Nur noch 2 Tage bis zum ersten traditionellen poeTrüffel-Werfen in der Brücke!

poejufertigWie ihr, als treue Leser dieser Seite natürlich längst wisst, hat Grauko die Literatur am Judenburger Hauptplatz Wurzeln schlagen lassen. Seit bald einer Woche steht nun dort der poeTree. Und er trägt schon Früchte. Was Grauko mit seinen poeTrüffeln genau vor hat, könnt ihr am Mittwoch ab 20.00 in der Brücke beim nächsten Improabend mit dem TiS erleben.
Heute wollen wir als kleinen Appetithappen erst einmal das Geheimnis rund um seine Entstehung lüften und veröffentlichen an dieser Stelle einen Beitrag unserer Gastautorin Petra Oberbauer-Tucker:

Wie der Poe-Tree nach Judenburg gekommen ist.

Als Virginia, die Frau des bekannten amerikanischen Autors Edgar Allen Poe im Jahr 1847 verstarb, war sie gerade einmal 24 Jahre alt, aber immerhin schon 11 Jahre mit dem Mann verheiratet, der zudem ihr Cousin gewesen ist.
Im 20. Jahrhundert hätte so ein Mann „Great Balls Of Fire“ gesungen, aber Poes Kunst war die Literatur und sein Metier das Unheimliche. Und anstatt sich zu Hause der wohlverdienten Trauer hin zu geben hat er seine Koffer gepackt, erst eine Postkutsche und dann ein Schiff bestiegen, um Europa zu bereisen. England, Frankreich und die deutschen Lande. Alles wunderschön anzusehen, alles neu und in farbiger Pracht und damit alles so unglaublich ungeeignet, den Schmerz in seinem Herzen zu vertreiben. Mit jedem Sonnenstrahl fühlte er sich nur noch mehr an das erinnert, was in den letzten Monaten so langsam vor seinen Augen verblüht war.
Genau so waren auch die Texte, die zu jener Zeit aus ihm gekommen sind. Einer dunkelgrauer als der andere und doch keiner so schwarz wie der, der ihn über die Alpen begleiten sollte. Eine grausige Abfolge schemenhafter Geisterwesen, die um verwunschene Menschen kreisten, so wie die Bilder der Vergangenheit um den Kopf des armen Poeten Poe, nach dem dieser Begriff trotz allem nicht benannt wurde.
„Fahren sie doch nach Italien! Das hat Goethe damals auch gut getan.“, hatte man ihm in Weimar noch geraten, doch als er sich aus dem Lungau gerade in das Steirische verirrt hatte, war da nicht mehr viel Licht, das ihn umgab. Er ritt auf einem alten Esel und dachte nach. Setze sich zur Rast, um seine Gedanken zittrig aufzuschreiben und sprang doch immer wieder auf, hastig getrieben von der schonungslosen Finsternis die seinen eigenen Worten entsprang. Alkohol ließ ihn kurzzeitig vergessen. Aber Alkohol ließ ihn auch zwischen Enns- und Murtal gezählte sieben Mal die Tauern überqueren. Nur die Worte, die sein Notizbuch füllten, die zeigten ihm immer wieder aufs Neu, was zu vergessen er niemals in der Lage sein würde. Schäbige Charaktere, die, wenn er sich weigerte, weiter an ihnen zu arbeiten, einfach seinen Kopf verließen und neben ihm her liefen, Grimassen schnitten, seinen Esel verscheuten und des Nächtens heulend über seinem Bett schweben blieben.
Ein nicht enden wollender Albtraum. Und doch niemals so schlimm wie in der Stadt Judenburg, wo er im Scheine einer beinah schon herunter gebrannten Kerze, gerade die letzten Worte mit dem Blut aus seinen wundgearbeiteten Finger aufs Papier geritzt hatte und sie über ihm allesamt zu lachen begonnen haben. Dieses unheimliche Lachen, das allen Wahnsinnigen zu eigen ist. Sie lachten so laut, dass sogar die Kerze vor Schreck erloschen ist und es hell wurde im Zimmer. So hell und klar wie auf einmal auch in Edgar Allen Poes Kopf und ihm den einzigen Ausweg zeigte. Mit der schnellen Hand eines Revolverhelden griff er ins Kerzenwachs, verschloss damit seine Ohren und den Geistern den Rückweg in seinen Kopf. Und wie er dann die Seiten aus seinem Buch, eine um die andere, mit seinen blutigen Fingern rausgerissen hat, da haben sie buhen und fluchen können, wie sie wollten. Da haben sie an seinem Kragen zerren können, das war ihm alles egal. Diese Charaktere waren verdammt und mussten vernichtet werden. Immer kleiner wurden die Papierfetzen, die bald schon den ganzen Tisch bedeckten und hätte die Kerze noch gebrannt, oder er ein zweites Streichholz besessen, er hätte alles sofort angezündet und wer weiß, was dann passiert wäre. Hätte er am Ende dem alten Kaiser Nero gleich das brennende Judenburg besingen können? Aber so ist es anders gekommen. Poe hat alle Schnipsel gepackt, in seinen Hut gekehrt und ist durch die nächtlichen Straßen der Stadt geirrt. Geirrt, gestolpert und doch immer peinlich darauf bedacht, kein einziges Papierstück zu verlieren. Irgendwo musste doch noch ein Ofen brennen, aber es war schon so spät, und wer tatsächlich ein Feuer in seinem Kamin hatte, der ließ ihn nicht ein, diesen fremden Mann mit den wirren Augen. Immer schneller, immer hektischer wurde sein Schritt, immer geschickter die Finger der Schemengeister, die versuchten, das Wachs aus seinen Ohren zu puhlen. Und dann ist er doch gestolpert, bei aller Vorsicht. Hat sich das Knie am Kopfsteinpflaster aufgeschlagen und den Hut hochkant verloren. Ihn fallen lassen mitten in ein tiefes Loch. Da hat er geflucht – zuerst zumindest und dann gedacht: So schlecht ist die Sache gar nicht. Ein perfekter Feuerplatz, jetzt fehlt nur noch ein Streichholz und etwas, damit das alles auch ganz sicher brennt. Alkohol! Den zuerst! Also zurück in seine Wohnung, den teuren Whiskey aus Schottland geholt, der musste jetzt dran glauben. Egal! Hauptsache, seine Dämonen verbrannten mit ihm. Nur einen kleinen Schluck erst noch. Alles andere wäre ja reine Verschwendung.
Als sein Zimmerwirt Edgar Allen Poe am nächsten Nachmittag zu wecken versuchte, hat das ganz schön lange gedauert. Und als er seinen verkaterten Gast dann fragte, wie denn das Wachs in seine Ohren gekommen sei, konnte der sich an nichts erinnern. Hat gewartet, bis das Zimmer um ihn herum aufgehört hatte, sich zu drehen und erst dann bemerkt, dass die Stimmen weg waren. Weg aus seinem Kopf, aus seinem Zimmer, ob nun mit oder ohne Kerzenwachs im Ohr. Immer noch ohne jede Erinnerung an die vergangene Nacht tat er das einzige Richtige. Bezahlte den Zimmerwirt fürstlich, sattelte seinen überraschten Esel und sah zu, dass er das Weite suchte und auch fand.
Die Judenburger selbst, die hatten von alldem freilich nichts bemerkt. Nur der Gärtner hat sich etwas gewundert, als er in der Früh zum Hauptplatz gekommen ist, um den Baum in das Loch zu pflanzen, das er am Vortag ausgehoben hatte. Aber solange Papier verrottete, konnte es nur ein guter Dünger sein.
So hat es sich also ergeben, dass der Poe-Tree nach Judenburg gekommen ist. Und dieser Dünger, zu seinen Wurzeln, der mag mit den Jahren ja verrottet sein, aber was er bewirkte, das hätte auch der beste Gärtner nicht vorhersehen können. Denn von den Blättern, die ihn zierten, da wurde kein einziges grün, und wenn sie erblühten, dann trugen sie Worte. Staunen verbreitete er, dieser wundersame Baum. Staunen, aber auch Freude und viele Momente der guten Unterhaltung. Wenn da, unter den Wurzeln des Baumes nicht auch die Fetzen verrottet wären, die mit dem Blut des getriebenen Autors geschrieben worden sind. Die haben nämlich ganz andere Früchte hervorgebracht. Trüffel, die zwar ganz betörend rochen, doch wehe, wenn sie reif wurden und am Boden zerplatzt sind. Dann brachen aus ihrem Inneren Edgar Allen Poes letzte Worte heraus und mit ihnen seine Geister und Dämonen und alles was er in jener fernen Nacht zurück gelassen hat. Wehe dem, der diese Worte findet und nicht mit ihnen umzugehen weiß – aber das ist eine andere Geschichte.

Grauko, das Theater im Stockwerk und das traditionelle poeTrüffelwerfen.

Am 15. Mai, 20.00 in der „Brücke“ in Graz.
Mehr bald schon auf grauko.com.

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