Text von Helmut

Nachts auf der Reeperbahn

Satt war ich davon nicht.
Eineinhalb Sushi, und ein paar mickrige japanische Spießchen. Ein paar Bier in spießiger Runde. In-Treff nannten die das.
Ich zog los. Hotelwärts. Auf der Suche nach etwas Essbarem jeden Umweg in Kauf nehmend. Die Seitenstraße aufwärts. Dorthin, wo mehr Licht war. Auf das Rot zu und das Grelle.
Burschi, komm rüber, rief eine Stimme von drüben, von der anderen Straßenseite.
Hast was zu essen? rief ich zurück.
Ein wenig fühlte ich mich geschmeichelt durch das Burschi, aber ich ging doch nicht. Und sie kam nicht. Es gab hier klare Zonen und Straßenseiten, schien es.
Mitten drin war ich nun im Licht. Leuchtreklamen, Lichtkörper, Funkeln und Blitzen. Versprechungen und Verlockungen. Torkelnde Gestalten, lachend, suchend. Eingemummte Körper in Torbögen. Männer, in Eingängen verschwindend, wiederkehrend. Auf den Gehsteigen Gedränge, trotz der späten Stunde. Ich suchte auch, vergebens, war wohl zur falschen Zeit am falschen Ort. Ging nach rechts, in die Richtung, wo ich das Hotel vermutete. Die Lichter wurden weniger, wechselnden von Rot auf Blau und Weiß. Blinkten nicht mehr so stark, waren mehr Wort als Bild. Seriös fast.
Die Reeperbahn, nahe dem Ende. Hier oben war nicht mehr viel los. Cafès, schon finster. Lokale, die die Sessel schon auf den Tischen hatten. Mürrische Figuren, die mit Besen zwischen den Tischen die Reste der Nacht hinaus fegten. Shops, mit heruntergelassenen Rollladen. Schilder, nicht mehr beleuchtet. Ich wechselte hinüber, aber die andere Straßenseite sah nicht anders aus.
Eine Front war noch etwas heller, und da waren ein paar Gestalten.
St. Pauli Food. Arroganter Name für die Dönerbude.
Fleischliches nur noch in Form von Currywurst und Kebab.
Genau das, was ich wollte. Mein Magen verlangte nach etwas.
Ich strebte hin.
Zwei senkrechte Fleischspieße. Mit nur mehr wenig Fleisch. Der dazugehörige Türke hinter dem straßenseitigen Tresen. Im Gespräch mit zwei Männern, die nicht ins Bild passten.
Schwarzer Anzug, glänzend polierte Schuhe, dunkle Krawatte, kurz geschnittene Haare. Einer wie der andere. Auf der Straße, etwas entfernt vom Tresen stehend.
Versicherungsvertreter auf Abwegen.
Priester auf Mission.
Manager des Geschäfts dieser Straße.
Ich trat durch die Glastür, vorbei an den Schwarzmännern. Der Türke sprach weiter mit ihnen, es dauerte, bis er kam.
Ein Döner. Kalb.
Mit allem? Mit allem.
Die beiden schwarzgekleideten Gestalten waren hinter mir durch die Tür gekommen, wie ich nun bemerkte.
Was wollt ihr, fragte Ali. Ich nenne ihn so.
Auch einen Döner.
Mit allem? Mit allem.
Die beiden setzten sich an einen der kleinen Tisch, die an der Wand standen. Ich lehnte an einem schmalen Board, das gleich rechts nach dem Eingang an der Wand angebracht war.
Was macht ihr, fragte Ali.
Wie sind Transportunternehmer. Überführer.
Ja? sagte, fragte Ali.
Wir arbeiten für ein Bestattungsunternehmen.
Tote? fragte Ali.
Wir überführen.
Es sprach immer nur der eine, der mir gegenüber saß. Dunkles Haar, gescheitelt, mit viel Pomade drin. Vom anderen sah ich nur die breiten schwarzen Schultern und den Hinterkopf, kurz geschorenes Haar, dunkelblond.
Wie seid ihr dazu gekommen, hörte ich Alis Stimme.
Ein Schulkamerad, den ich nach Jahren wieder getroffen habe. Ich war arbeitslos und ziemlich herunten, damals. Komm mit, hat er gesagt, komm mit für einen Tag. Schau dir das an. Das habe ich dann gemacht.
Du fährst irgendwohin, ladest auf, bringst die Leiche zum Friedhof, oder sonst irgendwohin, wo die sie haben wollen. Ist eigentlich klasse. Seit einem Jahr bin ich dabei.
Er sprach sehr korrektes Deutsch, aber es wirkte, als fiele es ihm nicht ganz leicht, als bemühte sich darum, weil das zu seinem Auftreten und zum schwarzen Anzug passte.
Verdienst gut? wollte Ali wissen.
Wie man es nimmt. 15 pro Überführung. Aber manchmal bist du zwei Stunden unterwegs oder mehr. Sind dann 7,50 die Stunde. Dazu noch die Bereitschaft. Du wartest, bis ein Anruf kommt. Stunden. Leicht verdientes Geld, sagt der Chef. Jetzt beispielsweise sitzen wir hier auf der Reeperbahn und plaudern schön. Hat ja recht, der Chef.
Aber du fährst auch nach Sylt und Berlin. Fährst hin, holst oder lieferst ab, kriegst zu essen, Chicks am Weg.
Kannst auch länger bleiben, wollte Ali wissen.
Manchmal schon. In Russland war ich, die wollten den dort eingraben. Da kannst schon eine Nacht anhängen, fährst am nächsten Tag zurück. War nicht wirklich gut dort. Aber in Italien und Frankreich war ich, das war klasse.
Manchmal bin ich auch hier eingesetzt. Der Besitzer vom Imbiss unten, weißt du noch? Den hab ich überführt.
Die Döner sind fertig, erst meiner.
Zum Essen hier, fragt Ali.
Nein, sage ich. Nein, ja, doch, hier.
Ich will die Geschichte hören.
Es ist warm im Raum, und riecht verraucht. Ich ziehe die wetterfeste Jacke zu, auch wenn es dadurch noch heißer wird. Damit mein dunkler Anzug nicht zu sehen ist. Ich will nicht auffallen, versuche eine müde Gestalt zu sein, die teilnahmslos am Döner beißt.
Damit keiner fragt: Überführst du auch?
Was habt ihr für einen Wagen, will Ali wissen, als er den beiden ihre Döner bringt.
Die Augen des wortführenden Überführers leuchten.
Mercedes, 230 Sachen, mit allem, was Mercedes hat, Klima und so.
Wenn du die Leiche reinschiebst, brauchst nur anzutippen, und die Hecktür geht zu. Mit einem Schnurren. Echt klasse. Ist gleich verriegelt, da kann nichts aufgehen, wenn du bremst. Wär ungut, irgendwie.
230, wow, höre ich Ali.
130.000 kostet das Teil. Da musste ein normaler Mercedes zerschnitten werden, dann haben sie ein neues Heck angebaut. Ist schwer. Bilden sich Risse, manchmal, dort wo das angeschweißt ist.
Ich finds nicht in Ordnung, dass so ein Wagen anders verwendet wird, sagt der Überführer. Ich kenn einen, der schiebt am Wochenende den Kinderwagen rein. So was gehört sich nicht. Die Leute wollen, dass ihre Toten ordentlich behandelt werden. Ich hab schon islamische Tote überführt, aber es gibt auch islamische Kollegen, die machen nur das. Ist besser so, für die Familie ist es einfacher, wenn das einer macht, der das alles kennt, das Land und so.
Mein Kollege – er deutet mit dem Döner in der Hand auf Überführer Zwei – hat zigeunerische Freunde, und einmal ist er gefahren, und die waren da und waren so froh, dass er das macht und nicht irgendeiner. Da musst dann den Leuten auch zuhören, kannst nicht gleich weg fahren. Auch wenn’s deine Zeit ist. Der Überführte wird in die Leichenhalle geschoben, und du wartest, bis alle wieder da sind. Da merken sie dann, dass dir das auch nicht egal ist. Das ist richtig so.
Und du fährst nicht 230, gar nicht. Das gehört sich nicht.
Ich kaue langsamer, viel Döner ist nicht mehr da. Hinten steht ein Getränkeschrank, ich mache es den beiden Überführern nach und hole mir ein Bier.
Ich halte die Flasche Ali hin.
Zwei sechzig, sagt Ali.
Hier, fragt er.
Hier, sage ich.
Dann ist nur zwei.
Ich habe ihm zwei sechzig hingelegt.
Passt, sage ich und stelle mich wieder an meinen Platz an der Wand.
In engen Gassen ist es manchmal schlimm.Da musst du stehen bleiben, mit Warnblinklicht, und die Idioten hupen. Ich kann doch nicht den nächsten Parkplatz suchen und mit dem Handwagen durch die Gegen fahren.
Es ist nicht schlimm, du kennst die Leute ja nicht. Und hast sie vorher auch nicht gekannt.
Die Feuerwehr hat’s viel schlimmer. Die schneiden irgendwen aus dem Auto, und dabei stirbt er. Wenn wir kommen, ist das schon alles vorbei.
Ali erzählt von Istanbul.
Das ist nicht irgendeine Stadt. Istanbul ist genau zwischen zwei Kontinenten, und sie war einmal Konstantinopel, und dann war sie wieder anders, und dann sind die gekommen, dann die, dann die, was weiß ich. Aber das verstehen die Leute hier nicht.
Die Bierflasche ist leer, mir ist schlecht, ich gehe.

Mitten am Gehsteig parkt ein Auto, das mir früher nicht aufgefallen ist.
Leichenwagen, silbergrau.

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