internationaler Frauentag

Warum der Autor den Frauen nachschauen darf ohne ein Tusserich zu sein … und wie die Frauen in Pécs tatsächlich aussehen – in meinem 2. Pécs-Tagebucheintrag

https://rentsnik.wordpress.com/2016/03/08/8-3-internationaler-frauentag/

Pécs 1

Auf der Flucht vor meiner großen Liebe, meinen Freundinnen und Freunden bin ich Anfang März 2014 in Pécs gelandet, so der Beginn von Christian Futschers Pécs -Tagebuch.  Seitdem das harp glissando mich geweckt hat,  stelle ich mir vor, wie es wäre, Futscher auf einen Kaffee zu treffen und über diesen, seinen ersten Satz zu reden.

Den ganzen Rotz der letzten 6 Monate herausschleimen und wieder ins Schreiben finden. Und das andere auf später verschieben. Flüchten, um wiederzukehren.

Als ich sagte: Ich fahre nach Ungarn, hat mich mein Junge ängstlich angesehen. Vor einem halben Jahr war Ungarn für ihn ein Fleck auf der Landkarte, Durchzugsbegiet. Er hat das Land nur unter sich rumpeln gespürt, nie gesehen. Ich sitze in der Bahn und schaue für ihn  aus dem Fenster. Schwemmland, Baumstümpfe, geduckte Häuser von denen die Fassade abblättert.

Seit einem halben Jahr habe ich ein „Kind“. Nein, es sind sogar 2. Sei doch wenigstens  ehrlich und gib es zu. „Mama, ich vermisse dich“ schreibt der eine, der andere erkundigt sich nach meiner Reise, meinem Zimmer –  ob es mir gut geht. Seine Nachrichten kommen als heller Ton über den Facebook Messenger. Ich schreibe, ich sei müde. Wünsche eine Gute Nacht und klappe das Buch von Antonio Fian auf. 3 Wochen will ich noch einmal mein altes Leben führen. Mag nicht Teilzeit-Mutter sein, nicht Geliebte. Nicht einmal Freundin, Bekannte, und ja, vielleicht nicht einmal Autorin. Autorinnen schreiben nicht, Autorinnen kümmern sich um Honorarnoten, Steuern und SVA Beiträge, geben Zugverbindungen bekannt und streichen Lesestellen  an.

Am Morgen ertrinken an den Grenzen Kinder. Oder erfrieren. Oder werden erschossen. Vielleicht sollte ich meinen Facebookzugang sperren.  Vielleicht sollte ich den Router abdrehen. Vielleicht ist W-Lan in AiR-Wohnunen gar nicht so gut.… Wie sollen wir fliehen, wir, die Übersättigten?

Was machst du dir Gedanken über einen einzigen Satz von gestern, wenn heute Kinder erschossen werden?, brüllt mich das Posting eines Bekannten (vor dem ich nicht geflohen bin) an.  Und doch ist der Satz (harp glissando) mehr  in meinem Kopf als die erschossenen Kinder, mehr als die ertrunkenen oder niedergetrampelten, denn das Sterben ist zur Normalität geworden und die Liebe zu einer Unmöglichkeit. Warum sonst sprecht ihr von den Kindern?  Sterben mit den 20jährigen keine Hoffnungen?   Und was ist mit den 40jährigen? Habt ihr etwa Angst, öffentlich zuzugeben, euch mit euren 40 an das Leben zu krallen? Euch einzugestehen, dass ihr gar nicht bereit wärt, zu tauschen – euer Leben gegen das eines fremden Vierjährigen?

Wir leben in Puppenwohnungen, Puppenhäusern, Puppenstädten. Lackiert in bunten Farben. Die Kinder werden in den Kellern vergewaltigt, oben drehen sich die Windräder und erzeugen Ökostrom. Wir wollen keinen Smog, wir wollen keine Toten, wir empören uns auf unseren Facebookseiten und sehen uns Sonntagabend den Tatort an.

Ja, ich bin nach Ungarn gefahren. „Kannst dir den Zaun anschauen“, hieß es. 

In meinem Zimmer steht ein TV-Gerät.  Wissen sie denn nicht, dass wir  Reizsüchtige sind, die ihre Türen nie ganz schließen, dass  uns nicht einmal  die leisesten Stöhn- und Streitlaute, die aus einem gekippten Fenstern dringen, entgehen, dass wir zu tippen aufhören, nur um alles ganz genau mitzubekommen?

Heute musst du dich selbst disziplinieren. Alle Kanäle kappen, den Router abdrehen, das Smartphone am besten gar nicht erst aufladen. Bitte entfernt die Steckdosen aus diesem Raum! Neuerdings haben sie sogar die Roaminggebühren gesenkt … 6 Cent kostet die Brücke nach Südösterreich. Ich  beschließe, sie nur in den Abendstunden zu öffnen. Rede mich auf meinen Jungen aus, der schreibt immer gegen 22 Uhr. 

Wie damit umgehen, frage ich mich – ich, die ich immer nur für mich da war, die ich mich in der Einsamkeit und Melancholie gewiegt habe wie in einem Schaukelstuhl,  die Vorhänge vor die Fenster gezogen …

Puppenhaus.  Du lebst in einem Puppenzimmer. Du hast ein Bett, deckst dich mit 2 Decken zu. Am Abend lehnst du dich gegen die Rückenlehne und versteckst dich in einer fremden Welt zwischen Papierseiten. Wanderst durch Leben, die nicht deine Leben sind, lebst Gefühle, die nicht deine Gefühle sind.

Zuerst kamen sie und zerrten an den Gardinen. Drängten gegen Türen und Fensterläden. (Siehst du, Oma, was bringen schon Fensterläden, wenn die Welt vor deinem Haus steht?) Durch alle Öffnungen krochen sie, faulig war ihr Atem, abgerissen standen sie vor mir, zeigten auf ihre Beulen und Schürfwunden, hielten mir ihre Zahnlücken entgegen.

Puppenhaus. Puppenzimmer. Bunte Katzen aus Ton und Holz auf dem Buchregal. Um dich herum stehen sie mit Feder und Tinte und kratzen dir ihr Leben unter die Haut. 

Der Kaffee geht über, die Herdplatte zischt. Wie geht es dir, Mama? 

Später das harp glissando. Meine Sehnsucht ist dehnbarer geworden, seitdem ich hier bin.

Vielleicht sind wir, die wir hierherkommen, alle auf der Flucht. Vielleicht sind wir deswegen so ungern in angestellten Verhältnissen – nicht, weil uns die Arbeitsstunden die Schreibzeit stehlen würden,  sondern weil wir immer wieder in eine Bahn steigen müssen. Weg von den Freunden, den Kindern und sogar der großen Liebe. Wir flüchten vor dem Glück und dem Unglück gleichermaßen, wir flüchten vor der Eintönigkeit, wir fahren in eine Art Niemandsland, in der Hoffnung, aus der Zeit herausgeholt zu werden, um uns wieder auf etwas einlassen zu können, das nichts mit uns (und doch nur mit uns) zu tun hat. Und sei es nur für dreieinhalb Wochen .…

Bosnien – eine Auseinandersetzung

Nach meinem Romanprojekt (Erscheinungstermin voraussichtl. Herbst 2015), das mich im Sommer 2013 nach Sarajevo führte, habe ich nun die andere Seite Bosniens kennengelernt. In Banja Lukua (Republika Srpska) fand ein 10tägiges Art Guerilla Camp unter der Leitung von Igor F. Petkovic statt. 10 Tage lang kamen bosnische und österreichische Künstler, Wissenschaftler und Aktivisten zusammen, um über das Thema „Franz Ferdinands Princip – Synthese zweier Feindbilder“ zu diskutieren. Der künstlerische Output wurde beim 4-tägigen Banja Luka Art Festival präsentiert – im Oktober wandert das Projekt weiter nach Novi Sad, das Finale soll im Dezember in Graz stattfinden.

Für mich Initialzündung, mich noch intensiver mit Bosnien auseinanderzusetzen. In persönlichen Tagebucheinträgen setze ich mich mit Vorurteilen (auch meinen eigenen) und meinen Gefühlen auseinander. Ich führte zahlreiche Interviews, die bis Dezember nach und nach in meinen Blog Eingang finden werden, sowie ich auch eine englische Übersetzung plane – step by step und nicht perfekt, aber doch so, dass meine bosnischen Freunde und der Rest der interessierten, nicht Deutsch sprechenden Welt mitlesen kann.

Nach Banja Luka fuhr ich nach Wien, um an einer Konferenz über die Rolle der Zivilgesellschaft für die Zukunft Bosniens teilzunehmen. Meine Tagebucheinträge sowie Fotos des Festivals und des Camps kann man schon jetzt nachlesen/-schauen.

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Mein Blog soll Einsicht geben in ein Land, das so nah durch Geografie und Geschichte  und doch so fern ist. Ich sehe mich nicht als politische Schreiberin sondern als reisende Autorin, die einen Zugang über persönliche Kontakte sucht.

Margarita Kinstner

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Ausstellungseröffnung und Lesung heute – Ausstellung bis 26.6.

ZUHÄUSERN

Heimaten. Fremde. Abwanderung.

Diesen Themen nähern sich Margarita Kinstner (GRAUKO), Igor F. Petković und Judith Fischer aus unterschiedlicher Sicht.

Näheres zu den einzelnen Personen und Projekten Projekten finden Sie auf:

http://www.judenburg.at/artistinresidence/

Von 12. bis 26. Juni können Sie die Projektarbeiten in der Künstlermeile Judenburg (Kaserngasse 16)  besichtigen.

Die Eröffnung findet am Mi, 12. Juni um 19:00 statt.

Margarita Kinstner von GRAUKO wird aus ihrem aktuellen Romanmanuskript lesen.

Öffnungszeiten der Galerie: Mi, Do, Fr 17-19, Sa 10-12. (Margarita Kinstner wird immer Mi und Sa vor Ort sein)

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Der GRAUKO poeTree 2013

Am 8. Mai startet der GRAUKO-POETREE in Judenburg am Hauptplatz Nord. Schüler und Schülerinnen des BRG Judenburg eröffnen um 10:00 mit selbst verfassten Texten

Am 11. Mai findet vor dem Baum eine GRAUKO-Lesung statt – Beginn: Voraussichtlich 11:00.

Wenn auch Sie Texte einsenden möchte, die auf dem Originalbaum hängen sollen, dann senden Sie ein Mail an: rentsnik@yahoo.de

Die Texte kann man ab Mitte Mai hier lesen und pflücken:

http://poetree2013.wordpress.com/

 

 

Margarita Kinstner ist Artist in Residence in Judenburg

Was bedeutet Heimat? Wie sehr werden wir von unseren Wurzeln beeinflusst? Wie wirken sich Landschaft und Sprache auf die Menschen einer Gegend aus – und beeinflusst das eine das andere? Diesen Themen stellt sich Margarita Kinstner in den 3 Monaten ihrer Zeit als Artist in Residence in Judenburg. Das Aichfeld ist für sie Konfrontation mit der frühen Kindheit. Die Sprache hier jene, die sie zuerst wahrgenommen hat. „Da bricht vieles auf. Viel Einbildung und viel Realität“. Mit den Erinnerungen ist es wie mit den Geschichten. Bei beiden weiß man nie, wo die Wahrheit endet und die Legende beginnt. In ihrem Romanprojekt mit dem Arbeitstitel „Die Schmetterlingsfängerin“ verarbeitet sie Erlebtes, Erzähltes und Erfundenes. Das Schreiben ist für sie wie das Spiel mit einem Kaleidoskop. „Du drehst daran  – die Realität zerfällt in bunte Splitter. Du drehst weiter. Etwas Neues entsteht. Die Glasstücke sind dieselben, die Figur ist eine gänzlich andere.“

Fohnsdorf, Judenburg. Wien, Kanada, Schweiz, Graz. Das sind die Schauplätze. Margarita Kinstner nähert sich in ihrem Roman vor allem den Frauen der Familie: Katharina, Rosa, Magda und Katja.

Immigration, Krieg, Emigration. Bleiben. Familiengründung, Hausbau. Waschmaschinen, Einbauküchen, Nivea-Creme. Luftpost, Kartenspiel, Kleiderkartons. Kohle, Motorräder. Unfälle. Kommunen, Demonstrationen, Verhaftungen. Scheidungen, Umzüge, Patchwork. Zerrissenheit. Begegnungen, Trennungen, Neuanfänge. Abschiede. Heimat und Heimatlosigkeit.  Eine Familie – (fast) wie jede andere in Österreich. Auf dem Blog der Autorin kann man ihre Recherchearbeit sowie ihre Begegnung mit Judenburg und dem Aichfeld verfolgen.

http://rentsnik.wordpress.com/

Um Literatur auch im öffentlichen Raum sichtbar  zu machen, betreut die Autorin einen Monat lang den „GRAUKO poeTree“ am Hauptplatz Nord. Ein Literaturbaum zum Pflücken und Bestücken, der einen Monat lang nicht nur JudenburgerInnen einladen soll, Texte auf den Baum zu hängen und zu pflücken. Literaturbegeisterte können auch virtuell Texte hochladen, die dann auf den Baum gehängt werden. Texte vom Baum wiederum können am Blog nachgelesen werden. Einsendungen an: rentsnik@yahoo.de oder über das Kontaktformular auf der Website der Autorin.

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