im auge

I.

der zeitpunkt wahllos
an die andersartigkeit gerieben
schwankt der druck ein ausbruch
plötzlich einbezogen alles
wie gewichtlos mitgerissen ohne
selbst zu atmen füllen sich die
lungen dennoch träge widerständig
ein zuviel ist nicht genügend haltung
gibt es nicht mehr dehnung in
zu runden kreisen vorgesorgt
die töne auf der zunge
festgesetzt doch eh der mund
sich öffnet geht der schrei verloren

II.

sie aus mir gerissen jetzt
zwei silben nur bedrängen
fäden in mir rachenwärts
gerichtet eine reise nein
ein schritt aus mir die
lautheit nebensächlich
arme seitwärts an die linien
gelegt die einst gezeichnet waren
heute nur verwaschen von den
trüben blicken rot ummantelt wirble
ich elliptisch fasse nichts du
hilfst nicht weiter hand ich
wünsche mir ein fremdes
herz das ja sagt

III.

beizeiten neu:
entwicklung fange mich in momentaner
stille bevor die wieder
kreiselung bekannte luft mir in die
öffnungen der hülle drückt wie friedensreiche
hummeln: ausschwarm einzelner fragmente
zwanghaft weiterwerdend unentschlossen
einen ausweg suchend: kaum zu
fassen wieder in ein zentrum tauchen dort
sich sammeln und das innen
wie das außen machen wo die alt:
entwicklung früher war

IV.

in der ahnung: keinerlei
beachtung folgenschwerer schritte
die nicht selbständig mich führen:
gibt es doch den pol genannt das
auge meisterlich verborgen aber
greifbar dennoch nie in solchen
wirbeln umgekommen in der
ehrlichkeit mit roten fäden
festgedacht und eins geworden wie
die puppe hölzern tanzend mit
der hand des fremden was führt
mich in stillere gewinde?

V.

betäubt durch ein
gewissenhaftes später pläne
sickern sehen unbegründet
schattenbilder wiegen
die nie auf meiner seite
neigung nehmen unversucht
gelassen alles greifbar
nahe kaum gesichtet in
den umkreis mitgegeben bald
verschlungen selbstauflösung stück
für stückchen aufgenebelt denn so
willst du es in definierten
winkeln mit geraden summen
hallt sie lautlos wider.

© 2003 Lisa-Maria Lienbacher

Mein ganz persönlicher Fragenkatalog

Ich hätte da mal ein Anliegen.

Entschuldigen Sie, wenn ich störe,

aber mich würden da so einige Sachen interessieren.

Ich würde zum Beispiel gerne erfahren,

ob Sie die Augenfarbe Ihres besten Freundes kennen.

Oder ob Sie wissen, wieviel Stück Zucker

Ihre Großmutter zum Kaffee nimmt.

Ob Ihre Frau Rosen auch wirklich mag.
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The Wait

I dream in the light of thy dying day

of soups and of milkshakes,

of comforting blankets

and of the freedom to choose the time of the dawn.

The night, it creeps up from behind a dark curtain

of roses and freedom,

and renders its loot,

drops the stars at your feet in the last breath of coming.

The coffee cups are ready, steaming

a yawn,

yielding the promise of a dawn to remember,

forever,

wherever that is.

I sit at the table armed with love for the dying

day and your body

wrapped in grass

and in leather, in the breath of a dream I have long stopped to dream.

The front door is tired of my looks, my desire

for you and the promise

of a warm cup of sand

in my fingers, my hands you have bound with your call.

On the rim of the wineglass

I can remember your fingers,

can remember your lips.

Wherever they are.

© eva, oct. 00

Ein Feen-Märchen

In der Nacht, in der ein Schwarzes Loch in unserer Beziehung auftauchte, erzählte ich dir ein Märchen über Feen.  Wie alle Naturphänomene war es anfangs schwer zu erklären, zu verstehen; es würde Monate und Jahre an Nachforschungen und Grabungen brauchen, mit Schaufeln und Löffeln und manchmal sogar mit Fingernägeln.

Kann die Blutkruste größer sein als die Narbe?
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Kaleidoskop

Ein Kaleidoskop

aus Wahrheit und Lüge, aus Bildern gemalt

mit dem Bedürfnis nach

Perfektion.

Ketten der Erinnerung

an deinem geistigen Bein,

und mit jedem Schritt in die Ferne verbreiten sie

ein Aufflackern von Erinnerungen aus Katzensilber.

Erkennende Verständnislosigkeit,

wichtige Zeichen, bedeutungslos,

ein Wollfaden im Labyrinth der

großen, ach so großen Welt.

Oft wünschst du, du könntest es abnehmen,

das Kostüm der Entfernung, den Panzer der Zugehörigkeit,

wie das Cape, den Zylinder des Gauklers,

in die Ecke geworfen nach dem Verlöschen des Scheinwerferlichts.

Doch sobald du ihn löst, den Verschluss, der das Cape hält,

du wie in Verehrung den Hut ziehst vor einem nicht immer gewogenen Publikum,

da trifft er dich ins Gesicht, ins Herz, ins Gehirn, der Novemberwind

des gewählten Exils.

© Eva, Jan. 99

Der Versuch

Mich hat gerade die Inspiration überfallen, ohne Warnung, mir fehlt es wohl an Tarnung,

oder an Konsequenz in meiner Existenz, was das Nichtstun betrifft.

Ich hab’s mir gerade bequem gemacht auf meiner Couch mit einer Tafel Schokolade,

der Film fängt gleich an, ich merk’s, wie ich mich entspann –

doch nein! – das kann doch sein, mir fällt gerade was ein,

überwindet die Balustrade in meinem Hirn.

Ich hab doch gesagt, ich schreib nie wieder was, denn ich kann es nicht,

ihnen gerecht zu werden, den Beschwerden des Seins und des Meins und Deins –

und schon gar nicht den unsren.

Und so hab ich es versucht, hab das Papier verflucht, die Stifte und den Computer,

wurde rot wie ein Puter, wenn mich jemand mal drauf ansprach,

auf meine Schreiberei, stammelte:

„Nicht das Gelbe vom Ei, und außerdem liegt grade mein Hirn brach.“

Doch nun sitze ich hier, trinke mein Bier, der Film fängt gleich an,

doch ich kann mich nicht konzentrieren, muss grad Verse sezieren

und Reime und Rhythmus und so… vielleicht geh ich mal aufs Klo

und schau, was man so tun kann gegen diesen Angriff der Inspiration,

vielleicht ist es ja ein Hohn, das Schicksal will mir was sagen, vielleicht,

dass es auf alle Fragen doch einen Antwortsatz gibt, der wahr ist, natürlich rar ist, doch völlig klar ist, wenn man es so bedenkt, wäre es doch verschenkt und alles im Eimer

bei der Familie Beimer!

Und so steh ich von der Muschel auf, hör auch zum Kuscheln auf,

und setz mich auf meinen hinteren

Sessel.

Ich hab’s so oft versucht, hab das Papier verflucht, die Stifte und den Computer,

wurde rot wie ein Puter, wenn mich mal jemand drauf ansprach,

auf meine Schreiberei, stammelte:

„Nicht das Gelbe vom Ei, und außerdem liegt grade mein Hirn brach.“

Doch wenn man’s recht betrachtet, Ausreden mal verfrachtet oder gleich ganz verachtet,

waren das alles nur lahme Entschuldigungen. Ab jetzt will ich keine Huldigungen,

aber auch keine Duldungen, ich will nur Schreiben, ganz dabei bleiben,

will sie fühlen, die Ketten aus Worten und orten die Gedanken, die sich übermütig ranken,

manchmal werd ich natürlich sicherlich schwanken, werd mich mit mir selbst zanken,

doch ich werd nicht aufhör’n, denn ich habe zu danken: Ihnen, verehrtes Publikum,

für’s Zuhör’n und Applaudieren, ich kriech auf allen Vieren

vor Ihrer Geduld und Toleranz, und ich verbeuge mich tief auch vor der, die grade noch schlief, dessen Nase lief, warum blicken sie schief? Das sind eben meine Gedanken, deren Bilder sich ranken. Sie schauen auf die Uhr? Wie könne Sie nur, wollen Sie sich zanken? Warten Sie auf dem Flur, bis ich hier fertig bin, dann biege ich Sie hin… Wo war ich gleich nur?

Ach ja: Auch DAS ist Literatur.

© Eva Kuntschner, November 2001

Trojanische Geiß

Käthe Silbermann wünschte sich nichts so sehnlich, wie einen eigenen Raum zum Arbeiten, was darin begründet lag, dass sie das Büro mit ihren Kollegen Steg und Földerling teilen musste. Steg, brillant im Steuerrecht, war geruchs- und konturmäßig eine Zumutung an ihr ästhetisches Empfinden. Földerling sah seine Hauptbeschäftigung darin, als penibler Tyrann des Ablagesystems zu regieren. Die Kontakte mit den beiden hielt sie allerdings hauptsächlich deswegen streng begrenzt, weil die Kollegen jederzeit zur Produktion schlüpfriger Luftblasen bereit waren.
„Trojanische Geiß“ weiterlesen

gemeinsam.

eine bildergeschichte

erstes bild:

er und sie sitzen auf einer bank. im park. händchenhaltend.

er, an ihrem ohrläppchen knabbernd, murmelt dabei schwüre ewiger liebe.

sie, augenlider auf halbmast, haucht ein widerständiges „aber“:

jetzt, ja jetzt, aber später, in jahren….?, gibt sie zu bedenken.

und läßt sich von ihm küssen.

immer, sagt er.

und: ewig.

er springt auf, reißt eine blüte aus dem tulpenbeet und kniet vor ihr nieder. als beweis. „gemeinsam.“ weiterlesen

Grand Hotel Steirerhof Graz

Ein Stück österreichischer Hotelgeschichte

Leseprobe

Im Rahmen dieses Wettbewerbs ließ Mathilde Leb einen Teil der Gasträume im November 1958 neu ausstatten. Da bei der Neugestaltung von Gaststättenräumlichkeiten die steirische Volkskunst zum Zug kommen sollte, wurde für die Planung auf die Meinung von Volkskundlern und Kulturhistorikern Wert gelegt. Der von Mathilde Leb beauftragte Architekt Forenbacher hatte dem Raum durch den Einsatz von mattgrauem Nussholz mit reicher Profilierung und Wandarmen und Lustern aus Schmiedeeisen einen warmen Charakter gegeben. Stilechten Bilder mit ländlichen und bürgerlichen Trachtenfiguren aus der Zeit Erzherzog Johanns, ausgeführt von der Grafikerin Erika Pochlatko, gaben der neuen Gaststube eine besondere Note. Dem Gesamtkonzept entsprechend trug auch das Personal Tracht aus der Biedermeierzeit. „Grand Hotel Steirerhof Graz“ weiterlesen

Himmel, Arsch und Zwirn

Auf die Frage, ab welchem Zeitpunkt er sich selbst als ernstzunehmenden Schriftsteller gesehen habe, antwortete der weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannte Autor Max Imilian: ”Ab dem Tag, an dem mir klar wurde, daß man sich nichts scheißen darf.”

Max Imilian, der schon einige Jahre in Irland lebte, konnte und wollte seine steirische Herkunft nicht verleugnen und machte in dem Live-Interview auf Radio Steiermark häufig von deftigen, lokalen Wendungen Gebrauch.
„Himmel, Arsch und Zwirn“ weiterlesen

Gipfelsieg

Es ist vielleicht das einzige Stück Freiheit, das man sein ganzes Leben ununterbrochen besitzt: Die Freiheit, das Leben wegzuwerfen.

(Stefan Zweig)

Von allen möglichen Arten, den 35. Geburtstag zu feiern, habe ich die beschissenste ausgewählt: Ich klettere bei Regen und Nebel auf einen 2300 Meter hohen Berg im Toten Gebirge.

Warum ich das tue? Was ich mir davon verspreche?
„Gipfelsieg“ weiterlesen