Sommerexodus

Die Augenbrauen verloren ihre Sinnhaltigkeit. Der Schweiß rannte über die angespeicherten Haarbüscheln, links und rechts an ihnen vorbei und brannte schließlich in den Augen. Mit dem nackten Handrücken den Schweiß wegzuwischen war vergebens, da genauso voller nassem Salz und das T-Shirt sowieso schon durchnässt. Ein typischer Stadthochsommer eben. Nur aus den offenen Kellern der Altbauten kam so etwas wie ein Strom gruftiger Abkühlung. An den Kellerfenstern blieb ich auch gerne stehen und sah, wie die heißen Autodächer zu brennen schienen. Dann starrte ich in das dunkle Loch eines Kellers und der Teufel hätte unten sitzen können, um mich zu fotografieren, oder der Tod selbst um mich auszulachen, ich sah nur Schwarz, da die Pupillen atomisch klein. Sommerexodus weiterlesen

immer am sonntag

die tage sind lang
sehr lang
dauern
von nacht
bis nacht
bis nacht
immer lächeln
gelingt mir
nicht

die menschen
die kommen
sind seltsam

oft

viele kennen mich
sagen
ah sie zu sehn
wie ein sonnenstrahl

ich denke nicht darüber nach

ich gebe kaffee und kuchen
manchmal brot
öfter nichts
dann hör ich nur zu

dann schließ ich die augen
und höre zu

elli kommt immer
sie trägt ein gelbes stirnband
über die ohren rutscht es
drückt die frisur in den himmel

sie bringt eigene
papiersackerl mit
und sagt
man spart wo man kann
spart man
jaja
und ihre stimme
rutscht in den himmel
wie ihre frisur
jaja
so ein hübsches kind
jaja

der sonntag und ich
eine zweckgemeinschaft
geliebt und gehaßt
der sonntag haßt mich
das gefühl hab ich manchmal
er liebt mich auch
seltener
liebt er mich

wenn ich aufpasse
erkenne ich die menschen
wie sie auf und ab laufen
wie sie unsicher sind
wie sie nach ihrem geld suchen
wie sie nicht den unterschied kennen
zwischen cappuccino und melange

ich erkläre
ruhig
mit tiefer stimme

die frau
die alle preise wissen will
jeden einzelnen preis
dazwischen immer aha! sagt
mit dem finger
in die vitrine zeigt
und das? fragt
aha
und DAS?
ich erkläre
(ruhig
mit tiefer stimme)
dann
trinkt sie eine flasche bier
jedesmal
dieselbe
prozedur

sie trinkt bier und schaut grimmig
so grimmig
nur einmal
da hat sie gelächelt
als ich zu singen begann
in meinem leeren laden
nur sie und ich waren da
und das gebäck
und da sang ich
das heideröslein für sie
und da hat sie gelächelt
was grotesk wirkte
die linien um ihren mund
die harten linien
die sträubten sich
die wehrten sich
und als sie es bemerkte
da sagte sie
halt dein maul

und ich sang weiter
unbekümmert
bis sie ging.

© 2002 Lisa-Maria Lienbacher

Kellergedichte

lyrik aus dem dunklen keller I

scheint keinen platz
zu geben neben der säule
im innren vibriert sie still
und heimlich will sie ja
zerbrechen will und kann
nur nicht aus ihrer
haut aus glas
aus glattem glas.

 

lyrik aus dem dunklen keller II

im auftrag welches herrn
kassandra
meine seele
spielst du die
späherin
erhebst die stimme bebend
und gewichtig zeigst du
mir den rechten pfad?

vergebens sind die mühen
bäum dich nicht
auf sollst embryonengleich
verharren nein noch
kleiner leiser so
schweig still ja nicht
einmal dein herzschlag
darf noch sein du
seelchen wirst zum vakuum
es hört dich
niemand flüstern atmen
psch psch
liebes
gutes kind

© 2002 Lisa-Maria Lienbacher

im auge

I.

der zeitpunkt wahllos
an die andersartigkeit gerieben
schwankt der druck ein ausbruch
plötzlich einbezogen alles
wie gewichtlos mitgerissen ohne
selbst zu atmen füllen sich die
lungen dennoch träge widerständig
ein zuviel ist nicht genügend haltung
gibt es nicht mehr dehnung in
zu runden kreisen vorgesorgt
die töne auf der zunge
festgesetzt doch eh der mund
sich öffnet geht der schrei verloren

II.

sie aus mir gerissen jetzt
zwei silben nur bedrängen
fäden in mir rachenwärts
gerichtet eine reise nein
ein schritt aus mir die
lautheit nebensächlich
arme seitwärts an die linien
gelegt die einst gezeichnet waren
heute nur verwaschen von den
trüben blicken rot ummantelt wirble
ich elliptisch fasse nichts du
hilfst nicht weiter hand ich
wünsche mir ein fremdes
herz das ja sagt

III.

beizeiten neu:
entwicklung fange mich in momentaner
stille bevor die wieder
kreiselung bekannte luft mir in die
öffnungen der hülle drückt wie friedensreiche
hummeln: ausschwarm einzelner fragmente
zwanghaft weiterwerdend unentschlossen
einen ausweg suchend: kaum zu
fassen wieder in ein zentrum tauchen dort
sich sammeln und das innen
wie das außen machen wo die alt:
entwicklung früher war

IV.

in der ahnung: keinerlei
beachtung folgenschwerer schritte
die nicht selbständig mich führen:
gibt es doch den pol genannt das
auge meisterlich verborgen aber
greifbar dennoch nie in solchen
wirbeln umgekommen in der
ehrlichkeit mit roten fäden
festgedacht und eins geworden wie
die puppe hölzern tanzend mit
der hand des fremden was führt
mich in stillere gewinde?

V.

betäubt durch ein
gewissenhaftes später pläne
sickern sehen unbegründet
schattenbilder wiegen
die nie auf meiner seite
neigung nehmen unversucht
gelassen alles greifbar
nahe kaum gesichtet in
den umkreis mitgegeben bald
verschlungen selbstauflösung stück
für stückchen aufgenebelt denn so
willst du es in definierten
winkeln mit geraden summen
hallt sie lautlos wider.

© 2003 Lisa-Maria Lienbacher

Mein ganz persönlicher Fragenkatalog

Ich hätte da mal ein Anliegen.

Entschuldigen Sie, wenn ich störe,

aber mich würden da so einige Sachen interessieren.

Ich würde zum Beispiel gerne erfahren,

ob Sie die Augenfarbe Ihres besten Freundes kennen.

Oder ob Sie wissen, wieviel Stück Zucker

Ihre Großmutter zum Kaffee nimmt.

Ob Ihre Frau Rosen auch wirklich mag.
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The Wait

I dream in the light of thy dying day

of soups and of milkshakes,

of comforting blankets

and of the freedom to choose the time of the dawn.

The night, it creeps up from behind a dark curtain

of roses and freedom,

and renders its loot,

drops the stars at your feet in the last breath of coming.

The coffee cups are ready, steaming

a yawn,

yielding the promise of a dawn to remember,

forever,

wherever that is.

I sit at the table armed with love for the dying

day and your body

wrapped in grass

and in leather, in the breath of a dream I have long stopped to dream.

The front door is tired of my looks, my desire

for you and the promise

of a warm cup of sand

in my fingers, my hands you have bound with your call.

On the rim of the wineglass

I can remember your fingers,

can remember your lips.

Wherever they are.

© eva, oct. 00

Ein Feen-Märchen

In der Nacht, in der ein Schwarzes Loch in unserer Beziehung auftauchte, erzählte ich dir ein Märchen über Feen.  Wie alle Naturphänomene war es anfangs schwer zu erklären, zu verstehen; es würde Monate und Jahre an Nachforschungen und Grabungen brauchen, mit Schaufeln und Löffeln und manchmal sogar mit Fingernägeln.

Kann die Blutkruste größer sein als die Narbe?
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Kaleidoskop

Ein Kaleidoskop

aus Wahrheit und Lüge, aus Bildern gemalt

mit dem Bedürfnis nach

Perfektion.

Ketten der Erinnerung

an deinem geistigen Bein,

und mit jedem Schritt in die Ferne verbreiten sie

ein Aufflackern von Erinnerungen aus Katzensilber.

Erkennende Verständnislosigkeit,

wichtige Zeichen, bedeutungslos,

ein Wollfaden im Labyrinth der

großen, ach so großen Welt.

Oft wünschst du, du könntest es abnehmen,

das Kostüm der Entfernung, den Panzer der Zugehörigkeit,

wie das Cape, den Zylinder des Gauklers,

in die Ecke geworfen nach dem Verlöschen des Scheinwerferlichts.

Doch sobald du ihn löst, den Verschluss, der das Cape hält,

du wie in Verehrung den Hut ziehst vor einem nicht immer gewogenen Publikum,

da trifft er dich ins Gesicht, ins Herz, ins Gehirn, der Novemberwind

des gewählten Exils.

© Eva, Jan. 99

Der Versuch

Mich hat gerade die Inspiration überfallen, ohne Warnung, mir fehlt es wohl an Tarnung,

oder an Konsequenz in meiner Existenz, was das Nichtstun betrifft.

Ich hab’s mir gerade bequem gemacht auf meiner Couch mit einer Tafel Schokolade,

der Film fängt gleich an, ich merk’s, wie ich mich entspann –

doch nein! – das kann doch sein, mir fällt gerade was ein,

überwindet die Balustrade in meinem Hirn.

Ich hab doch gesagt, ich schreib nie wieder was, denn ich kann es nicht,

ihnen gerecht zu werden, den Beschwerden des Seins und des Meins und Deins –

und schon gar nicht den unsren.

Und so hab ich es versucht, hab das Papier verflucht, die Stifte und den Computer,

wurde rot wie ein Puter, wenn mich jemand mal drauf ansprach,

auf meine Schreiberei, stammelte:

„Nicht das Gelbe vom Ei, und außerdem liegt grade mein Hirn brach.“

Doch nun sitze ich hier, trinke mein Bier, der Film fängt gleich an,

doch ich kann mich nicht konzentrieren, muss grad Verse sezieren

und Reime und Rhythmus und so… vielleicht geh ich mal aufs Klo

und schau, was man so tun kann gegen diesen Angriff der Inspiration,

vielleicht ist es ja ein Hohn, das Schicksal will mir was sagen, vielleicht,

dass es auf alle Fragen doch einen Antwortsatz gibt, der wahr ist, natürlich rar ist, doch völlig klar ist, wenn man es so bedenkt, wäre es doch verschenkt und alles im Eimer

bei der Familie Beimer!

Und so steh ich von der Muschel auf, hör auch zum Kuscheln auf,

und setz mich auf meinen hinteren

Sessel.

Ich hab’s so oft versucht, hab das Papier verflucht, die Stifte und den Computer,

wurde rot wie ein Puter, wenn mich mal jemand drauf ansprach,

auf meine Schreiberei, stammelte:

„Nicht das Gelbe vom Ei, und außerdem liegt grade mein Hirn brach.“

Doch wenn man’s recht betrachtet, Ausreden mal verfrachtet oder gleich ganz verachtet,

waren das alles nur lahme Entschuldigungen. Ab jetzt will ich keine Huldigungen,

aber auch keine Duldungen, ich will nur Schreiben, ganz dabei bleiben,

will sie fühlen, die Ketten aus Worten und orten die Gedanken, die sich übermütig ranken,

manchmal werd ich natürlich sicherlich schwanken, werd mich mit mir selbst zanken,

doch ich werd nicht aufhör’n, denn ich habe zu danken: Ihnen, verehrtes Publikum,

für’s Zuhör’n und Applaudieren, ich kriech auf allen Vieren

vor Ihrer Geduld und Toleranz, und ich verbeuge mich tief auch vor der, die grade noch schlief, dessen Nase lief, warum blicken sie schief? Das sind eben meine Gedanken, deren Bilder sich ranken. Sie schauen auf die Uhr? Wie könne Sie nur, wollen Sie sich zanken? Warten Sie auf dem Flur, bis ich hier fertig bin, dann biege ich Sie hin… Wo war ich gleich nur?

Ach ja: Auch DAS ist Literatur.

© Eva Kuntschner, November 2001

Was ich schon immer sagen wollte

Gestern fuhr ich mit der Straßenbahn,

da sah ein Mann mich an,

und dieser Blick gefiel mir überhaupt nicht.

Er schaute mir nämlich nicht gleich in die Augen,

sondern gaffte ganz dämlich zuerst mal auf meinen Busen,

auf alles unter den Blusen und Pullis und Hosen

mit einem ganz großen

und ungenierten Blick.
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Trojanische Geiß

Käthe Silbermann wünschte sich nichts so sehnlich, wie einen eigenen Raum zum Arbeiten, was darin begründet lag, dass sie das Büro mit ihren Kollegen Steg und Földerling teilen musste. Steg, brillant im Steuerrecht, war geruchs- und konturmäßig eine Zumutung an ihr ästhetisches Empfinden. Földerling sah seine Hauptbeschäftigung darin, als penibler Tyrann des Ablagesystems zu regieren. Die Kontakte mit den beiden hielt sie allerdings hauptsächlich deswegen streng begrenzt, weil die Kollegen jederzeit zur Produktion schlüpfriger Luftblasen bereit waren.
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gemeinsam.

eine bildergeschichte

erstes bild:

er und sie sitzen auf einer bank. im park. händchenhaltend.

er, an ihrem ohrläppchen knabbernd, murmelt dabei schwüre ewiger liebe.

sie, augenlider auf halbmast, haucht ein widerständiges „aber“:

jetzt, ja jetzt, aber später, in jahren….?, gibt sie zu bedenken.

und läßt sich von ihm küssen.

immer, sagt er.

und: ewig.

er springt auf, reißt eine blüte aus dem tulpenbeet und kniet vor ihr nieder. als beweis. gemeinsam. weiterlesen

Grand Hotel Steirerhof Graz

Ein Stück österreichischer Hotelgeschichte

Leseprobe

Im Rahmen dieses Wettbewerbs ließ Mathilde Leb einen Teil der Gasträume im November 1958 neu ausstatten. Da bei der Neugestaltung von Gaststättenräumlichkeiten die steirische Volkskunst zum Zug kommen sollte, wurde für die Planung auf die Meinung von Volkskundlern und Kulturhistorikern Wert gelegt. Der von Mathilde Leb beauftragte Architekt Forenbacher hatte dem Raum durch den Einsatz von mattgrauem Nussholz mit reicher Profilierung und Wandarmen und Lustern aus Schmiedeeisen einen warmen Charakter gegeben. Stilechten Bilder mit ländlichen und bürgerlichen Trachtenfiguren aus der Zeit Erzherzog Johanns, ausgeführt von der Grafikerin Erika Pochlatko, gaben der neuen Gaststube eine besondere Note. Dem Gesamtkonzept entsprechend trug auch das Personal Tracht aus der Biedermeierzeit. Grand Hotel Steirerhof Graz weiterlesen

Himmel, Arsch und Zwirn

Auf die Frage, ab welchem Zeitpunkt er sich selbst als ernstzunehmenden Schriftsteller gesehen habe, antwortete der weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannte Autor Max Imilian: ”Ab dem Tag, an dem mir klar wurde, daß man sich nichts scheißen darf.”

Max Imilian, der schon einige Jahre in Irland lebte, konnte und wollte seine steirische Herkunft nicht verleugnen und machte in dem Live-Interview auf Radio Steiermark häufig von deftigen, lokalen Wendungen Gebrauch.
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Gipfelsieg

Es ist vielleicht das einzige Stück Freiheit, das man sein ganzes Leben ununterbrochen besitzt: Die Freiheit, das Leben wegzuwerfen.

(Stefan Zweig)

Von allen möglichen Arten, den 35. Geburtstag zu feiern, habe ich die beschissenste ausgewählt: Ich klettere bei Regen und Nebel auf einen 2300 Meter hohen Berg im Toten Gebirge.

Warum ich das tue? Was ich mir davon verspreche?
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Widmungen

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde“ atmete er auf und setzte sich. „Wie lange haben wir uns nicht gesehen, Maria? Ein Jahr?“
Sie nickte. „Genau ein Jahr, Max Spielmann.“
Dann knallte sie ihm sein Buch um die Ohren, dass es nur so rauschte im Blätterwald.
Er blickte sie traurig an. „Wozu sollte das jetzt gut sein?“ fragte er.
Und sie erzählte ihm folgende Geschichte:

„Stell dir vor, du heißt Maria und dein Ex-Freund hat ein Buch geschrieben, das soeben erschienen ist. Natürlich hast du Interesse an dem Buch, steuerst also zielstrebig in die nächste Buchhandlung, um es dir anzusehen.
Du nimmst das dünne Bändchen, betrachtest es. WIDMUNGEN steht groß auf dem Umschlag, und darunter steht der Name deines früheren Lebensabschnittspartners. Du musst schmunzeln, komisch verwirrt und stolz irgendwie. Ein Name nur für alle anderen, für dich aber: Ein Lächeln, ein Knackarsch, ein Muttermal.
Du drehst das Buch in deinen Händen, riechst daran, liest den Text auf der Rückseite des Umschlags, zögerst das Aufschlagen des Buches noch ein wenig hinaus. Ein wenig aber nur, denn zu groß die Neugierde. Immerhin eine Liebesgeschichte mit dem Titel WIDMUNGEN, könnte schließlich sein, dass …
Du öffnest das Buch, blätterst zweimal um, und tatsächlich, da steht es, in kursiven Lettern: Für Maria.
Kribbeln im Bauch bei dem Wissen, dass in vielen Büchern im ganzen Land dein Name steht, auch wenn kein Mensch weiß, dass du damit gemeint bist. Nach Hause möchtest du jetzt, in die Intimität deiner vier Wände, allein sein mit dem Buch und deinen Erinnerungen.
Zahlst und schlägst den direkten Weg nach Hause ein. Ist das etwa seine Art zu zeigen, dass er dir die Trennung verziehen hat? Dass er dir für die langjährige Beziehung danken will? Dass er dich womöglich immer noch liebt?
Die Telefonzelle kommt gerade recht. Du wählst die Nummer, die jahrelang auch deine eigene Nummer war. Eine junge Frauenstimme meldet sich. „Spielmann Maria“.
Spielmann! Er hat keine Schwester, es muss also seine … Nein, unmöglich. Und du dachtest, …
Legst auf, stürmst aus der Telefonzelle. Stopfst das beschissene Buch in den Mistkübel.“

„Ja, so könnte die Geschichte enden, Max Spielmann“, sagte sie, „aber dann bin ich zurück gegangen und hab das Buch aus dem Mistkübel wieder heraus geholt. Jetzt weißt du, wozu das gut sein sollte. Diente nur meiner Psycho-Hygiene.“
Und dann stand und atmete sie auf und ließ ihn zum zweiten Mal und nun endgültig sitzen.

© Karl Hofbauer 2002

Stinkefinger

Jedesmal, wenn wir am Bischöflichen Gymnasium und Internat in der Grazer Grabenstraße vorbei fahren, steckt mein Feund Konrad seinen ausgestreckten Mittelfinger aus dem Autofenster. Ich muss gestehen, ich liebe diese Geste. Mir selbst war meine Schule schon während der Schulzeit ziemlich egal, seitdem sowieso. Um so lustiger finde ich es, dass Konrad sich über all die Jahre seit der Matura die Mühe macht, das Autofenster runter zu kurbeln und mit verkniffenem Gesicht dem ehrwürdigen Prunkbau seinen Stinkefinger entgegen zu halten.
Offenbar hat sich in den acht Jahren seiner Internatszeit einiges an Aggressionen aufgestaut.
Diesmal kommen wir von einer Skitour aus der Obersteiermark zurück. Wir waren zu viert am Lugauer. Sensationeller Skitourenberg. Super Wetter. Recht lange Tour: 1700 Höhenmeter. Geri fährt, Konrad am Beifahrersitz, Ralf und ich sitzen hinten. Konrad hat schon längere Zeit nichts gesagt und sitzt zusammengesunken da. Wir fahren in der Grabenstraße bereits an „Caritas“ und „Brücke“ vorbei, es wird also langsam Zeit für Konrads Stinkefinger. Sicherheitshalber beuge ich mich vor und sage:
„Konrad! Vergiss nicht, den Finger“.
Er schreckt hoch, blickt verwirrt um sich, realisiert seinen Standort, kurbelt das Fenster hinunter und hat noch rechtzeitig seinen hochgereckten Finger draußen. Irgendwie fehlt aber der Enthusiasmus früherer Tage. Oder liegt es daran, dass er noch etwas schlafdamisch ist?

Ich saß mit meinen Eltern im Zimmer von Schwester Raphaela. Sie drehte sich zu mir und sagte in ihrer süßlichen Stimme: “ Wir werden gut auf Ihren Buben aufpassen. Du wirst sehen, es wird dir sicher gefallen bei uns.“ Ein kurzer Blick auf ihre Unterlagen, bevor sie hinzufügte: „Konrad“.
In diesem Augenblick, als mir die ausgedörrte alte Frau im schwarz-weißen Gewand versuchte zuzulächeln, schwoll mir ein Knödel im Hals, dass ich fürchtete, ersticken zu müssen. Erst als sie sich wieder weg drehte, war es mir möglich, weiter zu atmen.

Konrad hat noch rechtzeitig seinen Finger draußen, und Geri, Ralf und ich grinsen wie immer übers ganze Gesicht. Wir alle lieben unsere Gewohnheiten, aber ganz besonders lieben wir die verschrobenen Gewohnheiten unserer Freunde. Konrads Stinkefingerritual gibt mir das Gefühl, ihn wirklich zu kennen, besser als seine Eltern beispielsweise, die nichts davon wissen.

Meine Eltern und der Pfarrer unseres Heimatortes, der uns mit seinem Auto in die Landeshauptstadt gebracht hatte, gingen zum Ausgang. Ich stand da, unfähig, mich zu bewegen, unfähig, etwas zu sagen, und blickte ihnen nach. Ich sah meine Mutter, wie sie von mir weg ging, und mich mit knapp elf Jahren zurückließ in diesem großen fremden Haus, in dieser großen fremden Stadt, allein ließ unter 300 fremden Schülern, und der Abschiedsschmerz, den ich in diesem Augenblick empfand, war größer als jeder andere Schmerz, den ich in meinem Leben bis zu diesem Zeitpunkt verspürt hatte.

Konrad sitzt da, hält seinen Finger in die kalte Februarluft und blickt ins Leere. Woran denkt er, wenn er an diesem Gebäude vorbeifährt, in dem er acht Jahre seines Lebens verbracht hat? Eigentlich kenne ich Konrad nicht wirklich, weiß nichts über seine Vergangenheit, über seine Jugend, sein Aufwachsen. Gelegentlich gemeinsame Ski- oder Klettertouren, ab und zu ein paar Biere im Kommod, bei Studentenfesten nach durchkiffter Nacht Umarmungen und Beteuerungen ewiger Freundschaft. Aber was war davor? Was hat das Kind Konrad zu dem 25-jährigen Konrad gemacht, den ich kenne?

Er hieß Erwin, war der Sohn eines Fleischermeisters und Gastwirtes aus der Weststeiermark. Dass er zuhause bis zum Eintritt ins Internat reichlich Fleisch bekommen hatte, war ihm deutlich anzusehen. So dick und rund und rosig glänzend war Erwin, dass er in der Auslage der elterlichen Fleischhauerei als Ausstellungsstück gute Figur gemacht hätte. Als knapp Elfjähriger wog Erwin bereits 60 Kilogramm, ein Brocken von einem Kind war er. Versteckt hinter dicken rotglänzenden Wangen kullerten gehässige braune Schweinsäuglein. Die feuchten fleischigen Lippen umspielte das dauerhafte Lächeln des Tyrannen. Erwin wusste ganz genau, dass keiner von den Primanern gegen ihn ankam. Er war der mit Abstand Größte in unserer Klasse. Er war stärker, schwerer und gemeiner als alle anderen. Dementsprechend kuschten alle vor ihm, und er genoss es, aber er genoss es mit einem gelangweilten Lächeln. Und wenn ihn seine Position der Allmacht allzu sehr langweilte, verprügelte er mich.
Warum Erwin gerade mich als seinen „Spielball“ ausgewählt hatte, war nicht ganz klar. Vielleicht lag es nur daran, dass wir zufällig zur gleichen Zeit gekommen und daher demselben Zimmer zugewiesen worden waren, wo ich in Erwins Schweinsaugen sogleich ein gehässiges Aufblitzen zu sehen vermeint hatte? Oder lag es vielleicht auch daran, dass Erwin mich nicht nur wegen meiner körperlichen Schwäche verachtete, wegen meiner dünnen Arme und Beine und meines Babyspeckrestes, der sich als Schwimmreifen um den Bauch und kleiner Bubenbusen manifestierte, sondern auch wegen meiner ärmlichen Verhältnisse? Die beiden Dinge, die in Erwins Universum etwas galten, waren Kraft und Geld, und beides besaß er reichlich. Sowohl physische als auch materielle Stärke.
Ich erinnere mich an eine Situation in der ersten Klasse. Es war Donnerstag und gerade Pause zwischen dritter und vierter Stunde. In der dritten Stunde hatten wir unsere Deutschschularbeiten zurück bekommen. Ich hatte wieder einen Einser, Erwin wieder einen Fleck. Erwin war stärker, reicher, gemeiner, aber der Schlauere von uns beiden war eindeutig ich. Das war neben meiner körperlichen Schwäche und meiner ärmlichen Herkunft ein weiterer Nachteil, denn Erwin fühlte sich leicht provoziert.
„Konradburli, was lachst du denn so deppert, wenn ich einen Fleck von der Lehrerin zurück bekomm?“
„Aber ich hab doch überhaupt nicht gelacht“, sage ich, wissend, dass es nutzlos ist.
„Aber sicher hast du gelacht, wir haben’s doch alle gesehen. Oder, Schober?“
Der angesprochene Schober, ein kleiner Unscheinbarer, mit dem ich mich recht gut verstehe, sieht mich entschuldigend an und nickt.
„Was sagst du?“ sagt Erwin und greift sich an die Ohren, „ich kann dich nicht hören.“
„Ja, der Konrad hat gelacht, als du deinen Fünfer zurück bekommen hast“, murmelt Schober mit gesenktem Blick.
Komisch. Ich weiß, ich werde jetzt gleich Dresche kassieren, dennoch empfinde ich Mitleid mit Schober.
„Siehst du“, sagt Erwin, „sogar der Schober hat gesehen, dass du gelacht hast.“
„Na ja, dann wird’s wohl stimmen“, will ich sagen, aber da schlägt mir Erwin schon mit dem Handballen ins Gesicht. Meine Brille fliegt davon, meine Nase beginnt zu bluten. Ich gehe auf die Knie, um die Brille zu suchen. Die Tür geht auf, der Religionslehrer betritt die Klasse.
„Hanfbauer, was tust du da am Boden?“
„Ich suche meine Brille.“
„Und wieso blutest du dabei aus der Nase?“
„Der Erwin hat mich geschlagen.“
„Stimmt das, Ebenstein?“
„Nein“, sagt Erwin.
„Ach, mit euch ist das ein ewiges Gfrett. Könnt ihr euch nicht wie zivilisierte Menschen benehmen? So, jetzt schlagen alle das Religionsbuch auf Seite 24 auf. Du auch, Hanfbauer, wenn du deine Brille gefunden hast.“
In dem Text auf Seite 24 geht es um Nächstenliebe.

Das Bischöfliche Gymnasium und Seminar ist vorbeigezogen, Konrad kurbelt das Autofenster wieder hinauf. Durch die aufgewirbelte Luft und die Frischluftzufuhr bemerken wir, wie schlimm es im kleiner 205er von Geri stinkt. Vier verschwitzte Erwachsene und acht verschwitzte Skitourenschuhe im durchladbaren Kleinwagen geben schon was her.
„Hab ich euch eigentlich mal erzählt, was mir in der Zeit im Bischöflichen am meisten gestunken hat?“ fragt Konrad vom Beifahrersitz.

An einem lauen Maiabend in meinem dreizehnten Lebensjahr saß ich in der hintersten Bankreihe der Internatskirche im Dämmerlicht und weinte. Ich befand mich am Beginn der Pubertät, war noch mehr Kind als Jugendlicher, und hatte mir meinen tiefen kindlichen Glauben bewahrt. Ich glaubte an Gott und die heilige katholische Kirche, aber unreine Gedanken hatten sich seit kurzem in meine Träume geschlichen und stellten meine Unschuld auf eine harte Probe. Mit dreizehn war nichts mehr so einfach wie mit zwölf. Ich hatte begonnen, zu sündigen. Richtig zu sündigen, nicht eine kleine Notlüge hie oder da. Die große Sünde hatte ich begangen, vor der uns sowohl der Regens des Internats, als auch der Spiritual und die Präfekten bei Einkehrtagen wiederholt gewarnt hatten, die furchtbare Sünde hatte ich begangen und ich hatte es genossen. Selbstbefriedigt hatte ich mich, und ich litt unter meinem schlechten Gewissen, vor allem, weil ich die Sünde selbst so ausgekostet hatte. Mein einziger Trost – und Linderung meines schlechten Gewissens – war die Tatsache, dass ich meine Verfehlung alleine begangen hatte, mir nicht dabei hatte helfen lassen von einem Klassenkameraden, was laut unserer Erzieher auch vorkam, mir selbst aber unvorstellbar und in keinster Weise wünschenswert erschien. Ich war ein schwabbeliger 13-Jähriger, verabscheute meinen dicken weißen Körper und empfand schon das gemeinsame Duschen nach dem Turnunterricht als unerträglich peinlich. Mich dabei beobachten zu lassen, wenn ich an meinem Zipfel herumrubbelte, verursachte bereits in der Vorstellung Magenschmerzen. Nein, so weit war es nicht gekommen. Aber das war ein schwacher Trost. Ich glaubte an Gott, ich glaubte daran, dass er alles sah, und ich glaubte unseren Erziehern, die behaupteten, dass Selbstbefriedigung eine der größten Sünden sei. Ich hatte also gesündigt, Gott hatte es gesehen, und mein einziger Wunsch war, mich wieder rein zu waschen. Und genau das hatte ich eben getan. Ich hatte gebeichtet, und der Priester im dunklen Beichtstuhl hatte mir wider Erwarten die Absolution erteilt. Ich war überglücklich, ich war so froh, von dieser Last, dieser Bürde, dieser Schmach befreit zu sein, dass ich mich unmittelbar nach der Beichte in die hinterste Reihe der Internatskirche setzte und vor Erleichterung und Dankbarkeit weinte.

„Zwischen der heutigen Skitour und meiner Matura liegen mehr als sieben Jahre, das heißt, diesen Abend in der Internatskirche habe ich vor etwa zwölf Jahren erlebt.“ Konrad lockert seinen Gurt und dreht sich zur Seite, damit wir ihn besser verstehen können. „Es ist mir nahezu unmöglich, zu glauben, dass das wirklich ICH war, der damals in der Kirche saß und weinte. Der Gedanke an dieses verwirrte und von schlechtem Gewissen geplagte Kind hat so gar nichts mit mir als Erwachsenem zu tun. Die römisch-katholische Kirche hat keinerlei Einfluss mehr auf mein Leben, und auf die Art und Weise, wie ich es gestalte. Wenn ich heutzutage Lust danach habe, masturbiere ich, und ich genieße jedes einzelne Mal, und ich genieße es vor allem ohne schlechtes Gewissen. Und damals? Damals weinte ich vor Dankbarkeit, weil Gott mir diese furchtbare „Sünde“ verziehen hatte. Versteht ihr? Die Einflüsterungen unserer Erzieher bezüglich Selbstbefriedigung haben mich schlaflose Nächte gekostet, haben mich leiden lassen, so sehr, dass ich in dieser Kirche saß und weinte, weil mir diese Sünde verziehen worden war. Wenn ich nur daran denke, spüre ich wieder den alten Hass in mir aufsteigen.“
Konrad schluckt, setzt sich wieder gerade hin, stiert durch die Windschutzscheibe.

Während meines vierten Jahres im Internat schaffte das BischGym in der Adventzeit den Sprung auf die Titelseite der Kronenzeitung.
„INTERNATSSCHÜLER SPRINGT IN DEN TOD“ lautete die Schlagzeile. Darunter war ein Foto von Erwin zu sehen.
Ich lernte daraus zwei Dinge.
Erstens: Glaube nie, was in der Kronenzeitung steht. Erwin war zwar tatsächlich gesprungen, aus dem vierten Stock noch dazu, aber es hatte nicht ausgereicht. Während die Kronenzeitung mit seinem kolportierten Tod die Auflage hinauf schraubte, lag Erwin im LKH im Koma und kämpfte mit ihm. Vierzehn Wochen dauerte der Kampf, und wie so üblich bei Kämpfen hieß der Sieger Erwin. Nach diesen vierzehn Wochen war er „über dem Berg“, wie man so sagt. Insgesamt verbrachte er aber acht Monate im Krankenhaus und musste unzählige Operationen über sich ergehen lassen. Als er es wieder verlassen durfte, war klar, dass sich seine schulische Leistungsfähigkeit durch den Aufprall am Lehrerparkplatz nicht verbessert hatte, und er wechselte in eine Hauptschule im Bezirk Deutschlandsberg, wo er die vierte Klasse wiederholte. Ich habe ihn seit dem Tag seines Selbstmordversuchs nicht mehr gesehen.
Das Zweite, was ich daraus lernte, klingt kitschig, aber es ist trotzdem wahr: Du kannst Macht besitzen, Kraft besitzen, und noch so viel Geld, nichts davon kann Liebe ersetzen. Ich war klein, schwach, dick und stammte aus ärmlichen Verhältnissen, aber ich hatte Freunde im Internat, die mich trotzdem, die mich also wirklich mochten. Erwin hatte keinen Abschiedsbrief hinterlassen, nur einen hingekritzelten Satz im Klo, aus dem er gesprungen war:
Kainer mag Mich!

„In dem monatlichen Betrag, den Sie zu zahlen haben, ist alles inkludiert“, hatte Schwester Raphaela gesagt. „Neben der Unterbringung im Internat und den drei Mahlzeiten täglich gibt es außerdem noch für die Erstklässler abends eine Gute-Nacht-Geschichte, zwei Mal eine Jause, die hauseigene Wäscherei, und natürlich die pädagogische Betreuung und religiöse Erziehung Ihres Sohnes rund um die Uhr. Das alles in einer Atmosphäre der Liebe und Brüderlichkeit. Natürlich kostet das viel mehr, als Sie bezahlen, aber für den Restbetrag kommt die Diözese auf, da wir doch große Hoffnung in unsere Knaben setzen, was den Priesternachwuchs angeht.“

„Hab ich euch eigentlich schon von den Ausgreifereien erzählt?“ fragt Konrad, „und von Roberts Alkoholvergiftung während der Exerzitien in der 7. Klasse, und von Patricks Ladendiebstahl bei der Romreise, und dass Oliver in der 8. Klasse von der Schule geschmissen wurde, nur weil er einmal um drei in der Früh beim Einsteigen durch den Physiksaal erwischt wurde? Fünf Wochen vor der Matura von der Schule verwiesen. Diese Schweine.“
Wir drei schütteln den Kopf. Unser heutiges Ziel ist der Kerschkernkogel im Triebental. Wir fahren soeben am Nordrand von Graz auf die Autobahn auf. Es ist angenehm, um halb sechs Uhr morgens im warmen Auto von Geri zu sitzen, nicht sprechen zu müssen, sich auf eine Skitour zu freuen, und nebenbei einen Freund besser kennen und verstehen zu lernen.
„Dann schieß mal los, Konrad“, sage ich, lehne mich zurück und schließe die Augen.

© 2002 Karl Hofbauer

erschienen im Herbst 2002 auf der Website des Radiosenders FM4

Toleranz (Was ich nicht mag)

Was ich nicht mag, sind Leute, die Arbeit zu ihrem Gott erheben,
die leben, um zu arbeiten, anstatt arbeiten, um zu leben.
Die jene verachten, die nicht 40 Stunden oder mehr
pro Woche in der Firma schmachten.
Die sich ersatzbefriedigen mit großen Häusern, Autos und Jachten,
die (Lebens)-Künstler als Sozialschmarotzer verachten,
die wissen, Arbeit bringt Geld,
und glauben, wenn man viel davon zusammenspart,
dann sei damit Glück zu pachten.
Ich mag sie nicht besonders, aber bitte,
jeder auf seine Art.

Was ich nicht mag, sind Leute, die mir sagen,
was und wen ich mögen soll.
Die meine Art zu lieben zu beschränken wagen.
Ich aber sage euch:
So viele Liebesarten gibt es, wie es Menschen gibt,
und wie, was, wen man liebt, geht niemand sonst was an,
Hauptsache, dass ich’s kann: Lieben.

Was ich nicht mag, sind Medien, die suggerieren,
dass man dies und jenes braucht, um cool zu sein.
Und viele fallen darauf rein, kaufen Statussymbole zuhauf.
Ins Haus kommen nur Dinge mit bekanntem Logo drauf,
produziert von Kindern ohne Zukunft, aber mit Wasserbauch.
Hauptsache man ist cool, und das billig, und vielleicht mit Rabatt.
Die Werbung und den Menschen, der auf Kosten anderer spart,
mag ich nicht besonders, aber bitte,
jeder auf seine Art.

Was ich nicht mag, sind Leute, die mir sagen,
ob meine Art zu leben richtig ist.
Die „Es gibt nur einen Weg dafür“ zu behaupten wagen.
Ich aber sage euch:
So viele Lebensarten gibt es, wie es Menschen gibt,
und wie, was, wen man liebt, geht niemand sonst was an,
Hauptsache, dass ich’s kann: Leben.

Außerdem mag ich keine Leute, die andauernd motzen,
die, egal, ob gestern oder heute – und das find ich zum kotzen –
nichts anderes zu reden wissen, als das, was er und sie nicht mag.
Ich mag sie nicht besonders, aber bitte,
jeder nach seiner Art.

© 2002 Karl Hofbauer
erschienen auf http://www.akstmk.at –> Finale Rap-Text-Wettbewerb bzw. auszugsweise in „Megaphon“, Nr. 81, Juni 2002