Text von Maria

Pestonkels achtzigster Geburtstag

Ein lehmfarbener Opel Kadett fährt knirschend bis direkt vor den Eingang des zu einem Gasthaus umfunktionierten Bauernhofes. Aus dem Opel quellen nacheinander: eine junge, vorzeitig ergraute, angestrengt dreinblickende Frau, drei in geringem Zeitabstand
geborene Rotznasen und ein ächzender, asthmatischer
alter Mann mit gichtigen, verschobenen Gliedern. Beim Aussteigen bleibt sein Hut hängen und fallt zurück ins Wageninnere, seine über die Glatze gekämmten Schläfenhaare geraten dadurch aus der Form und stehen plötzlich nach allen Richtungen.
Darüber können sich die Kinder kaum beruhigen vor Kichern, der alte Mann verlangt lauthals nach seinem Hut und zweitens nach seinem Stock, so dass die Frau die erwischten Bubenohren wieder loslassen und zu Hilfe eilen muss.
Derweil der Alte die Stufen erklimmt, spielen die Kinderdurch dessen extrem ausgebildete O-Beine „Kukkuck“, und weitere Autos fahren vor. Eine Familienfeier braut sich zusammen.
Die angestrengte Frau, Hüldl gerufen, mahnt zischend ihre Kinder zur Ordnung, was diese ungefähr zwei Minuten beherzigen. „Es kommt noch eine Frau mit Rollstuhl, die braucht Platz zum Rangieren, an diesem Tischkönnen wir unmöglich sitzen!“ , beschwert sich eine augenscheinlich zur Familie gehörende Dame und fuchtelt mit ihrem Stock herum. Kellner Hannes versucht zu beschwichtigen: „Ja, das hätten Sie aber schon bei der Bestellung sagen müssen!“ – „Ich hab ja nicht bestellt, weil dann“ -giftiger Blick Richtung Hüldl – „sowas gar nicht passiert wäre. Aber die Jungen glauben ja immer, sie wissen alles besser.“ Noch bevor irgendjemand sie daran hindern kann, beginnt sie, von einem Nebentisch ein Ehepaar zu verscheuchen, das vor lauter Verblüffung einfach vergisst, sich zu wehren.
Der Alte hat endlich keuchend das Gastzimmer erreicht, unter der Hutkrempe schauen noch ein paar widerspenstige Haare hervor. „Ha, die Tante Mitzi hat das Ruder schon wieder in der Hand.“, grinst ein eben hereinkommender rotgesichtiger Mitvierziger mit Schnurrbart, Kotletten und gewachstem Seitenscheitel und stupst seinen Nebenmann, der wohl sein
Bruder sein muss, an. „Ich nehm‘ s ihr bestimmt nicht weg!“, gibt der schmunzelnd zurück. ,,Hüldl, greif an!“ befiehlt die Tante Mitzi, schlurft um den erkämpften Tisch herum und drückt einem der drei Buben ihren Stock in die Hand. Hüldl wird bei diesem Manöver
nicht gerade freundlich behandelt. „Was hast du dir dabei eigentlich gedacht? Soll der Onkel Hans mit seinem Katheder sich in diesem Eck einzwicken lassen? Und die Tante Lisl mit ihrem überbreiten Rollstuhl? Wie, glaubst du, soll sie diese Kurve ins Klo schaffen? – Wenn-man-sich-nicht-um-alles-selberkümmert. “
Zwei Frauen, wohl Schwägerinnen, tragen je einen Geschenkkorb herein. „Hast auch den gleichen Einfall gehabt?“- „Ich hab mich gleich gar nicht angestrengt, einen Einfall zu haben, Wilma.“, sagt die Angeredete und stellt den Korb auf einem Beistelltischchen ab.
„Hast recht. Was soll man so einem alten Menschen auch kaufen. Hat eh alles. Und passt eh nichts.“ Die zwei größeren Buben duellieren sich mit Tante Mitzis Stock, was dieselbe sogleich zu einer Äußerung über die erzieherische Unfähigkeit ihrer Schwiegertochter veranlasst.
Der arme Hannes hat alle Hände voll zu tun, das aufgebrachte Ehepaar zu beruhigen, das lautstark zum Aufbruch rüstet und verkündet, sich hier nie mehr sehen zu lassen – „Frechheit so etwas. Aber die Pensionisten dürfen sich ja alles erlauben!“ – „Die haben auch eine dickere Brieftasche als wir. Komm, Franz, wir gehen.“
Den angebotenen Gutschein schlagen die beiden aus und drohen stattdessen mit einem saftigen Leserbrief an die regionale Tageszeitung.
Eine große schlanke Frau in Schwarz rollt einen überbreiten Rollstuhl mit einer ungeheuer dicken, aufgeputzten Frau herein: Das muss Lisl sein. Endlich – Wilma und ihre Schwägerin unterhalten sich gerade über ein Rezept für AllerheiligenstriezeI, können sich nicht über die Zugabe von Zitronenschale einigen und hoffen jede für sich auf Hüldls Partei – trifft Onkel Luis ein, ein rüstiger, drahtiger Mann um die siebzig, dem eine Ähnlichkeit mit seinem seligen Vornamenskollegen Trenker schon aufgrund seines bergsonnenverbrannten Gesichtes nicht abzusprechen ist. Im Gefolge zwei augenscheinliche Töchter samt Ehegatten und Kindern. Auf diese Gesellschaft haben Hüldls Buben schon dringend gewartet, nach kurzem Begrüßungshallo verschwindet der Pulk nach draußen, man sieht sie bald unter den Ahornbäumen im knöcheltiefen Laub herumtollen.
Auch die Töchter des Onkel Luis haben Geschenkkörbe mitgebracht und stellen sie neben die vier bereits vorhandenen. Ganz können sie sich ein Vergleichen von Größe und Inhalt der gutgemeinten Spenden nicht verkneifen. „Ob der Onkel Hans wohl demnächst Weinbergschnecken statt Geselchtes jausnen wird?“ ätzt die eine, und die andere ätzt noch ein
Stückchen tiefer: „Die hat wahrscheinlich die Hilde einpacken lassen, weil sie selber darauf scharf ist!“
Einig sind sie sich, dass man einem alten Menschen, der nicht mehr gescheit beißen könne, keine Dauerwurst und kein Pumpernickelkaufen dürfe und schon gar nicht diese Dosenfrüchte, von denen ein alter Organismus nur Durchfall bekäme, und dass sie diesbezüglich schon geschaut hätten, dass alles, was im Korb sei, auch wirklich dem Beschenkten und nicht etwa seiner raffgierigen Familie zugute komme. Aber
man wisse ja nie.
Nacheinander umarmen und küssen sie den Jubilar, der schmunzelt und schweigt nur zu all den guten Wünschen, er weiß, dass sich soviel Glück und Gesundheit und Gottessegen in seinem Leben gar nicht mehr ausgehen kann, selbst wenn er hundertfünfzig würde.
Bevor Hannes noch zum Essenaufnehmen kommt, muss er die Katastrophebeseitigen, die die Tante Lisl mit ihrem Früchtetee angerichtet hat. Eine rote Lache breitet sich auf dem Tischtuch aus, die Ausläufer rinnen der vis-a-vis sitzenden Anni und ihrer Schwägerin
in den Schoß. „Macht doch nichts, Tante Lisl, das kann doch jedem passieren.“
Auch ihre schöne, schwarze Begleiterin hat etwas abbekommen, sie rennt hektisch auf die Toilette und versucht zu retten was zu retten ist, ihre Hose sieht ziemlich teuer aus.
Hannes tritt von einem Fuß auf den anderen, die Kinder können sich nicht entscheiden zwischen „Häuptlingsschnitzel“ und ,,Piratenscholle“, von ihren Eltern werden ihnen eher erfolglos Frankfurter und/oder Pommes frites empfohlen, schlussendlich bekommen
sie doch das Gewünschte und lassen drei Viertel davon stehen.
Tante Lisl und Onkel Hans verlangen lautstark, ihr Schnitzel geschnitten zu bekommen, die Luis-Töchter kommen der Aufforderung gern nach, werden dafür gelobt, was für nette Dirndln sie sind und bekommen zu hören, wie lieblos sie sonst behandelt werden, weil kein Mensch Zeit und Muße habe, sie mehr als nur notzuversorgen. Und was sie außerdem
fiir brave Kinder hätten, die so schön die Hand geben und ihren Eltern aufs Wort gehorchen. .
„Siehst du,“, raunt der Seitenscheitel seiner Frau zu, „so musst du es mit deinen Kindern auch machen.
Der alte Knacker hat Geld wie Heu.“ – „Gut dressiert.“, sagt Wilma und wischt an dem Teefleck in ihrer hellen Hose herum. Ihrer Schwägerin wirft sie einen vielsagenden Blick zu.
Endlich ist man bei Kaffee und Torte angelangt. ,,Hast du die selber gemacht, Hilde?“ will eine der Luis-Töchter wissen. „Die Hüldl macht alles selber. Ob der Hans und ich eine Kolik davon bekommen oder nicht.“, sagt die Tante Mitzi, bevor Hilde überhaupt den Mund auftun kann.
Hilde lässt sich auf keinerlei Diskussionen ein, sie hat genug damit zu tun, ihrem Jüngsten die Ketchupspuren aus der Frisur zu tilgen, die ihm sein älterer Bruder zugetilgt hat. Wilma und Anni tauschen wieder Kochrezepte, Annis Mann, ein Mittelscheitel, fachsimpelt mit seinem Bruder, anscheinend auch ein passionierter Passivsportler, über die Missgeschicke im letzten Match. Draußen beginnt es zu regnen, was die Kinder ins Gastzimmer flüchten, Hannes schier verzweifeln und sein Tablett ins Wankengeraten lässt, weil die Bande von ihren Eltern aus Narrenfreiheit genießt und ständig vor seinen Füßen herumwuselt. Einige turnen unter dem Tisch herum und verknoten Schuhbänder, andere machen sich über die restliche Torte her, wobei weitere Kleidungsstücke und Tischwäsche zu beklagen sind.
Die Luis-Töchter trauen sich endlich zu rauchen. Sie kommen sich ziemlich gut dabei vor, worauf Onkel Hans und Tante Lisl einen Teil der guten Meinung, die sie von den beiden gefasst haben, wieder revidieren: „… weil so ein Saubrauch für ein Weibsbild sich nicht gehört!“ Wilma, Anni und Hilde fühlen sich in der Gunst der beiden Alten wieder steigen und überbieten sich beim Beteuern, wie ungesund, abscheulich schmeckend, Geldbörsel belastend, schlechtes Vorbild gebend und überhaupt unsinnig die Raucherei sei. Die Ehemänner der beiden Raucherinnen – ganz emanzipiert -geben ihnen zwar recht, stellen aber fest, dass es deren Sache und Beuschel sei und es sie nichts angehe. Worauf hin sich auch die Schöne in
Schwarz eine Zigarette anzündet. Anni will aufs WC, scheitert bei diesem Vorhaben an
ihren verknüpften Schuhbändern, schimpft auf die Kinderfratzen, aber nicht sehr, weil es genauso gut ihre eigenen gewesen sein könnten. Mitzi vermutet die Übeltäter naturgemäß in ihren Enkeln.
Als auch Kuchenteller und die meisten Kaffeetassen abserviert sind und nur mehr vereinzelt Limo-, Wein- und Biergläser herumstehen, stellt sich am Tisch Leerlauf ein, wie stets bei solchen Familienfesten, wenn alle so vollgegessen sind, dass sie sich kaum mehr rühren können. Sämtliches Blut ist in die Verdauungsorgane geflossen, sodass auch kein gescheites
Gespräch mehr zustande kommt.
Diese Gelegenheit nützt Tante Mitzi, sie schlägt ein paarmal mit dem Stock an die Tischkante und ergreift das Wort – sofern sie es denn je losgelassen: „So -da ihr nun alle auf meine Kosten gefressen und gesoffen habt, fragt ihr euch sicher, was der Grund
unseres gemütlichen Zusammenseins ist – außer, dass der Onkel Hans Geburtstag hat natürlich. Was glaubt ihr, wieso ich darauf bestanden habe, euch alle hier zu haben?“
Sie wartet eine Reaktion erst gar nicht ab und verkündet: „Nächste Woche bekomme ich ein künstliches Hüftgelenk. Danach gehe ich auf Kur und anschließend auf Urlaub zu meiner Freundin in Bayern. Ich kann also meinen Bruder nicht pflegen. Ihr seid jetzt dran.“
Das Brüderpaar zuckt beinah synchron die Achseln, als wüssten sie nicht, was das mit ihnen zu tun haben könnte. Wilma betrachtet verstohlen die Gesichter der anderen.
Walter und Hüldl schauen sich an. Sie haben die Arme verschränkt. „Nein.“, sagt dieser Blick.
Die große Schöne in Schwarz lächelt kaum merklich und streichelt Lisls Wurstfinger: „Ich hab eh mein Liserl.“
„Das sie jeden Monatsersten im Altersheim besucht…“ lästert Anni und muss sich dafür per Blick von Tante Mitzi erdolchen lassen. Die betretenen Gesichter in der Runde verheißen
nichts Gutes. Onkel Hans schaut sie der Reihe nach interessiert an und lässt schamlos die Winde wehen.
Der neben ihm sitzende Bub hält sich die Nase zu und wendet sich ab. Mitzi schäumt. ,,Da,schau,Hüldl, deine Krätze! Wenn der Onkel Hans dir einen Hunderter zusteckt, drehst du dich dann auch weg von ihm?“
„Der Onkel Hans stinkt wie die Pest!“
Seine größeren Brüder wollen ihm noch den Mund zuhalten, aber der Kleine kommt erst in Fahrt: „Der Onkel Hans hat immer dreckige Fingernägel und ein nasses Hosentürl, seine Zuckerln hat er solang einstecken, bis sie klebrig und voll Mist sind, und seine Hunderter sind verschwitzt. Außerdem stinkt er aus dem Mund und macht blöde Witze über die Mama
und ihre Figur, und der Papa ist ein Waschlappen, sagt er, und ich will überhaupt niiie mehr zu ihm!“
Was an Anspannung noch in ihm ist, macht sich jetzt mit einem Weinen Luft.
Niemand spricht.
Erst Mitzi bricht das Schweigen: „Vielleicht bleibe ich auch ganz in Deutschland.“
„Einen alten Baum kann man nicht verpflanzen. Punktum.“, sagt Wilma, und man weiß nicht so recht, wen sie da jetzt meint. Annis Mann raunt seiner Frau zu: „Wenn du den Alten im Haus hast, brauchst du nicht mehr Eier sortieren gehen.“
„Und bin angehängt wie ein Kettenhund. Danke.“
Bei diesen Worten schaut sie ihren Mann derart scharf an, dass er nichts mehr sagt. Die jenige der Luis-Töchter, die nach ihrem Hüftspeck zu urteilen nicht unter dem Joch wie immer gearteter Mehrfachbelastung ächzt, hat es plötzlich sehr eilig. Hektisch sammelt sie ihre Familie ein, und sie verabschieden sich reihum, mit dem Lächeln der gerade noch Davongekommenen. „Danke für die Einladung, Tante Mitzi, bleib gesund, Onkel Hans.“
Die andere scheint berufstätig zu sein, sie und ihr Mann sehen der Komödierelativ unbeteiligt und beinahe belustigt zu. Der kleine Bub sitzt mit rot geklopften Ohren unter dem Tisch und sinnt auf Rache. Onkel Hans nestelt mit zugekniffenem Mund und seltsam feuchten Augen an seinem Katheder herum und wird dafür von Mitzi zurecht gewiesen: „Jetzt lass das doch einmal in Ruhe, du machst dich nur wieder nass. Der schöne Steireranzug. “
Nach einer weiteren Minute Schweigen lehnt Tante Mitzi sich zurück und schnaubt: „Ihr seid mir eine Bagage. Aber macht eh nichts. Ich hab mir ja schon fast so was gedacht, und drum haben der Hans und ich uns auch schon ein schönes Pensionistenwohnheim ausgeschaut,
gell Hans.“ Der nickt bestätigend, aber nicht wirklich froh. „Dort könnt ihr dann eure Melkkuh besuchen gehen. Nur leider, zu melken wird’s nichts mehr geben. Dann
melken nämlich wir.“

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