Italienische Reise

von

Helmut Zsifkovits

Wir stecken fest. Nichts bewegt sich, wir können nirgendwohin, nicht nach links, nicht nach rechts, nicht vorwärts, nicht rückwärts. Niemand außer uns zieht in Betracht sich rückwärts zu bewegen, aber da vorne sitzt Angelo, der Meister der Kehrtwendungen, der unerwarteten Schwenks, der Rückkehr zum Ursprung, des Denkens in Kreisen.

Jetzt ist auch ihm jedes Schlupfloch verwehrt, die Hände liegen resignierend am Lenkrad des Busses, nur der Gasfuß zittert leicht.
Der Stau auf der Gegenfahrbahn ist wahrscheinlich viel länger, zehn Minuten lang waren wir vorbeigefahren an familiengefüllten Autos und Lastwagenfahrern mit Coladose und Wurstbrot, an schwitzenden und fluchenden Nadelstreifmanagern mit Handy, an quiekenden Viehtransportern, an Bussen voller frohlockenden Schulkindern, die mit diebischer Freunde den Zwangsausfall der Rechenstunde antizipieren.

Alle waren sie stillgestanden, hatten ein paar Quadratmeter Asphalt für sich, manche mehr, andere weniger. Hatten sich zugesehen beim Wurstbrotessen und Colatrinken und Telefonieren und Fluchen. Angelo hatte noch breit unter seiner Sonnenbrille hervor gegrinst und unseren himmelblauen Bus zwischen die feuerroten Ferraris auf der linken Spur gezwängt, unbeeindruckt vom wilden Gehupe.

Irgendwann waren auch wir stillgestanden. Der rote Sportwagen vor uns hatte noch einmal aufgeheult, doch auch die solcherart demonstrierte Kraft der blechbewehrten Pferdestärken hatte nichts an seiner Bewegungslosigkeit zu ändern vermocht. Und Angelos Gasfuß zittert leicht. Wir stecken fest. Eingezwängt zwischen drei Millionen Idioten, die zur Fiera
Ceramica, der weltgrößten Messe für Fliesen fahren. Eine Stadt erstickt. In
zweitausend Jahren wird Bologna wiederentdeckt werden, unter einer Schicht von
fünfzehn Meter Fliesen. Scheiß Italiener. Warum können sie ihre Böden nicht mit Spannteppichen belegen, oder mit Holzparkett. Oder asphaltieren. Oder in ihren Nationalfarben streichen.

Und Angelos Gasfuß zittert leicht. Ohnmächtig starrt er vor sich hin, und die endlose Schlange der Fahrzeuge der Fliesenfetischisten spiegelt sich in seinen Sonnenbrillen. Er sagt italienische Worte, die ich nicht verstehe und wohl besser auch nicht verstehen sollte. Ich krame in meinen Gedanken und finde den italienischen Film aus meiner Kindheit, von dem ich nicht mehr weiß wann er entstanden ist und wer der Regisseur war und wer die Darsteller. Ich weiß nur noch, dass er an einem Abend im Fernsehen lief und „Der Stau“ hieß. Eine Familie fährt in den Urlaub oder aus dem Urlaub. Vielleicht waren es auch drei Freunde auf dem Weg zur Hochzeit des vierten Freundes oder ein
junges Pärchen oder die Teilnehmer an einem Firmenausflug oder der
Produktionsleiter mit der Schwester der Buchhalterin auf dem Weg zu ihrem
verschwiegenen Liebesabenteuer in den Bergen oder am Strand oder am
Autobahnparkplatz. Wer immer sie sind, sie fahren auf der Straße, und plötzlich stockt der Verkehrsfluss, bald darauf steht alles. Die Autofahrer hupen, schimpfen, diskutieren. Sie steigen aus und versuchen die Ursache des Stillstands zu ergründen. Die Schlange vor ihnen scheint endlos, einige gehen los und kehren nach kurzer Zeit wieder und wissen nichts und gehen nochmals los und kommen nach langer Zeit wieder und wissen nicht mehr.

Die Menschen sammeln sich in Grüppchen und kommen ins Gespräch, erzählen sich
und schimpfen und schließen Bekanntschaften. Gemeinschaften entstehen, der
Leidenden, der Zornigen, der Gleichgültigen, der Hinterfragenden. Stunden vergehen, die Straße ist zu einem Campingplatz geworden, mit provisorischen Sitzgelegenheiten und Picknickkörben, Dächern aus Decken und Kleidungsstücken, aufgespannt gegen die lastende Hitze. Als die Menschen begonnen haben sich in ihre Situation zu finden und aufgehört
haben zu fragen und die Sonne verschwunden ist und die Menschen begonnen haben
sich in die Decken einzuwickeln, kommt ein Schrei von vorne, aus der Kolonne der stehenden Autos, ganz fern, dann lauter, wird weitergereicht und erreicht schließlich alle. Etwas hat sich bewegt. Hektik entwickelt sich, die Gestrandeten bauen ihre Behelfsquartiere ab und räumen die Jausenreste und die Kinder und die Meerschweinchen ins Auto und werfen ihren Müll über die Straßenbegrenzung.

Alle sitzen sie wieder im Auto, auch die Familie oder die Freunde oder das Pärchen. Langsam rollt die die Schlange an, Minuten später fließen die Autos wieder dahin, und die Straße sieht aus, als wäre hier nie das temporäre Dorf mit den Menschen und den Treffpunkten und den Gesprächen und den spielenden Kindern gewesen.

Diabolito flucht, nein, er heißt Angelo, immer noch. Der Gasfuß hat aufgehört zu zittern. Seit vier Tagen sind wir unterwegs, mit 21 Studenten auf Exkursion in der Region um Bologna. Jeden Tag fahren wir in eine andere Richtung, und jeden Abend kehren wir zurück nach Ravenna, wo wir uns einquartiert haben, in der Nähe von Dantes Grab und dem Mausoleum des Theoderich und dem Grabmal des Unbekannten Soldaten. Angelo steuert uns mit seinem Bus durch alle Klippen. Nie kommt uns eine Straße bekannt vor, auch wenn wir das Gefühl hatten in die gleiche Richtung zu fahren wie am Tag zuvor. Immer wenn wir denken, nun würde Angelo abfahren, fährt er weiter,
zur nächsten Abfahrt oder zur übernächsten, oder er fährt von der Autobahn ab und wieder auf, und zwei Abfahrten weiter wieder ab. Fiera, sagte er bedeutungsvoll. Mit jedem Tage scheinen die Strecken länger. Angelo chauffiert uns gegen Einbahnen in winzige Seitenstraßen, und auch Sackstraßen akzeptiert er erst als solche, wenn sich eine Mauer vor ihm aufbaut. Er fährt ebenso schnell rückwärts wie vorwärts, und die nationalen Geschwindigkeitsrekorde auf Autobahnausfahrten und in der Einfahrt zu
Mautstellen sind fest in seinen Händen.

Wenn er auf Baustellenabschnitten auf die schmale linke Spur fährt und zum
Überholen ansetzt, lehnen sich die Insassen unseres Busses nach links, als könnten sie so verhindern, dass wir den Sattelschlepper rechts neben uns rammen. Unsterblichen Ruhm erlangte Angelo, als er in einem engen Kreisverkehr eine innere Spur zum Überholen fand, die niemand dort vermutet hatte. Alle im Bus hielten den Atem an, und selbst den temperamentvollen italienischen Autofahrern stockte der Ton in der Hupe.

Und nun sitzt Angelo vor seiner Windschutzscheibe, vornüber gebeugt, die
Sonnenbrille ist auf die Nase gerutscht, der Gasfuß zittert nicht mehr, und Angelo flucht. Dann, plötzlich, ist es wie im Film. Ein Sattelschlepper beginnt sich zu bewegen, weit vor uns in der Schlange, und zieht andere mit in seiner Bewegung. Angelo schnaubt durch die Nase, rückt die Sonnenbrille zurecht und lässt den Motor aufheulen. Dann fahren wir, nein, wir rollen, ganz langsam nur, aber wir sind in Bewegung.

Sechzig Minuten später werden wir es bis zur Ausfahrt 17 geschafft haben, die
verbleibenden vier Kilometer, und dann werden wir bald vor dem Werkstor stehen. Granolatte heißt die Firma, die Milchfabrik ist eines unserer Exkursionsziele. Gestern haben wir zwei Dinge erfahren. Erstens, wir sollen eine halbe Stunde später kommen. Die Arbeiter müssen noch schnell einen Streik beenden, da hat gerade niemand Zeit für uns. Aber dann ist es gut, der nächste Streik ist erst am Dienstag. Zweitens wissen wir nun, dass das in etwas eckigem Englisch formulierte Mail den gesammelten Wortschatz des Unternehmens enthält. Presentatione will be in Italiano, stand am
Ende. Niemand von uns beherrscht mehr Italienisch, als es für die Bestellung einer Pizza Margarita erforderlich ist. Es wird hoch peinlich werden. Wir werden uns gegenüber stehen wie ein neu entdeckter Urwaldstamm im Urwald von Guinea den europäischen Eroberern. Und wir wissen nicht einmal, wer die Eingeborenen waren und wer das Volk aus der Zivilisation. Einer der Studenten schlägt vor, in den Stau zurück zu fahren. Dies würde alles lösen. Aber da eilt schon eine Dame auf uns zu und begrüßt uns mit lautem Buon giorno. In diesem Moment höchster Anspannung erinnert sich meine Kollegin Selina, dass sie in der Schule eine Kurzeinführung in die italienische Sprache erhalten hatte. Drei Jahre nur, aber doch, ein paar Grußfloskeln sind noch da, und sie meint drei Arten von Spaghetti schon unterscheiden zu können.

Die italienische Dame sagt etwas und winkt in einer Weise, die uns die
vorangegangenen Worte als Aufforderung verstehen lässt ihr zu folgen. In diesem Augenblick der Krise fallen Selina noch vier weitere Worte ein, sie meint sogar, sie würde auch noch auf deren Bedeutung kommen. In einem Ausbruch von Heroismus sagt sie, sie werde übersetzen. Wir sind gerettet, die Blamage ist von unserem Land genommen, und Selina ist der große Orden für Verdienste um die Nation gewiss. Die italienische Dame geleitet uns in ein Bürogebäude, führt uns in den ersten Stock, in ein großes Besprechungszimmer und bedeutet uns Platz zu nehmen. Selina sitzt in der ersten Reihe, sie hält ein Wörterbuch umklammert und spricht ein Gebet, zumindest scheint es so.

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