Grand Hotel Steirerhof Graz

Ein Stück österreichischer Hotelgeschichte

Leseprobe

Im Rahmen dieses Wettbewerbs ließ Mathilde Leb einen Teil der Gasträume im November 1958 neu ausstatten. Da bei der Neugestaltung von Gaststättenräumlichkeiten die steirische Volkskunst zum Zug kommen sollte, wurde für die Planung auf die Meinung von Volkskundlern und Kulturhistorikern Wert gelegt. Der von Mathilde Leb beauftragte Architekt Forenbacher hatte dem Raum durch den Einsatz von mattgrauem Nussholz mit reicher Profilierung und Wandarmen und Lustern aus Schmiedeeisen einen warmen Charakter gegeben. Stilechten Bilder mit ländlichen und bürgerlichen Trachtenfiguren aus der Zeit Erzherzog Johanns, ausgeführt von der Grafikerin Erika Pochlatko, gaben der neuen Gaststube eine besondere Note. Dem Gesamtkonzept entsprechend trug auch das Personal Tracht aus der Biedermeierzeit.

Nach der Fertigstellung befanden sich in den Restaurationsräumen zwei typisch steirische „Stuben“, dem Stil des Biedermeiers nachempfunden, ohne jedoch eine bewusste Kopie darstellen zu wollen.

„In diesen Räumen soll uns die Behaglichkeit der Biedermeierzeit umfangen, die den gehetzten Menschen in unserer Zeit so Not tut. Die Formen werden keine Nachahmung eines historischen Stils sein, sondern es soll durch gediegene Handwerksarbeit, wertvolle Werkstoffe und schöne Farben den Räumen die Ruhe und Gemütlichkeit jener Zeit gegeben werden.“[i]

Den Neuerungen im Restaurant gemäß, sollten auch die Drucksorten verändert werden. Denn immer noch zeigten Rechnungsblöcke und Speisekarten im Restaurant das 1950 entwickelte Werbesujet: Ein dünnes Männchen begegnet einem dicken, beide gekleidet in Steireranzug und Hut samt Gamsbart; der Dicke sagt zum Dünnen: „Du schaust aber schlecht aus…“, worauf der Dünne antwortet: „Ja, leider konnte ich einige Zeit nicht im Steirerhof essen!“

(…)

Mathilde Leb war es gelungen, durch kluges Management und den Einsatz ihrer beiden Töchter ihrem Hotelunternehmen internationalen Ruf zu verleihen. Weltweit bekannte Namen fanden sich im Gästebuch: Stars aus Film, Musik und Sport, Politiker, Bundespräsidenten und Fürsten. Und während in der Steiermark die Auslastung der Beherbergungsbetriebe im Durchschnitt bei 25-30% lag, konnte der Steirerhof zu Beginn der 50er Jahre mit 80% Auslastung brillieren. Die Konkurrenz fragte sich, wie das möglich war. Vermutlich lag es darin, dass nach dem Krieg der Steirerhof als erstes Hotel in der Stadt renoviert und mit allem nötigen Luxus ausgestattet worden war. Zunächst mangels Alternativen und dann aus Gewohnheit wohnten Poltiker, Filmleute, und Aussteller der Grazer Messe im Steirerhof. Auch für geschäftsreisende Unternehmer aus der Obersteiermark war der Steirerhof ein beliebtes Domizil, wenn sie zu Verhandlungen in die Stadt kamen. Der schlechte Zustand der Straßen ließ eine Rückreise am selben Tag kaum zu. Achtzig Prozent der Übernachtungen entfielen auf Stammgäste.

Kurz, nachdem das Hotel 1949 seine Pforten wieder öffnete, nächtigte bereits Bundespräsident Karl Renner hier. Nach der Renovierung begann Bundespräsident Theodor Körner den Reigen bedeutender Gäste. Anläßlich seines Besuchs hatten sich im Steirerhof-Gästebuch viele unterschrieben, die später recht prominent wurden. Bruno Kreisky war damals noch Sektionschef. Die Bundespräsidenten Österreichs, die Bundeskanzler und Minister aller Ressorts stiegen im Steirerhof ab, etwa Julius Raab, Innenminister Oskar Helmer, Außenminister Karl Gruber, Unterrichtsminister Heinrich Drimmel, Bundespräsident Adolf Schärf, Finanzminister Reinhard Kamitz und Außenminister Willibald Pahr. Auch kamen der französische Ministerpräsident Robert Schumann, später Willy Brandt, Franz Jonas und Josip Broz Tito mit seiner Frau. Nikita Chruschtschew wurde bewirtet (übernachtete aber im besser überwachbaren Hotel Daniel). Außerdem schätzten Gesandte und Botschafter aus aller Herren Länder die Gastlichkeit im Steirerhof. Später kamen Bundespräsident Rudolf Kirchschläger, sein Amtskollege Walter Scheel, (für den 1979, während einer Hochblüte des Terrorismus, das ganze Haus tagelang wie eine Festung abgesichert wurde) und Giscard d´Estaing.

Legion war natürlich das Volk der Film- und Bühnenkünstler und Sänger: 1954 nächtigen Willy Forst, Attila Hörbiger und Paula Wessely im Steirerhof. Als er seinen Film „Der Obersteiger“ in Graz drehte, wohnte Franz Antel mit seinem ganzen Filmteam wochenlang im Haus: Hans Holt, Ilse Peternell, Oskar Sima, Wolf Albach-Retty und Grethe Weiser waren nur einige davon. „Eine wirkliche Hetz war es mit dem Oskar Sima. Die Angestellten sind aus dem Lachen nicht herausgekommen. Außerdem hat er einen gesegneten Appetit gehabt: Drei Backhendln hat er wie nichts vertilgt. Er müsse das, erklärte er feixend, das erhalte ihm seine Figur. Auch die Marika Rökk war außerordentlich unterhaltsam. Wir alle haben uns schon gefreut, wenn sie zum Essen heruntergekommen ist.“, erzählte Thilde Leb in einem Interview 1976.

Leni Riefenstahl genoß anläßlich einer Uraufführung 1954 die Steirerhof-Gastlichkeit und Olga Tschechowa, die lediglich „Herzlichst“ ins Gästebuch schrieb. Ferner: Orson Welles, Charles Regnier, Guido Wieland, Heinz Fischer-Karwin und der mehr als pitzelige Hans Moser, mit seiner nicht minder akkuraten Frau. Curd Jürgens fühlte sich in Graz recht wohl, ebenso Gunther Philipp, Maximilian Schell und Christa Ludwig. Benjamino Gigli wohnte 1953 im Steirerhof, Juliette Greco, Elfi Mayerhofer, Robert Stolz, „der Herr im ¾-Takt“, wie er sich im Gästebuch verewigte, der Kammersänger Otto Wiener mit Cissy Kraner, die einstimmig lobten: „Also wie z´Haus nur natürlich viel vornehmer“ und Udo Jügens, der 1968 seinen Song „Merci“ ins Gästebuch schrieb.

Dann fanden sich noch die Signaturen von Michael Heltau, Pierre Brice, einer  berühmten Frau, die ins Gästebuch schrieb: „Ich heisse Lotte und das schon LANG“, Daliah Lavy, die eine ganze Seite brauchte und nicht zu vergessen der große Geiger Jehudi Menuhin, der notierte: „Als alter Reisender begrüsse ich mit besonderer Liebe eines der gemütlichsten Hotels“. Dann O. W. Fischer, Mireille Mathieu, Iwan Rebroff, Hermann Prey, Marisa Mell, Harry Belafonte, Friedrich Gulda, Josef Meinrad, Dolores Schmidinger, Senta Berger, Gunther Philipp, und Piero Gros. Später Kammersänger Karl Ridderbusch, die Mitglieder des Wiener Staatsopernballetts, die sich vor allem über die „Massagebetten“ begeistert äußerten, mit ihrem Star Rudolf Nurejew, die Showlegende Hans Kulenkampff, Freddy Quinn, Karel Gott, Richard Clayderman, die „Kasernmandl“ und der Komiker Otto Waalkes.

„Am schwierigsten zufriedenzustellen war der reservierte Theo Lingen, am lustigsten die Marika Rökk, am vornehmsten der König und die Königin von Griechenland“ meinte im Interview Thilde Leb.

(c) Ursula Kiesling 2003


[i] Pressetext anlässlich der Pressekonferenz im Steirerhof vor dem Umbau, 10. 11. 1958, Privatbestand Eger/ Schreyer.

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