Ein kurzer Text mit einem langen Titel und einer noch längeren Widmung

Dieser Text sei dem Tischtennisclown Jacques Secretain gewidmet, aber auch Binyamin Ben-Elizer, Yasser Arafat, George Walker Bush und Saddam Hussein in Vertretung für alle, die immer noch glauben, dass man mit Gewalt Frieden schaffen kann oder durch erlittenes Unrecht autorisiert wird, ein noch größeres anzurichten.

Ping – Pong.

Wie das Klausenbären Himpeln nach St. Jakob kam (Weihnachtsgeschichte 2005)

(1)

St. Jakob an der Klause ist eine kleine Gemeinde, malerisch unweit eines der ältesten österreichischen Alpenübergänge gelegen, in einer Gegend, in der sich ansonsten höchstens Füchse einsam in den Schlaf heulen, da sie kaum jemanden zum Gute Nacht sagen finden.

Was die letzte Generation der St. Jakobianer davon abgehalten hat, ihr Glück in den Großstädten des Alpenvorlandes zu suchen war, neben der unbestreitbar guten Luft und der an klaren Tagen wirklich beeindruckenden Fernsicht, vor allem die Bundespassstraße und die mit ihr verbundenen Jobs, sowie einige von ihr herangeführte Touristen.

Doch damit hatte es, an dem Tag, von dem hier erzählt sei, schon seit fast zwei Jahren ein Ende gehabt. Was seit Jahrzehnten befürchtet worden war, hatte sich in Realität verwandelt. Die kurzsichtigen Flachlandbürokraten hatten den Klausenkogel sowie die meisten der umgebenden Berge durchtunnelt, das ganze zu einer Autobahn zusammengehängt und so führte der lebensnotwendige Verkehr jetzt unweit, aber da durch eine mehrere Hundert Meter dicke Felsschicht abgeschirmt, unerreichbar weit an St. Jakob vorbei und mondäneren Urlaubszielen entgegen.

Ägidius Oberbauer, seines Zeichens Bürgermeister, Besitzer der Tankstelle mit angrenzendem Rasthaus sowie Betreiber des St. Jakober Loipennetzes konnte ein laut klagendes Lied davon singen. Von den verblieben Touristen begrüßt, verlor sich nun kaum noch ein Transitautomobil an seine Zapfsäule und von den Motorradenthusiasten konnte man nicht einmal im Sommer leben, geschweige denn jetzt im Winter, kurz vor Weihnachten. Wie trist die Lage geworden war, konnte man schon alleine an der Tatsache ablesen, dass bei der letzten Gemeinderatsitzung einstimmig – das bedeutet inklusive seines weltfremden Schwagers, dem Vertreter der verhassten Grünen Fraktion – einstimmig also, beschlossen worden war, eine Fremdenverkehrsoffensive zu starten.

Dinge wie diese waren schnell beschlossen, aber worauf man sich genau besinnen sollte, auf diesen Vorschlag wartete er noch immer. Da hatten sie sich wieder einmal ausgeschwiegen, die Herren Gemeinderäte, blieb es also wieder einmal am Bürgermeister hängen. Gelangweilt sah dieser plötzlich aus seiner Broschüre über unerschwingliche Sommerrodelbahnen auf und die frisch vom Schnee der vergangenen Nacht gereinigte Straße hinunter. Drohte er in letzter Zeit auch schon zu verkümmern, auf seinen Automechanikerinstinkt konnte er sich immer noch verlassen. Selbst ein Laie konnte erkennen, dass der Wagen, der da in langsamer Fahrt auf seine Tankstelle zusteuerte in Schwierigkeiten war, wie auch sonst würde der sich – da ihm vollkommen unbekannt und daher sicher nicht aus der Gegend stammend – hierher verirren. Keilriemen, Zündkerzen, vielleicht sogar ein Kühler, ein paar Euros waren da drinnen, und damit es sich auch lohnte, dafür würde der Boss persönlich sorgen.

Ein paar Minuten später war alles klar. Bis auf einen neuen Schlauch und zwei Liter Kühlflüssigkeit beim besten Willen nichts zu machen. Paul, der Mechaniker machte sich an die Arbeit, Fahrer und Beifahrer begaben sich solange ins Rasthaus und Ägidius Oberbauer folgte ihnen, denn wenn sie auch ganz gut Deutsch gesprochen hatten, so waren in den beiden die Amerikaner nicht zu verkennen gewesen und damit seine Neugier geweckt. Bei der Tür hatte er sie eingeholt: „Und meine Herren? Was führt sie in unsere Gegend?“

„Unser Auto. Wir wollten eigentlich nach Bad Christkindl, um über die dortigen Weihnachtsbrauch zu berichten.“

Oberbauer spitzt die Ohren ein wenig mehr. „Bitte, setzten die sich doch hierhin. – Berichten, sagten sie. Über was wollen sie denn berichten?“

„Über Weihnachten. Unsere Leser stehen auf Bad Christkindl.“

Trotz seines verbindlichen Lächelns schluckt Bürgermeister Oberbauer merklich. Wie hatten sie damals nicht über die Kirchberger gelacht, als sie vor acht Jahren ihren Graue-Maus-Ort umbenannt und Schritt für Schritt in etwas verwandelt haben, dass weiter von jedem gewachsenen Brauchtum entfernt ist als Las Vegas von einem Kunsthistorischen Museum. Und wie standen sie heute da? Er konnte sich in den Hintern beißen, dass er nicht selbst diese Idee gehabt hatte. Dort unten verdienten sie sich eine goldene Nase und die einzige Tradition, die auf die man sich in ein paar Jahren in St. Jakob noch würde stützen können, würde der Tanz der leeren Taschen sein.

„Yes“, mischte sich nun auch der zweite Amerikaner ein, um dessen Deutschkenntnisse es offenbar nicht ganz so gut bestellt war. „Bad Christkindel ist wunderfull. Die Weihnachtsmen und Krippens…“

Mehr und mehr verzog sich sein Lächeln, bis Ägidius Oberbauer schließlich den Kopf schüttelte und meinte: „Entschuldigen sie meine Herren, aber mit unserem traditionellen Weihnachten hat das alles doch rein gar nichts mehr zu tun.“

„So? Und wie schaut das bei ihnen hier aus?“

In diesem Moment trat die Bedienung an den Tisch und half ihrem Chef aus der Klemme. Denn so sehr er mit seiner Meinung über Bad Christkindl wohl recht hatte, so sehr musste er sich auch eingestehen, dass es mit der Tradition weder in seiner Familie, noch in der Gemeinde selbst weit her war. Natürlich gab es den Baum vor dem Rathaus, musste der Bürgermeister jedes Jahr die Mitternachtsmette besuchen, aber sonst? Von einer Sekunde zur nächsten brannte es ihm unter den Fingernägeln. Hatte er sich nicht eben erst den Kopf über passende Werbung zerbrochen und saß er jetzt nicht mit zwei internationalen Journalisten am Tisch, denen man nur einen kleinen Hinweis geben musste, einen kleinen Brotkrumen hinschmeißen, um sie vom ausgetretenen Weg abzubringen. Welcher Journalist schließlich zog es nicht vor, über eine neue Sensation zu berichten und das ewig Gleiche der Konkurrenz zu überlassen. Eine unwiederbringliche Chance also, wenn seine verdammte Gemeinde auf dem gefragten Gebiet nur nicht so verflucht wenig zu bieten gehabt hätte.

Im Bürgermeisterlichen Gehirn arbeitete es im Akkord. Eine Idee jagte die andere und wurde ebenso schnell fluchend wieder verworfen. Inzwischen hatten die beiden Reporter der größten internationalen Presseagentur ein großes und ein kleines Fernfahrerfrühstück mit Ei bestellt und Steve Tucker, dessen Deutsch bei weitem besser war, wandte sich wieder an den Mann, der vollkommen unaufgefordert an ihrem Tisch platz genommen hatte. „Well. Wo waren wir stehen geblieben? Sie wollten uns von ihren Bräuchen erzählen.“

„Sie werden staunen, meine Herren.“

(2)

Elvira und Petra Oberbauer lagen noch in ihren Betten, als sie der Ruf des Vaters kichernd herausspringen ließ. Dabei gab es eigentlich keinen Grund für schlechtes Gewissen. Schließlich hatten für beide die Weihnachtsferien schon begonnen. Elvira war Zwölf und besuchte die nächstgelegene Hauptschule, Petra hatte schon bald das fünfte Semester ihres BWL Studiums in der Hauptstadt hinter sich gebracht. Noch ehe sie den Eindruck erwecken konnten, heute schon irgendetwas zum Erhalt der Familie beigetragen zu haben, hatte ihr Vater keuchend die Treppe in den ersten Stock erklommen und die Tür zu ihrem Zimmer aufgerissen. Er machte sich auch gar keine Gedanken, warum seine Töchter so spät noch im Nachthemd anzutreffen war, er hatte ganz andere Probleme: „Mädchen, schnell, ich brauch euch.“

Da seine Frau voraussichtlich den ganzen Tag mit Erledigungen in der Stadt beschäftigt war, musste sich Bürgermeister Oberbauer heute voll auf seinen Nachwuchs verlassen, wollte er sich aus dem Schlamassel wieder herausbugsieren, in den er sich soeben hinein manövriert hatte. Zum Waschen war heute keine Zeit erklärte er den beiden und im weiteren gab er ihnen einen schnellen Überblick über die Ereignisse der letzten Viertelstunde, über die zwei Fremden, ihren Kühlschlauch, das Frühstück und schließlich über seine Antwort auf die oben erwähnte Frage.

Wenn er es auch nicht auf die Bibel beschwören würde, so dürfte sich dass, was er den Amerikanern in seiner Not beschrieben hat so angehört haben wie >Klausenbären himpeln<“

„Klausenbären himpeln?“ fragte Petra fassungslos.

Ja, nickte der Vater. Der Klausenbär war ihm noch als geniale Idee erschienen, aber kaum hatte er den Satz dahingehend begonnen, hatte ihn das mitten auf einen See gebracht, bei dem rund herum das Eis gefährlich schnell zu schmelzen begonnen hatte, er also verzweifelt nach einem Verb gesucht, an himmeln oder kämpeln und weiß Gott was gedacht und dann gar nicht mehr gedacht sondern nur noch geredet. In diesem Zusammenhang gesehen war „Himpeln“ noch nicht einmal die schlechteste Lösung gewesen. Immerhin hatte er den Satz zu Ende gebracht ohne seine Zunge zu verschlucken.

„Klausenbären Himpeln?“ Wiederholte Petra. „Und wie soll das ausschauen?“

„Keine Ahnung, das haben die Amerikaner auch gefragt und ich hab gesagt, dass man das nicht so leicht erklären kann, und dass sie sich das am besten anschauen sollen.“

„Und was haben die darauf gesagt.“

„Dass sie nicht so viel Zeit haben.“

„Gott sei dank.“, meinte Petra, „Da hast ja noch einmal Glück gehabt, sonst hättest dich schön blamieren können.“

„Genau.“, fügte ihre kleine Schwester hinzu. „Und warum machst du jetzt noch so einen Stress.“

Da grinste Ägidus Oberbauer wie das Christkind persönlich und meinte: „Weil ziemlich genau in dieser Sekunde der Paul zu den beiden Amis kommen wird und ihnen leider mitteilen muss, dass auf Grund des Kühlflüssigkeitsmangels die Pumpe so schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde, dass man ihnen ein Weiterfahren nicht empfehlen kann.“

„Papa!“ ertönte es unisono aus zwei Kehlen.

„Spinnst jetzt endgültig?“, fuhr Petra allein fort.

„Papperlapapp! Ihr habts ja keine Ahnung von der hohen Volkskunde. Das ist genau unsere Chance, auf die haben wir gewartet. Wenn wir das richtig aufziehen, können wir uns nächstes Jahr vor lauter amerikanischen Gästen nicht mehr retten.“

„Von was sprichst du Papa?“

„Na vom Klausenbären himpeln.“

„Wo ist die Mama?“ Petra Oberbauer sah sich hilfesuchend um.

„In der Stadt und jetzt stehts da nicht so rum, wir haben viel zu tun.“

Die beiden Schwestern sahen einander kopfschütteln an und während die ältere nicht wusste, ob sie weinen oder lachen sollte, tendierte die jüngere ganz eindeutig zum Zweiteren: „Sollen wir vielleicht einen Himpelmann manchen?“

„Himpelmann? Super Idee Vira! Du bist ein Schatz. Genau, der Himpelmann himpelt den Klausenbären.“

So ging es noch ein paar Minuten weiter, aber schließlich kannten die Oberbauertöchter ihren Vater schon lange genug um zu wissen, dass es außer ihrer Mutter wohl niemanden gab, der ihn davon abbringen konnte, dass heute im malerischen St. Jakob an der Klause zum ersten Mal das traditionelle Klausenbären Himpeln über die Bühne gehen würde. Andererseits gab es uninteressantere Tätigkeiten für einen der sinnlosen Spätadventtage, als der Welt ersten Klausenbären zu fangen. Kaum fertig angezogen und eben vom Vater wieder verlassen, der sich zuerst von den beiden Journalisten die betrübliche Neuigkeiten mitteilen lassen wollte um dann mit seiner ganzen Autorität die Notwendigkeit ihres weiteren Verbleibs in seiner Gemeinde zu bestätigen und sich schließlich auf die Suche nach einem geeigneten Himpelmann zu machen, standen die beiden Schwestern lachend in ihrem Zimmer: „Also, wenn das die Mama hört.“

(3)

Und so herrschte einen ganzen unscheinbaren Vormittag lang hinter der Fassade einer aus Verkehrstechnischen Gründen ins Abseits gedrängten, malerischen Gemeinde, hektisches Treiben an dessen Ende sich eine mehr an verwandtschaftlichen Banden denn an politischen Gemeinsamkeiten geknüpfte schwarz/grüne Koalition stand und der Bürgermeister im Hinterzimmer des Rathauses höchstpersönlich seinen verschwägerten Oberzeremonienmeister in der Kunst des Himpelns unterrichtete. Eine Beschäftigung, die trotz aller Ernsthaftigkeit einer gewissen Komik nicht entbehrte, vor allem wenn man berücksichtigte, dass wegen der Unauffindbarkeit der beiden Bürgermeistertöchter das genaue Aussehen des gefährlichen Klausenbärs noch niemandem bekannt war.

Problemlos in die Reihe derjenigen Lebewesen, die sich den angesprochenen Tag anders vorgestellt hatten, darf man mit Sicherheit den 9 jährigen Hauskater Max einfügen. Friedlich auf dem Brett des breiten Küchenfensters dösend war es vor allem sein ruhiges Wesen in Verbindung mit seiner grenzenlosen Ergebenheit an die jüngere der beiden Bürgermeistertöchter, die ihm seine Rolle in der sich allmählich entwickelnden Provinzposse sicherten.

„So!“, meinte Elvira Oberbauer eine halbe Stunde später: „Und jetzt fauch einmal, du Klausenbär.“

„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“, murmelte ihre Schwester derweil und hatte es schon aufgegeben, sich über ihren Vater oder Elvira zu wundern. Der Letzteren konnte man wenigstens noch zu Gute halten, dass sie noch ein Kind war und daher ruhig Freude daran haben durfte, ihren Schmusekater mit Fetzen eines alten Pelzhutes der Großmutter, Enten- und Gänsefedern, sowie zu Monterschnurrbarthaaren umfunktionierten Lamettafäden auszustaffieren. Wenn über die ganze Sache aber auch nur eine Silbe aus diesem Ort hinausgetragen werden würde, dann würde sie sofort das Land verlassen und ihren Namen ändern. Was Petra jedoch am allerwenigsten glauben konnte, war, dass offenbar auch ihr sonst so besonnener Onkel Josef vom Himpelvirus angesteckt worden war,  kam dieser doch in jenem Moment, in seiner schönsten Festtagstracht mit dem Vater wild gestikulierend über den Hof geschritten.

„Da seid ihr ja.“, begrüßte ein sichtlich gestresster Bürgermeister seine Töchter.

„Schau Papa!“

„Oh mein Gott!“, entfuhr es dem Grün-Gemeinderat. Sein Ortsvorsteher hatte offensichtlich schon anderes gesehen. Er nahm seiner jüngsten Tochter die – nun wirklich nur noch von einem geprüften Zoologen als solche erkennbare – Hauskatze aus den Händen und betrachtete sie von allen Seiten.

„Gefällt mir. Vor allem das mit den Federn. Schreib auf Josef, wir brauchen mehr Federn!“

Der angesprochene schüttelte nur den Kopf: „Gidi, hör auf, bevor wir uns vor aller Welt lächerlich machen. Was soll denn das für ein Bär sein..“

„Josef, du bist ein Idiot. Nur ein Grüner oder ein Amerikaner kann sich doch einen echten Bären erwarten. Sollen ja schließlich auch Kinder mithimpeln.“

„Mithimplen“, wiederholt seine ältere Tochter solange entgeistert.

„Der Klausenbär“, doziert ein mehr und mehr Oberwasser gewinnender Oberbauer derweil. „Der Klausenbär ist natürlich ein Fabelwesen, dass aus einer alten Sage herrührt. Apropos! Petra, rein ins Büro, an den Computer, Jahrtausende alte Sage, drei Seiten. Zack – zack! Wozu hab ich dich die Matura machen lassen.“

Sie würde den Kontinent verlassen und sich einer Gesichtsoperation unterziehen, dessen war sie die jetzt bald nicht mehr Petra Oberbauer heißende Angesprochene vollkommen sicher, als sie dennoch widerspruchslos das Zimmer verließ um wenigstens eine stabile Holztüre zwischen sich und dem lodernden Wahnsinn zu haben. So hatte sie immer noch die Wahl, ihrem Vater zu gehorchen oder durch das Fenster zu steigen, zur Bundesstraße zu laufen, ein Auto anzuhalten und sich auf diese Weise das ganze Ausmaß des Debakels zu ersparen, dass sich da vor ihren Augen abzuspielen begann.

Wenn andererseits die beiden jungen, großgewachsenen Fremden, die da gerade vor dem Bürofenster in ein Gespräch vertieft in Richtung Hauptplatz unterwegs waren, die zwei amerikanischen Journalisten sein sollten, dann wäre es vielleicht doch nicht zu falsch, selbst die Person zu sein, die sie über die genaue Herkunft des Himpelns und den Wortlaut der Sage informieren wird.

Und so fuhr die eine Oberbauertochter den Väterlichen Computer hoch, während die andere dem Computerbesitzer das feste Versprechen abnahm, dass ihrem Max im Zuge des noch zu definierenden Himpelns kein einziges Haar, sei es nun echt oder aufgeklebt, gekrümmt wird.

(4)

Der Wind kam auf, die letzte Wolke verschwand hinter dem Klausenkogel und es versprach ein wundervoller Nachmittag zu werden, der die beiden festsitzenden Überseereporter geradewegs ins Zentrum eines der letzten unentdeckten Alpinen Bräuche führte, der aber deshalb nicht minder eine Pulitzerpreiswürdige Reportage würdig war. Wie Petra Oberbauer im besten Englisch der Gemeinde Steve Tucker und seinem Kollegen, dem Fotografen Bob – „Bob, that’s enough“ zwischen Kaffe und Kuchen in der elterlichen Küche sinngemäß aus der frisch geschriebenen Stadtchronik übersetzte.

Steve Tucker hörte aufmerksam zu, wartete aber seinerseits nur auf eine günstige Gelegenheit den allgegenwärtigen, ursprünglich extrem gastfreundlichen, jetzt aber wahnsinnig störenden Vater seiner hübschen Informantin loszuwerden, um dieser mitteilen zu können, dass es, was ihn persönlich betraf, gar keines Klausenbären mehr bedurfte, um ihn in diesem malerischen  Ort festzuhalten.

„Hey Bob, why don’t you go with Mister Oberhuber and take some shots of this gorgeous little town.”

Der Angesprochene teilte zwar keines Falls die Begeisterung seines Freundes für die Schönheit St. Jakobs, war aber kein Idiot und nahm also einen letzten Schluck Kaffee ehe er sich mit einem Augenzwinkern erhob.

„Yeah, that’s a very good idea. Lets go!”

Wenn der sonst so abgebrühte Bürgermeister die Situation völlig falsch einschätzte, so darf man ihm daraus bei seiner augenblicklichen Anspannung wirklich keinen Vorwurf machen. Immer das Wohl der Gemeinde vor Augen rieb er sich im Geiste schon die Hände und meinte begeistert. „Ja, kommen sie Herr Tatsinaff. Ich werde ihnen ein paar Schöne Motive zeigen.“

(5)

Es wurde Abend und die ersten Fackeln entzündet. Wer sich noch immer ob des hektischen Treibens rund um den Hauptplatz überrascht zeigte, der wurde schnell eingewiesen – wenn nach einigen Etappen der mündlichen Weitergabe auch nicht mehr ganz eindeutig war, was denn da genau gehumpelt oder gehobelt werden sollte, nur dass die Zukunft der ganzen Gemeinde vom Gelingen des skurrilen Events abhing.

Die Lehrerin scharte die Kinder um sich und verteilte Wunderkerzen. Der Pfarrer erkundigte sich beim Bürgermeister persönlich, ob er denn das heidnische Treiben auch gutheißen konnte, erteilte daraufhin pflichtbewusst dem Klausenbären in der Sakristei seinen Segen, worauf selbiger vom innerlich über sich selbst den Kopf schüttelnden ökologischen Oberhimpelmann ins Freie getragen wurde, wo die feierliche Gruppe, von der wartenden Menge empfangen wurde, die nicht recht wusste, ob sie nun andächtig innehalten oder losgrölen sollte, was dann jeder auf seine Weise erledigte, ehe die Blasmusikkapelle das akustische Heft derart vehement an sich riss, wodurch der in seiner Eigenschaft als Klausenbär doch noch unerfahrene Hauskater Max endgültig die Fassung verlor, mit einer schnellen Bewegung dem Onkel seiner Besitzerin entkam und schon halb hinter der Bäckerei verschwunden war, als der erste aus der verblüfften Menge noch schreien konnte: „Hinterher!“

„Aha.“, meinte Steve Tucker, „Und jetzt wird gehimpelt.“

„Ja.“, meinte jene Stimme verlegen, die zu der Hand gehörte, die dieser schon seit zwei Stunden und während des ganzen Festaktes nicht losgelassen hatte. „Jetzt wird gehimplet.“

„Na dann los!“

Als ob der ganze Ort nur auf das Kommando des fernen Gastes gewartet hatte, kam von einem Moment zum nächsten Bewegung in die Menge. Junge voraus, Alte hinterher, dazwischen Fackelträger und je nach Gewicht der Instrumente die Mitglieder der Blasmusikkapelle. Jeder himpelte (oder humpelte oder hobelte, je nach Informationsstand) so gut er konnte und vor allem die beiden Amerikaner zeigten ein bei Anfängern nicht vermutetes Talent für ein Brauchtum das einem – um Bürgermeister Ägidius Oberbauer zu zitieren – eigentlich in die Wiege gelegt werden muss.

Man himpelte von links nach rechts, von Osten nach Westen, dreimal um die Kirche, die ersten dann ins Wirtshaus, die Mutigen durch den Bach, die Ausdauernden bis hinauf zur Bundesstraße. Großvater und Enkeltochterhimpelten Arm in Arm, man rannte, lachte, tanzte, schrie und sang bis man vor lauter Himpeln keine Luft mehr bekam.

Bei all dem hat es gar nichts ausgemacht, dass man auf einen schließlich ganz vergessen hat. Nämlich auf den gemeinen Klausenbären selbst, der sich auf der Flucht sämtlicher Besatzstücke, bis auf einen besonders hartnäckigen Lamettafaden, wieder entledigt hatte. Hinter dem Altpapierkorb in der Küche Schutz fand, wo er schließlich von der jüngeren Bürgermeistertochter etwas verstört aber heil gefunden wurde. Längst hatte der Bürgermeister inzwischen stolz vor dem Rathaus verkündet, dass schon seit Menschengedenken kein Klausenbär mehr derart perfekt gehimpelt worden war, was von der Bevölkerung nun in einem gemeinsamen Umtrunk zu feiern sei.

Da dieses Brauchtum keiner weiteren Erklärung bedurfte, wurde der Aufruf sofort umgesetzt, die beiden Gäste aus Übersee, ob mit oder ohne Hintergedanken in den Kreis aufgenommen, was in einem Fall auch so blieb, als der Kreis immer und immer kleiner wurde.

Und so hat es sich ergeben, dass das Klausebärenhimpeln in St. Jakob Einzug gehalten hat. Längst nicht nur zu Weihnachten. Seit dem enthusiastischen Artikel, der in fast allen Überregionalen Tageszeitungen der USA abgedruckt worden war, muss der Klausenbär je nach Besucherandrang heute auch zu Lichtmess, Himmelfahrt, Karmittwoch, Mariä Geburt, Empfängnis und Himmelfahrt, sowie dem 1. 18. und 29. Mai oder sonstigen Publikumsträchtigen Terminen ausrücken. Die Spontanität der Premiere wird jedoch für alle Zeiten unerreicht bleiben, einzig vielleicht noch herausgefordert von jenem Völkerverständigenden Himplen der Oberbauer und Tucker Großfamilien anlässlich der Verehelichung ihrer Kinder, die dann zwar in der Hauptstadt ihr Glück machen sollten, dafür aber der Heimat des Klausebären zu einer immerwährenden Einnahmequelle verholfen haben.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann himpeln sie noch heute.

© Peter Heissenberger 2005

Mein Kind.

Eigentlich wollte ich ja keine Kinder. Jedenfalls damals noch nicht. War mir noch viel zu früh, war ja selbst noch ein halbes Kind. Nicht körperlich (mit 25), aber irgendwie geistig. Auf jeden Fall lange noch nicht bereit derart Verantwortung zu übernehmen.

Und Erika? – Erika ist meine Frau, heute zumindest, damals war sie noch meine Freundin. Eigentlich nur eine Freundin. Zwei Monate zuvor waren wir erst zusammengezogen. Sollte ein Schritt in Richtung Endgültigkeit sein, stellte sich aber als keine besonders gute Idee heraus. Viele Chancen hab ich unserer Beziehung zu dem Zeitpunkt jedenfalls nicht mehr gegeben. Dabei gab es keine großen Probleme, wir haben einfach nicht richtig zusammengepaßt. Eine von den Beziehung, wie sie im Leben eben kommen und gehen.

Aber Kinder wollte sie, das hat sie immer schon gesagt. Zwei Kinder, am besten ein Bub und ein Mädchen, mehr nicht, das wäre dann zu viel Streß, man will ja schließlich noch was anderes haben vom Leben.

Doch ob sie die von mir wollte? Kann ich mir, so wie die letzten Jahre verlaufen sind, eigentlich nicht mehr richtig vorstellen. Ist jetzt aber auch egal, ist sowieso alles anders gekommen. Geschieht ihr außerdem ganz recht. Schließlich hätte sie ja aufpassen können, sonst ist die doch auch immer so penibel. Einfach verrechnet! Ha! Und obendrein sei alles sowieso meine Schuld, weil sie das nach dem Tag nicht mehr erwartet habe. Scheiße, kann man denn  nicht auch einmal einen schlechten Tag haben? Muß einem so etwas gleich bis ans Lebensende vorgehalten werden?

Wenn ich die Dinge aus heutiger Sicht betrachte, dann war am ehesten dieser Sommer schuld. – Sommer? Daß ich nicht lache! Zwei Monate Regenzeit waren angesagt, und wenn sich die Sonne dann doch einmal zwischen den Wolken hervor gezwängt hat, dann sicher irgendwann am Mittwoch Vormittag, wenn ich im Büro festgesessen bin. Keine Chance irgendwann raus zu kommen. Erika war das ja vollkommen egal, die kann Sonne nämlich nicht ausstehen, drum schaut sie auch immer aus wie ein frischer Mozarellalaib auf zwei (zugegeben sehr ansehnlichen) Beinen. Und dazu ihr unerschütterlicher Optimismus: „Machen wir doch das Beste draus.“ oder „Das ist doch kein Regen, nur zwei einsame Tropfen.“ – Typisch! Wenn ich so ein Schattengewächs wäre, dann hätte ich auch leicht lachen. Aber mir hat das damals wirklich zu schaffen gemacht. Wenn ich mich schon durch einen beschissenen Großstadt – Winter mit seinen trostlos grauen Farben und seiner Affenkälte quäle, dann kann ich wohl wenigstens einen Sommer verlangen, der diesen Namen auch verdient: Einen Sommer der sich gewaschen hat, keinen in dem man permanent von oben gewaschen wird.

Aber wie auch immer: An diesem besagten Wochenende hatte ich schon am Freitag miese Laune. Dauerregen seit Donnerstag und auch keinerlei Besserung in Sicht. Mountainbiken, Tennis: Konntest du alles vergessen! Nicht einmal in den Stadtpark konnte man gehen. Nur mit der Alten in der Wohnung herumhängen. Da war es kein Wunder, daß sich schnell ein Wort zum anderen gab und wir den schönsten Wochenendstreit in Gang hatten. Keine Ahnung mehr, worum es dabei genau ging. Beziehungs – Endzeitstimmung eben. Am Freitag abend noch leicht versöhnt, dafür am Samstag vormittag endgültig festgefahren. Regen vor der Tür und drinnen dicke Luft, am liebsten wäre ich auf und davon und heute muß ich sagen, ich wäre froh, ich hätte es getan und wäre nie wieder zurück gekommen.

Doch so habe ich nur die Tür zu meinem Arbeitszimmer zugeknallt und hinter mir abgesperrt. – Arbeitszimmer ist in diesem Zusammenhang vielleicht etwas übertrieben, denn das kleine Kabuff neben dem Klo hatte weder die Bezeichnung Zimmer verdient, noch habe ich dort je wirklich gearbeitet. Aber immerhin stand dort mein Computer und mit dem kann man auch arbeiten.

Ein paar Minuten habe ich nur voll Wut aus dem Fenster gestarrt und dabei meine Beziehung im Geist zigmal mit den verschiedensten befriedigenden Schlußbemerkungen beendet. Irgendwann ist Erika dann einkaufen gegangen. Da hab ich ein paar mal tief durchgeatmet, den Computer hochgefahren und mich solange aus der Küche mit Proviant versorgt. Gerade halbwegs beruhigt wollte ich jeder weiteren Konfrontation mit meiner „besseren Hälfte“ (die damals nicht einmal mehr ein Zehntel von mir eingenommen hatte) aus dem Weg gehen. Also habe ich mich richtiggehend verbarrikadiert. Sollte die doch machen was sie wollte, ich konnte es hier drinnen schon eine Zeit lang aushalten. Zumindest so lange, bis sie zu Kreuze gekrochen kam. – Ob ich damals wirklich damit gerechnet habe, weiß ich heute nicht mehr. Aus jetziger Sicht betrachtet wirkt diese Aussage auf jeden Fall mehr als lächerlich. Damals war ich jedoch fest entschlossen, nicht derjenige zu sein, der den ersten Schritt tat. Dieses eine mal sicher nicht.

Wieder im Arbeitszimmer stand ich kurz unentschlossen vor dem Computer, dann fiel mir die CDROM ein, die mir Fred, ein Arbeitskollege, ein paar Tage zuvor zum Ausprobieren mitgegeben hatte: „The Castle Of Evil“, klang zwar nicht gerade sehr berauschend, irgend so ein Fantasy – Rollenspiel eben, aber es war neu und somit fürs erste interessanter als alle Alternativen.

Den Sinn des Spiels hatte ich dann auch schnell heraus: Der abgrundtief böse Schwarzmagier Lord Gordon hockt in seinem dunklen Schloß und unterdrückt nach Herzenslust seine Untertanen, die sich das natürlich nicht länger gefallen lassen wollen. So weit, so gut, so unoriginell. Besser war da schon die Rollenverteilung. Man selbst spielte nämlich diesen fiesen Lord Gordon und mußte versuchen, möglichst viel aus seinen Untertanen herauszupressen und gleichzeitig durch geschicktes ausspionieren und gezieltes terrorisieren die drohende Palastrevolution zu unterbinden. Natürlich war das nicht hundertprozentig politisch korrekt, aber gerade deswegen für mich in meiner damaligen Stimmung genau das richtige Spiel. Nach zehn Minuten war ich begeistert, nach einer halben Stunde und der ersten gelungenen Revolution schwor ich diesen elenden, undankbaren plebejischen Bauerntölpeln finsterste Rache und als Erika nach einer Stunde vom Einkaufen zurückkam, drehte ich einfach den Ton ein wenig lauter. Ich bin mir sicher, daß sie an dem Tag mehrmals vor meiner Tür gestanden hat, mitgekriegt habe ich davon allerdings nichts, da war ich schon viel zu tief in das Spiel versunken.

Und so war ich einen ganzen verregneten Samstag lang Lord Gordon, der finstere Herrscher über das „Castle of Evil“ und die umliegenden Dörfer. Ich raubte, erpreßte, tötete, vergewaltigte und folterte quer durch mein Land und ich muß ohne falsche Bescheidenheit zugeben: Ich war gut! Verdammt gut sogar! Bei meinen beiden ersten Versuchen wurde ich noch vom aufgebrachten Pöbel aus dem Schloß vertrieben, doch dann saß ich fest im Sattel. Ich fand den Kristall der Erkenntnis, zerrieb ihn mit der Kralle des heiligen Huhns und vermischt mit einem Tropfen Blut meines größten Widersachers hatte ich einen Trank, der meine Pupillen grün färbte. Von da an blieb mir nichts mehr verborgen. Kein intrigantes Treiben eines Höflings, kein bauernschlauer Trick eines Schweinezüchters und schon gar kein geheucheltes Zutrauen von Seiten eines weiblichen Wesens.

Als ich das Licht meiner Schreitischlampe einschalten mußte, platzen meine Schatztruhen bereits aus allen Nähten. Doch es gab keine Gelegenheit für mich auszuruhen, denn dort wo Geld ist, ist auch Gesindel nicht weit. Und so tauchten immer weitere Gegner vor meinen grünen Augen auf. Einen nach dem anderen ließ ich sie über meine magische Klinge springen.

Viel später ist ein Vogel – wahrscheinlich eine Amsel oder Krähe – laut schreiend vor dem Fenster vorbei geflogen. Wie im Schock bin ich aus meinem Stuhl hochgeschossen und hätte dabei um ein Haar die Tatstatur vom Tisch gestoßen. Das muß nach 10 Stunden das erste mal gewesen sein, daß ich meine Augen vom Monitor genommen habe. Draußen gab es nichts neues, es regnete noch immer, nur relativ dunkel war es inzwischen geworden.

Ich mußte erst meine Augen reiben, um mich an die natürlichen Farben meiner Kunstlichtumgebung zu gewöhnen, zu sehr hatte ich mich an den permanenten Grünstich gewöhnt, der mich umgeben hatte, seit ich den Kristall gefunden hatte. Zufrieden lehnte ich mich im Sessel zurück und betrachtete meinen Geldspeicher. Die Summe war erheblich und ihr steter Zuwachs abzusehen. Ich wußte, wie sich Dagobert Duck jeden Abend beim Zähne putzen fühlen mußte. Einen Moment lang dachte ich, daß das Spiel jetzt langsam langweilig werden könnte, da ich seit einiger Zeit nur noch die gleichen routinierten Tricks anwenden mußte, um immer reicher zu werden. Um letztendlich Gold anzuhäufen, für das ich mir außerhalb des „Castle of Evil“ nicht einmal einen Kaugummi würde kaufen können. Außerdem spürte ich plötzlich ein leichtes Gefühl des Unbehagens im Bauch aufsteigen. Zwar zeugten die allseits verstreuten Kartoffel, Erdnuß- und Keksbrösel davon, daß ich das notwendige Maß an Kalorien zu mir genommen hatte, dennoch verlangte mein Magen allmählich nach etwas, das gemeinhin als „anständige  Mahlzeit“ bezeichnet wird. Und da dachte ich zum ersten mal wieder an Erika.

Ich horchte in Richtung Tür: Nichts von ihr zu hören! Ich ging hinüber und legte mein Ohr auf das Schlüsselloch. Nichts, bis auf das leise, monotone Surren meines Computer – Ventilators von hinten. Wahrscheinlich hatte sie sich mit dem tragbaren Fernseher ins Schlafzimmer verzogen. In der Wohnung mußte sie eigentlich sein, wenn sie weggegangen wäre, dann hätte ich das sicher bemerkt. – Dachte ich zumindest.

Da packte mich wieder der Stolz. Wenn sie es so spielen wollte, dann gut! Ich würde nicht als erster aus meiner Höhle kommen. Das wäre ja gelacht. Außerdem hätte sie ja wenigstens versuchen können mit mir zu reden, das war das mindeste, schließlich war ich der beleidigte. Nein: Ich würde jetzt sicher nicht hinausgehen, ich hatte noch eine Packung mit Partycrackern und sowieso keinen Hunger. Die Flasche Bier war ja auch noch halb voll.

Nur eine Sekunde lang dachte ich dann ans Klo und schon verspürte ich einen starken Drang, der absolut aus dem Nichts gekommen sein mußte. Verdammt, wäre das eine Niederlage! Ich konnte natürlich versuchen mich aufs Klo zu schleichen ohne daß sie es bemerkte. Aber einerseits wäre das nahezu unmöglich gewesen, und dann hätte sie sicher plötzlich vor mir gestanden um irgend etwas gehässiges vom Stapel zu lassen. In ihrem typischen triumphalen Tonfall, den Blick halb an mir vorbei, halb durch mich hindurch gerichtet. Ich konnte sie schon hören, und eins war sicher: Mir würde darauf keine passende Antwort einfallen, bei so was war sie leider viel kreativer als ich. – Außerdem ist ein Boykott nun mal kein richtiger Boykott, wenn man ihn auch nur für die geringste Kleinigkeit unterbricht.

Instinktiv schaute ich mich schon nach einem Gefäß um, da gebot mir die Vernunft schließlich doch noch Einhalt. Also das würde wirklich entschieden zu weit gehen, ich konnte es ja auch anders machen: Die Tür aufreißen, laut polternd zum Klo marschieren, den Deckel nicht hoch klappen und im Stehen pinkeln. Oh ja, das war gut, das würde sie mit Sicherheit zum platzen bringen. Schließlich war ich der Mann im Haus – oder in der Wohnung.

Wie ich so dasaß und über die Entleerung meiner Blase sinnierte meldete sich mein Computer mit einem dumpfen Gong, der wohl schauerlich klingen sollte, dem Geräuschkomponisten jedoch leicht mißlungen war und daher eher grotesk klang. Die Nachricht, die ich las lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf das Spiel. Einer meiner – oder besser gesagt Lord Gordons – Spione meldete, daß eine weiße Zauberin als Magd getarnt in einem Gehöft des östlichen Dorfes aufgetaucht sei. Dies paßte sehr gut zu jener Prophezeiung, die eine alte Hexe vor Tagen auf dem Scheiterhaufen ausgestoßen hatte. Ein großer und mächtiger Gegner, dem mit bisherigen Mitteln nicht beizukommen sein würde. Diese Herausforderung mußte ich natürlich annehmen. Das Geschlecht des Gegners kam mir obendrein gerade recht. Wie sie sich auch immer getarnt haben mochte und unter welchem Namen sie auch auftreten würde, ich kannte diese Zauberin genau. Es war die heimtückische Erika. Auf jeden Fall ein schwieriger Gegner, verschlagen und hinterlistig, geübt in der Kunst der spitzen Zunge und unglaublich nachtragend. Der Kampf konnte interessant werden, ich mußte mit großer List zu Werke gehen. Ich rieb mir die Hände und mit einem Lächeln auf den Lippen begab ich mich wieder ganz in mein Spiel.

Irgendwie glaube ich heute, daß ich mir damals sogar eingebildet habe, auf diese Art meine Probleme lösen zu können.

Die Zauberin Erika (die sich zu Tarnungszwecken Farabella nannte) erwies sich als die erwartet starke Gegnerin. Mit ihrem mitleidhaschenden Augenaufschlag war es ihr schnell gelungen das Landvolk auf ihre Seite zu bringen. Trotzdem nahm ich mir vor, nach meinem Sieg bei der Bevölkerung Milde walten zu lassen. Wer konnte es einem Mann schon übel nehmen, wenn er sich, erst einmal derart verwirrt, auf den falschen Weg begab. Es war auf jeden Fall ganz klar zu sehen, wer wieder einmal am Untergang eines perfekt arbeitenden  Systems schuld war. Gerade eben noch hatte alles blendend funktioniert, die Steuern wurden pünktlich bezahlt, niemand muckte auf. Und dann? – Oh, das war so typisch! Sie konnte nicht ertragen, daß etwas ohne sie lief. Nein, mit dieser Frau hielt ich es nicht mehr länger aus!

Stein um Stein fiel mein Imperium in sich zusammen, bis ich mich schließlich mit den letzten Getreuen tief in die Katakomben meines Schlosses zurückgezogen hatte. Mit dem Rücken zur Wand kämpfte ich noch verbissener, jeder Gegner konnte mich besiegen, dieser nicht. Meine ganze Existenz stand auf dem Spiel. Sollte sich der mächtige Lord Gordon in Zukunft von einem Weib beherrschen lassen? Unmöglich!

Dann plötzlich eine neue Finte. Hinter mir klopfte es, ich wußte schon wer es war, da konnten mich auch ihre Zaubertricks nicht täuschen. Ich stand auf und öffnete entschlossen die Tür. Die große, blonde, vollbusige Farabella hatte sich in ein blasses, braunhaariges Geschöpf verwandelt, das mir gerade bis zur Nase reichte. Diese Verkleidung kannte ich nur zu gut, das war die gefährlichste von allen. Aus ihren Augen züngelten Blitze, so daß ich instinktiv einen Schritt zurücktrat. Aber schnell faßte ich mich wieder. Das war das alles entscheidende Duell, diesem Blick mußte ich standhalten, durfte nicht weiter zurückweichen. Ich starrte direkt in ihre Pupillen, sie blinzelte – ich nicht. Das war die Entscheidung. Meine Augen färbten sich wieder grün, die Macht des Kristalls war im richtigen Moment zurückgekehrt. Sie war tapfer, wollte nicht aufgeben, ein würdiger Gegner eben, aber sie war geschlagen, das wußte ich. Und sie wußte es auch und sah zum Boden. Ich schob sie zur Seite, triumphierend schritt ich den Gang hinunter und setzte mich auf meinen angestammten Thron. Der Sieg war mein!

Was dann genau passiert ist kann ich heute wirklich nicht mehr sagen. Das heißt: Als ich am nächsten Morgen aufgewacht bin lag ich im Bett und jemand neben mir. Egal was auch passiert sein mochte, ich spürte, daß etwas an dieser Situation nicht stimmte. Das war nur wieder ein Trick dieser Zauberin, wie hieß sie?  – Nein, Erika. Ich schüttelte meinen Kopf. Mit den Augen suchten ich nach einem Fenster, ich hatte Probleme mich zu orientieren. Das war ganz eindeutig mein Schlafzimmer, Realität! Erika! Wer war diese Zauberin? Zimmer? Farabella? Schloß? Erika? Castle of Evil? Lord Gordon? Erika???

Während der ganzen Zeit floß ein Schwall von Worten durch meine Ohren, ohne daß mein Gehirn davon Notiz genommen hätte. Was hatte ich gestern nur alles getrunken? Erst allmählich wurde mir einiges klar: Irgendwo in meinem Hirn lief noch immer dieses Spiel. Und auch was Erika gerade sagte drehte sich darum. „16 Stunden vor dem Computer, was fällt dir eigentlich ein? Stellst Du Dir so ein Wochenende vor?“

Ja, genau: Erika! Das war eindeutig Erika, jetzt war ich wieder ganz da. Oben war oben, links war links, ich war ein Trottel, aber so billig würde ich  diesmal nicht davonkommen. Auf das schlimmste gefaßt drehte ich mich zu ihr.

Aus der Tatsache, daß Erika neben mir lag und wieder mit mir Sprach schloß ich, daß wir uns in der Nacht offenbar versöhnt hatten. Das, was sie mir da entgegenschnatterte und der Ausdruck in ihrem Gesicht ließ mich jedoch gleich wieder daran zweifeln. Ich legte mich zurück und zog den Polster über den Kopf. Im nächsten Moment spürte ich einen Tritt, der mein Schienbein zwar nur streifte, dafür aber sehr fest ausgeführt gewesen sein mußte. Außerdem flog der Polster vor meinem Gesicht auf den Boden.

„Schau mich gefälligst an, sonst kannst dich gleich wieder schleichen.“

So verlockend dieses Angebot auch geklungen hatte, ich blieb liegen und hörte ihr wenigstens mit einem Ohr zu. Im Grunde hatte sie ja recht, das Wochenende hatten wir uns beide anders vorgestellt, so konnte das mit uns nicht weitergehen und ja, ich war rücksichtslos und so weiter und so fort. Viel mehr interessierte mich jedoch was in der Nacht passiert war, nachdem ich den Thronsaal betreten hatte.

Obwohl ich ihr fünf Minuten lang in allem recht gegeben hatte, war Erika nicht wirklich besänftigt. Sie beschwerte sich über die nicht hoch geklappte Klobrille und wie leidenschaftslos und mechanisch ich sie in der Nacht geliebt hätte. Ich sah sie verwundert an. An das eine konnte ich mich erinnern, an den Plan zumindest. Aber an das andere? Ich hatte die Tür geöffnet, das Duell gewonnen und war in den Thronsaal gegangen. Ausgehend von der Annahme, das wäre das Klo gewesen, was kam dann? War ich dort eingeschlafen? Wann war ich von dort weggegangen? Und wohin?

Ich konnte machen was ich wollte, aber nichts davon kam zurück. Die Nacht blieb für mich buchstäblich dunkel. Oh dieses idiotische Computerspiel! Ich konnte mir nicht erklären wieso ich mich da so hineinsteigert hatte. Ich war ja schließlich keine 16 mehr.

Erika machte eine kurze Pause, ich nützte die Gelegenheit um mich noch einmal pauschal für alles zu entschuldigen und stand auf, ohne ihre Reaktion abzuwarten. Zwar ärgerte es mich, daß es ihr schon wieder gelungen war, mir die alleinige Schuld zuzuschieben, aber mein Streitpotential für dieses Wochenende war ausgeschöpft.

Ich ging zum Klo – allerdings nicht um die Klobrille zu putzen. Die Tür zum Arbeitszimmer war nur angelehnt, im vorbeigehen hörte ich das gewohnte Summen: Der Computer lief also immer noch. Der Bildschirmschoner schoß gerade einen blauen Ball über den Monitor, als ich die Maus bewegte um das Programm zu beendet. Doch das war offensichtlich schon geschehen, das einzige noch offene Fenster enthielt nur eine schmucklose Meldung.

„Samen gepflanzt.

Ende des Spiels.“

Ich schloß das Fenster und schüttelte den Kopf. Was sollte das bedeuten? Und was hatte es mit dem Spiel zu tun? Reim konnte ich mir darauf keinen machen, aber schließlich hatte mich dieses dumme Spiel schon viel zu lange beschäftigt, als daß ich mir darüber noch weitere Gedanken machen wollte.

2.

Der restliche Sonntag verging wie der ganze Sommer ohne besondere Ereignisse und ich würde mich wohl kaum noch an dieses Wochenende erinnern, wenn es Erika nicht ein paar Wochen später, nach ihrem Besuch beim Frauenarzt, als jenen Zeitpunkt bestimmt hätte, an dem ES passiert sein mußte.

ES war mein Sohn Benny. Benjamin Karl Friedrich, Karl und Friedrich nach seinen Großvätern, die er beide nicht mehr kennenlernen sollte. Und wenn sie sich nicht ein zweites mal verrechnet hatte, ist ES in der Nacht passiert, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. In einem Anflug von Galgenhumor hatte ich zuerst ja Gordon als Vornamen vorgeschlagen, aber Erika hatte das nicht gefallen, und mir eigentlich auch nicht. Ansonsten war mir in der ersten Zeit nicht gerade nach lachen zu mute. Auch meine Freunde, die mit ihren blöden Bemerkungen noch nie sparsam gewesen sind, trugen ihren Teil dazu bei: „So, das war’s Kumpel, das Leben kannst jetzt vergessen, jetzt heißt’ s nur noch schöpfen für die Gschrappen.“ Etc. etc.

Es fiel mir schwer, mich mit der neuen Situation abzufinden. Ich hatte doch noch so viel vor, so viele Träume. Träume, die ich bislang leichtfertig aufgeschoben hatte, die ich aber unbedingt noch verwirklichen wollte. Von jetzt an würde es bergab gehen, nicht mehr auf seine eigenen Ziele hinarbeiten können sondern selbst zurückstehen und jemanden anderen wichtiger nehmen. Verantwortung tragen, das schien mir alles viel zu viel und viel zu früh.

Eines muß ich bei all dem festhalten. Es gab für mich nie einen Zweifel, daß sie – daß wir dieses Kind bekommen sollten. Irgendwo hatte die katholische Erziehung eben doch ihre Spuren hinterlassen.

Unsere beiden katholischen, verwitweten Mütter bestanden auf einer großen kirchlichen Hochzeit. Anfangs sträubten wir uns noch – ich glaube beide aus ähnlichen Gründen, doch das war nur ein schwacher Reflex bei einer Sache, bei der sowieso kein Widerspruch geduldet wurde. Somit war das Brautkleid weiß, die gesprochenen Gelübde ohne jede Tiefe, die Tränen der Mütter echt, der Kuß falsch und der Bräutigam stockbesoffen. Das alles zusammen ergibt dann wohl den schönsten Tag des Lebens.

Eines Sonntags Anfang Dezember stand ich ganz früh am Morgen auf dem frisch verschneiten Balkon unserer neuen Wohnung und drückte gerade eine Zigarette am Rand des Geländers aus, als die Sonne ihre ersten Strahlen über das Dach der St. Franziskus Kirche schickte. Ich blieb stehen und wartete mit geschlossenen Augen ungeduldig, bis ich die Wärme auf dem Gesicht spüren konnte. Die Sonne! Endlich wieder Sonne! Mir war, als wäre ich gerade aus einem schrecklichen Alptraum erwacht.

Manch einer würde jetzt sagen, ich hatte eine Vision, oder mein Bewußtsein wurde plötzlich erweitert. Ich kann das nicht beurteilen, ich erinnere mich nur an das angenehme Gefühl, als mir der morgendliche Frost von Augenlidern, Stirn und Backenknochen gesaugt wurde und es für einen Moment ganz still in mir wurde. Dann und dort beschloß ich, mich endlich zusammen zu reißen und nicht länger so egoistisch zu sein. Man konnte eben nicht sein ganzes Leben lang irgendwelchen Idealvorstellungen nachjagen, manchmal passierte einfach etwas, da mußte man wohl oder übel eine andere Richtung einschlagen. In ein paar Jahren würde ich sicher einsehen, daß mir nicht besseres hätte passieren können. Und so ging ich zurück in die Wohnung und legte alles daran, ein guter Vater und Ehemann zu werden.

Eine Zeit schien es wirklich zu funktionieren, wenn auch die Geburt selbst nicht jener emotionelle Schub wurde, den ich eigentlich erwartet hatte. Mit gründlichst gewaschenen Händen, in einen weißen Arztkittel gehüllt, hielt ich ein verschrumpeltes, schreiendes Würmchen im Arm. Meinen Sohn – zum Glück ein Sohn. Das war er, mein Stammhalter! Ich wartete, doch der tiefe Stolz, auf den ich gewartet hatte sollte sich nicht einstellen. Leicht verwirrt legte ich das Baby wieder in die Arme seiner erschöpften Mutter und betrachtete mich verwundert im Spiegel. Was war denn los mit mir? War ich wirklich ein so gefühlloser Klotz? Wo war dieses „Hallo ich bin dein Vater, ich verspreche Dir, es wird Dir in Deinem Leben an nichts fehlen“ – Gefühl?

„Schau nur, was er für grüne Augen hat, da werden einmal viele Mädchenherzen schmelzen.“

Ich sah mir das Gesicht lange an, das – wie mir später versichert werden sollte – die Nasen beider Großväter, die Stirn von einigen Onkeln, die Ohren seiner Mutter und „ganz, ganz eindeutig“ meine Kinnpartie in sich trug. Ich versuchte es mir im Kinderwagen, mir dicken Bäckchen im Sommer, rot vor Kälte mit einer Skimütze oder mit den ersten Bartsprossen vorzustellen. Grüne Augen! Das würde wahrscheinlich wieder vergehen, Kinder hatten ja oft ausgefallene Augenfarben die sich dann änderten, oder war das nur bei blonden Haaren so? Ich hatte in den letzten Tagen so viele widersprüchliche Theorien gehört, daß ich mich nicht mehr auskannte.

Als nächstes kam meine Esoterik Tante. Die heißt mittlerweile schon fast offiziell so, seit meine Mutter vor über zwanzig Jahren einmal in ihrer ganzen Verachtung geraunt hatte: „Heute nachmittag kommt deine Esoterik Tante vorbei.“ Gefreut hat sie das nicht gerade, die kleine Schwester meiner Mutter, Meditationskünstlerin, Handauflegerin, Wahrsagerin, Mondexpertin, Gesundbeterin, Fußreflexmagnetzonenmassagespritualistin oder was es da sonst noch alles gibt. Auf jeden Fall der – hinter vorgehaltener Hand – am meisten belächelte Mensch der Welt. Schaut dem Kleinen lange und ernst ins Gesicht und meint: „Kopfform: Jupiter mit starkem Mars Einschlag. Das bedeutet temperamentvoll, kontaktfreudig, rücksichtsvoll aber auch unbesonnen, dafür unwiderstehlich. Aber jetzt schau dir nur diese grünen Augen an. So was habe ich noch nie gesehen. Grüne Augen sind so geheimnisvoll. Findest du nicht? Das bedeutet leidenschaftlich, mutig, oft energisch bis heftig. Mein Lieber, da wirst du einiges durchmachen.“

„Ah – ja, äh – danke Tante.“ Im Gedanken sah ich mich schon meinem kleinen unwiderstehlichen Casanova die Alimente vorstrecken, doch dann verlegte ich mich lieber darauf, so wie alle anderen Mitglieder meiner Familie, nichts auf das Gerede der Tante zu geben.

So wurden wir also eine nette kleine Bilderbuchfamilie. Die Mutter liebte das Baby, der Vater liebte das Baby, und Vater und Mutter … na ja, auf jeden Fall liebten sie alle das Baby. Ich gewöhnte mich daran, jeden Morgen auf dem Weg ins Büro den Plastikbeutel mit den Windeln zur Mülltonne zu tragen, mich drei bis viermal in der Nacht aus dem Bett zu quälen und am Sonntag stolz mit dem Kinderwagen durch den Stadtpark zu promenieren. Manchmal allein, meist jedoch mit Erika am Arm. Es gab Wochen, da kamen wir uns nie näher als dann.

Zur Schau gestelltes Glück eben, mehr nicht. Obwohl wir an ein zweites Kind dachten. Oh, wenn man uns dabei zugehört hätte. Ein generalstabsmäßig geplantes Projekt, ein Spielkamerad für Benny, eine notwendige Anschaffung bestenfalls, kein Kind der Liebe.

Die Monate, die Jahre vergingen, der pädagogisch optimale Abstand zwischen zwei Geschwistern war schon längst überschritten, doch unser Benny war noch immer ein Einzelkind. Zu seinem dritten Weihnachten lag eine Playstation unter dem Christbaum. Da wollte wohl eine der beiden Großmütter dieses mal ganz sicher gehen, den Sieg im ewigen Geschenke – Wettstreit davon zu tragen. Aus pädagogischen Gründen mußten wir natürlich eingreifen und so wanderte das Ding an einen sicheren Platz – nämlich in mein Arbeitszimmer. In unserer neuen Wohnung gab es auch ein neues Arbeitszimmer, größer, heller, aber noch immer nicht zum arbeiten genutzt, dafür immer öfter, um mich vor meiner Familie zu verkriechen.

Diese modernen Spielkonsolen sind schon ein Wahnsinn, ich kann verstehen, daß manche Eltern eine Brechstange brauchen, um ihre Kinder davon wegzubringen. Besorgter Vater, der ich nunmal war, habe ich mich im Selbstversuch ganz eingehend mit der Problematik auseinander gesetzt. Stundenlang, bis tief in die Nacht. Und manchmal, nach einem kurzen Wortscharmützel wieder aus dem Ehebett vertrieben, auch bis zum Morgen.

Nur das Campingbett, das ich sehr billig im Baumarkt gekauft und im Arbeitszimmer aufgestellt hatte, fand ich, als ich am nächsten Abend nach Hause kam, stark ramponiert direkt unter unserem Balkon auf dem Parkplatz liegend. Manche Zeichen sollte man besser so verstehen wie sie liegen, und bisweilen war sogar ich so klug, mich an diesen Rat zu halten.

3.

Jetzt lassen sie mich bitte kurz ein wenig ausholen. Ich schreib das alles ja schließlich, um verstanden zu werden: Kinder können einen nerven, das müssen sie wahrscheinlich sogar, ist irgend so ein Generationskonflikt – Ding. Da gibt’s eh keine Diskussion. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen einem nervenden, einem verzogenen, einem schlimmen Kind – und einem Satansbraten wie es mein Benny werden sollte. Das ist jetzt keine im Ärger leicht dahin gesagt Übertreibung. Wenn ich das hier und jetzt behaupte, dann können sie mir glauben, daß ich mir das lange und gut überlegt habe – jahrelang.

Zuerst war es nur der übliche Ärger: Eine Katze mit angesengtem Schwanz, Steine, die einem Auto nachgeworfen wurden, ausgerissene Blumen im Park. Das kennt jeder aus seiner eigenen Kindheit, ist zwar ärgerlich aber ganz normal. Immer wenn ich mich aufregen wollte mußte ich hören, daß unser Benny eben so „aufgeweckt“ und „lebhaft“ sei. – Stimmt natürlich und gebe ich auch gerne und mit Stolz zu: Er war allen Altersgenossen und auch vielen älteren Kindern weit überlegen, und so etwas macht einen natürlich nicht gerade allgemein beliebt. Nur: So wie seine Mutter ihr Wunderkind immer verteidigt hat, da hat der nie den Unterschied zwischen richtig und falsch lernen können. Tägliche Raufereien schon im Kindergarten! Beim Nachsitzen in der ersten Klasse kurz aufs Klo verschwunden und dabei den Schaum aus zwei Feuerlöschern in den Schulgang gespritzt! Wo soll so was nur hinführen?

Stellen sie sich einmal vor, sie sind ein Vater und sitzen in der Abendsonne auf einer Bank im Park. Ein bißchen ausspannen, bevor es nach Hause geht. Neben ihnen sitzen zwei Kinder, etwa im Alter ihres Sohnes, einer zieht einen Block aus der Schultasche: „Schau her, das ist meine neue Benny – Vernichtungsmaschine, die hab ich heut’ nachmittag gezeichnet. Da oben ist eine Falltüre, da wird eine Katze angebunden, und wenn er kommt um sie zu quälen, dann fällt er hier durch das Rohr. Da unten wird er von einem Hammer von oben und von zwei Wänden von der Seite zusammengepreßt. Dann kommt der Würfel über das Förderband in diese Mühle. Die kleinen Stücke fallen zu den Ratten da unten, und wenn sie alles aufgefressen haben zieht man ihnen den Boden weg, und sie fallen ins Feuer. Dann sind wir den garantiert los.“ – „He super, das beschissene Gurkenauge. Mal schau’n ob er dann immer noch so große Töne spuckt.“

Was macht man in so einer Situation? Aufstehen, den beiden links und rechts eine runter hauen, damit die Leute nachher sagen: „Kein Wunder, bei dem Vater!“? Ich bin auf jeden Fall noch immer regungslos dagesessen, als die zwei schon längst in Richtung Bach davongelaufen waren. – Mein Sohn ein von allen gefürchtetes Monster!

Wir hatten in der Schule auch einen aufsässigen Klassenkamerad, mit dem keiner etwas zu tun haben wollte, aber das, was ich gerade gehört hatte, das war der pure Haß, und was das schlimmste war: Ich konnte es verstehen. Mittlerweile drehte ich mich schon jedesmal, wenn ich auf der Straße ein Kind mit einem Pflaster im Gesicht sah, sofort auf die andere Seite, weil ich fürchtete, Benny sei darin verwickelt.

Was sollte ich machen? Ich wußte genau, was mein Vater getan hätte, und zwar schon von klein auf. Aber genau davon hatte ich mich ja immer distanzieren wollen. Außerdem war das keine Lösung, sollte man ihm etwa das Prügeln mit Prügeln abgewöhnen? Erika war auch keine große Hilfe, Benny spürte nämlich ganz genau, daß er der einzige Grund war, warum wir beide überhaupt noch zusammen waren und nützte das sehr geschickt aus. Schlimme Kinder sind eine Qual, aber gescheite schlimme Kinder sind eine Strafe Gottes.

Schließlich beschloß ich, solange nichts überstürztes zu unternehmen, bis ich mir meiner Sache sicher war. Vielleicht war es ja an der Zeit einen Kinderpsychologen zu Rat zu Ziehen, aber um Erika das klar zu machen mußte ich den richtigen Zeitpunkt abwarten.

Ein paar Tage später bin etwas abwesend durch die Regale eines Unterhaltungselektronik – Marktes geschlendert. Meine Frau war auf der Suche nach einem Weltempfänger für ihren Onkel und ich sah den Kindern zu, wie sie sich traubenweise um die beiden Test – Spielkonsolen scharten. Ich war froh, daß Benny das Wochenende bei meiner Mutter verbrachte, sonst hätte die Situation sicher in einer lauten Streiterei und Drängerei geendet, bis wir entweder aus dem Geschäft hinaus komplimentiert worden wären oder Benny endlich an den Joystick gelangt wäre. Ich verdrängte die Gedanken an seine verbrecherische Zukunft und schloß mich dieses eine mal lieber der Meinung meiner Frau an, die meinte, das würde sich alles bald legen.

Als ich gerade zurück zur Radioabteilung wollte, fiel mein Blick auf ein Regal mit Neuerscheinungen. Unter dem – meiner Meinung nach Kinder nahezu magisch anziehenden – Aufkleber „Freiwilliger Jugendschutz: Erst ab 16 Jahren.“ hing ein leuchtend grünes Plakat:

„Der Klassiker kehrt zurück, das Grauen geht weiter:

„Castle of Evil II“, der Sohn des Gordon.“

Sofort hatte ich wieder jedes Detail jenes vergeudeten Wochenendes vor Augen – bis auf die schicksalhafte Nacht natürlich, die mir noch immer fehlte. So schnell wurde heutzutage also etwas zu einem Klassiker! Ich nahm die Packung aus dem Regal und drehte sie um. Fast wäre sie mir dann aus den Händen gefallen, denn es waren Bennys Augen, die auf mich zurückstarrten. Gänsehaut raste über meinem Rücken und Teile meiner Oberarme, schnell stellte ich die Packung zurück und suchte nach Erika.

Noch Stunden später, als wir das Geschenk für den Erbonkel längst nach Hause gebracht und festlich verpackt hatten, gingen mir diese Augen nicht aus dem Kopf, obwohl sie mich nicht einmal eine Sekunde lang angesehen hatten. Bennys Augen! Noch jeder hatte sie bewundert. Dieses Grün, diese Kraft! Was hatte meine Tante damals gemeint? Geheimnisvoll, leidenschaftlich, oft energisch und heftig? Es gab scheinbar doch Dinge von denen die Frau eine gewisse Ahnung hatte.

In der folgenden Nacht kamen wir spät nach Hause, der Geburtstag war ausgiebig gefeiert worden und ich muß gestehen, daß ich mich mit der Familie meiner Frau im Allgemeinen besser verstehe als mit meiner eigenen. Schade, daß das Erika selbst nicht mit einschließt. Die Sache mit den grünen Augen hatte ich schon fast wieder vergessen.

Als meine Mutter Benny am Sonntag morgen vorbei brachte, wagte ich es dennoch nicht, ihm in die Augen zu schauen. Den restlichen Tag war ich gereizt und konnte nicht einmal sagen warum. Zumindest nicht erklären. Es war ja nichts passiert. Meine Mutter hatte ein Wochenende mit einem „kleinen Engel“ verbracht, und jetzt saß er brav vor dem Fernseher.

Am nächsten Abend fuhr ich auf dem Nachhauseweg einen kleinen Umweg. Obwohl ich mich selbst dabei auslachte, trug ich bald darauf eine grüne Schachtel mit zwei CDROM’s in die Wohnung. Nach dem Abendessen verzog ich mich ins Arbeitszimmer. Die Playstation war schon lange ins Kinderzimmer übersiedelt, dafür stand an ihrer Stelle jetzt ein neuer Computer. Ich zögerte noch, ihn einzuschalten. Statt dessen nahm ich erst einmal die Spielanleitung aus der Packung.

Lord Gordon war tot. Diese Nachricht erfüllte mich nicht gerade mit Trauer. Er war am Ende doch von einer höheren Macht für sein grausames Leben bestraft worden. Als er gerade in voller Rüstung mit den überhöhten Steuereinnahmen auf dem Weg ins Schloß war, traf ihn ein Blitz in den Kopf. Von da an schien wieder die Sonne über sein Land. Ein paar Monate später sollte eine Magd ein Kind auf die Welt bringen. Aus Scham hatte sie niemandem erzählt, daß sie eines Tages von Gordons Schergen aus dem Wald verschleppt, ins Schloß gebracht, von dessen Herrscher vergewaltigt und wie ein Bündel Lumpen wieder in den Wald geworfen worden war. Die arme Magd gebar ihr Kind genau an jenem Tag, an dem der neue Herrscher ins Schloß einzog. Sie sollte die schwere Geburt nicht überleben.

Siegfried der Gütige machte seinem Namen alle Ehre und nahm die arme Waise an Kindesstadt an. Der neue König hatte zu diesem Zeitpunkt bereits sechs Kinder und sechs weitere sollten noch folgen. Doch das 13., das nicht sein eigenes war, erregte immer das meiste Aufsehen. Zuerst wegen seiner grünen Augen, dann auf Grund seines wilden Temperaments. Der gütige König schob das auf die Verhältnisse, aus denen es stammte und sagte, er wolle an Hand dieses Kindes zeigen, das jeder ein guter, gerechter Mensch werden konnte, wenn man ihm nur die richtigen Möglichkeiten angedeihen ließ.

Das kleine Kind wuchs zum Junker David heran und an dieser Stelle steigt der Spieler in die Handlung ein. Ziel des Spiels ist es, die übrigen zwölf Geschwister so geschickt um die Ecke zu bringen, daß niemand Verdacht schöpft, vor allem nicht der König. Als letztes ist dann der König selbst zu beseitigen und damit der Thron wieder für das Geschlecht der Gordons zurück zu erobern.

In dieser Nacht kam ich nicht ins Bett. Erika stand in der Früh neben mir und meinte nur: „Ich habe schon lange aufgehört, mich über dich zu wundern.“ Wenig später brachte sie Benny in die Schule und ich meldete mich krank. Krank war auch dieses Spiel, mehr als krank. Wer denkt sich nur so etwas aus, wer läßt zu, daß man es verkauft?

Nachdem mein Kopf am späten Vormittag zum zweiten mal unsanft auf die Tischkante gekracht war, schleppte ich mich schließlich doch ins Bett und fiel in einen unruhigen Halbschlaf. Lord Gordon und sein Sohn verfolgten mich bis in den Traum.

Am nächsten Tag fragte ich Fred, ob er die CD vom alten „Castle of Evil“ noch irgendwo habe. Er sah mich verwundert an, meinte, er müsse zu Hause nachsehen und daß ich in meinem Zustand besser noch einen Tag zu Hause geblieben wäre: „Man soll mit so was nicht spaßen. Wie schnell übergeht man da was und dann wird es chronisch.“ Ich nickte verständnisvoll und bat ihn noch einmal, mir das alte Spiel zu besorgen.

An diesem Abend machte ich einen großen Bogen um den Computer und um Benny, doch Schlaf sollte ich trotzdem keinen finden. Sogar Erika meinte in der Früh: „Was ist denn los mit Dir?“ Leider ließ sie mir nicht einmal die Chance zu überlegen, ob ich mich mit ihr besprechen sollte: „Außerdem kümmerst Du Dich in letzter Zeit kaum um unserem Sohn. Hast Du vergessen, wie wichtig die ausgewogenen Beziehung zu beiden Elternteilen für seine Entwicklung ist? Häh? Oder soll ich mich ab jetzt alleine drum kümmern? Kannst es ruhig sagen. Und schleichen kannst Dich dann auch gleich. Zieh doch mit Deinem verdammten Computer zusammen, die lassen sich sicher bald auch bumsen.“ Ich murmelte irgend etwas zwischen „Ja.“ und „Laß mich in Ruhe!“ Verkniff mir das „Du dummes Drecksstück“, das mir noch auf der Zunge gelegen hatte, ließ die halbe Tasse Kaffee stehen und machte mich auf zur Arbeit.

Fred hatte an mich gedacht und Erfolg gehabt: „Es geht doch nichts über einen ordentlichen Haushalt. Kannst es übrigens gerne behalten.“ Ich bedankte mich und versprach, das Spiel selbstverständlich bald wieder zurück zu geben. Wollte ja nicht als Arcade – Junkie dastehen.

Am Abend saß ich wieder lange vor dem Computer ohne zu wissen, wonach ich eigentlich suchte, ja ohne zu wissen, was ich überhaupt tat. Aber irgendwo in diesen Spielen mußte die Antwort auf eine Frage liegen, die ich nicht einmal formulieren konnte.

4.

Dann kam Ostern und das erste gemeinsam besuchte Fußballspiel. Benny war eigentlich vom Vater eines Freundes eingeladen worden, dem dann plötzlich ein wichtiger Geschäftstermin dazwischen gekommen war. Also begleitete ich die beiden, obwohl ich alles andere als ein Fußballfan war. Heinz war Bennys erster Freund an den ich mich erinnern konnte. Es wurde ein sehr lustiger Abend, die Heimmannschaft schoß den unterlegenen Gegner richtiggehend aus dem Stadion und links und rechts von mir standen zwei junge, begeisterte und durch und durch normale Buben. Ich sah Benny, wie er fahnenschwingend auf und ab sprang und fragte mich, was eigentlich mit mir los war. An diesem Abend nahm ich alles, was ich an Fantasy CDRoms auf meinem Schreibtisch liegen hatte und stopfte es ganz unten in meinen Schrank.

Mit schöner Regelmäßigkeit brachte Erika ein bestimmtes Thema aufs Tapet. Wenn nicht bald etwas passierte, dann würde ein zweites Kind Benny mehr schaden als nützen. Ich wußte zwar nicht, woher sie diese Weisheit nun schon wieder hatte, aber bei der Art, wie wir seit Jahren nur noch nebeneinander her lebten wunderte ich mich, daß sie immer noch ernsthaft daran interessiert war. Ich jedenfalls tat meinen Teil so gut ich konnte, wenn sie die Zeitpunkt für einen neuen Versuch als richtig erachtete, betrachtete es mittlerweile als sportliche Herausforderung, was darüber hinausging holte ich mir seit Jahren diskret anderweitig und sie wahrscheinlich auch.

Doch als sie vorschlug, daß wir einen Arzt zuziehen sollten weigerte ich mich. Das ging zu weit. Erstens war das meine private Angelegenheit und außerdem hatte wir ja schon bewiesen, daß wir beide in der Lage waren uns fortzupflanzen. Sie meinte, ich könnte ja auch nachgelassen haben und eines abends eröffnete sie süffisant, daß man ihr bereits bestätigt habe, daß es an ihr nicht liege.

Es dauerte eine weitere Woche bis ich endlich genug hatte von ihren Sticheleien und einen weiteren Tag bis mir der Arzt in einem unglaublich emotionslosen Tonfall mitteilte, daß meine Spermienproduktion eigentlich zu gering sei, gerade an der Grenze bestenfalls und daß es sowieso schon ein großes Glück gewesen sei, daß ich überhaupt ein Kind gezeugt hatte.

Erika wirkte überraschend verständnisvoll, wahrscheinlich war sie sogar erleichtert darüber, nichts weiter aufrecht erhalten zu müssen, für das die emotionale Grundlage schon lange fehlte.

So wie jeder andere Mann in dieser Situation fragte ich mich natürlich, ob Benny überhaupt mein Kind sein konnte. Wir hatten einander zwar nicht mehr besonders viel zu sagen, aber wenn ich ehrlich war schätzte ich Erika nicht so ein. Damals hatte sie sicher keinen anderen Freund gehabt. Außerdem hätte sie dann nicht auf dieser Nacht bestanden sondern auf einer, an die auch ich mich erinnern konnte. Oder? Nein, nein, da war ich mir sicher und beschloß, mich lieber verstärkt um das Kind kümmern, das wohl mein einziges bleiben sollte.

Doch das teuflische an Zweifeln ist leider, daß man sie nie ganz ausräumen kann, wenn man nur genügend Phantasie besitzt.

Die Monate vergingen und ich überraschte mich mehr als einmal dabei, frisch geschiedene zu beneiden. Zu Hause wurde das Arbeitszimmer mein Hauptaufenthaltsgebiet  und Erika störte es nicht mehr. Es war eindeutig, daß sie schon längst ihre Kindererziehungsbücher konsultiert hatte um herauszufinden, ab welchem Alter ein Kind die Scheidung seiner Eltern ohne größeren Schaden verkraften konnte.

Bennys Probleme wurden zwar weniger offensichtlich, aber jetzt, da ich mich mehr mit ihm beschäftigte, glaubte ich nicht, daß sie sich wirklich gelöst hatten. Heinz, der – so weit ich sagen konnte – sein einziger Freund blieb, war selbst ein Außenseiter. Wenigstens wurde ich kaum noch in die Schule zitiert und gerade zu mir war er auf einmal sehr folgsam. Und doch: Jedesmal wenn ich mir einzureden versuchte, daß er sich ganz normal entwickeln würde blieb ein ungutes Gefühl zurück.

Im Wartezimmer meines Zahnarztes las ich einen Artikel über zwei Teenager, die in Amerika 16 Mitschüler und Lehrer erschossen hatten. Unter den lächelnden Gesichtern im Kindergartenalter waren sie als Außenseiter beschrieben, die seit ihrer frühesten Jugend überall nur angeeckt waren. Wieder schüttelte ich meine düstren Gedanken ab. Viel wahrscheinlicher hatten doch diejenige recht, die den Eltern die Schuld gaben. Auch  Benny war die eisige Trockenheit, die seit seinen Babytagen zwischen seiner Mutter und mir herrschte trotz aller Mühe, die wir uns nach außen hin gaben, sicher nicht verborgen geblieben. Wieder dachte ich an den Kinderpsychologen und wieder verschob ich den Gedanken auf einen günstigeren Zeitpunkt.

Irgendwann habe ich auch wieder angefangen „Castle of Evil II“ zu spielen. Wenn man seine moralischen Bedenken bei Seite ließ, war es ein sehr unterhaltsames Spiel. Die Programmierer hatten es sogar verstanden, den Haß der Spieler auf die anderen Kinder des gütigen Königs zu lenken. Entweder waren sie extrem gemein und unsympathisch oder derart zuckersüß und lieb, daß man den Zorn gerade dieses speziellen Kindes verstehen konnte. Auch die angebotenen Tötungsmöglichkeiten waren teilweise sehr amüsant. Zwischendurch mußte man sich fleißig beim König einschmeicheln und den Verdacht auf andere lenken. Dabei konnte ich mir einige Anregungen beim Verhalten meines Sohns holen. Aber mit jedem mal, in dem ich einen seiner Tricks verwendete und dann feststellen mußte, wie leicht der König damit einzuwickeln war und wie sehr er mich dabei an mich selbst erinnerte, wurde mir ein wenig mulmiger. Immer klarer wurde, daß Benny der perfekte Junker David war.

Eines Tages machte ich die Probe: Benny freute sich sehr, als ich ihn fragte, ob er nicht das Spiel ausprobieren wolle, das mir seit Wochen Schwierigkeiten machte. Bis dahin war mein Computer für ihn strikt tabu gewesen. Ich erklärte ihm, worum es bei dem Spiel ging und er zeigte nicht im mindesten Verwunderung über die gestellte Aufgabe. Er nickte nur und nahm die Maus, als hätte er nie etwas anderes getan. Aber wahrscheinlich hatte er bei seinen Besuchen bei Heinz schon reichlich Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt.

Ich hatte mich nicht getäuscht. Nach dem vierten Kind mußte ich das Zimmer verlassen, mir war schlecht geworden. Benny verwendete Tricks, auf die ich nicht einmal in meinen kühnsten Träumen gekommen wäre und tat dabei so, als sei das Beseitigen von Geschwistern die natürlichste Sache der Welt. Ich ging auf den Balkon und genehmigte mir eine Zigarette. Mein Kopf drehte sich schlimmer als bei meinem ersten Rauchversuch im Alter von acht Jahren, damals hinter der Scheune meiner Großeltern, dabei war ich Nikotin mittlerweile mehr als gewohnt. Ich starrte ins Leere und die Zigarette in meiner Hand rauchte solange der Wind. Kinder sahen solche Dinge eben anders. Die hatten noch weniger Erfahrungen, weniger Skrupel, keine erlernte Moral, sahen alles als ein Spiel, und doch: Bei Benny war es mehr als das. Viel mehr. Ich führte einen Stummel an den Mund, der schon lange kalt geworden war. Verblüfft zündete ich mir eine neue Zigarette an, und dann noch eine. Ich wagte es nicht mehr in die Wohnung zu gehen. So stand ich auf dem Balkon und sah die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwinden.

Als es schon dunkel war, stand Benny plötzlich neben mir und meinte mit einem breiten Grinsen: „Also ich weiß nicht was du hast. Das war doch ganz leicht.“ Ich nickte in seine Richtung, doch da war er schon wieder verschwunden. Obwohl ich nicht wußte, was ich tat, setzte ich einen Fuß vor den anderen bis ich schließlich vor dem Bildschirm saß. Das Fenster, das ich dort sah, war mir durch seine schmucklose Schlichtheit längst bekannt:

„Gut gemacht mein Sohn.

Nun herrsche wie ich es Dir gelehrt habe.“

und darunter:

„Freuen sie sich auf:

Castle of Evil III, >Der Sieg des Bösen.< “

Tief unten in meinem Schrank hatte ich noch ein paar alte Laufschuhe, ich zwängte mich in einen um die Hüften schon etwas engen Trainingsanzug und murmelte in Richtung Wohnzimmer: „Ich geh mal ein bißchen joggen.“ Als ob das irgendwen interessiert hätte!

Sportliche Betätigungen hatte ich in den letzten Jahren so gut wie alle aufgegeben und so dauerte es nicht lange bis ich keuchend am Straßenrand stand, gekrümmt gegen einen Laternenpfahl gelehnt. Meine Seiten stachen und mein linker Fuß kribbelte wie ein Ameisenhaufen. Wenn ich versucht hatte meinen Ängsten davon zu laufen, dann war es mir nicht gelungen. Ich wollte eigentlich über mich lachen, doch das, was man wohl Vernunft bezeichnet hätte, hatte kaum noch eine Chance. Wer war dieses Kind? Durch die halb zugezogenen Vorhänge des Fensters vor dem ich stand, sah ich das typische Flimmern eines Fernsehapparates. Leises Lachen mischte sich in das stetige Rauschen aus Blättern im Wind und Straßenverkehr. Wann hatte ich zum letzten mal so gelacht? Zu Hause würde ich mein Lachen auf keinen Fall wiederfinden. Ich ging weiter, begann wieder zu traben, legte beide Hände in die Seiten, nach hundert Metern blieb ich stehen. Diesmal setzte ich mich an den Straßenrand und vergrub den Kopf in meinen Händen. Wurde ich jetzt langsam verrückt? Vielleicht war es ja gar nicht Benny, der einen Psychiater brauchte.

Ich muß sehr lange dort gesessen habe, denn als ich aufstand waren meine Beine so verspannt, daß ich eine Zeit lang wie ein Zwerg auf Stelzen herumstolperte. Obwohl es mich in die andere Richtung drängte ging ich langsam zurück nach Hause.

Erika raunte: „Und wie war das LAUFEN? Scheinbar sehr anstrengend.“ Ich verstand den Unterton in ihrer Frage genau, sollte sie doch glauben was sie wollte. Ich marschierte auf jeden Fall geradewegs unter die Dusche und blieb eine Zeit lang dort. Ich wollte nicht zurück in diese Wohnung – zu diesem Kind. Ich  war der gute König Siegfried, dem ein Kuckucksei ins Nest gelegt worden war.

5.

Das alles ist jetzt gerade eine Woche her, doch ich kann mir schon gar nicht mehr vorstellen, daß es in meinem Leben je eine Zeit davor gegeben hat. Es war eine Woche ohne Schlaf, eine Woche voll hoffen und bangen, voll neuer Zeichen und alter Ängste. Dann heute, das samstägliche Mittagessen: Ich versuchte gerade trotz zitternder Hand die Suppe auf meinem Löffel zu behalten als Benny plötzlich meinte:

„Heute ist einer aus meiner Klasse auf dem Zebrastreifen überfahren worden.“ Sämtliches Blut verließ mein Gesicht, ich sah zu Erika, sie hatte ihren Löffel auf den Teller fallen gelassen und Bennys Hand ergriffen. „Oh mein Liebling, das ist ja schrecklich. Wie kann denn so was passieren?“  „Ach, der ist bei Rot drüber gelaufen, dann ist er plötzlich umgedreht und wieder zurück, und dann Bumms. Hat wohl das Auto nicht gesehen.“ „U – Und Du“, stammelte sie. „Ich?“ – „Ich meine, hast Du ’s gesehen?“ – „Das Auto? Nein, erst als es ihn erwischt hat.“ – „Oh mein Gott, mein armes Baby, das muß ja schrecklich gewesen sein.“ Sie stand auf und nahm ihn in den Arm, aus ihrem linken Auge kullerte eine kleine Träne den Nasenflügel entlang. Benny zuckte nur mit den Schultern: „Ach, den hab ich sowieso nicht besonders gemocht, aber die Polizei hat gesagt, daß ich Zeuge bei der Gerichtsversammlung sein darf, ist das nicht aufregend?“

Erika trocknete ihre Tränen und erklärte ihm ruhig, daß man so etwas nicht sagen durfte, man habe denjenigen eh nicht gemocht und so weiter. Ich war inzwischen ganz langsam aufgestanden und in Richtung Balkon gegangen. Jetzt hatte es also wirklich angefangen, wie viele Beweise brauchte ich denn noch? Was mußte erst passieren, bis ich verstand? Der gütige Siegfried mochte sein Leben lang seine Augen verschließen, aber mich konnte dieser Bastard nicht länger täuschen. Ich war kein williges Opfer, da hatten sie mich unterschätzt. Lord Gordon war durch die Tastatur in meine Finger geschlüpft und dann durch meine Sperma in Erikas Eizelle. Und jetzt saß er in meiner Wohnung, an meinem Tisch und ließ sich von meiner Frau darüber hinweg trösten, daß er gerade sein erstes Opfer zur Strecke gebracht hatte. Sein erstes von einer langen Reihe von Opfern. Da konnte ich nur noch sagen, bis hier und nicht weiter – nicht mit mir.

Erika ist die einzige um die es mir dabei wirklich leid tut. Nicht einmal um mich selbst, ich stehe zu dem, was ich getan habe. Ich hätte sie auch gerne verschont, aber sie war ja so verblendet, hat wie eine Löwin um ihr Kind gekämpft. Um dieses Kind, das sich in ihren Bauch geschlichen hat. Wie sie mir die Pistole entreißen wollte hat sich ein Schuß gelöst, ich schwöre, das es keine Absicht war. Auch wenn das jetzt keinen mehr interessiert. Sie hätte ein besseres Leben verdient gehabt – einen besseren Mann.

Aber ich schließlich auch! Ich war der Terminator, ich war besser als Staufenberg ich habe Hitler getötet, bedenkt das einmal. Ich brauchte nicht erst die Zukunft abzuwarten um zu wissen, was zu tun war. Ich habe mich selbst aufgeopfert für alle anderen.

Das alles habe ich in voller geistiger Klarheit niedergeschrieben. Es war keine unüberlegte Handlung, es mußte einfach sein. Ich weiß, daß mir keiner glauben wird, ja keiner glauben kann. Im Lauf meiner Pistole steckt noch genau eine Kugel für mich. Dieses Spiel habe ICH gewonnen.

© Peter Heissenberger 2001

Moritat

Komm, mein Liebes, lass dich küssen,

schauen wir uns zärtlich an,

bevor wir in die Büsche müssen,

wo uns keiner stören kann

Nasses Gras soll uns nicht kümmern,

liegen wir hier nicht bequem?

Siehst du auch den Vollmond schimmern?

Ist meine Hand hier angenehm?

Ja, du scheinst es zu genießen,

langsam steigert sich dein Stöhnen…

erlaub´ mir, deinen Hals zu küssen,

deinen glatten, bleichen, schönen –

selbst schuld, jetzt gibt es kein Halten,

ratsch! da geht der Rock entzwei-

von der Bluse mit den Falten

springen Knöpfe, eins, zwei, drei…

doch das scheint dir zu gefallen,

gern und eifrig hilfst du mit.

Sowie die letzten Hüllen fallen,

kriegst du erst richtig Appetit!

Nichts da! Erst lass ich dich schmoren

Bis du fast vergehst vor Lust,

um dann den Ast in dich zu bohren,

dass du vor Schmerzen speien mußt.

Panisch schreiend, halb erstickend –

interessiert seh ich dir zu –

bäumst du dich auf, ins Leere blickend,

ein letztes Zucken, dann ist Ruh´.

Langsam fange ich mich wieder,

bett´ dich sacht ins weiche Moos,

streichle deine blutigen Glieder,

schmück dein Haar mit Buschwindros´,

mit Efeu deine Stirn, die bleiche.

Brüste starren farnbekränzt,

deine seltsam schöne Leiche

schimmert wächsern mondbeglänzt…

Voll Zärtlichkeit seh´ ich dich liegen,

bräutlich schön zurechtgemacht…

ich reiss´ mich los, das muß genügen

bis zur nächsten Vollmondnacht.

© Maria Edelsbrunner

Die kurze Zeit auf der Welt

Das Fest ist vorbei. Schlaftrunken steht sie in der Küche, versucht mit festem, massierendem Griff den wehen Rücken zu beschwichtigen und nicht auf das heftige Pochen in den harten Brüsten zu achten.

Aber nicht einmal die Gläser mit den vor sich hintrocknenden Likörresten kann sie zu Ende abwaschen, da geht es wieder los, sie zuckt wie unter einem Hieb zusammen und ihr Herz tut einen nervösen Sprung. Dabei hat sie den Kleinen erst vor einer Stunde gestillt.

Das Wasser im Becken steigt, aber sie sieht nur die nassen, rasch größer werdenden Flecken auf ihrem Hemd, an denen das durchdringende Geschrei des kleinen Scheusals schuld ist, ihre Brüste fangen hemmungslos zu tropfen an, sobald es plärrt.

Es bilden sich zwei kleine Pfützen zu ihren Füßen, sie sieht es mit ohnmächtiger Wut, riecht den widerlichen Milchdunst, der sie stets umgibt, denkt an die Flut säuerlich stinkender Wäsche, an die rücksichtslos die heißen Brüste knetenden Fäustchen, die unerbittlich mahlenden Säuglingskiefer, die betriebsam saugenden Zunge, die Nachwehen, die über den Unterleib herfallen wie ein reißendes Tier.

Während das Wasser den Beckenrand erreicht, darüber hinwegfließt und sich am Boden mit der wässrigweißen Flüssigkeit vermischt, überkommt sie ein kleinmachendes, den Brustkorb einschnürendes Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber dem eigenen Körper, der sich, wie ihr zum Hohn, jeglicher Kontrolle entzieht und seinen ältesten, niedrigsten Instinkten folgt.

Mittlerweile schwillt die kleine ärgerliche Stimme zum Gebrüll an. Der Ring um ihre Brust schließt sich enger, ihr Atem wird flach, sie watet durch die sich ausbreitende Lache auf den Fliesen, knöpft das nasse, klebrige, süßlich riechende Hemd auf – hilflos sollen sie sein? – zieht es aus, geht pitschend durch den Flur, wobei sie es sorgfältig zu einem handlichen Paket faltet, stößt die freundlich gelbe Tür am Ende auf – nein, sie haben die, an denen das nötige Gesäuge hängt, absolut in ihrer Gewalt – geht zum Korb und schaut kurz das zornrote, mit bebenden Lippen und zugekniffenen Augen schreiende, unkoordiniert mit Armen und Beinen rudernde Geschöpf an, bevor sie ihm das milchgetränkte Stoffpaket mit Bestimmtheit aufs Gesicht presst.

Maria Edelsbrunner 2001

Ameishaufen, 1980, Nebel

Am längsten sah man von ihr den roten Windjackenfleck. Schließlich war auch der verschwunden. Der alte Repolusk nahm den Blick vom Fenster und wandte sich wieder seinem Glühwein zu. Sein junger Nachbar sprang nun schon zum ich weiß nicht wievielten Mal auf und rannte zum Telefon.

„Gib dir keine Mühe. Die von der Post rühren nichts an. Die kommen nicht einmal nachschauen, bis das hier nicht vorbei ist… Darinka, noch einen Glühwein. Und eine Bratwurst.“

„Bratwurst ist aus. Aber du kannst eine harte Semmel haben und sie in deinen Glühwein tunken, Repolusk.“ Er nickte und seufzte ergeben.

Enttäuscht hängte Ludwig den Hörer wieder ein und setzte sich zum Alten.

„Dich scheint das ganz kalt zu lassen, was? Ich dreh noch durch..!“

„Ich hab Stalingrad ausgehalten. Das eicht einen. Kannst du dir das vorstellen? Geschrieen hab ich: Lieber Gott, wenn’s dich gibt, lass mich sterben, das ich den Andi nicht fressen muss. Zwanzig war der grad. Es war so kalt, das Fleisch verdarb nicht. Ich hab den Andi angefressen. Es gibt keinen Gott.“

Der Repolusk drehte das Glühweinglas bedächtig zwischen seinen Rheumafingern. Unvermittelt schrie er den Jungen an:

„Menschenfleisch hab ich gefressen, und du flippst aus wegen ein bisschen Nebel!!!“

Betreten starrte Ludwig in den Dampf, der aus seinem Glas stieg.

„Schneid dir ein Stück ab bei der Frau, die gerade da war. Die geht jetzt durch den Nebel hin zu dieser Familie, die sie gar nichts anginge. Bekocht ihn und hutscht seine Kinder ein…“

„…lässt sich von ihm vögeln…“, warf Ludwig kopfschüttelnd ein.

„…na und? Der Klaus hat kein Problem damit, aber du anscheinend, dabei…warum sollte so eine schlechter vögeln?“

Sabine rannte mit ihren beiden Gulaschdosen so schnell sie konnte, mittlerweile kannte sie den Weg recht gut und stolperte nur noch selten. Bis sie ihn jedoch ganz beherrschte, würde sie ihn nicht mehr brauchen, Darinka war eine feine Seele, aber auch die Vorräte in ihrer Grillhütte würden zu Ende gehen, und dann würde sie an sich denken und ihre eiserne Ration verteidigen – wenn es sein musste, wieder mit Waffengewalt. Dass die streitbare Kroatin geschossen hatte, als ein paar eingeschlossene Touristen versucht hatten, die Grillhütte zu plündern, nach dem sie im Sparmarkt nur mehr leergeräumte Regale vorfanden, das hatte ihr Klaus erzählt. An die sich anbahnende Katastrophe und an Klaus zugleich zu denken machte sie zusätzlich von innen heraus frösteln.

Die Kinder weichten harte Brotschnitten in Dosengulasch und aßen schweigend. Keines der beiden fragte mehr nach der Mama. Klaus schien wieder keinen Bissen zu essen, Sabine sagte nichts, dachte nur schaudernd daran, diesen täglich schmälerwerdenden Körper zu berühren, mit dieser fast nicht auszuhaltenden Mischung aus Verlangen und Widerwillen.

Klaus rührte das Gulasch nicht an, sondern schaute lange in das Gesicht der Frau mit den flackernden Augen. Das erste Mal seit einer Woche wich wenigstens von seinen Verstand der Nebel, und was hinter den Schwaden auftauchte, zog ihm die Schultern herunter, und sein Gehirn floss Richtung Rückenmark davon. „Wiedersehn, du nutzloses Organ,“ hätte ihm Klaus gern nachgerufen. Aber das wäre Sabine sicher sehr seltsam vorgekommen, nach allem, was sie für ihn und mit ihm getan hatte. Sogar seine Frau heimzuschaffen hatte sie ihm geholfen, so gut sie gekonnt hatte.

Mindestens hundert Kilo wuchtete Klaus mit hoch, als er sich vom Tisch erhob, um nach draußen zu gehen.

Die Zigarette dämpfte ein wenig seinen Hunger, während er rauchte, hörte er, wie Sabine die Kinder ins Bett scheuchte. Wäre eigentlich auch meine Aufgabe, dachte er, aber nicht einmal das kann man schließlich von einem Hirnlosen verlangen. Er lachte ein grausames Lachen.

Sabine kam nach draußen, berührte kurz seinen Nacken und stellte sich mit verschränkten Armen neben ihn, das Gesicht in dieselbe Richtung gewandt wie er.

„Hätte mich unser Polier nicht so gejagt und wäre der nicht vom Bauleiter so getrieben worden wo doch alle gesehen haben dass rein gar nichts mehr zu sehen war bei der Nebelsuppe hätte ich nicht so geschusselt und hätte das Telefonkabel nicht abgerissen und der Bagger würde nicht quer auf der Zufahrtsstraße stehen ohne Sprudel hätten Verena und ich deswegen nicht so streiten müssen dann hätte sich die Kleine nicht so darüber aufgeregt dass sie in der Nacht Fieber bekommen hat und Verena hätte nicht noch um Mitternacht zur Nachtapotheke fahren zu brauchen ich hab noch gesagt es ist sinnlos der Bagger steht auf der Straße aber sie rast einfach los… und pfeilgerade in das Ding hinein…“ Ein Schluchzen, dass Sabine peinlich war, schüttelte den Mann. Immer noch blicklos in dieselbe Richtung starrend, sagte sie:

„Hätte… wäre… hätte dieser Mensch, bei dessen Tochter ich vor zwanzig Jahren zum Kindergeburtstag eingeladen war, keine Agaven auf der Terrasse stehen gehabt, wäre ich beim Spielen nicht draufgestürzt, dann würde ich heute sehen und nicht Glasaugen tragen.“ Sie drehte sich dorthin, wo noch immer er stehen musste, ihre Mundwinkel zuckten: „Ich hab schöne Augen gehabt. Ich weiß noch immer, wie sie ausgesehen haben.“

Sabine nahm den Geruch zuerst wahr. „Verflucht, wir müssen etwas tun.“

Er starrte sie an.

„Dass das so schnell geht, obwohl es so kalt ist…“, sagte er heiser.

„Willst du, dass die Kinder sie finden?“

„Um Gottes Willen!“

„Dann gehe ich jetzt und hole den Ludwig und den alten Repolusk. Sie werden uns helfen.“

Ihrer Windjacke konnte er mit den Augen am längsten folgen. Sie dreht sich noch einmal um und sagte: „Braun sind sie gewesen.“

Dann war auch der rote Fleck verschwunden.

Er ging eine Weile ziellos durchs Haus, um das Ehebett, aus dem noch nicht einmal Verenas Schweiß verdunstet gewesen war, als er sich schon mit Sabines vermischt hatte, deckte seine sorgsam zugedeckten Kinder nochmals sorgsam zu, rauchte vor dem Haus eine Zigarette, ging wieder hinein, setzte sich an den Tisch und ließ den Kopf ein paar Mal auf der Platte aufknallen. Als er ihn wieder hob, fühlte er es warm über seine Stirn und an seiner Nase entlang laufen. Er lief ins Badezimmer und schaute prüfend in den Spiegel.

Der Anblick stimmte ihn fast heiter. Bis sie zurückkamen, würde er mit Wundversorgung beschäftigt sein.

© Maria Edelsbrunner 2001

Erklärungen, die uns grade noch gefehlt haben:

Ananas — Mädchen, das in den Bach fiel

Anlaufstelle — Glastür

Blockflöte — Callboy für Parteienhaus

Brillenfassung — Contenance am Klo

Brotaufstrich — Prostituiertenjause

Busserl — sehr kleiner Ford-Transit

Büstenhalter — Säule für berühmte Köpfe

Choral — musikalischer Fisch

Computer — Truthahn-Lockruf

Deskjet — Modellflugzeug

Duden — harsche Zuteilung

Duschkabine — Proberaum für Blasmusikkapelle

Einbrecher — unvorsichtiger Schlittschuhläufer

elastische Spitze — österr. Bundesregierung

erbrechen — Hinterlassenschaften zusammenraffen

Feldstecher — Liebe auf der Wiese

Frankreich — Lottogewinner

Fußball — Orthopädenbesäufnis

Geleise — Aufforderung zum Schleichen

Geschichte — schön angeordneter Haufen

Helsinki — Sonnenuntergang auf finnisch

Kompost — Briefträger-Lockruf

Kredithai — gutmütiger Fisch

Magnet — Verweigerung

Maisanbau — Popcornjause in der Künetten

Matrose — welke Blume

Meisenknödel — Gehirn

Meisenknödel — Katzenfutter aus faschierten Singvögeln

Morgenmantel — Kleidungsstück, das erst modern wird

Notlösung — schlecht eingeschenkter, aber durststillender Spritzer

Parkinson — einzige Alternative zum schattigen Autoabstellplatz

Pulsmesser — Sterbehilfe

Pupille — Medikament gegen Blähungen

Rexgummi — Schäferhundkondom

Rückständiger — Mensch ohne Sitzfleisch

Sattelschlepper — Mann, dem sein Pferd gestorben ist

Scheinwerfer — großzügiger Mensch

scheitern — Holz schlichten

Schiffsirene — akustisches Signal zu gemeinsamen Wasserlassen

Schiffsirene — leichtes Mädchen an Bord

Schlüsselbart — Detail eines traumatischen Erlebnisses

Schnürlsamthose — Kordel mit dranhängendem Kleidungsstück

Seifenspender — extrem hinterhältiger Mensch

Sturmwarnung — Ankündigung einer Buschenschankeröffnung

Suppenschöpfer — Haubenkoch mit Tendenz

Teenager — gefürchteter Schädling in der Earl Grey Kultur

Thunfisch — fleißiger Meeresbewohner

Untertasse — rangniedriges Kaffeehäferl

Vatikan — potenter Papa

Veilchenstrauß — Werkzeugsortiment

Verleger — unordentlicher Mensch

Vorschlaghammer — endlich eine Idee!

Weihnachten — vergorenen Traubensaft schätzen

Weinkeller — strenge Kammer des Psychotherapeuten

Zahnpasta — Gebiss auch in Ordnung

Zapfhahn — geldgieriger Mensch

Zierpolster — Ende einer Fußballerkarriere

…noch zu ergänzen…

© Maria Edelsbrunner 2001

Ein wahrer Freund

Nimm dir noch Erdnüsse und Orangensaft, das wird eine längere Geschichte.

Passiert ist das letzten Winter. Du kannst dich sicher noch an unser Klassentreffen erinnern. Der Franz und ich, wir sind ja schon ewig befreundet, wie du weißt. Ein bißchen eigenartig war er schon , wie wir noch zusammen zur Schule gegangen sind. Er hat sich immer so grausame Spiele ausgedacht. „Haben Sie zu Ihrer Verteidigung noch etwas zu sagen?“ Es war immer zuwenig, was ich dem armen Frosch ins Maul gelegt habe, am Ende hat er immer dran glauben müssen. „Lebenslänglich“, hat es geheißen und ab mit ihm ins Fünfliterglas, das wir meiner Mutter geklaut haben, und in die pralle Sonne. Der Frosch ist am Ende wie besoffen hin und her getorkelt, bis er endlich eingegangen ist. Das Todesurteil war richtig human dagegen, das hat Annageln am Holzschuppen bedeutet.

Ja, richtig, die Hühner vom Nachbarn, du weißt es also auch noch. Ja, das sind auch wir gewesen, das heißt, ich bin eigentlich nur Schmiere gestanden, ich bin immer Schmiere gestanden, die Augen ausgestochen hat er ihnen selber. Der Franz. Er hat eine Katze gehabt, eine Räderkatze. Die hat er richtig gern gehabt, was haben wir mit dem Tier gespielt, und vom Franz hat sie sich alles gefallen lassen, sie hat ja gewußt, das alles ist nur Spiel.

Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist. Klemmt das Vieh einfach in den Schraubstock und dreht auf null.

Was, ich? Ich hab keine Chance gehabt, ihr zu helfen. Er ist mit der Rohrzange auf mich losgegangen.

Seine Augen, weißt du, das war das brutalste, ich hab genau gespürt, wenn ich jetzt was Falsches sage oder tue, geht’s mir wie der Katze, der war ja damals schon zwei Köpfe größer als ich, ein Bär von einem Menschen, kennst ihn ja, nie vorher und nie danach hab ich solche Augen gesehen. Und er hat mich nicht einmal gehen lassen, als ich schon gespien habe, ich hab geheult wie ein Hund, und da war so ein Schmerz, ein Ziehen in meinen Därmen, als ob ich selber schon im Schraubstock hänge.

Wir haben nie mehr geredet über die Katze. Muss so etwas wie ein Spiel für ihn gewesen sein.

Quälen hat ihn aufgegeilt.

Was meinst du, wieso der Franz geheiratet und sechs Jahre und drei Kinder lang den Treusorgenden gespielt hat?

Ich hab ihn ein paarmal getroffen in der Zeit, ich habe damals schon für diese Jachtbaufirma gearbeitet, er hat ruhig gewirkt, besonnen, und alle haben ihm das abgekauft, aber ich habe diese Augen seit dem Sandkasten gekannt und gewußt, es geht wieder durch mit ihm.

Sechs Jahre hat er sich das Vertrauen dieser Frau und der Kinder erarbeitet, mühsam muss das für ihn gewesen sein, weißt du, die haben ihm dann nicht mehr auskönnen. Hat ihnen eine Katze geschenkt, eine Weile zugeschaut, wie sie damit spielen und sie dann vor ihren Augen weggeschossen.

Hast du seine Frau noch gekannt? Ja? Nein, sie lebt nicht mehr hier…schon lang nicht mehr, hat angeblich um ihr Leben gefürchtet.

Sie hat nie verstanden, wie er sich auf einmal so verändern konnte, der Franz, na ja, sie ja nicht wissen können, dass er da erst wieder richtig geworden ist was er war.

Aus heiterem Himmel hat er sie verdroschen, ein Papierschnipsel auf dem Küchenfußboden war Anlass genug, da musste erst Blut fließen, dann ist er noch über sie drübergestiegen. Danach hat er den Boden geküßt, auf dem sie lief. Jedes Mal die Hoffnung, es wäre das letzte Mal. Jedes Mal, natürlich, gab´s ein weiteres Mal.

Wohin er ist mit seiner Gewalt in den ersten sechs Jahren? Was glaubst du, wo wir waren, wenn wir geschäftlich wegmussten? Er hat einen Ruf gehabt bei den tschechischen Huren. Kann sein, es gibt ein paar, die stehen auf sowas, aber befriedigt hat ihn das nicht.

Es musste jemand sein, den er gern hat. Denn gernhaben konnte er. Ich hab nur einmal versucht, da nachzubohren, aber da war dann wieder dieser Blick, der mich zurückgepfiffen hat. Wie als Bub.

Aber er ist ein Freund, ein richtiger, nur ein richtiger Freund tut, was er getan hat. Ich wollte der Alice einen Denkzettel verpassen, für die Jahre, die sie mich verarscht hat – ich bin ja nie dahinter gekommen, wer er war, er wollte es herauskriegen – für mich, aber ich wollt’s gar nicht mehr wissen, wozu auch, aber eine kleine Erinnerung müßte sein, fand ich. Damit sie immer ein bißchen denken muß an mich.

Kann schon sein, dass er’s übertrieben hat, wie ein Rausch sei’s gewesen, hat er gesagt, er hat auch nur aufgehört, weil er gewußt hat, bald kommt der Zeitungsausträger und könnte ihn womöglich erwischen.

Doch, doch, sie ist wieder hergestellt, so weit jedenfalls, dass sie ohne fremde Hilfe zurecht kommt. Kinder wird sie halt nie haben können. Na ja, bei dem Gesicht wird auch keiner Lust bekommen, ihr welche zu machen, schätze ich.

Oh ja, er besucht mich schon öfter hier, und dann nimmt er sich auch Zeit, wirklich. Bringt mir einen Haufen Knabberzeug und Lesestoff, aber wenn er fort ist, wer blättert um, wer füttert mich? Haben ja alle keine Zeit.

Personalabbau allerorts, hast du eigentlich noch eine eigene Köchin, oder mußt du schon selber kochen? Dann müsstest du verhungern, was, an deine Eierspeisen kann ich mich nur zu deutlich erinnern, ha ha ha. Dabei kann man bei einer Eierspeise wirklich nichts verhauen. Außer sie verkohlen lassen, richtig.

Ob mir nicht ein Verdacht gekommen sei, wie der Franz die Alice so zugerichtet hat, wie meinst du das? Ob ich mich vor ihm gefürchtet habe, jemals? Du kannst fragen. Dir ist das bestimmt aufgefallen beim Klassen –treffen, der Franz und ich haben uns mit den anderen nicht viel abgegeben, wir haben uns soviel zu erzählen gehabt, er war ruhig und gefasst, die Sache mit der Alice dürfte ihm auch noch in den Knochen gesteckt sein, und er hat ein Mädchen kennengelernt, das ihm ziemlich viel bedeutet, seine Augen haben richtig geleuchtet, wenn er von der erzählt hat.

Beim Jacky – ja, den gibt’s noch – sind wir nachher ziemlich abgestürzt, er wurde richtig zudringlich, das hat er nie gehabt, auf einmal hat er mir den Arm um die Schultern gelegt und mir ganz leise was ins Ohr geflüstert, was ich in dem Rausch gar nicht richtig verstanden habe.

Indianer spielen und mich an den Marterpfahl binden lassen mochte ich schon als Kind nicht, schon im Sommer nicht, und schon angezogen nicht.

Ja, ja, alles was mir fehlt, ist mir in jener Nacht abgefroren, in der ich soviel Zeit gehabt habe, nachzudenken, was Menschen alles einfällt, und schließlich, als ich wieder einigermaßen nüchtern war, bin ich auch draufgekommen, was mir der Franz beim Jacky ins Ohr geflüstert hat: „Dich hab ich mir bis heute aufgehoben.“

© Maria Edelsbrunner 2001

Nachts, im August

Er würde sie schon öfters chauffiert haben, aber erstmals träfen sich ihre Augen in seinem Rückspiegel länger als nur eine prüfende, sich vergewissernde Sekunde.

Ihr müder Körper schmiegte sich an die schattenhafte Gestalt eines Mannes, der zu ihr gehören müsse, und ihr Gesicht würde verschwinden und wieder auftauchen aus dem Dunkel im Rhythmus der auf dem Weg sich nähernden und entfernenden Straßenlampen.

Nur flüchtig auf den Verkehr achtend, würde sich sein Blick immer wieder im Rückspiegel verfangen, und auch sie sähe ihn sehr direkt, beinahe unverschämt an.

Ihr Kleid wäre blau, so tiefblau, dass es fast schwarz wirken würde, und wenn sie ausstiege und bezahlte, stumm lächelnd, streifte ihn ein leises Rascheln und ein Duft nach heißem Asphalt und Lavendel.

Erst ungeduldig hupende nachfolgende Autofahrer rissen ihn von dem seltsamen Schauspiel los, den das sich entfernende Paar gäbe.

Sie wären jung, gingen aber sehr gemäßigt, fielen bald in Gleichschritt, und sie hätte ihre Hand in einer federleichten Bewegung unter seinen Arm geschoben, so unglaublich graziös, dass es auffiele – dass ihm auffiele, wie plump Menschen sich bewegten.

An seinem Stammplatz am Bahnhof würde er sich eine Zigarette anzünden, um, wie er sich einreden würde, seine Gedanken besser sortieren zu können. Der Rauch wehte, blaue Falten werfend wie ihr tiefdunkles Kleid, zur halboffenen Seitenscheibe hinaus und formte ein durchscheinendes Gesicht, das er zu kennen glauben würde und sich – kaum erkannt – wieder auflöste.

Unlustig und wie in Watte gepackt würde er weitere Fahrten erledigen, und sein Wagen wäre gerade leer, wenn er sie stehen sähe, am selben Platz, an dem sie und ihr Begleiter ausgestiegen waren, er würde das Tempo verlangsamen, über ihr Gesicht huschte Wiedererkennen, er würde anhalten, sie einsteigen lassen, und sie würde sich wieder so hinsetzen, dass sie seine Augen im Rückspiegel sehen konnte. Und wenn er den Mund schon fast offen haben würde zum unvermeidlichen Wohin, legte sie ihm ihren Zeigefinger darauf und reichte ihm ein Stück Papier.

Er würde lesen, sie ansehen, wie sie gerade den Zeigefinger über ihre Lippen wandern und ihn nicht aus den Augen ließe, und losfahren.

Endlich wäre die Stadt so fern, die Fahrbahn so schmal und unwichtig, dass keine Straßenlampen mehr den Weg säumten und das Wageninnere vollends im Dunkel versänke. Nicht einmal ihr Kleid würde rascheln, sodass er sich zweimal vergewissern müsste, ob sie überhaupt noch da sei. Sie wäre – der Duft, den er schon kennen würde, wäre mit ihr gekommen.

Er hielte mitten auf einem Feldweg, zwischen hohen Maisfeldern, stiege aus und öffnete den Fond. Ein fast voller Mond beleuchtete spärlich zwei Gesichter voller Einverständnis – sie würden sich lange betrachten, bevor sie scheue, dann immer frechere Küsse tauschten, ließen ihre Haut unter fremden Händen erschauern, ihre Hände fremde Haut entdecken, glatte wie raue, trockene wie feuchte, Birne wie Kiwi, Steppe wie See. Jacke wie Hose, Kleid wie Strumpf wären im Weg und bald am Weg, und er würde in gleich zwei Meeren zu versinken glauben, eintauchen in dunkle Augen und andere Gewässer, mit Fingern über die samtigen Ränder von Lippen streichen, ein sehr nahes Atmen an seinem Ohr hören wie einen sehr fernen Wasserfall, und weil alles stumm geschähe und der Mais im Wind raschelte wie ein tiefdunkles Kleid und sie schweigend immer noch und nur sich im Rückspiegel betrachtend, ob etwas anders sei jetzt, zurückführen in die Stadt, wo sie in einer Wolke aus heißem Asphalt und Lavendel auf einmal neben seiner offenen Seitenscheibe stände und den Fahrpreis bezahlte, stumm lächelnd wie immer und sich raschelnd entfernte mit ihrem Gefährten, der schattenhaft aus einer dunklen Toreinfahrt gekommen wäre, mit federleicht verschlungenen Händen, würden sie in einiger Zeit nicht mehr so genau sagen können, was gewesen sei in dieser Nacht, und spätestens im Winter, bestimmt aber in einem Jahr würden sie sicher sein: unser Bewusstsein hat uns einen Streich gespielt, und ein Staubsauger hätte längst alles Papier aus dem Taxi entfernt.

© Maria Edelsbrunner 2001

vorwärtsgang

von innen schlagen hohe flammen an
ein grausam unermüdliches kraftwerk
das die neue wahrheit
selbst in die kleinsten kanäle leitet
unter den zehennägeln kommt sie noch hervor
aus den augen quillt sie noch in klebrigen
flüssigkeiten
über den fngerspitzen leuchtet sie noch
weithin
sodass
der sand unter den füßen
in den augen
sich färbt
sie eine schneckenspur auf den vielgeküssten
vielgeschlagenen hinterlässt
eine signalfahne rauches hinter einer
durch die tage lärmenden maschine weht

so hell schlagen die flammen
dass der weg unkenntlich wird
im flutenden licht
der weg den nachtkerzen und glühkäfer
beleuchtet haben
der blind zu finden war
aber sehend nichts weiter ist
als eine weitere müllgesäumte igelgepflasterte strasse
auf der es nur mehr
vorwärts geht

© 2002 Maria Edelsbrunner

erschienen in autorenmorgen 01, edition LUFTSCHACHT

Serpentina, das Schlänglein

Serpentina, das Schlänglein

Vor vielen, vielen Jahrhunderten, eigentlich nur vor vier Jahrhunderten und ein paar Dekaden, gab es einmal in einem weit entfernten, aber bereits sehr modernen Königreich wenig überraschend einen König und eine Königin. Der König war allerdings ein gar aberwitziger Typ und die Königin einfach nur schwanger.

Eines Tages, als die Sonne den widerwärtigen Morgennebel mit ihren Strahlen fortgepeitscht hatte und in das Königreich reingähnte, kam ganz zufälligerweise eine alte Zigeunerin beim Palast vorbei, die nicht nur für ihr verführerischen Gulasch, sondern auch noch für ihre Seherei und Weissagungen bekannt war. Der König, der ein Faible für alles Lustige und Weissagungen hatte, ließ die Zigeunerin rufen, und sie kam.

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Brief an Thomas

McLeod Ganj, Juli 2008

Lieber Thomas!

Du sagtest ich sollte schreiben weshalb ich schreibe oder was ein Schreibraum sei für mich.

Ich bin in Indien. Ist das ein Raum in dem man schreiben kann? Gedanken, Dinge, die dich beschäftigen, augenblicklich, über dich, weil du hier bist oder über dich, weil du nicht zu Hause bist. Aber was ist das schon und wo bist du jetzt? Hier zu schreiben. In einem Raum.

Ist ein Zugabteil ein Raum? Eine Zugfahrt in einem Zugabteil von Wien nach Leibnitz. Da sitzen dir Menschen gegenüber, die du nicht verstehst, obwohl sie dieselbe Sprache sprechen wie du, nur eben nicht deine. Da sitzen dir Menschen gegenüber, die dir Geschichten erzählen, die du nicht hören willst, eben wegen der Sprache. Wegen deiner und auch wegen ihrer. Da sitzen dir Menschen gegenüber, die dir Geschichten erzählen, weil sie eben auch sonst niemanden haben, der sie hört. Die Geschichten. Da zückst du unauffällig deinen Stift aus der Tasche, tust so als wolltest du etwas notieren. Ihre Not dein Regulativ. Und benutzt sie und ihre Unwissenheit, so wie sie dich benutzen. Schaffst dir deinen Raum. Brief an Thomas weiterlesen

Der Tod der Radfahrerin

Vor dem Gasthof stellt Rosa ihre Reisetasche ab. Mit einem Taschentuch wischt sie sich die Stirne trocken. Schweiß rinnt von ihren Achseln. Sie stützt sich am Torbogen ab. Der Stein fühlt sich bröselig an.

„Ich werde hinein gehen“, sagt sie.

Sie bückt sich nach der Tasche, die Schulter schmerzt vom Gewicht, sie öffnet die Tür und bückt sich wieder, weil der Torbogen so niedrig ist. Sie schaut sich um. Über ihr rissiges Holzgebälk. Unter ihr Kachelboden. Vor ihr ein Tischchen mit einer Holzfigur: Eine Frau, die Knie zur Brust gehoben, der Kopf nach vor gebeugt, Hände und Oberarme an den Kopf gepresst. Rosa berührt den Rücken der Gekrümmten.

„Sie wünschen?“, sagt jemand.

Rosa erschrickt.

„Sind Sie bei der Gruppe?“, fragt ein Mann.

„Ja.“

„Die Umweltgruppe?“

„Nein.“

„Die Familienaufstellung?“

„Nein, die Schreibgruppe.“

„Welche?“

Rosa nennt den Namen der Literatin.

„Ah, bei der“, sagt der Mann. Und dann: „Wir haben kein Doppelzimmer mehr, das Sie mit jemandem teilen könnten. Nur mehr Einzelzimmer. Ist leider teurer.“

Geld, denkt Rosa. Als wäre das noch wichtig. Der Mann führt sie eine Treppe hinauf, die Reisetasche muss sie tragen. Der Schlüssel, den er ihr in die Hand legt, ist so lang wie ein Suppenlöffel, und das Schloss zu ihrem Zimmer ist älter als Rosas Mutter.

Der Nachmittag ist noch etwas sonnig. Rosa geht im Garten umher und macht Fotos mit ihrem Handy. Vielleicht darf sie die Bilder mitnehmen. Erinnerungen vom letzten Tag. Aber auch das Handy werden sie ihr nehmen. Sie könnte ihren Freund anrufen. Und was sollte sie ihm sagen? Alles? Was könnte er tun? Nichts.

Sie denkt daran, dass sie mit ihm glücklich ist.

Glücklich war.

Eigentlich.

Bei Sonnenuntergang das gemeinsame Abendessen. Die Teller werden aufgefüllt. Jemand sagt Mahlzeit, Rosa greift nach der Gabel. Jemand erzählt Rosa irgendetwas. Rosa legt die Gabel zur Seite. Sie greift sich an den Hinterkopf. Dabei hatte sie noch so viel vor im Leben.

Zum Beispiel.

Dies.

Oder das.

Sie denkt an ihre Schwester. Die mit Haus und Mann, aber nicht an die, die jetzt durch Asien zieht und ab und an Postkarten schreibt, von Orten, die Rosa aus den Nachrichten kennt, wenn es wieder einmal Unruhen dort gibt und sich Mutter Sorgen macht.

Dann die erste Sitzung. Die Literatin kommt in den Saal, unter ihrem Arm ein Stapel Bücher. Feuerrotes Haar mit dunklem Ansatz. Die Literatin schreibt ihren Namen auf das Flip Chart. Malt eine Blume über dem I. Der Filzstift quietscht. Eine Minute lang. Wegen der vielen Blütenblätter. Die Literatin redet über das Ausschmücken von Texten. Weiblichkeit und Fülle in die Literatur bringen. Adjektiven den Raum geben, den sie verdienen. Duftende Sprache, meint sie. Und bunte Wörter. In der Vorstellungsrunde sagt Rosa, dass sie mit dem Schreiben angefangen hat, um sich über Dinge klar zu werden. Die anderen schauen sie an. Draußen klimpert ein Glockenspiel im Wind. Jetzt spricht wieder die Literatin. Die erste Aufgabe. Wir suchen Adjektive, die uns beschreiben. Rosa fragt sich, ob Rot ein Adjektiv ist.

Auch ein Mann ist dabei. Nachher stellt er sich zu Rosa. Sie war elf, als er geboren wurde. Was er denn bei Frauenliteratur zu suchen hätte.

„Ich will einen großen Frauenroman schreiben“, meint er.

Er schaut Rosa an.

„Frauen verstehen?“, fragt sie.

„Ja“, sagt er. „Frauen über dreißig.“

Sie sprechen über Literatur. Dann gehen sie auf sein Zimmer. Sie klettert auf das Hochbett, er stützt sie dabei, mit seiner Hand auf ihrem Po. Kondome? Das ist doch auch schon egal. Aber er hat welche. Er bemüht sich. Er bindet sogar ihr die Augen zu. Er rollt sie auf den Bauch, legt sich auf sie, seine Hände unterfassen ihre Brüste. Sie sagt, du kannst mir richtig wehtun. Er bemüht sich.

Als es vorbei ist, richtet sich Rosa auf, stößt mit dem Kopf an die Zimmerdecke. Sie krümmt sich, zieht den Kopf zum Kinn, umfasst ihren Schädel. Er berührt sie, sie schüttelt sich. Als sie wieder denken kann, nimmt sie die Augenbinde ab, steigt die Leiter hinab, sammelt ihre Sachen ein, geht in ihr Zimmer, wäscht sich das Gesicht. Die Reisetasche gepackt, die Hände in den Schoß gelegt, die Haare aus der Stirn gestreift. Das Fenster offen. Der Wind hat nachgelassen, das Glockenspiel schweigt. Um vier Uhr morgens ist es soweit. Es klopft. Rosa erhebt sich. Zwei Männer.

„Wir sind wegen dem Unfall hier“, sagt der eine.

„Wir sind wegen des Unfalls hier“, sagt der andere. „Gestern Nachmittag.“

Sie gehen die Treppe hinab, vorbei an der Gekrümmten aus Holz, dann durch den steinernen Torbogen hinaus ins Dunkle.

„Ist das ihr Wagen?“, fragt einer. Mit seiner Taschenlampe beleuchtet er die Kühlerhaube. Etwas wird sichtbar.

(Entstanden anlässlich der Schreibwerkstatt mit Robert Schindel in Langschlag, September 2005. Die Aufgabenstellung lautete: Einen Text zum Thema „Tod einer Radfahrerin“ oder „Tod eines Radfahrers“ zu schreiben. Dabei durfte der Tod des Radfahrers nicht expliziert werden (Aussparung). Der Schlusssatz war ebenfalls vorgegeben.)

Haiku

Eins:

Vor dem Glashaus liegt
ein Stein, doch nutzlos ist er,
zu schwer zum Werfen.

Zwei:

Drei kleine Haikus
spazierten auf der Straße,
Lastauto und aus.

Drei:

Ich schreibe Haikus
über Meere und Fische:
Hans Hass gab Hai Kuss.

Gehört am 11.9.2005 um 9:10 im Gasthof Wurzelhof in Langschlag bei Großgerungs:

Zur Nazizeit stand
dort nicht die Kaiserbüste?
Die? Steht immer noch.

(Die Haikus entstanden anlässlich der Schreibwerkstatt mit Robert Schindel September 2005. Die Aufgabenstellung lautete: Schreibe Haikus)

Chlorid

Draußen der Nebel, und ich sitze seit viereinviertel Stunden auf meiner blauen Couch. Es dämmert. Ich höre mich atmen.

Ich mag diese Couch. Die Lehnen sind schräg. Man kann sich bequem nach hinten lehnen. Vor viereinviertel Stunden habe ich die Handflächen neben meine Oberschenkel gelegt. Dort sind sie immer noch. Wenn ich etwas bewege, dann hauptsächlich die Augen und nur wenig den Kopf.

Das Wohnzimmer ist geräumig.

Links die drei Fenster. Keine Vorhänge, keine Jalousien. Ich habe in der Regel nichts zu verbergen.

Rechts die Wohnküche.

Weiße Kästen, alles sauber. Ich habe in der Regel nichts zu kochen.

Hinter mir eine Wand mit dem gemalten Bild. Wenn ich mich umdrehte, könnte ich es sehen. Aber das tue ich lieber nicht. Vor viereinviertel Stunden ist es noch da gehangen. Wenn es jetzt fort wäre, es würde meine Situation verkomplizieren. Darum denke ich mir, dass es noch da ist.

Über mir eine weiße Decke.

Unter mir, zwischen Boden und Fußsohlenhaut, ein Teppich.

Vor einigen Wochen hat sie mich besucht. Sie hat gelacht. Und dann hat sie gesagt, du wohnst schon so lange da, es sieht aber so unbewohnt aus, wann kaufst du dir Möbel. Da habe ich mir diesem Couchtisch besorgt. Dreifüßig, mit der Glasplatte, die auf drei Saugnäpfen ruht.

Ich höre das Atmen.

Neben mir, auf der Couch, dort, wo ein anderer Mensch Platz finden könnte, steht das Telefon. Es hat geläutet, ich bin aufgewacht, ins Wohnzimmer gewankt und habe mich hergesetzt. Der Anrufbeantworter hat sich eingeschaltet. Mein Ansagetext. Dann schweigen. Atmen. Der Anrufer offenbar verwirrt, nicht mit mir persönlich zu sprechen.

Dann hat er etwas gesagt. Seine Stimme hat im Zimmer gehallt. Ich habe den Hörer nicht abgehoben, denn die Stimme hat gleich geklungen wie die von der Ansage. Und ich bin sicher, dass ich die Ansage selbst aufgesprochen habe.

Die Stimme hat gesagt: „Ich bin am Sterben.“

Aufgelegt. Zweimal das Tuten des Telefons.

Stille.

Seither blinkt der Anrufbeantworter wegen der neuen Nachricht, und ich sitze hier. Die Handflächen neben den Oberschenkeln am weichen, blauen Couchüberzug.

Ich denke mir etwas. Nämlich, dass die Stimme nur aus einem Traum stammt. Dann denke ich nichts mehr. Spüre nur den weichen Möbelstoff auf den Handflächen und den Teppich auf den Sohlen. Früher habe ich über vieles nachgedacht. Aber da hatte ich noch Pickel. Die sind dann verschwunden.

Das Atmen wird lauter. Es ist fremdes Atmen.

Ich schaue auf die Saugnäpfe, auf denen die Glasplatte ruht. Wenn ich die Platte hebe, löst sie sich dann vor den drei Tischfüßchen? Ich beginne mich zu bewegen, um das auszuprobieren. Das Glas haftet nicht. Ich lege das Glas auf den Teppich, lecke die drei Saugnäpfe ab. Dann lege ich die Glasplatte wieder darauf, anpressen und warten. Zum Warten setze ich mich wieder auf die Couch. Es ist eigentlich alles so wie vorhin. Bis auf den Speichel zwischen Saugnäpfen und Glasplatte. Der Anrufbeantworter blinkt.

Das fremde Atmen will ich nicht mehr ertragen.

Ich stehe auf, mache vier Schritte zur Wohnküche und ich öffne einen Kasten. Da sind die weißen Plastikflaschen eingeordnet, mit je einem Liter Chlorid. Ich achte darauf, dass ich immer zehn habe. Man weiß ja nie, es kann schlimme Nächte geben. Chlorid erspart die Hausapotheke. Denn wenn alles sauber ist, gibt es keine Krankheit.

Ich schraube eine solche Flasche auf. Entleere sie in den Ausguss. Ein Aufschrei. Weißer Schaum dringt heraus, ich weiß, der Abfluss ist seit langem verstopft. Das Schreien verebbt, geht in Stöhnen über. Ich lege die Hand auf die Nirostaabwasch, spüre das Zittern. Wie von einem Fieberkranken mit Schüttelfrost. Drehe den Wasserhahn auf, Entspannung, das Zittern lässt nach.

Ich weiß, was da im Abfluss fest sitzt. Amorphe Masse, fett geworden. Es hat schwarze, glitschige Haut. Ich kenne es aus diesen Träumen, von denen ich nicht erzählen werde. Wenn die Säure seine Haut zerfrisst, gibt es Ruhe. Für eine Weile.

Ich könnte jetzt schlafen gehen.

Draußen der Nebel. Nach meiner Uhr müsste die Sonne schon aufgegangen sein. Nein. Stattdessen ein Grauschleier, nur gut, dass die Fenster zu sind, sonst würde der Nebel eindringen, sich über mein Gesicht legen und mich ersticken.

Ich sollte die Wohnung verlassen.

Vorher gehe ich noch zur Toilette. Aus Gewohnheit. Vergesse, dass ich nicht hinein kann. Denn die Türe ist von innen abgesperrt, noch immer.

Dass ich nicht ins Klo kann, ist kein Problem. Ich benutze eben das Waschbecken, ich schaue mir dabei gerne ins Gesicht, ob ich noch pickelfrei bin. Zwei Tage, nachdem sie sich eingesperrt hat, habe ich den Türspalt zugeklebt. Mit Isolierband. Wegen des Geruchs. Nach einer Woche ist etwas durchgesickert. Unter der Türe. Also habe ich Fensterkitt verwendet.

Seither keinen Damenbesuch mehr in dieser Wohnung.

Ich war gezwungen, meinen Stuhlgang anders zu organisieren. Dafür habe ich mir die Verschweißmaschine angeschafft. Eine praktische Sache für Lebensmittel, die man luftdicht in Gefrierbeutel verschweißen will. Aber ich habe in der Regel keine Lebensmittel. Und auch keine Gefriertruhe. Darum verwende immer zwei Gefrierbeutel, doppelt hält besser, denke ich, wegen des Geruchs. Die Plastikbeutel schlichte ich über den Chloridflaschen ein.

Ich verlasse die Wohnung.

Ich gehe in die Garage.

Starte meinen Wagen, kontrolliere, ob die Klimaanlage auf Umluft eingestellt ist.

Fahre durch die Stadt, parke, steige aus, halte mir ein Taschentuch vor das Gesicht, wegen des dichten Nebels.

Gehe in ein Haus, in den zweiten Stock. Ordination Dr. Müller steht hier. Ich läute, die Empfangsdame schaut mich an.

„Was haben Sie?“, fragt sie.

„Müde bin ich“, antworte ich.

„Ach, warum denn?“

„Heute habe ich mich mitten in der Nacht angerufen. Das hat aufgeweckt.“

Sie kichert, ich gehe durch das Wartezimmer, wo schon etliche Frauen sitzen, ich grüße, gehe in das Behandlungszimmer, ziehe mir einen weißen Mantel über das Sakko und lese die Krankengeschichte der ersten Patientin. Ich bitte sie herein, eine junge Frau. Halbjährliche Untersuchung. Ich sage ihr, sie soll sich frei machen, wir machen jetzt einen Abstrich, das kennen Sie ja. Sie setzt sich auf den Stuhl, die Beine hoch und gespreizt, sie erzählt mir unaufgefordert von ihrer letzten Beziehung. Frauen erzählen mir immer viel. Sie vertrauen mir.

Ich werfe einen kurzen Blick auf ihr Geschlecht, dann ziehe ich mir Gummihandschuhe an und öffne den Kasten, wo ich die Chloridflaschen eingeordnet habe.

Peter gewinnt den „Natur pur“ Wettbewerb!

Peter bei der Natur-pur Lesung

Zum Finale des ihres diesjährigen Literaturwettbewerbs hatte die Bücherei Margarethen 11 AutorInnen zur Finallesung nach Wien geladen. Jede TeilnehmerIn durfte den eingesandten Text vor (zahlreich erschienenem) Publikum lesen, und wurde anschließend von diesem benotet. Nach einer ebenfalls unter dem Motto „Natur pur“ stehenden Fotoshow hatte die Jury die abgegebenen Stimmzettel ausgewertet und der Präsident der Wiener Büchereien konnte das erfreuliche Ergebnis bekannt geben: Peter Heissenberger wurde vom Publikum für seinen Apfelkrimi das beste Zeugnis ausgestellt. Neben den literarischen Lorbeeren für sich und Grauko durfte er auch den Gutschein für einen Urlaub im Nationalpark Thayatal mit nach Hause nehmen.

Niels mehr Naomi, Oda?

Es ist nicht wirklich ein Rainer Maria Zufall, dass plötzlich alles Andreas sein soll. Ich dachte zunächst, dass mein Bewusstsein mir einen Patrick spielte, und ich bin noch immer ganz geschüttelt von dem, was ich da heute Früh in der Zeitung lesen hab müssen. Nichts ist mir mehr Clara.

Ich verließ heute meine Bettina um halb Sixtus und traute meiner Iris nicht, als auf der Titusseite der „Neubert freien Presse“ stand: „Staat sagt: Niels mehr Naomi, Oda?“ Wir dürfen keine Naomis mehr verwenden – Niels? Das ist keine Kleinigkeit, das ist Rudimentär. Gut, unsere Giselschaft und Sprache ist in den letzten Jahren von Naomigebungen überflutet worden. Allerdings ist das ein ganz Normaner Trent, genauso, wie vor Jahrzehnten unsere Sprache von Angelas überschwemmt worden wurde, und davor von Franzis. Wir haben das alles ganz Gutbert überlebt. Aber plötzlich Austin mit all den schönen und unschönen Naomis? Plötzlich ein Bantus auf jegliche Verwendung von Naomis? Plötzlich Goldiestrafen, wenn man nur an Naomis denkt!? Absolute Kurtsichtige KontRoland? Das ist Hartmann!

Wie soll ich denn mein All-rund-herum plötzlich nennen, damit mich jeder versteht, wenn ich keine Naomis mehr verwenden darf? Vergessen sind ja die Olganale, vergessen, wie man alles früher nannte und schrieb. Sven der Saat unbedingt will, dass wir keine Naomis mehr verwenden dürfen, dann ohne Michi. Ich will meine Kebabette noch immer am Jimbiss essen, meinen Johnnie Walker an einer Barbara trinken, mir meinen SonnenBrandon noch immer im Sindbad holen, mein Glück in der LottokollektUrsula versuchen, mir Medizin von der ApotHeike holen und im SuperMark an der Kassandra mein tiefgefrohrenes Gordon-bleu zahlen. Und wie soll man das den Lenas in der SchUlrike beibringen, die da alles wieder umlernen und umlehren müssen? Da kann die SchUlrike gleich ihre Doris schließen! Und darf ich jetzt keinen Roman Oda Ramona mehr lesen?

Hias meine Botschaft!

Das ist der TodeszungenMarkus für eine moderne Sprachkultur und Giselschaft, die sich halt der Naomis angenommen hat. Mickrig und Minni kommt mir das Ganze vor. Man kann doch einfach nicht Pascalisch alle Naomis verbieten! Dann werden wir ja Robertisiert. Maximilian hätte ich mir vorstellen können, dass Manfred darüber debattiert. Aber alles so Ernst und Willibald und ohne jemanden zu fragen? Was kann Rainer sein, als die Gedanken und Freiheit so auszudrücken, wie es einem gefällt? Josomirgott!!!! Niels, Nina!!!!! Ich lasse mich nicht Benediktieren!!!!! Nein, Anke!!!

Megan die hohen Herren denken, was sie Mechthild, aber da müssen sie sich den Konrad von einem Gescheiteren holen. Horst du schon einmal gehört, dass man über das Volker einfach so bestimmen kann? Kent irgendwer eine Bundes-Regina in den Hauptstädten der Welt, die sich heute so was Traudel? Das war früher, das war einst. Da müssen sie schon Freda aufstehen. Wir wollen doch alle nur Fridolin und Gottfried; und dann das! Aber was soll man schon machen, als kleiner Burkhard? Nadja. Simon wir uns ehrlich, viel geht da nicht. Da steht man dann am Glenda vor dem Abgrund der Staatspflicht und muss sich entscheiden, spring ich, Oda Nick? Und springt man, dann kommt man hinter Brigitta. Magdalena denken was er/sie will, aber Karina schert sich um den kleine(n) Mann/Frau.

Margot! Was kann ich tun? Nidger mit dem Staat – schreit’s mir aus der Brust! Aber aus der Notker werden die besten Idas geboren. Aber ich bin Alaina zu schwach und zu Atlas. Ich möchte einfach nur Heidi und in Frieda gelassen werden. Würde mich aber im Kampf gegen diese Parteidiktatur jemand unterstützten – Tanja!!! Schluss mit Heidi und Frieda! Sofort wär ich dabei. Aber Alaina ist das alles ein Moritz. Und ich war mit Mut immer Percy. Ich glaube, ich kümmere mich um dieses Problem Petra. Nein, nicht Petra, dass wär zu Peter!

Aber ich Rene mir sicher nicht mehr Alaina die Füße Kunigund. Ich, Nick!!! Mir wird da der Sigismund verschlossen bleiben. Vielleicht braucht man da schon einen wackeren Silvester, um ein neues Zeitalter der Freiheit zu beginnen. Doch ich bin gerade mal der kleinste Tyler jedes Bruches mit Traditionen. Aber Tess kann doch nicht wahr sein!!! Mir scheint, ich bin der letzte Thilo, der für Freiheit kämpfen will.

Was Trent uns, junge, wilde Geneva-ration? Ich brauche gerade EUCH. Hört doch auf durch stupide Fernsehkanäle zu Seppen! Georg ein Risiko ein! Ich war auch ein-Marlene so jung wie ihr, lange Zeit Trevor. Es dreht sich alles nur um eine Frage, die geschlechts- und zeitlos ist: Toby or not Toby! Wie Veit wollen wir uns Norbert unterdrücken lassen? Wendy Stunde geschlagen hat, und Sven wir uns verbünden würden, dann schlagen wir zu! Ich brauche Mut, genauso Wido! Willie das, musst du das auch wollen! Sei ein Freund der Freiheit! Wir werden unseren Kampf nicht mit Darleen bezahlen, sondern mit Blut. Andy Tyrannei und Unterwerfung will und kann ich mich nicht erinnern! Brent der Hut, braucht man eben Blut und Mut! Da braucht man im Gemüt eine gewisse Constanze. Klingt das alles zu Dick und aufgeBlasius? Nadja. BeEugen wir die Fakten: Die meisten denken, alles ist Ewald und ein Anders sollte das machen. Jedem liegt die Initiative Fernando; und sie Hadrian, weil zu Paul. Ibrahim fühlen sie dieses Verlangen nach Freiheit – tun aber nichts. Igor – sie versagen und fühlen sich miserabel.

Aber wir, wir edlen Wilden – ihr könntet mit mir können – seid doch alle Edeltraut! Aber eigentlich ist mir Blut zu blöd und deshalb machen wir das ganz Gerlinde. Sonst sperren sie uns hinter Gitta. Herta und fester im Herzen zu werden ist klug. Das Herz darf nicht Jill-en. Gwen das Herz gewinnt, ist uns aller emotionaler Reichtum sicher. Sperren wir diese Bundes-Regina in Kate-n!!!! Kasimir kann mir sagen, dass das nicht funktioniert. Manuel zu reagieren und Blut zu vergießen, ist falsch, der Gedanke und das Gefühl zählen. Ja, es stimmt, wir brauchen schon ein Miriam, Eva-tuell Geld (aber wer ist schon Richard?), dass das gelingt, aber Melinda gesagt, du brauchst nur DICH, um alles zu schaffen. Sonst verläuft alles in Sandra.

Hoch heben wir unser mit Rainstem Wein gefüllte Tassilo und schwören uns Perpetua, dass Phil geschehen muss, damit wir unsere Ziele erreichen! Ich will Naomis!!!!! Das würde mich Felix machen. Das ist jetzt nicht der Placido und die Zeit, um Zweifel zu hegen. Ihr braucht Stefan-vermögen. Ich will kurz, Prikt und Prokop euer Einverständnis. Habakuk dich in den Spiegel! Sebald ihr euch entschieden habt, stürmen wir los im Naomi der Freiheit! Sam-a Revolution, Oda Nick? Jack it out!

Sicher schaffen wir das – Nona, Nora, net!

Ich würde 100 Liter FreiPia zur Verfügung stellen, wenn wir eine Damianstration Balduin organisieren könnten.

Text von Helmut

Nachts auf der Reeperbahn

Satt war ich davon nicht.
Eineinhalb Sushi, und ein paar mickrige japanische Spießchen. Ein paar Bier in spießiger Runde. In-Treff nannten die das.
Ich zog los. Hotelwärts. Auf der Suche nach etwas Essbarem jeden Umweg in Kauf nehmend. Die Seitenstraße aufwärts. Dorthin, wo mehr Licht war. Auf das Rot zu und das Grelle.
Burschi, komm rüber, rief eine Stimme von drüben, von der anderen Straßenseite.
Hast was zu essen? rief ich zurück.
Ein wenig fühlte ich mich geschmeichelt durch das Burschi, aber ich ging doch nicht. Und sie kam nicht. Es gab hier klare Zonen und Straßenseiten, schien es.
Mitten drin war ich nun im Licht. Leuchtreklamen, Lichtkörper, Funkeln und Blitzen. Versprechungen und Verlockungen. Torkelnde Gestalten, lachend, suchend. Eingemummte Körper in Torbögen. Männer, in Eingängen verschwindend, wiederkehrend. Auf den Gehsteigen Gedränge, trotz der späten Stunde. Ich suchte auch, vergebens, war wohl zur falschen Zeit am falschen Ort. Ging nach rechts, in die Richtung, wo ich das Hotel vermutete. Die Lichter wurden weniger, wechselnden von Rot auf Blau und Weiß. Blinkten nicht mehr so stark, waren mehr Wort als Bild. Seriös fast.
Die Reeperbahn, nahe dem Ende. Hier oben war nicht mehr viel los. Cafès, schon finster. Lokale, die die Sessel schon auf den Tischen hatten. Mürrische Figuren, die mit Besen zwischen den Tischen die Reste der Nacht hinaus fegten. Shops, mit heruntergelassenen Rollladen. Schilder, nicht mehr beleuchtet. Ich wechselte hinüber, aber die andere Straßenseite sah nicht anders aus.
Eine Front war noch etwas heller, und da waren ein paar Gestalten.
St. Pauli Food. Arroganter Name für die Dönerbude.
Fleischliches nur noch in Form von Currywurst und Kebab.
Genau das, was ich wollte. Mein Magen verlangte nach etwas.
Ich strebte hin.
Zwei senkrechte Fleischspieße. Mit nur mehr wenig Fleisch. Der dazugehörige Türke hinter dem straßenseitigen Tresen. Im Gespräch mit zwei Männern, die nicht ins Bild passten.
Schwarzer Anzug, glänzend polierte Schuhe, dunkle Krawatte, kurz geschnittene Haare. Einer wie der andere. Auf der Straße, etwas entfernt vom Tresen stehend.
Versicherungsvertreter auf Abwegen.
Priester auf Mission.
Manager des Geschäfts dieser Straße.
Ich trat durch die Glastür, vorbei an den Schwarzmännern. Der Türke sprach weiter mit ihnen, es dauerte, bis er kam.
Ein Döner. Kalb.
Mit allem? Mit allem.
Die beiden schwarzgekleideten Gestalten waren hinter mir durch die Tür gekommen, wie ich nun bemerkte.
Was wollt ihr, fragte Ali. Ich nenne ihn so.
Auch einen Döner.
Mit allem? Mit allem.
Die beiden setzten sich an einen der kleinen Tisch, die an der Wand standen. Ich lehnte an einem schmalen Board, das gleich rechts nach dem Eingang an der Wand angebracht war.
Was macht ihr, fragte Ali.
Wie sind Transportunternehmer. Überführer.
Ja? sagte, fragte Ali.
Wir arbeiten für ein Bestattungsunternehmen.
Tote? fragte Ali.
Wir überführen.
Es sprach immer nur der eine, der mir gegenüber saß. Dunkles Haar, gescheitelt, mit viel Pomade drin. Vom anderen sah ich nur die breiten schwarzen Schultern und den Hinterkopf, kurz geschorenes Haar, dunkelblond.
Wie seid ihr dazu gekommen, hörte ich Alis Stimme.
Ein Schulkamerad, den ich nach Jahren wieder getroffen habe. Ich war arbeitslos und ziemlich herunten, damals. Komm mit, hat er gesagt, komm mit für einen Tag. Schau dir das an. Das habe ich dann gemacht.
Du fährst irgendwohin, ladest auf, bringst die Leiche zum Friedhof, oder sonst irgendwohin, wo die sie haben wollen. Ist eigentlich klasse. Seit einem Jahr bin ich dabei.
Er sprach sehr korrektes Deutsch, aber es wirkte, als fiele es ihm nicht ganz leicht, als bemühte sich darum, weil das zu seinem Auftreten und zum schwarzen Anzug passte.
Verdienst gut? wollte Ali wissen.
Wie man es nimmt. 15 pro Überführung. Aber manchmal bist du zwei Stunden unterwegs oder mehr. Sind dann 7,50 die Stunde. Dazu noch die Bereitschaft. Du wartest, bis ein Anruf kommt. Stunden. Leicht verdientes Geld, sagt der Chef. Jetzt beispielsweise sitzen wir hier auf der Reeperbahn und plaudern schön. Hat ja recht, der Chef.
Aber du fährst auch nach Sylt und Berlin. Fährst hin, holst oder lieferst ab, kriegst zu essen, Chicks am Weg.
Kannst auch länger bleiben, wollte Ali wissen.
Manchmal schon. In Russland war ich, die wollten den dort eingraben. Da kannst schon eine Nacht anhängen, fährst am nächsten Tag zurück. War nicht wirklich gut dort. Aber in Italien und Frankreich war ich, das war klasse.
Manchmal bin ich auch hier eingesetzt. Der Besitzer vom Imbiss unten, weißt du noch? Den hab ich überführt.
Die Döner sind fertig, erst meiner.
Zum Essen hier, fragt Ali.
Nein, sage ich. Nein, ja, doch, hier.
Ich will die Geschichte hören.
Es ist warm im Raum, und riecht verraucht. Ich ziehe die wetterfeste Jacke zu, auch wenn es dadurch noch heißer wird. Damit mein dunkler Anzug nicht zu sehen ist. Ich will nicht auffallen, versuche eine müde Gestalt zu sein, die teilnahmslos am Döner beißt.
Damit keiner fragt: Überführst du auch?
Was habt ihr für einen Wagen, will Ali wissen, als er den beiden ihre Döner bringt.
Die Augen des wortführenden Überführers leuchten.
Mercedes, 230 Sachen, mit allem, was Mercedes hat, Klima und so.
Wenn du die Leiche reinschiebst, brauchst nur anzutippen, und die Hecktür geht zu. Mit einem Schnurren. Echt klasse. Ist gleich verriegelt, da kann nichts aufgehen, wenn du bremst. Wär ungut, irgendwie.
230, wow, höre ich Ali.
130.000 kostet das Teil. Da musste ein normaler Mercedes zerschnitten werden, dann haben sie ein neues Heck angebaut. Ist schwer. Bilden sich Risse, manchmal, dort wo das angeschweißt ist.
Ich finds nicht in Ordnung, dass so ein Wagen anders verwendet wird, sagt der Überführer. Ich kenn einen, der schiebt am Wochenende den Kinderwagen rein. So was gehört sich nicht. Die Leute wollen, dass ihre Toten ordentlich behandelt werden. Ich hab schon islamische Tote überführt, aber es gibt auch islamische Kollegen, die machen nur das. Ist besser so, für die Familie ist es einfacher, wenn das einer macht, der das alles kennt, das Land und so.
Mein Kollege – er deutet mit dem Döner in der Hand auf Überführer Zwei – hat zigeunerische Freunde, und einmal ist er gefahren, und die waren da und waren so froh, dass er das macht und nicht irgendeiner. Da musst dann den Leuten auch zuhören, kannst nicht gleich weg fahren. Auch wenn’s deine Zeit ist. Der Überführte wird in die Leichenhalle geschoben, und du wartest, bis alle wieder da sind. Da merken sie dann, dass dir das auch nicht egal ist. Das ist richtig so.
Und du fährst nicht 230, gar nicht. Das gehört sich nicht.
Ich kaue langsamer, viel Döner ist nicht mehr da. Hinten steht ein Getränkeschrank, ich mache es den beiden Überführern nach und hole mir ein Bier.
Ich halte die Flasche Ali hin.
Zwei sechzig, sagt Ali.
Hier, fragt er.
Hier, sage ich.
Dann ist nur zwei.
Ich habe ihm zwei sechzig hingelegt.
Passt, sage ich und stelle mich wieder an meinen Platz an der Wand.
In engen Gassen ist es manchmal schlimm.Da musst du stehen bleiben, mit Warnblinklicht, und die Idioten hupen. Ich kann doch nicht den nächsten Parkplatz suchen und mit dem Handwagen durch die Gegen fahren.
Es ist nicht schlimm, du kennst die Leute ja nicht. Und hast sie vorher auch nicht gekannt.
Die Feuerwehr hat’s viel schlimmer. Die schneiden irgendwen aus dem Auto, und dabei stirbt er. Wenn wir kommen, ist das schon alles vorbei.
Ali erzählt von Istanbul.
Das ist nicht irgendeine Stadt. Istanbul ist genau zwischen zwei Kontinenten, und sie war einmal Konstantinopel, und dann war sie wieder anders, und dann sind die gekommen, dann die, dann die, was weiß ich. Aber das verstehen die Leute hier nicht.
Die Bierflasche ist leer, mir ist schlecht, ich gehe.

Mitten am Gehsteig parkt ein Auto, das mir früher nicht aufgefallen ist.
Leichenwagen, silbergrau.

Text von Veronika

Späte Rache

Es war zwölf Uhr dreißig. Im Boltzmanngymnasium waren fast alle Lehrkräfte bei einer Dienststellenversammlung im Konferenzzimmer. Nur drei Professoren hatten den Unterricht der, wie es für sie schien, langatmigen und nervenden Diskussion vorgezogen. So klangen durch das leere Schulhaus nur Klaviermusik, das Brodeln von chemischen Experimenten und Piepsgeräusche von Computern. Plötzlich zerriss diese Beinahstille Sirenengeheul. Gleich darauf strömten die noch anwesenden Schüler in Zweierreihen den Fluchtwegen entlang ins Freie.
Auch die Lehrer drängten sofort, allerdings wesentlich undisziplinierter als ihre Schüler, zu den Türen. Als Sie öffnen wollten, mussten sie feststellen, dass beide zugesperrt waren. Fast gleichzeitig kramten alle ihre Schlüssel hervor, um sie den Kollegen an den Ausgängen zu reichen. Die konnten infolge der Drängerei nur mit Mühe die Schlüssel in die Schlösser stecken. Was war das? Die Bärte ließen sich keinen Millimeter bewegen. Hektik verbreitete sich.
„Lass mich probieren!“
„Geh was für ein Schwächling bist du?“
„Hast den falschen Schlüssel erwischt!“
„Nimm meinen, der sperrt sicher.“
Noch lag Spott in ihren Stimmen, denn sie glaubten an einen Übungsalarm. Da knackte es im Lautsprecher und aufgeregt stammelnd erklang die Stimme der neuen Sekretärin: „Es war ein Anruf. Eine Bombe…“
Betretenes Schweigen, dann fieberhaftes Rütteln an den Klinken. Weitere Schlüssel wurden ausprobiert. Vergeblich. Ein junger Physiker brüllte: „Seid ruhig! Ich rufe den Schulwart an!“ Triumphierend holt er sein Handy hervor und wählte die eingespeicherte Nummer. Aber gerade als sich Herr Wachter meldete, war die Batterie leer.
„Nimm meines!“, erbot sich eine Botanikerin.
„Hast du seine Nummer drinnen?“
„Leider nein!“
„Ruf das Sekretariat an!“, meinte darauf eine Anglistin.
„Da meldet sich niemand.“
Während sich die Diskussion , wohin telefoniert werden sollte zuspitzte, krachte und rumpelte es auf einmal. Ein Schauder ergriff die Lehrerschaft. Ihre Gesichter wurden starr und fast genauso weiß, wie das der Kollegin, die das Gepolter verursacht hatte, als sie in Ohnmacht gefallen war. Ein Mathematiker reagierte als Erster: „Ich mache ein Fenster auf, damit frische Luft hereinkommt.“ Schon hatte er die Hand am Riegel, riss daran nach allen Richtungen. Fast panisch probierte er es beim Nächsten, Übernächsten… Kein einziger ließ sich drehen.
„Ich rufe die Rettung an“, erbot sich endlich die Botanikerin. Noch während sie telefonierte, erklang das Horn eines Polizeiautos. Unmittelbar begannen alle wie verrückt an Fenster und Türen zu trommeln und überhörten beinahe die gehässige Durchsage: „Die Bombe liegt zwischen euch!“
Die Panik erreichte ihren Höhepunkt.

Oberinspektor Heger, ein fescher, sportlicher Vierziger, eilte zum zentralen Meldepunkt. Zu seinem Erstaunen fand er dort keine Menschenseele. Am gegenüberliegenden Zaun des Sportplatzes standen verstreut die Schüler von drei Klassen, deren Lehrer auf ihn zueilten. „Die Klassen sind vollzählig. Dürfen die Schüler wieder zurück in ihre Arbeitsräume?“
„Nein auf keinen Fall, es gab eine Bombendrohung. Bleiben Sie mit den Schülern bis auf weiteres hier!“ Damit eilte Heger ins Gebäude und wurde beim Eingang fast umgerannt, denn seine Kollegen hatten inzwischen die Eingeschlossenen befreit.
Mit äußerst angespannten Nerven durchforsteten die Polizisten nun das Haus. Jedes ungewöhnliche Geräusch brachte sie in Alarmbereitschaft. Als zwei der Beamten gerade an die Tür des Musiksaales kamen, trauten sie ihren Ohren nicht: „Tick, tack,tick,tack…“ „Das ist die Zeitschaltuhr.“ flüsterte einer, drückte bebend die Klinke nieder und lugte vorsichtig in den Raum. Am Klavier stand ein eifrig tickendes Metronom. Die Männer tauschten erleichtert ihre Blicke aus und die Spannung löste sich durch schallendes Gelächter.
Heger inspizierte zur gleichen Zeit den Keller. Verschwand da nicht gerade ein Punk zwischen den Spinds?
„Warte Bursche, dich krieg´ ich!“
Er hatte es nicht schwer ihn zu stellen. Die Spindreihen bildeten Sackgassen.
„Was machst du da?“
Der Punk fuhr erschrocken hoch und stotterte: „Iich wowollte meiein Häandy holen, aaber iich fifinde es nicht.“
„Vielleicht finden wir es, meinte Heger ironisch.
„Name, Adresse!“
Kaum hatte Häger den Jungen perlustriert und zu seiner Klasse zurückgeschickt, hörte er im Weitergehen eigenartiges Knacken aus einem Computersaal. Beim ersten Blick in den Raum konnte er nur Monitore sehen. Instinktiv spähte er unter die Bänke und entdeckte in der rückwärtigen Ecke eine besockte Fußspitze neben einem Rechnergehäuse.
„He, du da hinten! Willst du in die Luft fliegen?“
Zaghaft tauchte ein verstrubbelter Kopf eines Elfjährigen auf.
„Ich habe geglaubt, dass das eine Übung ist . Der Professor hat nicht bemerkt, dass ich mich nicht angestellt habe.“
„Jetzt aber raus mit dir!“
Hegers Kollegen waren mittlerweile im naturwissenschaft-lichen Trakt angelangt. Dort stank es bestialisch und unter der Chemiesaaltür drang oranger Rauch heraus. „Sollte nicht schon längst die Feuerwehr da sein?“, fiel dem einen ein.
„Schei…, ich habe vergessen weiterzumelden. Der Chef wird mir den Kopf abreissen.“
Jenem war ebenfalls gerade ihr Fehlen aufgefallen und er war dabei, sein Funkgerät einzuschalten, während er wahrnahm, dass die Tür zum Sekretariat sachte zugemacht wurde. Vorsichtig, die Pistole im Anschlag stieß er sie auf. Am Schreibtisch stand die Sekretärin und schob eiligst eine Lade zu. Ihr betretener Blick blieb an Hegers Gesicht hängen und wechselte zu Erstaunen und Erkennen.
„Wolfgang?“
„Leonie? Was machst du noch herinnen? Bist du lebensmüde? Geh schleunigst zur Sammelstelle, wir reden später miteinander!“
Wolfgang Heger dachte zurück an seine Schulzeit hier in diesem Haus. Leonie Höller war das Enfant terrible der Klasse gewesen und hatte die Lehrer auf die Palme gebracht. Sie hatte allerdings stets behauptet, von ihnen benachteiligt zu werden und daher in der vierten Klasse die Schule gewechselt. Er wunderte sich also sehr, sie hier im Schuldienst zu finden, verdrängte aber den Gedanken, um sich wieder auf die Untersuchungen zu konzentrieren und die Feuerwehr einzuweisen, die endlich eingetroffen war. Sogleich drang ein Mann mit schwerem Atemschutz ausgerüstet in den Chemiesaal ein um festzustellen, dass das Inferno einer kleinen Porzellan-schale entströmt , aber die Reaktion bereits erloschen war.
Die Suche nach einer Bombe blieb ergebnislos.

Für Heger war es augenscheinlich, dass ein rachsüchtiger Schüler den Lehrern Angst einjagen wollte. Dafür sprachen die blockierten Fenster und Türen des Konferenzzimmers. Er fragte sich nur, wie ein Schüler vor der Versammlung in den Raum kommen und ungesehen die Fenster manipulieren konnte. Danach in die Schlösser Superkleber zu spritzen, dürfte kein Problem gewesen sein. Fraglich war nur, war es ein Schüler der drei noch anwesenden Klassen?
Unvermittelt kam ihm eine Idee und er eilte zum Schreibtisch ins Sekretariat, zog die Lade auf und tatsächlich lag da ein Handy mit genau der Marke und dem Typ, wie es der Punk im Keller beschrieben hatte. Heger hüllte es in ein Plastiksäckchen, steckte es ein und begab sich zur Sammelstelle.
„Das Haus ist clean, ihr könnt eure Sachen holen!“
Dann legte er seine Hand auf Leonie Höllers Schulter: „Treffen wir uns morgen im Cafe, um von alten Zeiten zu reden?“
Als Leonie zum Treffen kam, wunderte sie sich, dass Wolfgang neben dem buntesten Punk der Schule saß. Noch bevor sie bestellen konnte, sah sie Wolfgang ernsthaft an: „Kennst du dieses Mobiltelefon? Deine Fingerabdrücke sind genau auf den Tasten der Rufnummer der Schule. Leonie, Du warst die anonyme Anruferin. Es tut mir Leid, ich muss dich verhaften. “
Leonie Höllers Augen glitzerten: „Endlich hab ich es diesen Tyrannen heimzahlen können!“
Heger legte das Gerät vor dem Punk auf den Tisch: „Habe ich dir nicht versprochen, es zu finden?“