Brief an Thomas

McLeod Ganj, Juli 2008

Lieber Thomas!

Du sagtest ich sollte schreiben weshalb ich schreibe oder was ein Schreibraum sei für mich.

Ich bin in Indien. Ist das ein Raum in dem man schreiben kann? Gedanken, Dinge, die dich beschäftigen, augenblicklich, über dich, weil du hier bist oder über dich, weil du nicht zu Hause bist. Aber was ist das schon und wo bist du jetzt? Hier zu schreiben. In einem Raum.

Ist ein Zugabteil ein Raum? Eine Zugfahrt in einem Zugabteil von Wien nach Leibnitz. Da sitzen dir Menschen gegenüber, die du nicht verstehst, obwohl sie dieselbe Sprache sprechen wie du, nur eben nicht deine. Da sitzen dir Menschen gegenüber, die dir Geschichten erzählen, die du nicht hören willst, eben wegen der Sprache. Wegen deiner und auch wegen ihrer. Da sitzen dir Menschen gegenüber, die dir Geschichten erzählen, weil sie eben auch sonst niemanden haben, der sie hört. Die Geschichten. Da zückst du unauffällig deinen Stift aus der Tasche, tust so als wolltest du etwas notieren. Ihre Not dein Regulativ. Und benutzt sie und ihre Unwissenheit, so wie sie dich benutzen. Schaffst dir deinen Raum.

Meine letzte Zugfahrt, von Mumbai nach Pune. Da sitzen dir Menschen gegenüber, die dir Geschichten erzählen, weil sie dich unterhalten wollen, weil du alleine bist und niemand alleine sein sollte. Denken sie. Da sitzen dir Menschen gegenüber und erzählen dir Geschichten, weil sie sich freuen, sie dir erzählen zu dürfen, weil du zuhörst und weil sie stolz sind darauf. Weil du höflich bist und lächelst und alles schluckst, was sie dir ins Maul stopfen, das Letzte, das sie in der Tasche haben. Weil du freundlich nachfragst und es dir einfach von der Hand geht sie zu verstehen, obwohl sie eine andere Sprache sprechen, vielleicht deine. Dann wollen sie auch deine Geschichte hören und warten geduldig. Keine Zeit den Stift zu suchen.

Vergangenen Sonntag hab ich eine Geschichte gehört. Ein Mann ist geflohen, 48 Tage durch das Himalayagebirge. Geschlagen, gefoltert und misshandelt, gedroht getötet zu werden, wenn nicht er, dann schon seine Familie. Gezwungen, zu lügen, zu leugnen sich selbst und seine Liebe. Das hat mich gepackt. Die Geschichte ist wahr. Er hat sie mir erzählt. Ich hab seine Familie gesehen. Er hat dabei geweint. Darüber möchte ich schreiben, doch ich denk ich komm und ich trau mich nicht rein in den Raum.

Hab mir jetzt einen Spiegel in die Küche gestellt, sodass ich mich beim Kochen sehen kann. Wenn meine Hände den Teig mengen als würden sie im Schlamm rühren und wenn ich das Gemüse schneide und meine Finger dabei rückwärts laufen, der Gefahr entrinnen und ich dann aufatme, keinen von ihnen erwischt zu haben. Doch meist ess ich auswärts und beim Schreiben seh ich mich nicht. Da gehen mir die Bilder so leicht von der Hand. Vielleicht ist das ein Raum.

Ein Raum, in dem du dich ausschaltest, in dem du dich wegnimmst und dich außen vor stellst. Sodass du dir selbst ganz klein erscheinst und die Worte ganz groß oder du ganz groß und die Worte ganz klein. Sodass der Fokus ein andrer ist und du allein bist in dem Raum. Nur du und diese Geistesgüter. Die wollen in Worte verpackt und die Worte wollen niedergeschrieben werden. Doch wäre das alles immer so einfach und du nicht so einsam in diesem Raum.

Wir sollten spielen im Raum und uns ausschalten bei uns selbst. Lass uns die Worte über alle Dinge legen und schauen wir uns ähnlich dabei. Spannung in den Zeilen. Freiraum, Gedanken zwischen den Beistrichen. Gesichter, die lächeln und im Augenblick erstarren. Mona Lisas und Lachen ohne Falten. Lesen von Stimmen, denken sie zu hören und daran glauben. Ich würde dich Leander nennen, weil du das dann nicht du wärst und ich das dann nicht ich wäre. Ich würde laut denken und laut schreiben. Menschen, die ich spüre, ihre Stimmen, die ich sehe und ihre Augen, die so nichts vielsagend sind. Was du denkst über Dantons Tod, über William Burroughs und den Begriff der Schönheit bei Schiller und Kant. Was dir in den Sinn kommt, wenn du die Stimmen hörst und denkst, es seien die ihre. Das wollte ich wissen. Und vielleicht noch mehr.

S.

© Silke Hofer 2008

Advertisements

Ein Gedanke zu „Brief an Thomas“

  1. Danke für den Brief. Kann Worte gut gebrauchen. Ich werde sie alphabetisch sortieren und nach der Anzahl ihrer Buchstaben. Werde aus diesen beiden Listen ein Schiff falten, mit ihm untergehen und dann mit deinen Worten Fische bennen.

Schreib uns etwas!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s