Serpentina, das Schlänglein

Serpentina, das Schlänglein

Vor vielen, vielen Jahrhunderten, eigentlich nur vor vier Jahrhunderten und ein paar Dekaden, gab es einmal in einem weit entfernten, aber bereits sehr modernen Königreich wenig überraschend einen König und eine Königin. Der König war allerdings ein gar aberwitziger Typ und die Königin einfach nur schwanger.

Eines Tages, als die Sonne den widerwärtigen Morgennebel mit ihren Strahlen fortgepeitscht hatte und in das Königreich reingähnte, kam ganz zufälligerweise eine alte Zigeunerin beim Palast vorbei, die nicht nur für ihr verführerischen Gulasch, sondern auch noch für ihre Seherei und Weissagungen bekannt war. Der König, der ein Faible für alles Lustige und Weissagungen hatte, ließ die Zigeunerin rufen, und sie kam.

„Was wird meine teure und schwangere Königin gebären, Zigeunerin?“, der König etwas aufgeregt und händeringend.

„So eine saublöde Frage, mein König. Was glaubst du denn? Ein Kind vielleicht?“ Die Zigeunerin hatte offensichtlich einen Kohlensack voll schlechter Laune mit in das Schloss gebracht.

„Du weißt schon, was ich mein!“ der König von der etwas grantigen Schlagfertigkeit der Zigeunerin überrascht. „Bub oder Mädchen? Komm schon, du weißt ganz genau, was ich mein’.“

„Ach so.“ Die Zigeunerin kramte in ihrem Weissagungsnecessaire herum und setzte sich ihre Seherbrillen auf, ließ ein putziges, herzallerliebstes Meerschweinchen bei lebendigen Leibe ausnehmen, legte das Gekröse auf die Nase der Königin und hielt ihr linkes Ohr auf die Geburtskuppel der Königin.

Nach mehreren Minuten gab die Zigeunerin die etwas unerwartete, aber mit ernster Stimme untermalte Antwort: „Eine Schlange, Majestät.“

Der König krümmte sich vor Lachen, liebte er die Eigenheiten und den seltsamen Humor vom fahrenden Zirkusvolk, und konnte sich eine lange Zeit gar nicht wirklich beruhigen. Der Königin wurde es allerdings schon etwas mulmig im Bauch und ein bisschen schwindelig im Kopf, hatte sie ja während dieser Weissagung die Luft anhalten müssen, sonst wär’ ihr das Meerschweinchengekröse in die Nase und in den Mund gerutscht.

„Und sollen wir die Schlange töten? Sie großziehen? Ihr Kunststücke beibringen? Einen kleinen Königszirkus bauen, anstatt einer Kinderstube?“ so der König außer sich vor Spaß nach mehreren Minuten, als er sich wieder gefunden hatte. Die Lachtränen standen ihm in den Augen und rannten über seine Pustebacken.

„Großziehen!“ so die Zigeunerin schlicht und einfach, die bereits ihre Seherbrille wieder in eine Rocktasche verschwinden hatte lassen und den Dienern befohlen hatte, die Innereien des Meerschweinchens wieder vom Gesicht der Königin zu nehmen, die sich in der gleichen Sekunde zwangsläufig übergab.

Der Kopf des Königs wurde vor Lachen beängstigend rot und groß, die Halsschlagadern quollen wie Äste hervor, doch die Königin, sich die Mundwinkeln wischend, heftig weinend: „Wer würde ein so abscheuliches Tier stillen? Eine Schlange! Was Blöderes hat uns wohl nicht passieren können.“

„DUUUUU, ha, ha, ha. Du wirst die Schlange stillen! Wer denn sonst, du dummes Huhn?“ der König war kaum noch zu halten.

„Aber, aber … ich werde vor Schreck tot umfallen! Und außerdem, wenn sie in die Brust bisse …. “, die Königin vollends verzweifelt.

„Ja, nimmst du denn diese Zigeunerin ernst? Welche Frau auf dieser Welt hat je eine Schlange geboren? Ha, ha, ha! Außerdem müsste ich mir dann ernsthafte Sorgen um meinen Samen machen”, der König nahm die Situation offensichtlich noch immer nicht ganz ernst, und die Angst der Königin stachelte ihn noch zusätzlich an, noch viel Blöderes von sich zu geben.

„Habt keine Angst, Majestät. Sie wird nur einen Zahn haben, einen goldenen Zahn nämlich“, die Zigeunerin beruhigend, aber mit tiefernster Miene.

„Super! Den goldenen Zahn reißen wir der Schlange gleich aus und sanieren unsere Staatskasse. Und dann lassen wir sie verbluten und ich werde dir Stiefel aus Schlangenleder zum Muttertag schenken. Ha, ha, ha!“

Da war es vollends um den König zu geschehen. Dreißig Diener mussten ihn in seinem Lachwahn vom Fenstersims holen, für dreißig Minuten fesseln und ihn dreißig Mal ins Gesicht schlagen, damit er sich wieder beruhigte.

Der Zigeunerin gab man drei Golddukaten für ihre Show, doch sie musste zuerst das halbleere Meerschweinchen wegputzen und vor ihrer Abreise noch ihr berühmtes Gulasch für den König kochen. Der König hatte sich in der Tat seit seiner ersten befohlenen Hinrichtung nicht mehr so köstlich amüsiert, und der Königin war seit dieser ersten befohlenen Hinrichtung nicht mehr so angst und bang gewesen.

Nach Monaten platzte die Nacht der Geburt in den Königspalast und aus dem Unterleib der Königin kroch tatsächlich eine kleine, grünschwarze Schlange, die, kaum geboren, aus der Hand der Hebamme glitt, sich an der Brust der Mutter festbiss und zu trinken anfing. Da war plötzlich Schluss mit lustig. Wie nach der Weissagung versprochen, fiel die Königin in Ohnmacht und der König machte sich ernsthafte Sorgen um seinen Samen. Er verfluchte kurzweilig zum ersten Mal in seinem Leben das ach so lustige, fahrende Zirkusvolk und untersuchte das Maul der Bestie. Die Schlange hatte tatsächlich nur einen goldenen Zahn, mit dem sie sich an der Brust fest gezwickt hatte.

Peinlich war dem König das Ganze. Grauslich war das Ganze für alle. Zum verzweifeln war das Ganze für die Königin. Was sollte der König seiner Skatrunde erzählen, seinen Mätressen, ganz zu schweigen seinem Volk, das bereits über den Nachwuchs seit Monaten jubelte und außer sich war vor Glück? So ließ er verkünden, die Königin habe ein schönes, aber sehr, sehr schlankes Mädchen geboren, und es werde Serpentina heißen. Die Skatrunde, die Mätressen und das Volk fragten sich kurzweilig, was das denn für ein seltsamer Name war. Wenig später spielte aber die Skatrunde weiter, die Mätressen putzen sich wieder für die Abendstunden zurecht und das Volk jubelte einfach weiter. Serpentina versteckte man aber wohlweislich untertags in einer der Handtaschen der Königin.

So schlängelten sich die Wochen durch die Königsburg und man kann es glauben oder nicht, der König und die Königin gewöhnten sich an das schnell wachsende, königliche Ungeziefer, welches bereits drei Ellen und zwei kleine Fingerchen lang war. Der König fand seinen Humor wieder, die Königin nahm hin, was tagtäglich an ihre Brust schlich, beziehungsweise was hingenommen werden musste. Und manchmal fanden beide sogar Gefallen an ihrer Tochter, vor allem wenn man ihr frühmorgens und abends den niedlichen Goldzahn putzte.

Eines Tages allerdings raschelte die Zigeunerin wieder ins Schloss, und der König ließ sie wieder rufen: „Verdammt, du hast ja wirklich recht gehabt, Zigeunerin. Aber sag mir das Schicksal von Serpentina und dann koch uns ein köstliches Gulasch!“ der König wieder in den Startlöchern zum Lachanfall.

„Gut oder schlecht?“ die Zigeunerin.

„Gut oder schlecht, werte Frau!“ der König ganz lachhungrig.

Die Zigeunerin nahm das kopflose Ende von Serpentina fest in ihre Faust, ließ die Schlange ein wenig baumeln, kitzelte sie dort wo Schlangen besonders kitzlig sind, machte eine Doppelmasche aus der Schlange, zog den Knoten fest zusammen, sodass der Schlange beide Schlitzaugen großrund wurden, entknotete das Vieh und setzte es der Königin wieder an die Brust. Wie ein kleiner Junge hüpfte der König bei diesem Schauspiel auf und ab, applaudierte und lachte wild.

„Was siehst du Zigeunerin? Sag’ mir, sag’ mir, was du siehst! Ich will es wissen, Zigeunerin. Ich bin auf alles vorbereitet“, so der König.

„Ich sehe Unheil!“ – lange, breite Stille im Königshaus. Irgendjemandem fiel irgendwo im Palast ein Silberlöffel aus der Hand auf den Marmor.

„Wie sieht denn Unheil aus?“ der König verdattert.

„Es ist graublau, rund und stinkt“, die Zigeunerin zynisch.

„Das finde ich aber nicht besonders witzig, Zigeunerin! Wirklich?“ Da war der Schmäh dem König schon wieder vergangen. „Aber nein. Nicht schon wieder Unheil und Schlangen. Lass dir was Besseres einfallen!“ so der König.

„Jetzt hör mir mal genau zu, du König. Ich bin eine Zigeunerin, die die Zukunft voraussagen kann. Ich nehme meinen Job voll ernst. Ich bin nicht zu deiner Belustigung hier. Und wenn ich sage „Unheil“, dann meine ich „Unheil“. OK?“ die Zigeunerin nun wirklich grantig.

„Das ist hart. OK, du nimmst deinen Job ernst. Gut. Gibt es ein Mittel gegen das Unheil, Frau Schlau?“ der König ernst, der es gar nicht liebte ernst zu sein.

„Majestät, da müsstest du Klügere fragen. Die bucklige Fee, zum Beispiel!“ die Zigeunerin proponierend.

Da war es um den König schon wieder geschehen. Krumm und dumm lachte er sich bei der Vorstellung eine „bucklige Fee“ um Rat fragen zu müssen, waren Feen doch ansonsten wunderschöne, zierliche, laszive Wesen. Der König zerkugelte sich wild auf dem harten Steinboden des Palastes und rollte gefährlich der Stiege in den Keller entgegen.

Jetzt wurde es aber der Königin wirklich zu bunt und ließ den verrückten gewordenen König von den Dienern zusammenschlagen, auf dass er sich wieder finge. Die Königin hatte immer schon einen Ehemann mit Humor allen anderen Schönlingen und Drachenspießern bevorzugt, doch was ihr König da in den letzten Wochen und Monaten alles aufgeführt hatte, war ihr schlicht und einfach viel zu viel. Zuerst das Schlangenkind, dann ein Unheil, die Bisse im Nippel … und der König blieb und blieb einfach nicht ernst. Die besorgte Königin ließ den ohnmächtig geschlagenen König wegräumen und fragte die Zigeunerin: „Und wo kann man denn die bucklige Fee finden?“

„Nehmt Brot und Wein für acht Tage und geht immer geradeaus! Aber aufgepasst! Ohne Euch umzudrehen! Am achten Tag werdet Ihr vor einer Höhle hinter einem Wald stehen: dort wohnt die bucklige Fee.“

Die Königin befahl sogleich den Dienern dem König etwas Wanderlustiges anzuziehen, ihm Proviant für acht Tage in die Hosentaschen zu stecken und ihn auf die Suche nach der buckligen Fee zu schicken. Weiters mussten die Diener ihren König darauf einschwören, innerhalb dieser acht Tag sich nie umdrehen zu dürfen!

Irgendwann wachte der lachvolle König in seinem Schlafgemach auf, und die Diener unterrichteten ihn über seine bevorstehende Aufgabe. Ganz besonders nahmen die Diener darauf bedacht, dass er sich auf der Wanderung niemals umdrehen durfte. Das alles roch nach Abenteuer und der König schmunzelte beglückt.

So machte sich der König noch am gleichen Tag quietschvergnügt auf die Reise. Als er die Hälfte des Weges hinter sich hatte und sich hie und da monetäre Sorgen um das nächste königliche Urlaubsbudget machte, hörte er plötzlich ganz liebliche Stimmen: „König, König, du hast im Lotto gewonnen und all deine Geldsorgen sind dahin. Du musst nur hier unterschreiben!“ Gerade wollte er sich voller Freude umdrehen, da fiel ihm die Ermahnung ein, sich nicht umdrehen zu dürfen, und er ging unbeirrt weiter und kicherte sich ins Fäustchen, da ihm dieses Abenteuer immer besser zu gefallen begann.

Einen Tag später verging ihm fast schon wieder die Lust an diesem Abenteuer, war er ja ein Aberwitziger gewesen und hatte schon lange keinen guten Witz mehr gehört. Da vernahm er hinter seinem Rücken folgende Worte: „Willst du den besten Witz hören, den du jemals gehört hast? Halt’ nur ein! Den muss ich dir erzählen!“ Seine Oberkörpermuskulatur war schon aufs Umdrehen vorbereitet, da fielen ihm in letzter Sekunde wieder die mahnenden Worte der Zigeunerin, die er eigentlich von seinen Dienern gehört hatte, ein, und ging unbeirrt, aber ein bisschen trauriger weiter.

Am achten Tag erreichte er eine Höhle und kam zum Schluss, dass dies die Höhle der buckligen Fee sein musste. Vor der Höhle der Fee blieb er stehen, rief voller Stolz, die Aufgabe tapfer erfüllt zu haben: „Bucklige Fee! Bucklige Fee! Ich brauch’ was von dir!“

Ganz aufgeregt hüpfte der König von einem Bein auf das andere, denn er war wirklich schon gespannt, wie die bucklige Fee aussehen würde. Doch das Einzige, was aus der Höhle kam, war erbost und garstig: „Bucklig wirst Du sein! Und jetzt schleich dich wieder nach Hause, König, der nicht einmal „Bitte“ sagen kann.“

Da war’s schon wieder Schluss mit lustig, denn plötzlich spürte der König auf seinen Schultern etwas Schweres und griff danach. Tatsächlich: ihm war ein Buckel gewachsen. Da stand er jetzt schön blöd im Gefilde, erzürnt, etwas beschämt über seinen unübersehbaren Misswuchs, und entschloss sich nur noch nachts zu reisen, das aber so schnell er konnte, und das nach Hause. Und während er bucklig des nächtens nach Hause humpelte, dachte er sich eine bitterböse Strafe für die Zigeunerin aus, denn so hatte er sich noch nie in die Irre geführt gefühlt.

Als die Königin ihren Gemahl sah, war sie zunächst furchtbar böse, glaubte sie ja, dass ihr Mann ihr schon wieder einen blöden Streich spielen wollte, denn Verkleidungen liebte er sehr. Sie betrachtete das unschöne Rückengewächs dann aus der Nähe, es grauste ihr zum ersten Mal vor ihrem Gatten und verbannte ihn aus den königlichen Schlafgemächern zu den Mätressen, die auch nicht sonderlich angetan von ihrem kamelartigen Liebhaber waren. Viel entscheidender war allerdings, dass sich die Königin entschloss selbst zur Höhle der buckligen Fee zu gehen. Sie befahl ihren Dienern Lunchpakete für acht Tage zusammenzurichten und dann machte sie sich auf.

Als sie die Hälfte des Weges hinter sich gelassen hatte, vernahm sie plötzlich eine süße Stimme: „Liebe Königin, kannst du mir nicht sagen, was man heuer auf dem Hof trägt?“ Die Königin sprach: „Sicher doch. Heuer ist ganz besonders wichtig, dass …“. Die Königin drehte sich erfreut um, und in der gleichen Sekunde wuchs ihr ein mörderisch großer Buckel am Rücken. Sie schlug sich zirka tausend Mal auf den Kopf, verfluchte zuerst ihre eigene Blödheit, dann die bucklige Fee, indem Sie unschön und sehr oft „Scheiß bucklige Fee“ in den Wald rief. Dies wiederum hörte die bucklige Fee, die außer sich vor Rage über diese elendiglichen Beschimpfungen war. Sie zauberte sich in Windeseile zur Königin und schrie sie an: „Bucklig wirst du selbst sein, du königliches Schandmaul!“

Da wuchs auf dem mörderisch großen Buckel noch ein Buckel. Da war die Königin noch böser und verfluchte das ganze Königreich, was einen sich in der Nähe befindlichen Zauberer kompromittierte. Der humpelte schnellstens zur Königin und machte ihr gleich einen dritten Buckel auf den Rücken. Eigentlich konnte man nach der ganzen Sauerei nicht mehr von einer Königin mit drei Buckel sprechen, sondern von drei Buckeln mit einer Königin. Als sich die drei Buckeln wieder gefasst hatten, schämten sie sich so sehr, dass sie nur nächtens reisten, und das nach Hause.

Zu Hause angelangt, wollten sich die drei Buckeln etwas zärtliches Streicheln von ihren Liebhabern in das Schlafgemach holen, doch als die Liebhaber in die Bettstatt einritten, ekelten sie sich so sehr vor den Buckeln, dass sie Reißaus nahmen und das Schloss für immer verließen.

Jetzt war wirklich über die königliche Familie das gekommen, was man sehr wohl als „Unheil“ bezeichnen konnte. Traurig und glücklos saßen der eingesperrte König im mätressenlosen Lustviertel des Schlosses, und die drei Buckel liebhaberlos in den Schlafgemächern. Noch dazu begannen die Buckel der Königin und des Königs sich graublau zu färben und zu stinken. Und das Schlänglein, Serpentina? Die amüsierte sich schon seit Wochen köstlich mit den Ammen beim Kirschkernweitspucken.

So vergingen Monate. Das Volk arbeitete hart, die Skatrunde vermisste ihren aberwitzigen König, doch die Staatsgeschäfte liefen brillant, konnten die Minister zum ersten Mal in ihrem Leben tatsächlich so etwas wie Reformen durchsetzen, da man das Urlaubsbudget des Königs zur Verfügung hatte.

Und plötzlich war der Winter da. Nicht, dass man mir ihm nicht gerechnet hätte, aber wirklich angekündigt hatte er sich auch nicht, und so machte er in seiner unendlichen Einfallslosigkeit alles weiß und kalt.

Eines Tages klopfte es etwas unerwartet an der Schlosstür. Die Wärter wollten schon gar nicht aufmachen, da sie glaubten, die Dorfkinder würden schon wieder Schneebälle gegen die Schlosstür werfen. Aber als sie durch das Holztor „Verdammt noch Mal! Macht auf, ich bin’s, die Zigeunerin“ hörten, öffneten sie die Tür und man führte die Zigeunerin ins Besprechungszimmer. Dort saß sie stundenlang alleine, bis sie auf die Idee kam den König und die Königin zu verlangen. Beide wollten zunächst nichts von ihr wissen, und versteckten sich trotzig unter einer Bettdecke. Nachdem der feine Geruch eines ausgezeichneten Zigeunergulasch den König und die Königin an ihre Grundbedürfnisse erinnerte, kamen die beiden ins Besprechungszimmer und man suchte lange nach dem ersten sinnvollen Wort, um ein Gespräch zu beginnen.

„Ausgezeichnetes Gulasch“, meinte der König auf einmal höflich.

„Wie geht’s dem Schlänglein, Serpentina?“ führte die Zigeunerin das Gespräch fort.

Da explodierte der König: „Wie’s der Serpentina geht, fragst du, Zigeunerin? Siehst du denn unsere Buckel nicht? Riechst du denn nicht unsere stinkenden Buckel? Natürlich hast du sie gesehen und natürlich hast du sie gerochen! Sonst hättest du nicht so blöd geschmunzelt, als wir das Besprechungszimmer betraten! Das nenn ich „Unheil“, Zigeunerin!“

„Ich hab’s euch ja gesagt. Das Unheil ist graublau, rund und stinkt. Aber ihr wolltet ja nicht wirklich auf mich hören“, die Zigeunerin in ihren Seherfähigkeiten mehr als bestätigt. „Verdammt, Zigeunerin, seit wann sind wir eigentlich per DU?“

„Sag uns doch das Schicksal vom Schlänglein!“, sprachs die Königin etwas gefasster, als ihr Angetrauter.

„Gut oder schlecht, Majestät?“

„Gut oder schlecht.“

„Majestät, Schlänglein ist in Lebensgefahr. Muss das Schlänglein sterben, wird das ganze Reich verderben.“ Bei diesen Worten wurde dem König enorm schlecht. Winterblass und buckelblau wurde er im Gesicht.

„Was ist denn mit meinem König los?“ die Königin sehr besorgt.

„Tja, wie soll ich das erklären? Wegen dem Schlänglein hatten wir so viel Pech, dass ich gestern Nacht einer Palastwache befahl, das Schlänglein in ein Kästchen zu packen, es in den Wald mitzunehmen und das Kästchen abzuheizen. Frau, ich hoffe du wirst das verstehen. Soviel Pech, nur wegen … .“ Wortlos ärgerte sich die Königin zu Tode, raufte sich die Haare und dann stand ihr das blanke Entsetzen im Gesicht. Ihr Untergang war besiegelt und der König war zum Kindsmörder geworden. Was hätte schrecklicher sein können? Währenddessen tippte die Zigeunerin mit ihrem Zeigefinger gegen ihre Stirn.

Schließlich riss die Königin dramatisch das Fenster auf und brüllte verzweifelt ins Land, was sich schon instinktiv auf den Untergang vorbereitete: „Oh armes Schlänglein, mein eigen Fleisch und Blut, wo bist du?“

Und von ganz, ganz fern eine Stimme: „Majestät, ich bin im Wald.“

„Ich bin’s, deine Mama. Und was machst du da draußen?“ die Königin erfreut ein Lebenszeichen von ihrem Kind zu vernehmen.

„Ich höre seltsame Geräusche.“

Schlänglein war offensichtlich noch am Leben. Der König befahl umgehend: „Man sattle mir das beste Pony aus meinem Stall!“ Er bestieg das Pony, welches sich anfänglich vor dem stinkenden Buckel grauste, und dann rannte es ab wie ein Blitz auf der Straße zum Wald. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, um in den Wald zu fragen: „Schlänglein, wo bist du?“

„Mitten im Wald, Majestät.“ Jetzt war die Stimme schon viel näher.

„Und was machst du, Schlänglein?“ der König jedes Mal.

„Mir ist es viel zu warm hier, Majestät. Außerdem glaub’ ich, dass ich die seltsamen Geräusche identifiziert habe. Die Geräusche hören sich an, als würde Holz um mich herum brennen.“

Die Stimme war jetzt ganz nah. Ein paar Ponygalopps später:

„Und was machst du jetzt, mein Schlänglein?“

„Eine neue Haut, Majestät!“

Der König gab seinem Pony die Sporen und ein Leckerli, am liebsten wäre er geflogen. Aber als er mitten im Wald war, sah er eine große Flamme. Der König lief zum brennenden Holzhaufen, und ohne Angst sich zu verbrennen, zog er das Kästchen aus der Glut. Er öffnete es in größter Hast und sah ein gut gewachsenes Mädchen heraussteigen. Die Haut des Mädchens war jedoch so schuppig wie die einer Schlange. So grauste sich der König vor seinem Kind, das Kind vor seinem buckligen Vater, und es kam zu keiner liebevollen Umarmung.

Die Königstochter war ihrem Vater interessanterweise überhaupt nicht wirklich dankbar und sprach traurig: „Sieh mich jetzt an! Du hast mich viel zu früh aus dem Feuer gezogen. Jetzt bin ich Mensch, aber trage diese Schlangenhaut. Ich werde bestimmt keinen schönen Prinzen finden, der mich heiraten will.“

Ja, das war eine seltsame Geschichte, aus der der König nicht wirklich schlau wurde und nachdenklich verlegen zwei Golddukaten in seiner Hosentasche wortlos mit seiner Rechten drehte. Die Königstochter brach in heftiges Weinen aus, war gar untröstlich. Und als der König ihren Mädchenkopf streicheln wollte, schlug sie seine Hand weg und schrie trotzig: „Lasst mich hier allein! Ich will zur buckligen Fee gehen! Vielleicht kann die mir helfen!“

Nachdem der König sie gar nicht beruhigen und sie mit einem wunderschönen Puppenhaus und Pfirsichschlecker nicht in das Schloss locken hatte können, ließ er sie mitten im Wald und kehrte etwas traurig zum Königspalast zurück. Das Schlänglein hatte offensichtlich nicht nur eine neue Haut bekommen, sie war anscheinend auch eine Frau geworden. Und keine Frau kann man mit einem Puppenhaus und Pfirsichschlecker nach Hause locken.

Serpentina lief im Wald hin und her, auf der Suche nach der buckligen Fee. Sie fand allerdings den Ausgang nicht und verirrte sich hoffnungslos. Und dann sah sie eine Kreatur, die man im Wald wohl nicht vermuten würde, schon gar nicht im Winter. Eine Schabe stand da vor ihr.

„Schabe, schöne Schabe! Wenn du mich zur buckligen Fee führst, mach ich dir ein wunderschönes Geschenk.“

Zunächst dachte sich die Schabe, dass Serpentina sie ein bisschen verarschen will, denn als Schabe ist man nie wirklich schön. Die Schabe, die Geschenke aber wirklich liebte, verzieh dem Schlänglein ein paar Sekunden später, musste ihr aber leider sagen, dass sie noch nie was von einer buckligen Fee gehört hatte, und ging einfach weiter.

Etwas später sah Serpentina seltsamerweise ein Mäuschen im winterlichen Wald. „Mäuschen, schönes Mäuschen! Wenn du mich zur buckligen Fee führst, mach ich dir ein wunderschönes Geschenk.“ Aber auch das Mäuschen kannte die bucklige Fee nicht und ging ihres Weges. Noch ein Stück weiter sah Serpentina erstaunlicherweise eine Nachtigall auf einem Baumwipfel.

„Nachtigall, schöne Nachtigall! Wenn du mich zur buckligen Fee führst, mach ich dir ein wunderschönes Geschenk!“

„Es tut mir leid, ich kann nicht. Ich warte auf die Schöne mit dem goldenen Zahn, die hier vorbeikommen muss“, so das Federvieh in auf dem Baumwipfel.

„Nachtigall, schöne Nachtigall! Die Schöne mit dem goldenen Zahn bin ich“, riefs Schlänglein herzzerreißend lieb, und zeigte der Nachtigall den goldenen Zahn, der da groß und breit aus dem Mund Serpentinas strahlte.

„Oh, du schöne Prinzessin! Ich warte schon so viele Jahre auf dich.“ Serpentina fragte sich warum, und als sie sich so fragte, verwandelte sich die Nachtigall auf dem Baumwipfel in einen superfeinen Jüngling, der allerdings als Jüngling auf dem Baumwipfel keinen Halt mehr fand und durch das Geäst auf den Boden donnerte. Unter starken Schmerzen und mit ein paar schlimmen Schrammen im Gesicht, welche den superfeinen Jüngling sogar noch ein bisschen schöner machten, stand er auf, nahm Serpentina bei der Hand und führte sie aus dem Wald zur buckligen Fee.

So schnell ging das alles. Und als man so auf den Wegen und Pfaden dahinwanderte, verliebte man sich gleich unanständig, auf dass der Weg zur buckligen Fee ein längerer wurde, als er tatsächlich war. Vor der Höhle angelangt, klopfte der superfeine Jüngling an die Höhle.

„Wer seid Ihr?“ drang es durch die Tür. Auch das Rauschen einer Klospülung war durch die Tür zu hören.

„Ich bin es, mit Schlänglein“, der wunderschöne Jüngling.

„Wen wollt ihr?“ fragte wiederum die bucklige Fee, und spülte noch mal kräftig nach.

„Die Feenkönigin.“

Da tat sich die Tür weit auf, und man sah den großen Palast der buckligen Fee. Erfreut nicht bucklige Fee sondern Feenkönigin genannt zu werden, öffnete die Fee einladend ihre Arme.

„Willkommen, mein Kind! Ich warte schon eine ganze Weile auf dich.“ Wieder war Serpentina ziemlich verwundert, schienen doch relativ viele Leute seit geraumer Zeit auf sie zu warten, ohne es selbst zu wissen. „Dieser junge Mann ist Sohn eines Herrschers. Eine Zauberin hatte ihn aus Langeweile verzaubert und in den Wald verbannt, und nur das Mädchen mit dem goldenen Zahn konnte den Zauber brechen. Tja, jetzt müsst ihr wohl oder übel heiraten.“ Die bucklige Fee mochte offensichtlich keine langen Reden und fasste eine komplexe Geschichte mit wenigen Worten für alle verständlich zusammen.

Obwohl das Schlänglein und der wunderschöne Jüngling sich unanständig ineinander verliebt hatten, war die Prinzessin mit ihrer schuppigen Haut allerdings ein bisschen ein Graus, nicht optisch, aber körperkontakttechnisch. Die bucklige Fee nahm sie an die Hand und schrubbte sie von Kopf bis Fuß ab, und in weniger als einer Stunde säuberte die Feenkönigin Serpentina derart, dass nichts mehr an ihr ehemaliges Schlangenwesen erinnerte.

Serpentina war auf einmal so schön, dass es blendete. Und als die Königin, von wem auch immer, hörte, dass Serpentina dabei war in das elterliche Schloss zurückzukehren, wurde sie ihres Lebens wieder glücklich. Und auch der König fand plötzlich seinen Humor wieder. Sofort lief er in den Keller und holte aus seinem Gagkasten den elektrischen Handschlagschocker und elektrisierte mit lautem Lachen alle Palastwachen, den Hofnarren, die Bäcker und die Priester im Palast. Nur die Mätressen wussten, was da auf sie zukam, und verschlossen in dieser Feierstunde ihre Gemächer.

Als sich das königliche Paar und die königlichen Nachkommen im Wohnzimmer des Schlosses gegenüberstanden, machte sich Serpentina an den Rücken der Königin und des Königs zu schaffen, fummelte an den Muttermahlen am Rücken ihrer Eltern herum, und ließ bei beiden die Luft aus den Buckeln. Eine bestialische Wolke abgestandener Luft machte sich kurzzeitig im Wohnzimmer des Schlosses breit. Die Wolke zog zum Fenster hinaus und soviel Freude hatte das Schloss seit seiner Erbauung nicht mehr gesehen.

Sofort wurde ein großes Fest gefeiert und alle lebten glücklich und zufrieden. Nur der König übertrieb es mit seinen Scherzen bei der Festlichkeit, welcher auf Befehl der Königin von den Dienern wieder zusammengeschlagen werden musste und kurzzeitig in sein Spielzimmer eingesperrt wurde.

Das alles weiß ich, weil ich die Tür zum Spielzimmer des Königs seit Tagen bewachen muss.

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Ein Gedanke zu „Serpentina, das Schlänglein“

  1. Hi Lugi!
    Super, dass es wieder märchnet auf unserer Seite.
    Hab nur ein „Weiter“ Feld eingefügt, damit es auf der Startseite nicht zu lange ist.
    Weiter so. Keep on graukin‘!

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