Die Archäologin – Leseprobe

Die Skelette.

Die Erde hält seit Jahrtausenden die Knochen fest, fixiert ihre Körperhaltung, die Momentaufnahme Sterbender. Eine Frau, ein Mann, die Kinder. Eine ermordete Familie.

Vier Meter über ihnen wuchert eine Wiese mit kniehohen Grashalmen, saftigen Brennnesseln, Löwenzahn und Disteln. Grillen sind laut, und heuer gibt es viele Schnecken. Es ist ein kleines Stück Land, das niemanden interessiert und wo niemand hinkommt, denn was hat man schon hinter der Friedhofsmauer zu suchen, bei all den Brennnesseln und den Insektenschwärmen? Man würde nur vermoderte Kränze oder gebrochene Kerzenbecher aus rotem Plastik finden, die von den Friedhofsbesuchern nach Allerseelen über die Mauer geworfen wurden.

Hier oben auf der Wiese herrscht Sommer, es ist der letzte Junitag. Wolkenfreier, hellblauer Himmel. Die Schwalben tummeln sich um die Kirche und vollführen dort oben ihre Sturzflüge. Der Turm ist ein schlichter Quader, oben sitzt ein rotes Spitzdach mit Kreuz. Das Kirchenschiff ebenso schlicht, ebenso wehrhaft, mit ebenso rotem Ziegeldach. Als die Kirche hier auf dem Kirchberg errichtet wurde, da haben die Skelette schon zwei Jahrtausende in der Erde gelegen.

Am Himmel ein Storch, mit ganz wenigen Flügelschlägen gleitet er hinüber nach Osten, über die Weinfelder, über das Dorf am Fuß des Kirchbergs, dann über die Schnellstraße und die Bahntrasse, und hinter dem Fluss die weite Ebene mit den Auwäldern. Drüben der Ostblock. Die Tschechoslowakei. Wachtürme ragen über die Bäume, und weil heute das Wetter klar ist, kann man die Zäune mit dem Stacheldraht erahnen. Der Eiserne Vorhang. Selbstschussanlagen, sagt man. Und Hundestaffeln. Elektrische Zäune. Dort sind die Russen, sagt man. Es herrscht der Kalte Krieg, trotz des Sommers.

Die Bahngeleise auf österreichischer Seite begleiten den Fluss von Norden nach Süden, wie mit dem Lineal durch die Landschaft gezogen, hin zum imaginären, dunstigen Schnittpunkt am Horizont. Und ebendort zeichnen sich die Konturen des Zugs ab, in dem Erika sitzt. Sie zerrt das Fenster nach unten, braucht Abkühlung. Den schweren Rucksack hat Erika auf den Platz gegenüber gestellt. Damit dort keiner sitzen kann, der sie anschaut und womöglich zu reden beginnt.

Sie blättert in ihrem Manuskript, als würde sie sich konzentrieren. Sie nimmt einen leeren Zettel und einen Kugelschreiber und malt ein Deckblatt: „Die urnenfelderzeitliche Wallanlage von Kirchwald. Habilitationsschrift. Eingereicht von Dr. Erika Zeitlinger.“

Der Waggon rüttelt, als führe er über Schlaglöcher. Erika betrachtet das Papier mit den verwackelten Buchstaben. An der Universität hat Erika zwar nur einen halben Assistentinnenposten, aber gearbeitet wird wie bei einer vollen Anstellung. Und nur wenn Erika ihre Habilitation abgeschlossen hat, kann sie an der Universität bleiben.

Draußen das Marchfeld: flach, weit, durchzogen von lückenhaften Baumreihen. Der Wind treibt Wellen über das hellbraune Weizenmeer.

Kirchwald bietet Erika die letzte Chance zum Habilitieren. Voriges Jahr ist sie schon dort gewesen, die Grabungskampagne hat Professor Grohmann geleitet, Erikas Chef. Sie hat mit ihm vereinbart, heuer wieder dabei zu sein.

Doch der Professor gräbt heuer nicht in Kirchwald.

Die Kollegen im Institut behaupten, dass es in Kirchwald nichts zu finden gibt, und dass auch der Professor das eingesehen hat. Aber das stimmt nicht! Der Professor war verhindert, wegen dieser Notgrabung im Waldviertel, wo die Trasse einer Autobahn durch frühbronzezeitliche Gräberfelder führen wird. Hunderte Skelette hat er zu bergen, und das muss heuer gemacht werden, denn nächstes Jahr wird alles zubetoniert sein.

Das ist der wahre Grund.

Bestimmt!

Der Professor hat Erika zwar erlaubt, in seiner Abwesenheit in Kirchwald arbeiten zu dürfen – Geld könne er ihr aber keines zur Verfügung stellen. Also hat sie um ein eigenes, kleines Grabungsbudget aus einem Förderungsfond angesucht, das erst im letzten Moment bewilligt worden ist, und Erika hat das Gefühl gehabt, an einer Katastrophe vorbeigeschrammt zu sein. Seither fragt sie sich: Ist da überhaupt etwas Relevantes unter dem Flecken Erde, wo ich graben werde?

Ihre Erstsemestrigen lehrt sie zwar, dass die Tatsache, nichts zu finden, auch wichtig sein kann. Das mag für Scherbenzähler zutreffen, die sich mit der Verbreitung von Tongefäßestypen beschäftigen; letztlich haben nur Funde Aufsehen erregt. Funde, die man im Naturhistorischen Museum ausstellen kann und deren Dias auf Kongressen beklatscht werden.

Kommt da schon die Ziegelei? Ja, mit dem hohen Schornstein und dem Nest obenauf. Sind heuer die Störche wiedergekommen? Erika muss sich beeilen, denn der Zug hält nur kurz.

Sie steigt aus, der Zug setzt sich wieder in Bewegung, da ruft jemand: „Ihre Mappe!“

Erika dreht sich um. Ein Mann beugt sich aus dem Zugfenster und wirft Erika das Manuskript zu. Der Papierstapel fällt auseinander, die Zettel werden vom Fahrtwind der Waggons umhergewirbelt.

Der Zug ist fort, und Erika ist alleine auf dem Bahnsteig von Kirchwald und sammelt die Papiere ein. Hundertdreiundzwanzig Seiten in Schreibschrift oder in Blockbuchstaben, mit Filzstift eingefärbt oder – wie eine Collage – mit ausgeschnittenen Buchstaben beklebt und mit Ornamenten versehen. Aber auf jedem Zettel dieselben Worte, denn es sind hundertdreiundzwanzig Entwürfe für das Deckblatt.

(c) Thomas Wollinger, btb 2003

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