Das war schon ein komisches Gefühl …

Das war schon ein komisches Gefühl, als ich ihr sagte, dass ich sie betrogen hatte. Ich kann nicht unbedingt sagen, dass es mich sonderlich viel Überwindung gekostet hatte, aber irgendwie war das schon auch neu für mich. Ich meine, ich hab das schon länger gewusst, dass ich es ihr sagen würde, aber geplant, wann, wie, warum eigentlich es ihr überhaupt sagen, nicht wirklich. Aber sie hätte das irgendwann sowieso herausgefunden. Also warum ihr das nicht selbst sagen. Ist irgendwie auch einfacher jemanden mit solchen Dingen zu überraschen, als selbst von ihnen überrascht zu werden. Jemanden zu betrügen ist ja nicht gerade Weihnachten oder Geburtstag. Vielleicht aber manchmal genauso belanglos.

Wir machten einen Sonntagsspaziergang durch den Park. Angst vor einer großen Szene, die sie mir mitten im Park machen hätte können, hatte ich nicht gehabt. Wir kannten uns schon zu lange und unsere Beziehung war schon immer szenenlos verlaufen. Warum hätte sie gerade im Park eine Szene machen sollen? Vor all den Leuten. Das schien mir irgendwie unlogisch. Irgendwo im Park hab ich es ihr dann gesagt. Es muss wohl in der Nähe des Pavillons gewesen sein. Aber so genau kann ich mich nicht mehr erinnern. Als ich zwei Hunde sah, die sich gegenseitig am Arsch rochen, wusste ich, dass es soweit war. Hunde können anscheinend überhaupt nichts über sich verbergen, so schien es mir zumindest. Und ich wollte auch nichts mehr länger verbergen. Etwas zu Verbergen kann mit der Zeit ganz schön langweilig werden.

Sie erzählte mir gerade, wie eine ihrer Freundinnen Schuhe umtauschen wollte und im Schuhgeschäft bemerkte, dass sie die Schuhe zu Hause vergessen hatte, als ich sie unterbrach und ihr von Tamara erzählte. Ich meine, ich habe ihr nicht wirklich erzählt wie sie aussieht, oder wer Tamara wirklich ist. Ich habe ihr einfach nur gesagt, dass ich sie gefickt hatte. Dass ich ein Mädchen namens Tamara gefickt hatte. Mehr nicht. Das hätte auch reichen sollen, so dachte ich. Und dieses Gefühl war gut, das muss ich schon zugeben. Irgendwie hat es mir sogar gefallen, als ich ihr das sagte. Sie hatte mich aber nicht wirklich verstanden und fuhr mit der Schuhumtauschgeschichte ihrer Freundin fort. Oder hatte sie mir einfach nicht zugehört? Das wirklich komische Gefühl, das mir irgendwie gefallen hatte verschwand ganz plötzlich.

Auf alle Fälle fuhr Ihre Freundin wieder nach Hause, packte die Schuhe ein und ging zum Schuhgeschäft zurück, um sie dort umzutauschen. Dort tauschten sie aber die Schuhe nicht um, da die Schuhe dort nicht gekauft worden waren. Ihre Mutter hatte nämlich die Schuhe gekauft, ihr geschenkt, und offensichtlich vergessen in welchem Geschäft sie die Schuhe gekauft hatte. Außerdem wusste die Freundin nicht, dass man für einen Umtausch eigentlich eine Rechnung braucht. Die war aber verlorengegangen, wie vergessen wo die Schuhe gekauft. Ich hörte ihr einfach nur zu, so wie immer.

Dann unterbrach ich sie noch einmal. Ich wollte dieses Gefühl noch einmal spüren. Es hatte mir wirklich gut gefallen. Irgendwie fühlte es sich an wie Frühling. Ich weiß aber nicht wie Frühling sich wirklich anfühlt. Ich dachte mir nur, so könnte sich Frühling anfühlen; ein wirklich komischer Frühling. Ich sagte ihr noch einmal, dass ich Tamara gefickt hatte. Das komische Gefühl war irgendwie besser als beim ersten Mal. Eigentlich dachte ich mir in diesem Moment, warum ich es ihr nicht schon früher gesagt hatte, vor Wochen. Ich bin mir sicher, wenn ich gewusst hätte, dass dieses komische Gefühl kommt, dann hätte ich es ihr auf alle Fälle sofort gesagt. Dann dachte ich mir, dass ich unbedingt Tamara von meiner Freundin erzählen sollte. Vielleicht würde dann wieder das gleiche Gefühl kommen. Vielleicht sogar ein bisschen anders. Es musste anders sein, denn sie ist ja nicht meine Freundin in dem Sinne. Sie ist ein verdammt guter Fick. Mehr nicht. Und von meiner Freundin wusste sie auch nichts. Irgendwie wollte ich gerade bei Tamara sein. Nur um ihr es zu sagen, nur um des komischen Gefühls Willen. Ich fühlte meine Taschen ab, ob ich mein Handy dabei hatte, um Tamara später anrufen zu können.

Beim zweiten Mal hatte meine Freundin mich offensichtlich gehört, oder verstanden. Sie sagte, dass sie es sowieso gewusst hatte. Dann war auch ganz schnell dieses komische Gefühl wieder weg. Darüber habe ich mich fast geärgert. Ein bisschen enttäuscht war ich schon. Sie beendete diese unbedeutende Episode von ihrer Freundin mit den Schuhen, und  dann habe ich mich wirklich geärgert. Wie konnte sie nur meine Gefühle so ignorieren? Ich hörte ihr einfach nicht mehr zu, als sie begann von einer anderen Freundin zu erzählen, die zum Grazer Opernball gehen wollte. Das erinnerte mich sofort an die beiden Hunde und … Christina. Christina war eine nette Frau gewesen. Sie fickte und tanzte gut. Manchmal stank sie aber ziemlich aus dem Maul. Sie hatte irgendein Problem mit der Magensäure. Wenn man sie dann küsste, war das irgendwie genauso, wie sich zwei Hunde am Arsch riechen. Ich glaube deshalb habe ich sie dann auch nicht mehr getroffen. Aber das war schon länger her und ich fragte mich, ob ich damals schon mit meiner Freundin beisammen gewesen war. Ich dachte lange nach und war mir sicher, dass es so gewesen sein musste. Ein halbes Jahr war es damals. Meine Freundin war im Ausland, da hab ich Christina getroffen. Ich wollte dieses komische Gefühl zurück, also sagte ich ihr dass ich Christina gefickt hatte. Das Gefühl kam ganz gut, ähnlich wie zuvor. Es machte sich in der Magengrube breit und ging dann durch die Lungen in den Hals.

Meine Freundin war mit ihrer Geschichte noch immer am Opernball. Sie hatte mich wieder nicht verstanden, oder hatte wieder nicht zugehört. Ich dachte mir, ob dieses egoistische Schwein sich überhaupt nicht um mein Gefühlsleben kümmert. Das Gefühl schien sich schon wieder zu verabschieden. Dann hielt ich sie am Arm, das Gefühl kam wieder und ich blickte ihr ins Gesicht, sie hielt ihre dämliche Geschichte an und ich sagte: „Ich habe Christina gefickt.“ Meine Freundin schüttelte meine Hand ab und sagte nur, dass sie das schon gewusst hatte. Das Gefühl war weg. Sie erzählte die Geschichte vom Opernball fertig. Das Ende dieser unbedeutenden Geschichte ging an mir vorüber.

Ich sah einem Gärtner ein paar Minuten zu, der gerade neue Blumenbeete anlegte und junge Rosen pflanzte. Hassen konnte ich meine Freundin nicht. Dafür kannte ich sie schon zu lange. Gehasst habe ich sie auch nie wirklich. Geliebt hab’ ich sie eigentlich auch nie wirklich, dafür haben wir uns zu lange zu oft gesehen. Überrascht war ich auch nicht, dass sie’s gewusst hatte. Sie hat’s halt schon irgendwann vorher erfahren. Das kann vorkommen. Aber dieses Gefühl, das wollte ich schon wieder haben. Ein bisschen aufregend war es einfach, das Gefühl.

Der Gärtner riss gerade die alten Rosenstöcke aus, als mir eine Idee kam. Ich wollte wissen, was für ein Gefühl kommt, wenn ich ihr sagen würde, dass es zwischen uns aus ist. So richtig aus. Ich sagte ihr, dass ich nicht mehr mit ihr zusammen sein wollte. Sie blieb stehen. Ich blieb stehen. Das neue Gefühl war fast besser, weniger aufregend, aber irgendwie für mich verständlicher, greifbarer, eindeutiger. Schließlich meinte sie, ob es mich nicht interessieren würde woher sie das über Tamara und Christina wusste. Zuerst zuckte ich mit den Achseln, dann nickte ich, den Gärtner im Augenwinkel. Das neue Gefühl blieb aber. Sie fuhr fort und fragte mich, ob mir nicht aufgefallen wäre, dass Tamara neue Schuhe hätte, und ob Christina sich nicht bei mir gemeldet hätte, da sie noch einen Begleiter für den Grazer Opernball suche. Ich schüttelte nur den Kopf. Dann wiederholte ich noch einmal, dass ich nicht mehr mit ihr zusammenleben wollte, dass ich die Beziehung als beendet betrachtete. Jetzt hatte sich das Gefühl vollends entfaltet, und ich war irgendwie dankbar. Es war toll. Ich genoss es wirklich. Zumindest war das Gefühl ein neues. Ein neues gutes Gefühl.

Als meine Freundin begann zwei Geschichten zu erzählen, von zwei Männern, die wir vor Monaten auf einer Party kennengelernt hatten, war auch das neue Gefühl weg. Es schien sie nicht wirklich zu berühren, was ich gerade gesagt hatte. Das Gefühl war einfach weg und irgendwie wusste ich, dass es nie mehr wieder kommen würde. Mir fielen keine weiteren Affären an diesem Sonntagnachmittag mehr ein. Vielleicht war da noch was gewesen. Aber ich konnte mich einfach nicht erinnern. Erfinden wollte ich auch keine, denn ich wusste, dass dann dieses komische Gefühl nicht kommen würde. Und zweimal die Beziehung an einem Tag zu beenden hatte für mich auch keinen Sinn mehr gemacht. Ein wenig verärgert war ich aber, dass ich ein ähnliches Gefühl nicht mehr bei Tamara bekommen konnte. Irgendwie hätte Tamara mir schon davon erzählen können, dass sie meine Freundin kannte. Vielleicht hat sie es auch irgendwann mal getan. Ich weiß es einfach nicht.

Meine Freundin und ich gingen dann ins Parkcafe, wo ich ihr wie gewohnt einen Kaffee zahlte. Das machten wir eigentlich jeden Sonntag so. Ihre Geschichte über die beiden Männer schien kein Ende zu nehmen. Aber obwohl ich ihr nicht mehr zuhörte, wusste ich auf was sie mit ihrer Geschichte hinauswollte. Und es war mir völlig egal. Irgendwie fühlte ich an diesem Sonntag, dass ich einiges verloren hatte. Das beschäftigte mich viel mehr. Mir fiel aber nur das komische Gefühl ein. Ich trank ein kleines Bier und vom Parkcafe aus konnte ich erkennen, wie ein Hund dem Gärtner in den Fuß biss. Er schrie erbärmlich. Da musste ich schmunzeln und wusste, dass ich am Montag mir einen Hund besorgen musste.

© Michael Luger

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