Chlorid

Draußen der Nebel, und ich sitze seit viereinviertel Stunden auf meiner blauen Couch. Es dämmert. Ich höre mich atmen.

Ich mag diese Couch. Die Lehnen sind schräg. Man kann sich bequem nach hinten lehnen. Vor viereinviertel Stunden habe ich die Handflächen neben meine Oberschenkel gelegt. Dort sind sie immer noch. Wenn ich etwas bewege, dann hauptsächlich die Augen und nur wenig den Kopf.

Das Wohnzimmer ist geräumig.

Links die drei Fenster. Keine Vorhänge, keine Jalousien. Ich habe in der Regel nichts zu verbergen.

Rechts die Wohnküche.

Weiße Kästen, alles sauber. Ich habe in der Regel nichts zu kochen.

Hinter mir eine Wand mit dem gemalten Bild. Wenn ich mich umdrehte, könnte ich es sehen. Aber das tue ich lieber nicht. Vor viereinviertel Stunden ist es noch da gehangen. Wenn es jetzt fort wäre, es würde meine Situation verkomplizieren. Darum denke ich mir, dass es noch da ist. „Chlorid“ weiterlesen

Die Archäologin – Leseprobe

Die Skelette.

Die Erde hält seit Jahrtausenden die Knochen fest, fixiert ihre Körperhaltung, die Momentaufnahme Sterbender. Eine Frau, ein Mann, die Kinder. Eine ermordete Familie.

Vier Meter über ihnen wuchert eine Wiese mit kniehohen Grashalmen, saftigen Brennnesseln, Löwenzahn und Disteln. Grillen sind laut, und heuer gibt es viele Schnecken. Es ist ein kleines Stück Land, das niemanden interessiert und wo niemand hinkommt, denn was hat man schon hinter der Friedhofsmauer zu suchen, bei all den Brennnesseln und den Insektenschwärmen? Man würde nur vermoderte Kränze oder gebrochene Kerzenbecher aus rotem Plastik finden, die von den Friedhofsbesuchern nach Allerseelen über die Mauer geworfen wurden.
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Zuggeschichte

Ein fiktionaler Extrakt einer Autobiographie

Zuggeschichte

Sie studierte Literatur. Aber viel lieber studierte sie das Leben. So saß sie eines Tages im Zug nach Graz, nahm ihre Mappe über Britische Literatur des 20. Jahrhunderts heraus und tat so, als ob sie lernen würde. Im Abteil, einem geschlossenen Abteil der Österreichischen Bundesbahnen, saßen außerdem drei Frauen, eine wesentlich jünger als sie, mit pinkgefärbten, kurzen Haaren und einigen Piercings, und eine Braunhaarige (aber irgendwie auch nicht naturecht ), die scheinbar etwa gleich war alt wie sie, was man heutzutage ja nicht mehr so genau schätzen kann. Die dritte Frau war wesentlich älter, mit ersten grauen Haaren – naturecht. Diese unterhielt sich mit der Frau mit den braunen Haaren über Schwarze. Afrikaner. “Ja, das is halt so wie bei uns. Da gibst auch schöne und net so schöne Männer. Der von Herzblatt, der Moderator, der g‘fällt mir.“ Wobei die jüngere Frau meinte: “Schweizer sind fesch“. „Zuggeschichte“ weiterlesen

Secret Lover Industry

She works for the Secret Lover Industry,
the SLI,
creeps out at night to do her job in
cheap hotels, or luxury ones
– depending –
meeting him at
secret corners,
secret park benches
on a rainy day,
in foggy nights.
She works with more or less delight.
Her code name is ‘business meeting’,
‘sports club’, ‘traffic jam’,
‘exhaustion’.
Her working dress is stunning,
her lip-stick less deceptive
than a contraceptive.
She’s always needed, when she is there.
Her rewards are flirtations, sex,
or bar-seat-chats, a ride into the
country-side, a bundle of
compliments to feed on
in lonely nights.
Her contract may expire,
but never her desire for
the man she will never earn.
Their love is not meant to
be sanctioned, by the church,
or children, if they knew,
by spouses, who pretend
to have no clue.
But there she walks, or takes the bus,
the tube, the tram, or even plane,
clinching to her hand-bag filled with contraceptives,
make-up, tissues – for potential
break-ups.
She works in the most unexpected places.
Sometimes her work is art, when she
mends lonely heArts with pieces of
her own that will never be replaced.
She works for the Secret Lover Industry,
like so many others, who could not
find a better job, or did not want to,
or never cared, or had no choice.
They are Love’s outcasts, Love’s slaves,
Love’s part-time-only.
But they are devoted and
sometimes, sometimes,
they are truly loved.

Vortex

(W)VORT(D)EX

(Am Anfang war das Wort)

What vortex of images and sounds

My brain contains

Like a tornado it sweeps across my

Mental landscape and

Leaves me unsettled

Off the coast and off the

Shores ship-wrecked in my

own cacophonious songs

I drown in my bewilderedness

of silent dissonance

I burst my lungs with

vocal disasters

my chest explodes

explodes

I  ->  dIe(ye)

no sign

no song

remains

but

in my dreams I shelter opera stars

haunted by Verdi, the  good old chap,

lurking

behind the curtains

“Applause” “Applause”

ClapClapClapClapClapClap

“Bravo”

I scream:

“Ice cream“

I laugh

And fill my lungs with air

I look at the sky and

suck in the atmosphere and

shout:

B L U E

And the sky reddens

And darkens

And the stars shine

And speak to me of

Their existence in the distance

And I see each of them

Children of the Evolution

Blasted too

And I start  out  to eat them and

Taste their  Milky Way substance and

Giggle and get hungry for the planets

And I eat them too:

one by one, two by two, by three

Mercury

Venus

Earth, Mars

Jupiter, Saturn

Uranus, Neptune, Pluto

SUN I ate you too

MOON, how I loved you!

And everything stops spinning

And       everything    succumbs

And everything disappears

Into the vortex of

Images

and

Sounds

I

D

R

O

W

N

© Martina Pfeiler 2002

Das war schon ein komisches Gefühl …

Das war schon ein komisches Gefühl, als ich ihr sagte, dass ich sie betrogen hatte. Ich kann nicht unbedingt sagen, dass es mich sonderlich viel Überwindung gekostet hatte, aber irgendwie war das schon auch neu für mich. Ich meine, ich hab das schon länger gewusst, dass ich es ihr sagen würde, aber geplant, wann, wie, warum eigentlich es ihr überhaupt sagen, nicht wirklich. Aber sie hätte das irgendwann sowieso herausgefunden. Also warum ihr das nicht selbst sagen. Ist irgendwie auch einfacher jemanden mit solchen Dingen zu überraschen, als selbst von ihnen überrascht zu werden. Jemanden zu betrügen ist ja nicht gerade Weihnachten oder Geburtstag. Vielleicht aber manchmal genauso belanglos.
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Räuberschlacht oder das Rezept

Vor vielen, vielen Jahrhunderten, eigentlich nur vor vier Jahrhunderten und ein paar Dekaden, in einem fernen, aber bereits sehr modernen Land, gab es einmal einen unanständig attraktiven Joachim Jürgen Hans Peter Jochen und einen vollkommen unscheinbaren Boso. Beide ihres Zeichens Lehrlinge und in ihren Wanderjahren. Damals waren Wanderjahre wirklich hart, hatten meist nichts mit parteipolitischen Jahreszeremonien zu Beginn des Wonnemonats Mai zu tun, dauerten dafür aber umso länger. Joachim Jürgen Hans Peter Jochen und Boso hatten sich an einer Wegkreuzung ihrer Wanderjahre getroffen und schlugen gemeinsam nach kurzem Personalienexchange der Wegkreuzung ansehnlichstes Kind ein.
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Altes Rein und Raus

Mechthilde, Wiltrud und Thilo waren Synchronsprecher eines österreichischen Pornovideoringes. Davon wussten aber nur sie selbst und ihr Arbeitgeber. Amtlich war man Reinigungspersonal. Viel hatte man sich nicht zu erzählen, trug man doch die gleiche Alltagslast, wie jeder andere. Das ist so, altert man an. Rein ins Leben und irgendwann mal wieder raus. Man lauschte da lieber der Seufzerei Österreichs. Nur zuhören, gleichmäßiges Kopfnicken, kein Kommentar.
„Altes Rein und Raus“ weiterlesen

Sommerexodus

Die Augenbrauen verloren ihre Sinnhaltigkeit. Der Schweiß rannte über die angespeicherten Haarbüscheln, links und rechts an ihnen vorbei und brannte schließlich in den Augen. Mit dem nackten Handrücken den Schweiß wegzuwischen war vergebens, da genauso voller nassem Salz und das T-Shirt sowieso schon durchnässt. Ein typischer Stadthochsommer eben. Nur aus den offenen Kellern der Altbauten kam so etwas wie ein Strom gruftiger Abkühlung. An den Kellerfenstern blieb ich auch gerne stehen und sah, wie die heißen Autodächer zu brennen schienen. Dann starrte ich in das dunkle Loch eines Kellers und der Teufel hätte unten sitzen können, um mich zu fotografieren, oder der Tod selbst um mich auszulachen, ich sah nur Schwarz, da die Pupillen atomisch klein. „Sommerexodus“ weiterlesen

immer am sonntag

die tage sind lang
sehr lang
dauern
von nacht
bis nacht
bis nacht
immer lächeln
gelingt mir
nicht

die menschen
die kommen
sind seltsam

oft

viele kennen mich
sagen
ah sie zu sehn
wie ein sonnenstrahl

ich denke nicht darüber nach

ich gebe kaffee und kuchen
manchmal brot
öfter nichts
dann hör ich nur zu

dann schließ ich die augen
und höre zu

elli kommt immer
sie trägt ein gelbes stirnband
über die ohren rutscht es
drückt die frisur in den himmel

sie bringt eigene
papiersackerl mit
und sagt
man spart wo man kann
spart man
jaja
und ihre stimme
rutscht in den himmel
wie ihre frisur
jaja
so ein hübsches kind
jaja

der sonntag und ich
eine zweckgemeinschaft
geliebt und gehaßt
der sonntag haßt mich
das gefühl hab ich manchmal
er liebt mich auch
seltener
liebt er mich

wenn ich aufpasse
erkenne ich die menschen
wie sie auf und ab laufen
wie sie unsicher sind
wie sie nach ihrem geld suchen
wie sie nicht den unterschied kennen
zwischen cappuccino und melange

ich erkläre
ruhig
mit tiefer stimme

die frau
die alle preise wissen will
jeden einzelnen preis
dazwischen immer aha! sagt
mit dem finger
in die vitrine zeigt
und das? fragt
aha
und DAS?
ich erkläre
(ruhig
mit tiefer stimme)
dann
trinkt sie eine flasche bier
jedesmal
dieselbe
prozedur

sie trinkt bier und schaut grimmig
so grimmig
nur einmal
da hat sie gelächelt
als ich zu singen begann
in meinem leeren laden
nur sie und ich waren da
und das gebäck
und da sang ich
das heideröslein für sie
und da hat sie gelächelt
was grotesk wirkte
die linien um ihren mund
die harten linien
die sträubten sich
die wehrten sich
und als sie es bemerkte
da sagte sie
halt dein maul

und ich sang weiter
unbekümmert
bis sie ging.

© 2002 Lisa-Maria Lienbacher

Kellergedichte

lyrik aus dem dunklen keller I

scheint keinen platz
zu geben neben der säule
im innren vibriert sie still
und heimlich will sie ja
zerbrechen will und kann
nur nicht aus ihrer
haut aus glas
aus glattem glas.

 

lyrik aus dem dunklen keller II

im auftrag welches herrn
kassandra
meine seele
spielst du die
späherin
erhebst die stimme bebend
und gewichtig zeigst du
mir den rechten pfad?

vergebens sind die mühen
bäum dich nicht
auf sollst embryonengleich
verharren nein noch
kleiner leiser so
schweig still ja nicht
einmal dein herzschlag
darf noch sein du
seelchen wirst zum vakuum
es hört dich
niemand flüstern atmen
psch psch
liebes
gutes kind

© 2002 Lisa-Maria Lienbacher