstück und fluchte dabei gotterbärmlich: „Kreizdividomini, Sakratirken, Teifleini…“.  Ihre Liste war lang, mein Gedächtnis allerdings kurz.

Im zweiten Fall rief sie gellend um Hilfe, gleichermaßen mit Flüchen vermengt, die diesmal ihrem Bruder galten, der mit einem Stock hinterher stolperte. Dieses „Wetter“, wie es meine Großmutter nannte, erwarteten wir schon, wenn wir den Luis mit „Rückenlage“ den Berg hochwanken sahen. Er schien dabei allen physikalischen Gesetzen zu trotzen..

Irgendwann hat die Miaz ihre Wanderungen nicht mehr auf ihr Grundstück begrenzt und nicht mehr heimgefunden. Nach mehreren Ausflügen brachte sie ihr Sohn in die Obhut eines Pflegeheimes. Dort wurde sie erst einmal gründlich gebadet und sie genoss es, sauber zu sein und regelmäßig zu essen, obwohl sie bald niemanden mehr erkannte. 

Luis ist allein in seiner Hube zurückgeblieben und hat bald eine Freundin gefunden. In einem Nachbarhaus war zu dieser Zeit eine Französin mit Mann und Kleinkind eingezogen. Wir haben uns rasch angefreundet, obwohl ihr Deutsch mangelhaft war. Eine Tages fragte sie mich aufgeregt: „Du, ich muß dir zeigen. Ich habe so rote Dings. Schau! Überall! Was ist?“ Die „Dings“ entpuppten sich als Flohbisse. Wie sie die eingefangen hatte, war mir schleierhaft, bis sie mir erzählte, dass Luis regelmäßig auf ein Stamperl zu ihr kam. Sie liebte seine Urigkeit, aber den Schnaps bekam er von da an nur mehr auf ihrer Terassenbank.

Nun steht der Sarg von Miaz über dem von Luis. Eine dünne Erdschicht trennt sie voneinander. Ich werfe mein Feld- und Gartenblumenbüscherl hinunter. Ein lausiges Dankeschön für die Fliedersträuße, die sie mir regelmäßig im Frühjahr geschenkt hatte.

Veröffentlicht von

GRAUKO

Grazer Autorinnen und Autoren Kollektiv

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