Der Versuch

Mich hat gerade die Inspiration überfallen, ohne Warnung, mir fehlt es wohl an Tarnung,

oder an Konsequenz in meiner Existenz, was das Nichtstun betrifft.

Ich hab’s mir gerade bequem gemacht auf meiner Couch mit einer Tafel Schokolade,

der Film fängt gleich an, ich merk’s, wie ich mich entspann –

doch nein! – das kann doch sein, mir fällt gerade was ein,

überwindet die Balustrade in meinem Hirn.

Ich hab doch gesagt, ich schreib nie wieder was, denn ich kann es nicht,

ihnen gerecht zu werden, den Beschwerden des Seins und des Meins und Deins –

und schon gar nicht den unsren.

Und so hab ich es versucht, hab das Papier verflucht, die Stifte und den Computer,

wurde rot wie ein Puter, wenn mich jemand mal drauf ansprach,

auf meine Schreiberei, stammelte:

„Nicht das Gelbe vom Ei, und außerdem liegt grade mein Hirn brach.“

Doch nun sitze ich hier, trinke mein Bier, der Film fängt gleich an,

doch ich kann mich nicht konzentrieren, muss grad Verse sezieren

und Reime und Rhythmus und so… vielleicht geh ich mal aufs Klo

und schau, was man so tun kann gegen diesen Angriff der Inspiration,

vielleicht ist es ja ein Hohn, das Schicksal will mir was sagen, vielleicht,

dass es auf alle Fragen doch einen Antwortsatz gibt, der wahr ist, natürlich rar ist, doch völlig klar ist, wenn man es so bedenkt, wäre es doch verschenkt und alles im Eimer

bei der Familie Beimer!

Und so steh ich von der Muschel auf, hör auch zum Kuscheln auf,

und setz mich auf meinen hinteren

Sessel.

Ich hab’s so oft versucht, hab das Papier verflucht, die Stifte und den Computer,

wurde rot wie ein Puter, wenn mich mal jemand drauf ansprach,

auf meine Schreiberei, stammelte:

„Nicht das Gelbe vom Ei, und außerdem liegt grade mein Hirn brach.“

Doch wenn man’s recht betrachtet, Ausreden mal verfrachtet oder gleich ganz verachtet,

waren das alles nur lahme Entschuldigungen. Ab jetzt will ich keine Huldigungen,

aber auch keine Duldungen, ich will nur Schreiben, ganz dabei bleiben,

will sie fühlen, die Ketten aus Worten und orten die Gedanken, die sich übermütig ranken,

manchmal werd ich natürlich sicherlich schwanken, werd mich mit mir selbst zanken,

doch ich werd nicht aufhör’n, denn ich habe zu danken: Ihnen, verehrtes Publikum,

für’s Zuhör’n und Applaudieren, ich kriech auf allen Vieren

vor Ihrer Geduld und Toleranz, und ich verbeuge mich tief auch vor der, die grade noch schlief, dessen Nase lief, warum blicken sie schief? Das sind eben meine Gedanken, deren Bilder sich ranken. Sie schauen auf die Uhr? Wie könne Sie nur, wollen Sie sich zanken? Warten Sie auf dem Flur, bis ich hier fertig bin, dann biege ich Sie hin… Wo war ich gleich nur?

Ach ja: Auch DAS ist Literatur.

© Eva Kuntschner, November 2001

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