Texte der Improshow vom 20.5.

Unter großem Applaus ging gestern Abend der erste Improabend mit TiS und BlankTon über die Bühne. Hier nun, wie versprochen, für alle zum Nachlesen die vollständigen Texte so, wie sie sich die Autoren vorgestellt haben.

Und nicht vergessen, nächste Woche, am 27.5. steigt der zweite Improabend mit neuen Texte von Grauko. 20.00, Stockwerk. Be there!

Text von Isolde
Text von Helmut
Text von Maria
Text von Peter

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Über das Verschellen

Über das Verschellen:

von Peter Heissenberger

Spuren waren für den Menschen seit jeher von extremer Bedeutung. So konnte es über Leben und Tod unserer Vorfahren entscheiden, zu wissen, ob Abdrücke im Sand von einem Säbelzahntiger oder einen Streifenhörnchen stammten. Unbekannte Fährten bedeuteten zuallererst Gefahr und mussten so schnell wie möglich abgeklärt werden. Es sind also verkümmerte prähistorische Instinkte, die sich dem modernen Menschen erhalten haben, wenn er sich in der sicheren Umgebung seines Wohnzimmers beim entspannten Lesen plötzlich fragt: „Wie mag wohl das Wort ausgesehen haben, das hier seine Spuren hinterlassen hat?“ Und vor allem: „Was ist mit ihm geschehen? Ist es verschwunden? Hat es je wirklich existiert? Oder ist es irgendwann verschollen?“

Betrachten wir doch nur diesen Absatz: Allein das letzte Wort: >>Verschollen.<< „Etwas ist verschollen“! Wir alle kennen dieses Wort, verwenden es täglich. Wie aber mag das Verb ausgesehen haben, das der beschriebenen Person ihr heutiges „verschollen sein“ erst ermöglicht hat?
Mit genau dieser Frage sah ich mich vor kurzem mitten in der Lektüre eines deutschen Klassikers konfrontiert und habe mich, als sie mir partout keine Ruhe lassen wollte, entschlossen, mich ihr auf dem Wege der schönsten aller uns zur Verfügung stehenden Künste zu nähern – nämlich dem der mathematischen Logik:

Lassen sie mich als ersten Schritt den Existenzbeweis führen, indem ich den folgenden fiktiven Zeitungsausschnitt zitiere:

„Der Südtiroler Extrembergsteiger und Abenteuersportler Reinhold Messner hat in seinem bewegten Leben viel erreicht. Er hat die Gipfel sämtlicher Achttausender, beide Pole, und auch sonst fast alle Orte, zu denen es keinen vernünftig denkenden Menschen je ziehen würde, teils alleine, ohne Sauerstoff und ohne die Unterhose zu wechseln etc. erreicht. Alles Leistungen, die ihm seinen Platz im Buch der Geschichte längst sichern – und doch blieb ihm eines stets verwehrt. Jene Leistung, die ihn gleichsam auf den Olymp der verwegenen Abenteurer, auf eine Stufe mit Scott, Mellory, St. Exypery, Franklin und Glenn Miller hieven würde. Bei all seinen Anstrengungen hat er bislang eines verabsäumt, nämlich zu verschellen.“

Damit wäre die Suche nach dem Wort eigentlich schon beendet: Verschellen!
Aber natürlich höre ich sofort ihre Einwände:

„Das Wort gibt es ja gar nicht.“

Dieses Argument kann ich zwar sofort mit dem Existenzbeweis entkräften, bin aber gerne bereit mich seiner abgeschwächten Form näher zu widmen:

„Das Wort habe ich bisher noch nie gehört.“

Das glaube ich ihnen ungesehen. Aber: Was ist mit: „Abderit“, „lenzen“, „Stase“, „refraktär“? Alles Wörter, die ich eben selbst, beim schnellen Griff in meinen Duden zum ersten Mal zu Gesicht bekommen habe. Selbstverständlich räume ich Herrn Duden in diesen Fragen weit größere Kompetenz ein. Aber auch er – und seine Nachfolger – können nichts erfinden sondern nur aus vorhandenen Texten zitieren. Die Rechtschreibprüfung meiner Textverarbeitung zum Beispiel akzeptiert „Verschellen“ seit zwei Minuten anstandslos.
Außerdem: Was ist mit solch schönen, neuhochdeutschen Wörtern wie emailen, layouten, carven, rendern, scannen und faxen? Auch diese wurden in den ersten 19 Jahrhunderten christlich abendländischer Kultur nicht gerade oft verwendet, trotzdem sind sie heute in aller Munde. Eine lebende Sprache ist nichts Konstantes. Neue Wörter entstehen, wenn sie zunächst vielleicht auch nur von wenigen Experten verwendet werden. Andere werden über Nacht zu Modewörtern, sind urplötzlich in, hipp, total cool und aus unserem täglichen Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken. Wieder andere hingegen legen mit der Zeit Staub an, geraten in Vergessenheit bis sie schließlich verschellen.
– Seien Sie jetzt bitte ehrlich, beim zweiten Mal sind sie vom Auftauchen dieses Wortes schon bedeutend weniger überrascht worden. Lesen sie diesen Text zu Ende, und auch sie werden verschellen in ihren täglichen Wortschatz übernehmen.

Damit zum nächsten Einwand: „Wie soll das überhaupt ausschauen: Verschellen? Wie verschillt man?“

Ein sehr gutes Argument. Auch der leidenschaftlichste Verschellologe (gut: ich verspreche dieses Wort werde selbst ich nie wieder verwenden.) Also: selbst der leidenschaftlichste Verfechter der Existenz des Wortes „Verschellen“ wird zugeben müssen, dass er sich keine realistische Situation vorstellen kann in der ein, im Verschellen befindlicher Abenteurer mit angstvoll aufgequollenen Augen und hysterischer Stimme aufschreit: „Hilfe, ich verschelle!“
Zugegeben! Das jedoch liegt einzig und allein in der Natur des Verschellens. Demjenigen, der verschillt ist sein Tun im entsprechenden Moment gar nicht bewusst, da es ja auch keine von ihm selbst aktiv ausgehende Tätigkeit ist. Der Verschellende selbst weiß möglicherweise sehr genau, wo er sich befindet, oder dass er schon lange tot ist. Er kann jedoch in seiner augenblicklichen Lage nicht beurteilen, ab welchem Zeitpunkt er für andere als verschollen gilt. Oder um mit Einstein zu reden: Alles ist relativ und rein vom Standpunkt des Betrachters abhängig. Der für sein Land verschollene amerikanische Soldat kann möglicherweise seit 40 Jahren an einem dem vietnamesischen Geheimdienst sehr wohl bekannten Ort verscharrt sein.

Um weiteren Begriffsverwirrungen vorzubeugen ist es jetzt vielleicht an der Zeit, folgenden Satz zu formulieren:

Satz: (vom Verschellen)
Es kann nichts verschollen sein, ohne vorher zu verschellen.

Nach allgemeinen Grundsätzen der menschlichen Logik, mit speziellem Verweis auf den Existenzbeweis und das Prinzip von Ursache und Wirkung kann man den Beweis dieses Satzes wohl als trivial betrachten. Und damit sei der Frage nach Existenz und Sinnhaftigkeit des Wortes fürs erste zur Genüge Beachtung geschenkt. Wenden wir uns lieber, um allen obig erwähnten Zweiflern gerecht zu werden, dem genauen Zeitpunkt des Verschellens zu:

Gehen wir dazu an den Anfang zurück: Zwei Dinge sind notwendige und hinreichende Grundvoraussetzungen für den Verschollenen:
1. Seine Existenz.
Mit anderen Worten, zu einem beliebigen Zeitpunkt, (im weiteren T0), muss er – durch verlässliche Quellen bestätigt – existiert haben. Aus dieser Voraussetzung kann man sofort ableiten, dass Betrachtungen über das Verschellen des Yetis auf der Basis meiner Theorien (noch) nicht angestellt werden können.
Die zweite ebenso triviale Voraussetzung, ist das Verschollen sein zu einem Zeitpunkt T1.
Aus diesen beiden Voraussetzungen lässt sich folgendes Lemma definieren:

Lemma:
Für alle Verschollenen gilt: T1 > T0

Beweis: (indirekt) Annahme: Sei T0 >= T1. In diesem Fäll wäre die Existenz des Verschollenen einwandfrei belegbar zu einem Zeitpunkt, der nach dem vorgegebenen Verschellen liegt. Das hieße aber, der angeblich Verschollene war maximal für eine gewisse Zeit verschwunden, kann jedoch in unserem Sinn nicht als verschollen bezeichnet werden, die Zubilligung des Verschellens wäre somit vorschnell erfolgt.

Somit hat uns dieser Beweis gleichzeitig einen weiteren wichtigen Begriff geliefert: Das Verschwinden. Das Verschwinden ist der eigentliche Grund, warum das Verschellen zunächst nicht als ein solches erkannt wird und dadurch in unserem schlampigen Sprachgebrauch so gerne übergangen wird und damit halten wir endlich sämtliche Bausteine für das folgende Modell in Händen:

Das 5 Phasen Modell des Verschellens:

1. Phase: Gesicherte Existenz
2. Phase: Verschwinden
3.Phase: Verschwunden sein
4. Phase: Aktives Verschellen
5. Phase: Verschollen sein

Zur Erklärung:
In der ersten Phase wird der Abenteurer geboren, geht zur Schule und wird von der Abenteuerlust gepackt. Er bricht zu einer gewagten Expedition auf und verschwindet in der zweiten Phase. Nachdem er eine Zeit lang verschwunden geblieben ist (Phase 3) verschillt er und wird schließlich als verschollen angesehen (Phase 5). In Nachhinein betrachtet werden die Phasen 3 und 4 dann allerdings nur zu gerne übersehen. Wird einer Person nämlich einmal das „verschollen sein“ zugestanden, wird automatisch der Zeitpunkt des Verschellens mit dem Zeitpunkt des Verschwindens gleichgesetzt und aufgrund der oben geschilderten Problematik der Wahrnehmung des Verschellens einfach übersehen. Zurück bleibt also ein stark vereinfachtes Modell, das jedoch dem subjektiven Zeitempfinden der meisten Menschen genügt, nämlich:

Existieren – Verschwinden – Verschollen sein.

Dabei wäre es wichtig die grundsätzliche Analogie der beiden Vorgänge: „Verschwinden – Verschwunden sein“ und „Verschellen – Verschollen sein“ zu betrachten.

Auch der Verschwindende kann sich über den Erfolg seines Vorhabens nie sicher sein, wenn er großspurig ankündigt: „Ich verschwinde jetzt.“ Weltraumgestützte Spionagesatelliten können heutzutage selbst die dunkelsten Winkel bestens ausleuchten.
Der Verschellende noch viel mehr als der Verschwindende ist überdies von einer dritten Voraussetzung abhängig: Dem Vermissen. Man kann so gut verschollen sein wie man will, wenn einen keiner vermisst, wird das niemand bemerken. Dann kann man genau so gut gar nie existiert haben. Was uns wieder zum Satz vom Verschellen bringt, den ich gerne folgendermaßen erweitern möchte:

Satz vom Verschollen sein:
Es kann nur verschollen sein, an dessen Existenz man sich nach dem Verschellen noch erinnern kann.

Betrachten wir doch nur das Wort „verschellen“ selbst. Vor langer Zeit muss es aufgrund des Satzes vom Verschellen einmal existiert haben, ob es dann je verschollen ist, kann pikanterweise nicht mit Sicherheit behauptet werden, da es möglicherweise einfach nur vergessen wurde. Erst durch sein offensichtliches Fehlen im Fünf Phasen Modell wurde es von mir wieder vermisst und kam dadurch quasi rückwirkend in den Genuss des Verschollen Seins, dem es durch die erste Erwähnung in diesem Text sofort wieder entrissen wurde. Ein abenteuerliches Schicksal, von dem auch ein Reinhold Messner nur Träumen kann!

Mir bleibt zum Abschluss nur eine Bitte: Helfen sie einem lange Zeit verschollenen Wort auf seinem Weg zurück in die Gesellschaft unserer Wörterbücher und lassen sie in Zukunft zumindest jeden zweiten Tag etwas verschellen.
Vielen Dank!

(Zur weiteren Erklärung, der in diesem Artikel verwendeten mathematischen Fachtermina verweise ich auf weiterführende Literatur, im besonderen auf:
„Analysis I – Eine integrierte Darstellung“ von Kurt Endl und Wolfgang Luh, aus dem Aula Verlag in Wiesbaden. Speziell Seiten 63 – 68 und 122 / 123.
und
„Wahrscheinlichkeitstheorie und ihre Anwendungen.“ von Erwin Kreyszig, Verlag: Vandenhoeck und Hubcek.)

Er nannte sie Madonna

Er nannte sie Madonna.

Er hatte sie immer so genannt, sie wusste nicht mehr, seit wann sie den Namen hatte. Jemand war auf die Farm gekommen, unsichtbar, in der Nacht, hatte einen Zettel hinterlassen. Komm zum großen Mangobaum, am Ende der Reisfelder, wo der Pfad auf den Berg beginnt. Komm allein. Morgen, mit Einbruch der Dunkelheit.

Nun stand sie ihm gegenüber, und sie hatte entsetzliche Angst.

Du musst zahlen, Madonna, sagte er, und der Boden unter ihr gab nach und drohte sie zu verschlingen.
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Canyon Sin Nombre

Die Straße begann zu fallen. Im Grunde war es keine Straße, wir folgten den Fahrspuren einiger Geländewagen, die irgendwann hier gefahren waren. Das Asphaltband, von dem wir abgezweigt waren, war noch im Rückspiegel zu sehen, wurde schmäler und verschwand. Der Wagen holperte über Steine, wich einigen Kakteen aus, verschluckte Creosotebüsche, die ein hässlich kratzendes Geräusch auf der Bodenplatte erzeugten.

Sebastian saß am Beifahrersitz neben mir und schwieg. Als der Untergrund kurzzeitig etwas ebener wurde und meine Aufmerksamkeit sich etwas entspannen durfte, blickte ich ihn von der Seite an. Er saß nach vorne gebeugt und hielt sich am Türgriff fest. Seine Lippen waren aufeinandergepresst, seine Augen größer als sonst, geweitet von angespannter Erwartung, und gleichzeitig war da ein Leuchten. Bist du ok, fragte ich ihn. Er nickte und schwieg weiter.

Der Boden wurde wieder schwierig, ich musste nach vorne sehen. Das Gelände fiel stärker, gleichzeitig mischte sich der harte Untergrund mit Sand. In der Ferne war eine ebene Fläche zu erkennen, an deren Ende eine senkrechte Felswand, wie eine Mauer. Aber noch war der Abfall zu bewältigen. Der weiche Untergrund erzeugte wenig Geräusch, wir glitten wie auf Wasser dahin. Sebastians Atmen war zu hören. Wir rutschten nach unten, den einsamen Spuren nach, gezogen von Fahrzeugen, die für diesen Boden geeignet waren. Im Gegensatz zu unserem. Es wurde steiler, der Sand nahm zu, der Wagen rutschte, reagierte verzögert, widerstrebend auf meine Lenkmanöver. Ich konnte wenig tun, nicht stehenbleiben, nicht bremsen, nur starr nach vorne sehen und versuchen große Steine zu umschwimmen. Wir fuhren in einen Abgrund, auf einem Boden, der sich langsam nach unten neigte, zumindest schien es so. Wir fuhren in ein Loch, direkt zum Mittelpunkt der Erde, in Dürrenmatts Tunnel, jenem aus der Geschichte ohne Ende.
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Lorikeets

Ich hatte meinen Missmut mit einigen Gläsern mittelmäßigen italienischen Weins betäubt und mir selbst ausreichend Leid getan, ob meines widerlichen Schicksals. Draußen lag eine laue Sommernacht, und das Zirpen der Grillen klang durch das halb geöffnete Fenster wie höhnisches Lachen. Meine Augenlider waren schwer geworden, und der Text auf dem Blatt vor mir verschwamm. Nur der Ärger hielt mich wach. Der Ärger über mich selbst, der ich hier saß und die Aufsätze von Menschen las, die ich nicht kannte. Der Ärger über die Schreiber der Aufsätze, die mir die Zeit raubten, und die Chance, auf der Terrasse zu sitzen und guten Wein zu trinken. Der Ärger über das Geschreibsel, durch das ich mich hier quälte.
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Chlorid

Draußen der Nebel, und ich sitze seit viereinviertel Stunden auf meiner blauen Couch. Es dämmert. Ich höre mich atmen.

Ich mag diese Couch. Die Lehnen sind schräg. Man kann sich bequem nach hinten lehnen. Vor viereinviertel Stunden habe ich die Handflächen neben meine Oberschenkel gelegt. Dort sind sie immer noch. Wenn ich etwas bewege, dann hauptsächlich die Augen und nur wenig den Kopf.

Das Wohnzimmer ist geräumig.

Links die drei Fenster. Keine Vorhänge, keine Jalousien. Ich habe in der Regel nichts zu verbergen.

Rechts die Wohnküche.

Weiße Kästen, alles sauber. Ich habe in der Regel nichts zu kochen.

Hinter mir eine Wand mit dem gemalten Bild. Wenn ich mich umdrehte, könnte ich es sehen. Aber das tue ich lieber nicht. Vor viereinviertel Stunden ist es noch da gehangen. Wenn es jetzt fort wäre, es würde meine Situation verkomplizieren. Darum denke ich mir, dass es noch da ist. Chlorid weiterlesen