Ein Egoist

Man stelle sich vor: ein Mann wird zum Opfer. Oh Graus, das ist der Alptraum! Das ist der finale Abstieg, Erniedrigung pur. „Du Opfer du!“ ist der ultimate Fluch der Rapper und Streetwasweißichs. Opfer zu sein heißt, alle Männlichkeit abgegeben zu haben, heißt, warten zu müssen auf die Willkür jemandes anderen. Wer zugibt, dass er zum Opfer geworden ist, ist quasi lebendig begraben. Alles Hochstemmen hilft nichts, nur Hilfe von außen kann ihn noch befreien. Kann es noch schlimmer kommen? Ja, es kann. Wenn Mann nämlich zum Opfer seiner eigenen Rücksichtslosigkeit wird und, einst gefeierter Star, deswegen in der Einsamkeit landet.

An wen kann er sich dann noch wenden? Richtig. An andere ehemalige Opfer seiner Rück­sichtslosigkeit. Die wissen, wie man sich fühlt, wenn man von dieser zu Boden geworfen wurde. Und die wissen vor allem, wie man sich dann wieder aufrichtet, against all odds. Speziell, wenn sie Frauen sind, die sich naturgemäß viel mehr auskennen mit dem Opfertum.

Sollten Sie inzwischen Zweifel bekommen haben, keine Angst: Sie lesen immer noch August Beckers Charts, in denen es um Musik geht. Schafft man es nämlich, das eben geschilderte Opfertum auch noch in einen Song zu verpacken, dann finden wir ein einmaliges Werk vor, in dem ein Heuchler zu wohlkomponierten Schalmeienklängen seine Opfer mit der Behauptung verarscht, nun selbst Opfer von sich selbst geworden zu sein. Also quasi mit ihnen in einem Boot zu sitzen und hierfür den alten Heuchler über Bord geworfen zu haben, der nun – seht ihr da draußen seine verräterische Rückenflosse? – vom Rachen der Einsamkeit verschlungen werde. Klassischer Wolf im Schafspelz also, Boot in höchster Gefahr! Und für alle, die jetzt fassungslos fragen, was für Musik denn August Becker neuerdings höre, sei das Geheimnis wie folgt gelüftet:

Es war einmal eine Folge der Krimiserie „Tatort“, in welcher der Schlagerfuzzi Roland Kaiser den Schlagerfuzzi Roman König spielte, welcher gerade mit dem Song „Ein Egoist“ einen Riesenerfolg feiert. Eindrucksvoll, wie Kaiser sich da selbst parodierte, mit dem Schleimer­song als Sahnehäubchen. Eindrucksvoll, bis August Becker den Song googelte und feststellen musste, dass Kaiser diesen längst vor der Ausstrahlung des „Tatort“ live gesun­gen, in die Charts gebracht und somit ernst gemeint hatte. Oder zumindest seine Fans. Ja, wo viele Schafe sind, gibt es früher oder später auch Wölfe. Denen die Einsamkeit bekanntlich nicht selten wurscht ist.

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