Heilung

von

Maria Edelsbrunner

Wenn sie den Staub auf den Küchenschränken und den Dreck an den Festern deutlicher wahrnimmt, weiß sie, es ist Frühling. Die Bäume, die sie letzten Herbst gepflanzt hat, scheinen den Winter gut überstanden zu haben.
Zeit, wieder einen Teil der alten Kleider zu entsorgen. Das letzte Stück wegzugeben schafft sie noch nicht, nicht dieses Jahr.
Die Fotos sortieren.
Die Fotos, auf denen beide abgebildet sind, lachend, jeweils eine Bierflasche in der Hand, ein Abend war das gewesen, der sich ins Endlose gedehnt hatte.
Alle Abgebildeten bleiben stehen in ihrem Jahr. Die Bäume im Garten wachsen nicht weiter.
Nur sie selber wird älter, sie achtet darauf nicht fotografiert zu werden, damit sie auch stehen bleiben kann.
Zeit, das Reisig auf dem Grab zu entfernen und die eingegangenen Stiefmütterchen durch frisch gekaufte zu ersetzen.
Es liegt sehr weit entfernt, dennoch besucht sie es regelmäßig.

Sie geht an seiner Seite durch eine belebte Einkaufstraße, es muss wohl in Wien gewesen sein, und sie waren vorher bei einem ehemaligen Arbeitskollegen von ihm zu Besuch gewesen. Der erste Tag im Jahr ohne Strümpfe, der Wind streicht warm um ihre Beine und spielt mit ihrem Kleid und ihren Haaren, eine Eisbude lockt sie, sie essen das erste Eis im Jahr.
Automatisch steuern sie beide auf die gleiche Bank zu, sitzen dort, blinzeln in die Sonne und reden nichts.
Später wird sie diesen Tag als einen der schönsten ihrer gemeinsamen Zeit in Erinnerung haben, so wie alle Erinnerung trügerisch ist.
Die Tage, die sie so für sich haben, sind selten, und wenn sie ihnen zufallen, wissen sie zuerst gar nicht, was sie damit anfangen sollen.
Erst als das letzte Kind auszieht, sind sie wieder ein Paar und können plötzlich das Paarsein nicht mehr.
Sie versehen das Haus mit neuen Fenstern.
Er geht zu den Eisschützen und langweilt sich.
Sie hilft ehrenamtlich in einer Obdachlosenküche mit, arbeitet mit Frauen im ähnlichen Alter, mit ähnlichen Vorzeichen, trinkt Kaffee und lacht mit ihnen und bleibt doch die ganze Zeit für sich und verspürt den Impuls, sich einfach ins Auto zu setzen und nicht nach Hause zu fahren.
Sie versuchen Geschäftigkeit, Hobbys, Reisen, Freundschaftsbesuche und laden ihre Kinder ein, nicht zu oft, damit sie immer noch gern kommen können.
An manchen Tagen stellt sich unvermutet etwas wie Gemeinschaftlichkeit, Zufriedenheit, vielleicht eine Art dumpfes Wohlbefinden ein, dann, wenn sie still nebeneinander sitzen und Kaffee trinken oder wenn sie im Garten den Wein aufbinden und die arbeitenden Hände in geübtem Einverständnis ineinander greifen.
Man könnte glücklich sein, wenn man entschlossen genug dazu wäre.

Der Tag, an dem ihr Schutzmechanismus versagt, ist ihr deutlich in Erinnerung. Sie ist zur Blutabnahme zum Arzt bestellt, trifft dort auf den Ex-Freund ihrer ältesten Tochter und fängt ein Gespräch an. Sie bleibt unverbindlich, es geht sie nichts an, was damals vor sich gegangen ist.
Er erzählt von sich aus.
So hat sie ihn in der Zeit, wo er zur Familie gehört hat, nicht erlebt.
Sie treffen sich nach dem Arztbesuch in einem Kaffeehaus. Er erzählt weiter.
Sie redet immer weniger und schaut ihn nur an.
Sie schaut demonstrativ auf die Uhr, bezahlt die beiden Kaffee und entschuldigt sich.
Die Flucht kommt viel zu spät.
Sie kann gar nicht glauben, dass er sie wieder sehen will.
Sie gehen zusammen auf einen Jahrmarkt und fahren Autodrom und es ist ihr egal, was sie zusammen für ein Bild abgeben.
Sie stehen an einem Weinstand und trinken ekelhaft warmen Welschriesling. Sie umarmen sich, bevor sie ins jeweilige Auto steigen.
Am nächsten Morgen hat sie Kopfschmerzen und macht sich Tee statt Kaffee zum Frühstück.
Ihr Mann schaut sie an und fragt, ob es ihr nicht gut gehe.
Sie denkt an die vergangene Nacht, an das Wachliegen, an das Versprechen.
Sie sagt wahrheitsgemäß, dass sie nicht gut geschlafen habe. Dass sie sich wieder hinlegen wolle. Er hebt andeutungsweise die Schultern und lässt sie wieder sinken und vertieft sich in die Zeitung.
Er drückt ihr einen flüchtigen Kuss auf und fährt in die Arbeit.
Sie zwingt sich zu Routinearbeiten, ruft ihre Freundin an, erledigt Behördengänge, schaut sich eine Ausstellung an, ohne nachher sagen zu können, was sie gesehen hat, besucht ihren Sohn, putzt ihr Auto außen und innen, rupft abgeblühte Sommerblumen aus und wirft Laub auf die abgeschnittenen Rittersporne, versieht die Rosenbüsche mit Mist, gräbt Dahlienknollen aus und Tulpenzwiebeln ein und kommt nicht zur Ruhe.

Erschöpft und aufgedreht sitzt sie ein paar Tage später auf der Terrasse, eine Decke um die Schultern, die flachen Strahlen der Oktobersonne auf dem Gesicht und versucht, sich in ein Buch fallen zu lassen.
Als das Handy läutet, wird es endlich still in ihr.
Sie schreibt einen Zettel und sperrt das Haus ab.
Sie holen sich Kaffee in Plastikbechern, finden einen Platz am Flussufer, wenig frequentiert, setzen sich nah nebeneinander und reden und reden, und ihre Hände finden sich ganz selbstverständlich.
Eine große Ruhe breitet sich in ihr aus, als sie sich folgerichtig küssen.
Das Handy vibriert schon zum wiederholten Mal in ihrer Hosentasche.
Sie vereinbaren nichts und verabschieden sich.

Im Auto sieht sie endlich nach, wer angerufen hat und erkennt die Nummer nicht.
Ihr ist schlagartig klar, dass sich alles ändern wird, wenn sie zurückruft.
Der Arbeitskollege ihres Mannes scheint selber unter Schock zu stehen, so sachlich und unbeteiligt klingt seine Stimme.
Erst am Ende des Gespräches versagt sie ihm. Er bietet ihr an, sie ins Krankenhaus zu fahren.
Sie lehnt ab und fährt los. Ein Mädchen in einem hellgelben Mantel überquert einen Zebrastreifen, es trägt schwarze Schnürstiefel, die eingezogenen Bänder sehen schmutzig aus. Die Haare leuchten in einem verwaschenen Orange
Noch Jahre später kann sie jedes Detail an diesem Mädchen beschreiben.

Was sie von ihrem Mann zu sehen bekommt, sind Kabel, Schläuche, bleiche Hände auf weißem Bettzeug und die groteske Silhouette darunter, die von einem vollständig und einem halb abgetrennten Bein herrührt. Sie darf anstandslos zu ihm.
Sie berührt seine Hände, küsst sein Gesicht auf eine unverletzte Stelle. Eine Krankenschwester bringt ihr einen Sessel und ein Glas Wasser. Sie setzt sich nah zu ihm und erstarrt.
Es scheinen Stunden zu vergehen, bis ein Arzt kommt und sie zum Gespräch bittet.

Die Versteinerung löst sich erst Wochen nach dem Begräbnis.
Nach einem Gespräch mit ihren Kindern überträgt sie den Verkauf des Hauses einem Maklerbüro und findet weit entfernt ein kleines Häuschen mit großem Garten.
Sie gräbt ihre Rittersporne und Rosenbüsche aus, packt die Papiersäcke mit den etikettierten Dahlienknollen ein und siedelt weitere Pflanzen um. Die Tulpen, der Lavendel, die Obstbäume, die Weinstöcke bleiben zurück.
Sie setzt sich mitten in ihrem neuen Garten auf die Erde und beginnt auf einem Bogen Packpapier einen Plan zu zeichnen.
Anfang Dezember entzündet sie in einer großen Schale auf der Terrasse ein Feuer.
Sie wartet, bis die kleinen Buchenscheite eine schöne wärmende Glut ergeben.
Dann legt sie ihr Handy darauf und sieht zu, wie es sich verwirft, Blasen bildet und dabei ein hässliches Ächzen von sich gibt.

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