Ameishaufen, 1980, Nebel

Am längsten sah man von ihr den roten Windjackenfleck. Schließlich war auch der verschwunden. Der alte Repolusk nahm den Blick vom Fenster und wandte sich wieder seinem Glühwein zu. Sein junger Nachbar sprang nun schon zum ich weiß nicht wievielten Mal auf und rannte zum Telefon.

„Gib dir keine Mühe. Die von der Post rühren nichts an. Die kommen nicht einmal nachschauen, bis das hier nicht vorbei ist… Darinka, noch einen Glühwein. Und eine Bratwurst.“

„Bratwurst ist aus. Aber du kannst eine harte Semmel haben und sie in deinen Glühwein tunken, Repolusk.“ Er nickte und seufzte ergeben.

Enttäuscht hängte Ludwig den Hörer wieder ein und setzte sich zum Alten.

„Dich scheint das ganz kalt zu lassen, was? Ich dreh noch durch..!“

„Ich hab Stalingrad ausgehalten. Das eicht einen. Kannst du dir das vorstellen? Geschrieen hab ich: Lieber Gott, wenn’s dich gibt, lass mich sterben, das ich den Andi nicht fressen muss. Zwanzig war der grad. Es war so kalt, das Fleisch verdarb nicht. Ich hab den Andi angefressen. Es gibt keinen Gott.“

Der Repolusk drehte das Glühweinglas bedächtig zwischen seinen Rheumafingern. Unvermittelt schrie er den Jungen an:

„Menschenfleisch hab ich gefressen, und du flippst aus wegen ein bisschen Nebel!!!“

Betreten starrte Ludwig in den Dampf, der aus seinem Glas stieg.

„Schneid dir ein Stück ab bei der Frau, die gerade da war. Die geht jetzt durch den Nebel hin zu dieser Familie, die sie gar nichts anginge. Bekocht ihn und hutscht seine Kinder ein…“

„…lässt sich von ihm vögeln…“, warf Ludwig kopfschüttelnd ein.

„…na und? Der Klaus hat kein Problem damit, aber du anscheinend, dabei…warum sollte so eine schlechter vögeln?“

Sabine rannte mit ihren beiden Gulaschdosen so schnell sie konnte, mittlerweile kannte sie den Weg recht gut und stolperte nur noch selten. Bis sie ihn jedoch ganz beherrschte, würde sie ihn nicht mehr brauchen, Darinka war eine feine Seele, aber auch die Vorräte in ihrer Grillhütte würden zu Ende gehen, und dann würde sie an sich denken und ihre eiserne Ration verteidigen – wenn es sein musste, wieder mit Waffengewalt. Dass die streitbare Kroatin geschossen hatte, als ein paar eingeschlossene Touristen versucht hatten, die Grillhütte zu plündern, nach dem sie im Sparmarkt nur mehr leergeräumte Regale vorfanden, das hatte ihr Klaus erzählt. An die sich anbahnende Katastrophe und an Klaus zugleich zu denken machte sie zusätzlich von innen heraus frösteln.

Die Kinder weichten harte Brotschnitten in Dosengulasch und aßen schweigend. Keines der beiden fragte mehr nach der Mama. Klaus schien wieder keinen Bissen zu essen, Sabine sagte nichts, dachte nur schaudernd daran, diesen täglich schmälerwerdenden Körper zu berühren, mit dieser fast nicht auszuhaltenden Mischung aus Verlangen und Widerwillen.

Klaus rührte das Gulasch nicht an, sondern schaute lange in das Gesicht der Frau mit den flackernden Augen. Das erste Mal seit einer Woche wich wenigstens von seinen Verstand der Nebel, und was hinter den Schwaden auftauchte, zog ihm die Schultern herunter, und sein Gehirn floss Richtung Rückenmark davon. „Wiedersehn, du nutzloses Organ,“ hätte ihm Klaus gern nachgerufen. Aber das wäre Sabine sicher sehr seltsam vorgekommen, nach allem, was sie für ihn und mit ihm getan hatte. Sogar seine Frau heimzuschaffen hatte sie ihm geholfen, so gut sie gekonnt hatte.

Mindestens hundert Kilo wuchtete Klaus mit hoch, als er sich vom Tisch erhob, um nach draußen zu gehen.

Die Zigarette dämpfte ein wenig seinen Hunger, während er rauchte, hörte er, wie Sabine die Kinder ins Bett scheuchte. Wäre eigentlich auch meine Aufgabe, dachte er, aber nicht einmal das kann man schließlich von einem Hirnlosen verlangen. Er lachte ein grausames Lachen.

Sabine kam nach draußen, berührte kurz seinen Nacken und stellte sich mit verschränkten Armen neben ihn, das Gesicht in dieselbe Richtung gewandt wie er.

„Hätte mich unser Polier nicht so gejagt und wäre der nicht vom Bauleiter so getrieben worden wo doch alle gesehen haben dass rein gar nichts mehr zu sehen war bei der Nebelsuppe hätte ich nicht so geschusselt und hätte das Telefonkabel nicht abgerissen und der Bagger würde nicht quer auf der Zufahrtsstraße stehen ohne Sprudel hätten Verena und ich deswegen nicht so streiten müssen dann hätte sich die Kleine nicht so darüber aufgeregt dass sie in der Nacht Fieber bekommen hat und Verena hätte nicht noch um Mitternacht zur Nachtapotheke fahren zu brauchen ich hab noch gesagt es ist sinnlos der Bagger steht auf der Straße aber sie rast einfach los… und pfeilgerade in das Ding hinein…“ Ein Schluchzen, dass Sabine peinlich war, schüttelte den Mann. Immer noch blicklos in dieselbe Richtung starrend, sagte sie:

„Hätte… wäre… hätte dieser Mensch, bei dessen Tochter ich vor zwanzig Jahren zum Kindergeburtstag eingeladen war, keine Agaven auf der Terrasse stehen gehabt, wäre ich beim Spielen nicht draufgestürzt, dann würde ich heute sehen und nicht Glasaugen tragen.“ Sie drehte sich dorthin, wo noch immer er stehen musste, ihre Mundwinkel zuckten: „Ich hab schöne Augen gehabt. Ich weiß noch immer, wie sie ausgesehen haben.“

Sabine nahm den Geruch zuerst wahr. „Verflucht, wir müssen etwas tun.“

Er starrte sie an.

„Dass das so schnell geht, obwohl es so kalt ist…“, sagte er heiser.

„Willst du, dass die Kinder sie finden?“

„Um Gottes Willen!“

„Dann gehe ich jetzt und hole den Ludwig und den alten Repolusk. Sie werden uns helfen.“

Ihrer Windjacke konnte er mit den Augen am längsten folgen. Sie dreht sich noch einmal um und sagte: „Braun sind sie gewesen.“

Dann war auch der rote Fleck verschwunden.

Er ging eine Weile ziellos durchs Haus, um das Ehebett, aus dem noch nicht einmal Verenas Schweiß verdunstet gewesen war, als er sich schon mit Sabines vermischt hatte, deckte seine sorgsam zugedeckten Kinder nochmals sorgsam zu, rauchte vor dem Haus eine Zigarette, ging wieder hinein, setzte sich an den Tisch und ließ den Kopf ein paar Mal auf der Platte aufknallen. Als er ihn wieder hob, fühlte er es warm über seine Stirn und an seiner Nase entlang laufen. Er lief ins Badezimmer und schaute prüfend in den Spiegel.

Der Anblick stimmte ihn fast heiter. Bis sie zurückkamen, würde er mit Wundversorgung beschäftigt sein.

© Maria Edelsbrunner 2001

Advertisements

Schreib uns etwas!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s