You´re so vain!

Zwei Schwestern, ein Bruder, der Vater renommierter Verleger. Bevor die vier Kinder jedoch ganz erwachsen werden, stirbt Pa an einem Herzinfarkt. Ganz in seinem Sinne beginnen seine Töchter als Girlgroup für Kinderlieder. Die Mama networkt inzwischen ungeniert bei den Reichen und Schönen, sodass zwei von ihren Töchtern schon mit Anfang zwanzig auf Sean Connerys Yacht eingeladen werden. Eine davon nimmt das unmoralische Angebot an, worauf die andere beschließt, alleine Karriere zu machen und auf Warren Beatty hereinfällt. Ihre wohl arrangierten Bürgerliche-Problemchen-Songs verkaufen sich nur mäßig.

Das alles wusste ich nicht, als ich vor 43 Jahren „You’re so vain“ hörte. Der Song flasht auch heute noch, weil er musikalisch genau die bittere Ver­achtung trifft, aus der heraus er geschrie­ben wurde. Einen upcoming lower class hero wie mich bewaffneten Zeilen wie „He walked into the party like you are walking into a yard“ für den unvermeidlichen Clash mit Upper Class Angebern, also Arztsöhnen und Lehrerstöchtern. Kinder von Bundes­politikern, Bankdi­rektoren oder Filmstars lagen (noch) außer Reichweite.

Hätte ich richtigerweise vernommen, dass der Besungene die Party wie eine Yacht betritt, dann hätte ich den Song getrasht; ich weiß bis heute nicht, wie man schreiten muss, um an das Betreten einer Yacht zu gemahnen. Hier alterierte sich also eine Neo-Jetset Tussi über Jetset Fuzzies, zu denen sie unbedingt gehören wollte und bei denen sie sich auch bis heute wohl­fühlt. Anders ist nicht zu erklären, dass sie bis dato – sie ist inzwischen 70 – in regel­mäßi­gen Abständen Schnitzeljagden um das Rätsel veranstaltet, wer denn die drei Männer seien, denen in diesem Lied in ebensovielen Strophen die Leviten gesungen werden.

Die zweite Strophe, hat sie verlautbart, gilt Warren Beatty. Klar, mit Beatty im Bett, das war damals der erotische Ritterschlag, sowas behält man nicht für sich, auch wenn man es in Form einer Abrechnung kundtut. Doppelmoral sei Lob, Preis, Dank und Ehr. Sie unterstellt ihm sogar, wie ein kleines Kind die Dinge wegzuwerfen, die er liebt, weil die Wahrheit, dass auch ein Warren Beatty nur Dinge wegwirft, die er nicht mehr liebt, ihren Stolz allzu sehr verletzt hätte. Mick Jagger, zufällig bei den Recordings in den Apple Studios anwesend, muss sich ange­­­sprochen gefühlt haben und sang spontan im Chor mit. Vielleicht entsprach sie auch nur sei­nem Beute­schema. You’re so vain, too, Mick.

Nach dieser schockierenden Lebenserfahrung hat unsere Jetset-Rebellin dann James Taylor geheiratet, einen sensiblen wie fragilen Songwriter, den man, ob man will oder nicht, von „You got a friend“ kennt. Spießbürgerliches Nirvana, offenbar die richtige Wellenlänge für die verwöhnte Carly, und wow, heroinsüchtig war der auch mal. Schließlich landete sie in den Armen eines Geschäftsmannes und Poeten. Wetten, dass sie seine Gedichte verlegt? Egal, You’re so vain wird jedenfalls kei­nen Platz mehr haben im Repertoire von August Becker. Cos you’re more vain than anyone, Carly.

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