Nachts, im August

Er würde sie schon öfters chauffiert haben, aber erstmals träfen sich ihre Augen in seinem Rückspiegel länger als nur eine prüfende, sich vergewissernde Sekunde.

Ihr müder Körper schmiegte sich an die schattenhafte Gestalt eines Mannes, der zu ihr gehören müsse, und ihr Gesicht würde verschwinden und wieder auftauchen aus dem Dunkel im Rhythmus der auf dem Weg sich nähernden und entfernenden Straßenlampen.

Nur flüchtig auf den Verkehr achtend, würde sich sein Blick immer wieder im Rückspiegel verfangen, und auch sie sähe ihn sehr direkt, beinahe unverschämt an.

Ihr Kleid wäre blau, so tiefblau, dass es fast schwarz wirken würde, und wenn sie ausstiege und bezahlte, stumm lächelnd, streifte ihn ein leises Rascheln und ein Duft nach heißem Asphalt und Lavendel.

Erst ungeduldig hupende nachfolgende Autofahrer rissen ihn von dem seltsamen Schauspiel los, den das sich entfernende Paar gäbe.

Sie wären jung, gingen aber sehr gemäßigt, fielen bald in Gleichschritt, und sie hätte ihre Hand in einer federleichten Bewegung unter seinen Arm geschoben, so unglaublich graziös, dass es auffiele – dass ihm auffiele, wie plump Menschen sich bewegten.

An seinem Stammplatz am Bahnhof würde er sich eine Zigarette anzünden, um, wie er sich einreden würde, seine Gedanken besser sortieren zu können. Der Rauch wehte, blaue Falten werfend wie ihr tiefdunkles Kleid, zur halboffenen Seitenscheibe hinaus und formte ein durchscheinendes Gesicht, das er zu kennen glauben würde und sich – kaum erkannt – wieder auflöste.

Unlustig und wie in Watte gepackt würde er weitere Fahrten erledigen, und sein Wagen wäre gerade leer, wenn er sie stehen sähe, am selben Platz, an dem sie und ihr Begleiter ausgestiegen waren, er würde das Tempo verlangsamen, über ihr Gesicht huschte Wiedererkennen, er würde anhalten, sie einsteigen lassen, und sie würde sich wieder so hinsetzen, dass sie seine Augen im Rückspiegel sehen konnte. Und wenn er den Mund schon fast offen haben würde zum unvermeidlichen Wohin, legte sie ihm ihren Zeigefinger darauf und reichte ihm ein Stück Papier.

Er würde lesen, sie ansehen, wie sie gerade den Zeigefinger über ihre Lippen wandern und ihn nicht aus den Augen ließe, und losfahren.

Endlich wäre die Stadt so fern, die Fahrbahn so schmal und unwichtig, dass keine Straßenlampen mehr den Weg säumten und das Wageninnere vollends im Dunkel versänke. Nicht einmal ihr Kleid würde rascheln, sodass er sich zweimal vergewissern müsste, ob sie überhaupt noch da sei. Sie wäre – der Duft, den er schon kennen würde, wäre mit ihr gekommen.

Er hielte mitten auf einem Feldweg, zwischen hohen Maisfeldern, stiege aus und öffnete den Fond. Ein fast voller Mond beleuchtete spärlich zwei Gesichter voller Einverständnis – sie würden sich lange betrachten, bevor sie scheue, dann immer frechere Küsse tauschten, ließen ihre Haut unter fremden Händen erschauern, ihre Hände fremde Haut entdecken, glatte wie raue, trockene wie feuchte, Birne wie Kiwi, Steppe wie See. Jacke wie Hose, Kleid wie Strumpf wären im Weg und bald am Weg, und er würde in gleich zwei Meeren zu versinken glauben, eintauchen in dunkle Augen und andere Gewässer, mit Fingern über die samtigen Ränder von Lippen streichen, ein sehr nahes Atmen an seinem Ohr hören wie einen sehr fernen Wasserfall, und weil alles stumm geschähe und der Mais im Wind raschelte wie ein tiefdunkles Kleid und sie schweigend immer noch und nur sich im Rückspiegel betrachtend, ob etwas anders sei jetzt, zurückführen in die Stadt, wo sie in einer Wolke aus heißem Asphalt und Lavendel auf einmal neben seiner offenen Seitenscheibe stände und den Fahrpreis bezahlte, stumm lächelnd wie immer und sich raschelnd entfernte mit ihrem Gefährten, der schattenhaft aus einer dunklen Toreinfahrt gekommen wäre, mit federleicht verschlungenen Händen, würden sie in einiger Zeit nicht mehr so genau sagen können, was gewesen sei in dieser Nacht, und spätestens im Winter, bestimmt aber in einem Jahr würden sie sicher sein: unser Bewusstsein hat uns einen Streich gespielt, und ein Staubsauger hätte längst alles Papier aus dem Taxi entfernt.

© Maria Edelsbrunner 2001

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